Theologische Fragen aus biblischen Texten der Liturgie 8

A. Wie im Scheinwerferlicht: Die Taufe (von Tamás Czopf) Diese Überlegungen tragen dem Zusammentreffen einer Taufe im Rahmen des Sonntagsgottesdienstes gerade mit den Texten dieses Sonntags Rechnung.) B. Über die Sendung der Jünger (von Konrad Wierzejewski) A. Wie im Scheinwerferlicht: Die Taufe So scheint die Situation der Kirche zu sein Nach einer vor kurzem durchgeführten […]

A. Wie im Scheinwerferlicht: Die Taufe (von Tamás Czopf)

Diese Überlegungen tragen dem Zusammentreffen einer Taufe im Rahmen des Sonntagsgottesdienstes gerade mit den Texten dieses Sonntags Rechnung.)

B. Über die Sendung der Jünger (von Konrad Wierzejewski)


A. Wie im Scheinwerferlicht: Die Taufe

So scheint die Situation der Kirche zu sein

Nach einer vor kurzem durchgeführten Befragung von Katholiken im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz kamen die Ergebnisse vor ein paar Tagen auch in unserer Regionalzeitung. In dem Artikel stand u.a. der Satz: „Die Menschen erwarten von der Kirche, dass sie in schwierigen Lebenslagen Trost spende und Hilfe anbiete, doch nur knapp die Hälfte der Befragten habe den Eindruck, dass die Kirche diese Erwartung erfüllt.“
Wenn es irgendwo brennt, ruft man die Feuerwehr, wenn man sonst in Not gerät, die Polizei oder den Rettungswagen. Und wenn man Trost und Hilfe braucht, dann sollte auch eine Nummer parat sein, womit man schnell die Kirche rufen kann, dass sie herbeieile, um Trost und Hilfe für zumindest die Seele zu bekommen.
So ähnlich sind die Vorstellungen von vielen auch noch nicht ausgetretenen Kirchenmitgliedern über die Kirche. Solche Personen werden immer wieder und vielleicht zunehmend frustriert, weil die Kirche diese Erwartung nicht erfüllt. Für die Zeitung ist es natürlich unerhört und man verlangt, dass die Kirche endlich mal „da ist, wo die Menschen sind“, sonst wird sie und muss sie untergehen.
So schaut etwas karikiert die gefühlte Lage der Kirche hier im ehedem katholischen Bayern aus. Und man wundert sich geradezu, dass es noch Eltern gibt, die ihre Kinder taufen lassen wollen.

Ich sage das nicht aus Resignation oder um Hämisches über die Kirche von heute auszusagen. Lassen wir ruhig die Frage zu, wozu die Kirche da ist. Was ist ihr Auftrag? Wir können auch so fragen:  Was ist und soll die Taufe mit ihren vielfältigen Zeichen als Vorgabe und Verheißung für das Leben?  Dieser Gottesdienst soll uns – nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch – einer Antwort näherbringen.  

Berufung und was sie mit sich bringt

Wir haben Texte gehört, die wieder sehr viel zu erzählen haben. Der Text aus dem Markusevangelium ist entscheidend wichtig, weil hier mit einfachen Worten von der Geburt der Kirche und so auch von ihrer bleibenden Gestalt berichtet wird. Wie bei den Gleichnissen kommt es auch hier auf den ganzen Vorgang an: Nicht die Aussendung der Jünger in sich ist Kirche, sondern der ganze Prozess mit Berufung, Aussendung, Rückkehr samt Erfolg und Misserfolg.

Der ganze Vorgang hat als bleibenden Ursprung und Quelle die Sendung Jesu. Dabei gibt Jesus den Jüngern Anteil an seiner eigenen Sendung vom Vater her, damit sie in seinem Namen die Gnade weitergeben, die Gott für alle vorgesehen hat. Diese Sendung geht allem voraus; die Jünger gehen nicht im eigenen Namen, sogar Jesus selber spricht nicht im eigenen Namen, sondern sagt, was er vom Vater gehört hat. Aber damit beginnt erst die eigentliche Frage: Wie soll diese Sendung und Verkündigung geschehen? Wie werden die Jünger dieser Aufgabe gerecht?
In unserem Text hat die Antwort drei Dimensionen:
in dem, was sie sagen;
in dem, was sie tun;
und in dem, was sie sind.

1. Was sie sagen:
Die Jünger sollen „das Evangelium verkünden“. Das Wort darf nicht fehlen. Das Evangelium, die gute Nachricht ist das Wort von Gottes Handeln. Gott handelt unerwartet und schenkt überraschend gütig Erlösung und Heil. Das verkünden schon die Propheten, das erlebte schon Israel immer wieder. Das ist kein billiges Wort und als Wort ist es noch das Wenigste. Diese Worte weisen nämlich auf etwas oder jemanden hin, das oder der wichtiger ist als die Worte.

