In Memoriam Rudolf Pesch

* 2.9.1936   † 13.1.2011

Nur wenigen Exegeten wird die Ehre zuteil, von einem Papst zitiert zu werden. Rudolf Pesch ist das im Jesus-Buch von Papst Benedikt XVI. gleich dreimal widerfahren. Das zeigt nicht nur, wie sehr der deutsche Papst die historisch-kritische Exegese schätzt. Es zeigt auch, dass für den Neutestamentler Rudolf Pesch die Bibel nicht nur ein historisches und literarisches Dokument war, sondern ein Leitfaden für eine heutige christliche Existenz.

1936 in Bonn geboren, verheiratet und Vater zweier Kinder, stand ihm nach der Promotion in Neuerer Geschichte (“Die kirchlich-politische Presse der Katholiken in Deutschland vor 1848”, 1964) und im Neuen Testament (“Naherwartungen. Tradition und Redaktion in Mk 13”, 1967) die Universitätslaufbahn weit offen. Dass er sich schon früh auf das Markusevangelium spezialisierte, verrät einiges über sein wissenschaftliches Interesse. Er wollte immer zum Anfang zurück: zum ursprünglichen Jesus, zu den echten Jesusworten, zur Urform des Evangeliums, zu den originalen Paulusbriefen, die er mit Hilfe raffinierter literarkritischer Hypothesen aus den kanonischen rekonstruierte, zu den frühesten Traditionen der Kirche, die er in der Apostelgeschichte fand. Sein Schriftenverzeichnis mit über 600 Titeln (darunter die bedeutenden Kommentare zum Markusevangelium, der Apostelgeschichte und dem Römerbrief) zeugt von enormem Fleiß und einer großen Produktivität auf hohem wissenschaftlichen Niveau.

Nach dem Jahrzehnt als Professor für Bibelwissenschaft an der Universität Frankfurt am Main (1970-1980) bildete die Professur für Neutestamentliche Exegese an der Universität Freiburg im Breisgau ab dem Jahr 1980 den Höhepunkt seiner akademischen Laufbahn. Dass ein Laie auf diesen bedeutenden Lehrstuhl berufen wurde, war eine aufsehenerregende Neuheit. Damit wurde die Ausbildung der Priesteramtskandidaten und Theologen einem Vertreter der jüngeren Exegetengeneration anvertraut, der sich in seiner Forschung ganz der historisch-kritischen Methode verschrieben hatte.

Doch die wissenschaftliche Arbeit Rudolf Peschs war schon damals getragen und eingebunden in einen existenziellen Glaubensvollzug. Am Ende der 60er Jahre hatte er die “Integrierte Gemeinde” (heute: “Katholische Integrierte Gemeinde”) kennengelernt. An ihr beeindruckte ihn nicht nur die “vita communis”, die gemeinsamen wirtschaftlichen Aktivitäten und das Zusammenwohnenin sog. Integrationshäusern, sondern auch die ernsthafte Beschäftigung mit moder ner Theologie und Exegese. Durch Symposien und persönliche Begegnungen (vor allem mit den Initiatoren der Gemeinde, Traudl Wallbrecher und ihrem Mann Herbert, und dem Theologen und späteren Ratzinger-Schüler Ludwig Weimer) entdeckte er neben der Exegese die strukturkongruente Erfahrung einer christlichen Gemeinde als hermeutischen Schlüssel für das richtige Verständnis der Bibel.

Die Einsicht, dass derselbe Glaube, den er mit seinen wissenschaftlichen Methoden bei Jesus und dessen Jüngern fand, auch in einer Gemeinde des 20. Jahrhundert möglich ist, ließ ihn zu einem Kämpfer “gegen die doppelte Wahrheit” (so der Titel seines Festvortrags zum 80. Geburtstag von Karl Rahner im Jahr 1984) werden, gegen das Auseinanderfallen von theologischer Erkenntnis und alltäglichem Glaubensvollzug.

Im gleichen Jahr fällte er eine Entscheidung, die er als seine “Berufung nach München” bezeichnete: er gab seinen Freiburger Lehrstuhl auf, um ganz in der Katholischen Integrierten Gemeinde zu leben und zu arbeiten. An diesem Ort hatte er, wie er in seiner Abschiedsvorlesung erklärte, “aus konkret-geschichtlicher Erfahrung kennen und verstehen gelernt, was Umkehr, was Glaube, was Gemeinde, was Kirche, was Volk Gottes, was Heilsgeschichte, was Sakrament, was Versammlung, was Gottesdienst, was Theologie ist”. Für das universitäre und kirchliche Milieu war sein Weggang unverständlich und provozierend; für eine Reihe von Studenten (darunter der Autor dieser Zeilen) aber bildete er den Anstoß, selbst den Ort aufzusuchen, an dem Theologie nicht nur gelehrt, sondern auch gelebt wird.

In den folgenden Jahrzehnten vollzog Rudolf Pesch seine historische und exegetische Arbeit als Brückenschlag zwischen den Texten der Schrift und den Erfahrungen einer neutestamentlich verfassten Gemeinde.

Einen neuen Schwerpunkt bildete dann die Begegnung zwischen Juden und Christen, die aus der Frage nach den Ursachen der Shoah und der Vision des einen Gottesvolkes entstanden war und im “Urfelder Kreis” eine dauerhafte Gestalt erhielt. Von 2000 bis 2002 lebte er in Israel; seine hellsichtigen Einsichten sind in einigen Publikationen der letzten Jahre niedergelegt.

2008, in einem Alter, in dem andere emeritiert werden, kehrte er noch einmal an die Universität zurück. Zusammen mit anderen Theologen der Katholischen Integrierten Gemeinde, Exegeten, Dogmatikern und Kirchenhistorikern, gründete er an der Päpstlichen Lateran-Universität den “Lehrstuhl für die Theologie des Volkes Gottes”. Er war für ihn ein Instrument, um in einer interdisziplinären Zusammenarbeit die Glaubenserfahrungen und theologischen Einsichten, die er machen durfte, der universalen Kirche zurückzugeben. In seiner letzten Vorlesung überschritt er noch einmal die Grenzen seines Faches und behandelte die Unterscheidung zwischen dem biblischen Glauben und den Religionen, anhand von Theologen wie Karl Barth, Dietrich Bonhoeffer und Franz Rosenzweig. Die Radikalität, mit der er in seinem Forschen und Leben das Wahre, Authentische suchte, sollte uns Ansporn und Maßbleiben.

Michael P. Maier, 27.1.2011

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