2. Deswegen gehört die zweite Dimension dazu: Was sie tun.
Jesus übergibt den Jüngern zwei Aufgaben: Dämonen, d.h. unreine Geister, auszutreiben und zu heilen. Dämonen gibt es bis heute mehr als man denkt. Sie sind Kräfte und Mächte, die uns unfrei machen: in unseren Gedanken, in unseren Beziehungen, unseren Finanzen und Gewohnheiten, unseren Träumen und Ängsten, und sie können auch in unserem religiösen Glauben still oder laut wüten. Heilung betrifft die „Fesseln“ auf der körperlichen Ebene, die uns versklaven. Es sind also nicht bloß Notsituationen wie ein Todesfall, eine Kündigung oder Trennung – diese Reinigung und Heilung betrifft das ganze Leben, das durch die Sendung und das Eintreten der Jünger neu ausgerichtet werden soll, damit das Evangelium heute für mich eine Freudennachricht ist. Worte reichen nicht, und Taten sind auch noch nicht alles.

3. Diese dritte Dimension der Verkündigung muss auch ins Spiel kommen: Was sie sind.
Diese Dimension ist ebenso unerlässlich wie das Wort und das Tun: nämlich die Jünger selber, ihre Wesensart, was sie ausmacht. Dazu gehört, dass sie Gesandte sind – wie wir hörten, sie kommen nicht aus Eigeninitiative, sondern aus einer kostbaren Sendung. Dazu gehört auch, dass sie jeweils zu zweit sind. Mikrogemeinschaften. Das relativiert den Einzelnen und fügt ihn zugleich in die größere „Körperschaft“ der Jünger und in den Leib der Kirche ein. Jeder von uns wird erst durch die anderen zum ganzen Menschen, auch zum ganzen Christen. Nicht der oder die Einzelne, sondern nur die Beziehung kann gültig von Gott reden und seine Gnade weitergeben, so wie er Beziehung, Weitergebender ist.
Was oder wer die Jünger sind, das zeigt auch ihre reduzierte Ausrüstung. Sie haben bloß einen Wanderstab dabei. D.h. sie werden bald wieder aufbrechen müssen und können sich nicht so richtig niederlassen. Die Verkündigung ist ein Weg, der weitergeht. Und sie besitzen keine Reserven, keine Sicherheiten. Sie sind nicht autonom und können alleingestellt nicht zurechtkommen. So ähnlich wie der Zölibat für den oder die Betroffenen eine gewollte Schwachstelle bedeutet, ist diese Art „Mittellosigkeit“ der Jünger eine Schwäche, die sie auf die Gemeinschaft angewiesen macht; nur das Ganze kann die Lücke „er-gänzen“ und ausgleichen. Die Jünger sollen nicht wie souveräne Alleskönner auftreten und die Leute mit Macht blenden, sondern äußerlich arm, angewiesen auf die anderen mit dem Reichtum ihrer Sendung erscheinen. Diese Vorgabe hatte wohl auch den Grund, dass herumwandernde meist einzelne Männer sich als „Prediger“ immer wieder an Leuten bereichern wollten. Von ihnen sollten sie sich unterscheiden.

Schließlich noch eine letzte Rahmenbedingung, die zur Existenz der Jünger gehört und zur Sendung der Kirche. Etwas, was fast jeden Sonntag auf dem Programm der Texte ist: die Feinde und der Widerstand. Die Gesandten werden nicht überall aufgenommen und können nicht ständig mit Zustimmung rechnen. Es wäre ein Irrtum zu hoffen, dass die Kirche auf breiter Basis die Massen erreichen und überall ankommen müsste. Sie wird zwar immer bei einigen ankommen, weil sie Gottes Heilsplan in sich trägt, wenn auch in zerbrechlichen Gefäßen, ständig von den eigenen menschlichen Schwächen umgeben. Aber das erkennen und akzeptieren nie große Mehrheiten. Deshalb können nicht bundesweit und weltweit aus Politik und Gesellschaft die Dämonen ausgetrieben und die Krankheiten geheilt werden. Aber an jedem noch so versteckten Ort kann es immer wieder Menschen geben, die Gott in der Kirche und Jesus in seinen Jüngern trauen und ihr Leben heilen und neu ausrichten lassen.

Man sieht, die Kirche ist nicht für „schwierige Lebenssituationen“ da, sondern für das ganze Leben. Sie kann nur aktiv werden und eine Hilfe sein, wenn sie aufgenommen und angenommen wird – nicht nur als Wort und als Aktion, sondern vor allem als ein Sein, sei es Jünger-Sein oder Geheilt-Sein.

Markus 6,7-13; 15. Sonntag im Jahreskreis B 2021, verbunden mit einer Tauffeier
© Dr. Tamás Czopf, Pfarreiengemeinschaft Starnberg

B. Über die Sendung der Jünger

Dieser Satz Jesu: „Er gebot ihnen, außer einem Wanderstab nichts auf den Weg mitzu­nehmen, kein Brot, keine Vorratstasche, kein Geld im Gürtel” gehört zu den besonders populären Sätzen der Bibel. Daraus wurde ein gerne gesungenes Lied gedichtet: „Selig seid ihr, wenn ihr einfach lebt.“ Aber trifft das die Botschaft Jesu?

Gesendet für ein einfaches Leben?

Das Ideal eines einfachen, anspruchslosen Lebensstils gab es schon Jahrhunderte vor Jesus bei den kynischen Wander­philosophen der Griechen wie Diogenes; dafür hätte Jesus nicht zu kommen brauchen. Sicher, er überbietet sie noch mit seinem Anspruch, denn ihnen wurde immerhin als Ausrüstung ihr Philosophenmantel, ein Bettelsack und eine Brotkruste als Notration zugestanden. Aber andererseits wurde Jesus als Fresser und Säufer verschrien, weil er gerade nicht diesem damals be­kannten Armuts­ideal folgte. War er selbst da nicht konsequent genug? Und sein erstes Wunder war, dass er für ein Hochzeits­fest Wasser in Wein verwandelte. Ging es ihm vielleicht überhaupt um etwas ganz anderes?

Dieser Satz aus dem Evangelium ist ja nicht aus einer Rede, wo Jesus Lebensregeln aufstellt für alle Menschen, die sich vervollkommnen wollen. Markus nennt die Adressaten: „Er rief die Zwölf zu sich und sandte sie aus.” Die Adressaten sind hier also nicht alle, sondern die Zwölf, namentlich bekannt, nicht einfach die Fähigsten unter denen, die Jesus nach­folgten, oder die Mutigsten, das ganz sicher nicht. Im gleichen Satz heißt es dann: „Er sandte sie aus, jeweils zwei zu­sammen.” Es ist ein Wesensmerkmal, dass sie allein nichts ausrichten konnten. Dabei können wir auch mithören, dass nach dem Gesetz des Mose immer zwei Zeugen notwendig sind, um eine wichtige Sache festzustellen. Die Apostel sollen Zeugen sein für die gekommene Gottesherrschaft.
Aber glaubwürdig als Zeuge wäre keiner von ihnen, und wäre auch kein Christ, für sich allein als überzeugende, integre Persönlichkeit. Ihre Glaubwürdigkeit kommt daher, dass sie, die so Verschiedenen, das gleiche bezeugen. Und auch die Lebensregeln Jesu sind nicht Lebensregeln für einzelne Glaubenshelden, sondern für Menschen, die in der Erfüllung ihres Auftrags aufeinander angewiesen sind, auf Gemeinschaft, auf Gemeinden. Das beginnt bei den Zwölf, die zu zweit ausgesandt werden.

Ein Netzwerk der Jüngerschaft

Und auch zu zweit sind sie nicht nur auf sich gestellt. Wenn wir aufmerksam das ganze Evangelium lesen, finden wir viele Hinweise auf ein differenziertes Netzwerk von Menschen, die auf Jesus hörten. Da sind nicht nur die Zwölf, nicht nur die Jünger, die Jesus ruft, alles zu verlassen und mit ihm zu ziehen. Ein Stück vorher im Markus­evangelium wird von einem Mann erzählt, den Jesus heilt. Dann „bat ihn der Mann, … bei ihm bleiben zu dürfen. Aber Jesus erlaubte es ihm nicht, sondern sagte: Geh nach Hause und berichte deiner Familie alles, was der Herr für dich getan und wie er Erbarmen mit dir gehabt hat. Da ging der Mann weg und verkündete in der ganzen Gegend der Dekapolis [der damals zehn antiken Städte östlich und südlich des See Genezareth], was Jesus für ihn getan hatte.“

So finden wir ganz verschiedene, scheinbar widersprüchliche Worte Jesu zu den Menschen, die ihm nachfolgen wollen, d. h. ganz unter­schiedliche Berufungen: Einem, der sagte: „Ich will dir nachfolgen, Herr. Zuvor aber lass mich von meiner Familie Ab­schied nehmen“, ant­wortete Jesus: „Keiner, der die Hand an den Pflug gelegt hat und noch­mals zurück­blickt, taugt für das Reich Gottes.” Andere, wie der von den Dämonen Geheilte, bekommen die Berufung, nach Hause zu gehen, dort zu erzählen, was sie an sich erfahren haben, und so Stützpunkte von Sym­pathisanten zu bilden. Das waren dann die Häuser, in denen Jesus und seine Jünger aufgenommen wurden, wenn sie umher­zogen. Deshalb konnten sie ohne Proviant umherziehen. Mit ihrer Lebensweise waren sie Zeugen, dass sie ihre Sicherheit nicht mehr aus ihrer Vorsorge beziehen, aus dem, was sie mit sich herum­tragen, sondern aus dem untereinander verbundenen Leben all derer, die sich von der Botschaft Jesu hatten anzünden lassen. So sind diese Sympathisanten für die Sache Jesu und der Kirche genauso wichtig wie die, von denen verlangt ist, alles zu verlassen und keine andere Absicherung zu haben als eben dieses Netzwerk. Jesus sagt: „Wer einen Propheten aufnimmt, weil es ein Prophet ist, wird den Lohn eines Propheten erhalten. Und wer einem von diesen Kleinen auch nur einen Becher frisches Wasser zu trinken gibt, weil es ein Jünger ist – Amen, ich sage euch: Er wird gewiss nicht um seinen Lohn kommen.”
Es gibt also keine Abstufung in der Wertigkeit der Berufung; jeder bekommt den vollen Lohn. Nur kann sich niemand seine Berufung selbst aus­suchen, auch das wird in den Evangelien sehr deutlich.

Dieses differenzierte Netzwerk blieb ein Bauprinzip der Kirche. In der Apostel­ge­schichte fällt auf, wie oft von den Häusern an den verschiedenen Orten die Rede ist, in denen Paulus auf seinen Reisen Aufnahme fand. Das Zeugnis für die Gegenwart der Gottes­herrschaft ist nicht die heroische Hingabe und Anspruchslosigkeit von Einzel­kämpfern, sondern dieses Netzwerk, in dem keiner Not leidet.

Auch heute ist es so, dass eine Gemeinde nur existieren kann als ein differenziertes Netzwerk verschiedener Berufungen: nicht ohne die, die sich heraus­rufen lassen und ganz frei machen für die Nachfolge Jesu, und nicht ohne die, die die Berufung annehmen, in ihren Lebenszusammenhängen ein Netzwerk von Stützpunkten zu bilden.

Die Spannung zwischen König, Priester und Prophet

Die erste Lesung aus  dem Propheten Amos zeigt, dass es kein spannungsfreies Verhältnis ist zwischen den verschiedenen Berufungen. In Israel gab es die Ämter des Königs, des Priesters und des Propheten, von denen König und Priester von ihrem Amt her eine klare Legitimation haben. Aber damit Gott zwischen diesen wohl legitimierten Institutionen sein Wort zu Gehör bringen kann, braucht er noch den Propheten, einen Laien, den er dazu von irgendeiner Arbeit wegholt und der keine Legitimation hat, außer dass sich seine Worte im Nachhinein als richtig erweisen. Im Deuteronomium heißt es: „Wenn du denkst: Woran können wir ein Wort erkennen, das der Herr nicht gesprochen hat?, dann sollst du wissen: Wenn ein Prophet im Namen des Herrn spricht und sein Wort sich nicht erfüllt und nicht eintrifft, dann ist es ein Wort, das nicht der Herr gesprochen hat. Der Prophet hat sich nur angemaßt, es zu sprechen.” Ohne jede Absicherung muss also der Prophet König und Priester kritisieren und die Sicht Gottes einbringen.

Da hat mich einmal jemand gefragt: „Hätte nicht auch der Priester den Standpunkt Gottes vertreten und darin den Propheten unterstützen müssen?“
Ja, ein verständlicher Gedanke. Aber es ist wohl oft so, dass Propheten als Einzelne gegen Viele ihre Botschaft ausrichten mussten. Schon das Deuteronomium weiß von dieser Schwierigkeit. Vielleicht hat es deshalb so früh schon den Gedanken der Gewaltenteilung eingeführt. Es braucht die Amtsträger, aber damit ist noch nicht unbedingt die prophetische Sicht verbunden. Diese Spannung erwies sich als fruchtbar. Es gab die Könige, es gab die Priester, aber es gab eben auch immer wieder, rettend für den Bund, Personen, die frei waren von dieser Bindung und aus dieser Freiheit klarer oder auch schneller sahen, wo der Bund mit Gott gefährdet war.

Das Amt des Propheten ist etwas höchst Ungemütliches für den, den es trifft, aber ganz notwendig im Gottesvolk.

                                    Amos 7,12-15; Epheserbrief 1,3-14; Markus 6,7-13, 15. Sonntag im Jahreskreis B,
                                    © Dr. Konrad Wierzejewski, Pfarreiengemeinschaft Geltendorf


Theologische Fragen aus biblischen Texten der Liturgie 7

Wie kann man das verstehen: ein Gott in drei Personen?oderWie geht das: leben wie der dreieinige Gott? Homiletische Überlegungen auf dem Boden der Texte des Dreifaltigkeitssonntags Aus den großen heilsgeschichtlichen Festen: Ostern – Himmelfahrt – Pfingsten fließen gleichsam weitere Hochfeste hervor, die nicht auf eine biblische Erzählung zurückgehen, sondern einen theologisch wichtigen Aspekt von Gottes […]

Wie kann man das verstehen: ein Gott in drei Personen?
oder
Wie geht das: leben wie der dreieinige Gott?

Homiletische Überlegungen auf dem Boden der Texte des Dreifaltigkeitssonntags

Aus den großen heilsgeschichtlichen Festen: Ostern – Himmelfahrt – Pfingsten fließen gleichsam weitere Hochfeste hervor, die nicht auf eine biblische Erzählung zurückgehen, sondern einen theologisch wichtigen Aspekt von Gottes Wesens-Art feiern: so der Dreifaltigkeitssonntag sowie auch Fronleichnam und das Herz-Jesu Fest. Man nennt sie deshalb auch „Ideen“-Feste. Sie wollen uns tiefer in das einbeziehen, was unsere höchste Bestimmung ist: Gott zu loben für alles, was wir sind, was wir haben und was mit uns geschieht. Denn der Glaube erkennt in all dem Äußerungen von Gottes Anteilnahme und Liebe zu uns:
° Der Vater, der uns geschaffen als sein Ebenbild und Hüter der Erde.
° Jesus Christus, der uns aus allen Völkern zur Erkenntnis des Vaters geführt, damit wir ihn lieben.
° Der Heilige Geist, der uns erneuert und heiligt, damit wir antworten können auf die Liebe des Vaters.

Aber was heißt das alles?

Heute gibt es viele Menschen, die unsicher sind, ob es Gott überhaupt gibt und ob sie daran glauben können. Wenn man anfängt, da noch von Dreifaltigkeit zu reden, ist der Ofen schnell ganz aus. Es gibt Theologen und Priester, die erst richtig in Fahrt kommen, wenn es um die Trinität, um Gottes innerstes Wesen geht. Andere versuchen, möglichst alles Komplizierte zu verschweigen in der Hoffnung, dass manche ihre Ware kaufen, wenn sie keinen allzu hohen denkerischen Preis dafür bezahlen müssen. Wenn man die Hl. Schrift kennt, weiß man, dass hinter der Frage nach Gott keine komplizierten Überlegungen, sondern Erfahrungen und eine Geschichte stecken. Die Frage, die wir im Zusammenhang mit den Texten des Dreifaltigkeitssonntags B beantworten wollen, heißt nicht sofort: Was ist das Wesen Gottes?, sondern zuerst viel einfacher: Was ist die Liebe wirklich?

So wie die Bibel dieser Frage nachgeht, wird weder das Niveau des Denkens gesenkt, noch verliert man sich in Spekulationen. Es lohnt sich immer, zu den Fundamenten zurückzukehren, die im Alten Testament gelegt wurden.

Es geht um einen Weg, eine Geschichte

Im vierten Kapitel des 5. Buches Mose rekapituliert Mose noch einmal die wichtigsten Ereignisse, die es ermöglicht haben, dass das Volk Israel jetzt unmittelbar vor dem verheißenen Land steht und bald dort einziehen kann. Inzwischen ist eine neue Generation aufgewachsen, die es nicht erlebt hat, wie Gott ihre Eltern aus Ägypten befreit hat. Sie müssen aber verstehen, wer sie sind, was für eine Sendung sie haben und welche Alternative Gott mit ihnen vorhat. An diesem Vorgang offenbart sich nämlich auch, wer Gott ist und was sein Ansinnen ist. Es zeigen sich darin drei Schritte:

Erstens beginnt der Text mit der Aufforderung: „forsche nach“. Die junge Generation soll keinen blauäugigen Glauben haben, bloß weil es Mose sagt oder die Alten. Es ist nämlich weder irrational noch unerforschlich, wer Gott ist und wie er handelt. Man kann und soll sehr wohl nachforschen – denn es ist aus der Geschichte ersichtlich, durchaus belegbar, warum dieser Gott größer ist als alle anderen Götter.

Fragt man im zweiten Schritt, welche Belege es gibt, kann man jedenfalls vier nennen:

  1. Mose nennt als allerersten Beleg für Gottes Größe und Einzigartigkeit, dass Gott geredet hat. Das ist noch vor den Großtaten Gottes zu erwähnen: dass er spricht; eine Urerfahrung in der Wüste: Schon aus dem Dornbusch konnte ihn Mose hören und vor allem am Berg Horeb, woran Mose hier erinnert: aus dem Feuer des Berges. Zwar hat nicht jeder alles gehört, denn nur Mose hatte das Privileg, Gottes Worte zu verstehen und zu vermitteln, aber das Phänomen des Redens Gottes wurde allen klar. Dieses „Nicht alle haben es gehört“ weist darauf hin, dass es nicht einfach ein Sprechen war, wie wir sprechen, mit lauten Worten. „Hören“ von Gott her ist eher zu beschreiben als ein hergestellter Gleichklang des Wollen und Verstehens eines Menschen mit dem, was Gott will. Das ganze Volk musss als Folge davon verstehen, dass diese Gesetze auf den Tafeln und der dort geschlossene Bund nicht von Mose stammen. Ein paar Verse vorher motiviert Mose die Israeliten, das Gesetz zu halten, mit den Worten: „Wenn die Völker alle diese Gebote hören werden, dann müssen sie sagen: Was für weise und verständige Leute sind das, ein herrliches Volk!“ Das Sprechen Gottes ist letztlich daran erkennbar, dass und wie sich das Leben der Menschen geändert hat, die diese Worte aufgenommen haben.
  2. Als zweiten Beleg sagt Mose, dass „Gott zu euch gekommen ist, um euch zu befreien“. Es ist immer bewegend, die Schrift so unbekümmert sagen zu hören: Gott sei gekommen. Es ist zwar klar, dass er Mose und Aaron geschickt hat, aber in ihnen ist er selber gekommen, um das Volk zu befreien. Und dass man den Ägyptern entkommen ist und ihr Staatswesen nicht für das Non-plus-ultra hält, sondern ein besseres sucht, das sind Zeichen, dass hier etwas Besonderes vor sich geht.
  3. Kurz vorher findet sich ein dritter Beleg für Gottes Größe: sein Erbarmen. Es heißt: „Denn der HERR, dein Gott, ist ein barmherziger Gott; er wird dich nicht verlassen noch verderben, wird auch den Bund nicht vergessen, den er deinen Vätern geschworen hat.“ Dass ein Volk trotz seiner Schwäche und Untreue nicht ständig mit schlechtem Gewissen und in der Ungewissheit leben muss, sondern immer zu Gott zurückkehren kann, ist ein Beleg für die Barmherzigkeit Gottes.
  4. Und schließlich läuft die Rede des Mose darauf hinaus, dass Gott seinem „Erbvolk“ – wie Israel genannt wird – das Land geben wird.
    Als Israel dieses Buch liest, hat es das Land bereits unter den Füßen, bzw. hat es gerade verloren oder wiedergewonnen, jedenfalls ist das Land ein Faktum – unabhängig von seinen geographischen Grenzen und der politischen Situation. Israel hat inmitten von stärkeren Völkern eine Lebensmöglichkeit bekommen, nicht bloß über Gott nachzudenken und ihn im Kult zu verehren, sondern das Gesetz konkret zu leben.

Im dritten Schritt wird nach den Belegen für Gott auch der Grund erwähnt, warum Gott spricht und kommt, nämlich um zu retten und das Volk ins Land des Friedens zu führen. „Weil er deine Väter geliebt hat und ihre Nachkommen erwählt hat“– heißt es einfach. Hier kommt ausdrücklich das Wort Liebe vor. Aber diese Liebe wurde bereits durch die vorhin erwähnten Dinge umfassend inhaltlich bestimmt: Liebe ist auch bei Gott nicht bloß innere Bewegung des Herzens, sondern Sprechen, Befreiung und die real geschenkte Lebensmöglichkeit nach neuen und guten Gesetzen im Land.

Sohn und Geist als Vermittler der Sprache Gottes

Gut und schön, aber wurde mit diesen Beobachtungen nicht letztlich die Frage der Dreifaltigkeit doch still umgangen? Nicht ganz. Denn Gottes Sprechen, sein Wort aus Liebe, das neues Leben ermöglicht, ist doch identisch mit seinem Sohn, der in Jesus Mensch wurde. Und der Mut und der Wille Israels, auf Gott zu hören, völlig unbekannte und kaum aussichtslose Wege zu gehen, das Leben für die Liebe zu leben und nach jedem Versagen umzukehren, setzt doch die Ausgießung des Heiligen Geistes voraus: Dieser Geist der Liebe ist es nämlich, der für die Identität von Idee und Wort bei Gott und für Verstehen und Tun bei den Menschen sorgt und darin existiert. Auch die Sendung Israels für die Völker, die den Jüngern Jesu nach Ostern auf dem Berg aufgetragen wurde, verbindet die Kirche mit der Sendung des Sohnes Gottes und des Heiligen Geistes in die Welt. Senden, gesandt werden aus Liebe, bitten und gehorchen aus Liebe – das sind die für uns zugänglichen Details der Dreieinigkeit Gottes, in die auch wir durch den Glauben eingebunden sind.

Deuteronomium 4,32-40; Brief an die Römer 8,14-17; Matthäus 28,16-20, Dreifaltigkeitssonntag B
© Dr. Tamás Czopf, Pfarreiengemeinschaft Starnberg

Verfluchen damals und heute

Von Gerhard Lohfink Als Leseprobe ein Kapitel aus dem im Frühjahr 2021 erschienenen Buch von Gerhard Lohfink „Ausgespannt zwischen Himmel und Erde – Große Bibeltexte neu erkundet.“ Herder, 2021, 408 S.

Von Gerhard Lohfink

Als Leseprobe ein Kapitel aus dem im Frühjahr 2021 erschienenen Buch von Gerhard Lohfink „Ausgespannt zwischen Himmel und Erde – Große Bibeltexte neu erkundet.“ Herder, 2021, 408 S.

Theologische Fragen aus biblischen Texten der Liturgie 6

Wer ist der Geist? Der Geist, der auf Hebräisch ruach heißt und weiblich ist, kommt bereits in der dritten Zeile der Bibel vor. Bei der Erschaffung von Himmel und Erde schwebt der Geist über den Wassern. Gott erschafft alles durch sein Wort, aber sein Geist geht in die Schöpfung hinein. Der Geist ist so etwas […]

Wer ist der Geist?

Der Geist, der auf Hebräisch ruach heißt und weiblich ist, kommt bereits in der dritten Zeile der Bibel vor. Bei der Erschaffung von Himmel und Erde schwebt der Geist über den Wassern. Gott erschafft alles durch sein Wort, aber sein Geist geht in die Schöpfung hinein. Der Geist ist so etwas wie das ordnende Prinzip des Seins. Durch den Geist wird aus dem Tohuwabohu (das Wort steht in der zweiten Zeile der Bibel) eine geordnete Schöpfung. Alles, wo im Kosmos Form, Gesetz und Schönheit zu finden sind, ist vom Geist geprägt. Die Natur ist ja nicht völlig unergründlich und unberechenbar, sondern Gesetzlichkeiten und Strukturen durchdringen sie, die man studieren, berechnen und nachprüfen kann, das kommt alles vom Geist.
Der Geist ist freilich auch auf der anderen Seite da – nämlich in uns Menschen: Wo wir uferlose Wissbegier, nie versiegende Entdeckerfreude, unbändiges Staunen haben, die uns zu extrem differenzierten Einsichten führen, da ist derselbe Geist im Spiel. Mir fällt immer wieder der Planet Mars ein, der uns neulich näher gerückt ist, weil ein ausgetüftelter Rover mit einem possierlichen Hubschrauber unseren Forschungsdrang befriedigen sollte. Eine unglaubliche Leistung – und vielleicht schaffen wir es, eines Tages durch neue Berechnungen und Technik auch in andere Galaxien zu kommen… Die Welt ist voller Geist, und der Mensch ist Träger und Instrument des Geistes, er sucht und findet überall seine Spuren, und unsere Neugier und Entzückung finden keine Grenzen.

Und es geht weiter in Philosophie, Ethik, Medizin, Ökonomie, Ökologie und den Sozialwissenschaften. Wir wissen (theoretisch), wie eine gute Volkswirtschaft funktionieren würde, wie der Friede möglich wäre und wie das Klima geschützt werden könnte… Ich habe mich immer gefragt: Warum braucht es eigentlich Pfingsten, wo der Geist noch einmal extra kommen muss, wenn er schon längst da ist und alles durchdringt? Was heißt es überhaupt, dass er kommt; er ist doch schon da!? Dass der Geist Gottes überall seinen „Abdruck“ hinterlassen hat, in Form und Schönheit des Geschaffenen, das kann man offenen Auges so verstehen.

Die Gabe der Tora in Israel – geistgewirkt?

Aber der Geist hatte noch Größeres vor. Sie wissen, dass, so wie Ostern, auch Pfingsten ein jüdisches Fest ist; 50 Tage nach Pessach folgt Schawuot – das Wochenfest, sieben mal sieben Tage nach dem Fest der Befreiung am Schilfmeer. Die Juden feiern an Pfingsten die Gabe des Gesetzes am Berg Sinai. Es gibt eine alte jüdische Tradition am Vorabend von Pfingsten: In der Nacht vor Schawuot pflegen sie die ganze Nacht hindurch das, was sie für das Wesentlichste und Wichtigste im Leben halten, nämlich das Studium. Das Studium der Tora ist das Kostbarste, was der Mensch im jüdischen Verständnis tun kann, um Gott und seinem Geist näher zu kommen. Das ist Grundlage und Voraussetzung für das Befolgen der Gebote, auch für Frömmigkeit und Gebet. Das Studium ist die Weise, wie der Mensch dem Geist auf die Spur kommt und ihn aufnehmen kann. Man geht lernend dem Geist entgegen, der schaffend und gestaltend uns entgegenkommt. Freilich ist mit „Studium“ hier nicht ganz das gemeint, was man an der Uni macht – obwohl jede Ausbildung, jedes Handwerk oder Studium etwas mit diesem Geist zu tun hat. Hier ist eher ein geduldiges, regelmäßiges, offenherziges Verharren mit der Schrift und der Tradition gemeint – also weniger eine strenge Leistung, als dass man sich in einem bestimmten Raum, in einer gewissen Landschaft aufhält und Ausschau hält. Am jüdischen Pfingstfest stieg Gott auf den Berg herab und gab im Feuer und Sturm dem Volk Israel das Gesetz, seinen Willen, sein Wort, das Mose auf die Steintafeln geschrieben hat.

Das Jüdische und die Apostelgeschichte

Auch das, was in der Lesung aus der Apostelgeschichte geschildert wird, geht auf diese Schilderung der Gabe des Gesetzes am Berg Sinai zurück. Die Jünger erleben einen Ausbruch von Begeisterung und von göttlicher Inspiration (Chaim Noll). Der jüdische Begriff für diese Art Inspiration ist schechina, wörtlich „die Einwohnung“, gemeint ist die Einwohnung oder Anwesenheit Gottes durch seinen Geist. Das hebräische Wort schechina kommt aus dem Wort „wohnen“, aus dem auch das hebräische Wort für Tabernakel stammt, mishkan, der „irdische Wohnort Gottes“, das Bundeszelt, das in der Wüstenzeit 40 Jahre lang Israel begleitete. Für jüdische Ohren klingt die Schilderung der Versammlung der Jünger mit den Frauen in der Apostelgeschichte wie eine Herabkunft der schechina – nach langem Studium und Gebet seit Ostern und der Himmelfahrt. Die schechina, der Geist Gottes, soll nämlich nicht nur im Tabernakel, im Offenbarungs-Zelt ihren Ort haben, sondern vielmehr im Menschen und unter den Menschen.
Der Geist will nicht nur in den Spuren der Form und der Schönheit, in den Zahlen und der Geometrie erkennbar sein, sondern in und unter den Menschen „einwohnen“. Er möchte den Geist des Menschen ganz erfüllen. Im jüdischen Talmud heißt es: „wo immer zehn versammelt sind, um zu beten und das Gesetz zu studieren“ – dort wohnt Gott (Traktat Sanhedrin 39a).

Jesus bricht diese Zahl noch weiter herunter, es reichen zwei oder drei in seinem Namen Versammelte. Vielleicht liegt ein Grund, warum es uns Christen in Europa an Mut und Ausstrahlung fehlt, warum die Begeisterung und Inspiration so rar sind, darin, dass wir uns entweder gar nicht versammeln oder nur zum Beten, aber ohne zu studieren. Keine Frage, der Geist ist trotzdem da und ergänzt vieles, sonst wären wir schon längst untergegangen. Aber seine Gegenwart möchte viel stärker und intensiver sein, damit so wie in Jerusalem am heutigen Morgen die Menschen zusammenlaufen und wissen wollen, was da passiert.

Apostelgeschichte 2,1-11; 1. Korintherbrief 12,3-13 und Brief an die Galater 5,16-25;
Johannes 20,19-23; Pfingsten am Tage B

Was sich im Gefolge des Gottesgeistes ergibt

Der Pfingstmontag fügt zu den Lesungen des Pfingsttages noch zwei Gedanken hinzu, auf die ich Sie aufmerksam machen möchte.

Warum am Pfingstfest die Rede von Verfolgung?

1.
Zu Beginn der Lesung aus der Apostelgeschichte hörten wir: „In jenen Tagen brach eine schwere Verfolgung über die Kirche in Jerusalem herein.“
Es ist eine Urerfahrung des Glaubens, dass große Heilsereignisse, Gottes Taten immer auch Widerstand, Gegnerschaft und Verfolgung hervorrufen. So war es bei der Geburt Jesu und an Ostern und so ist es auch an Pfingsten. Ein Grund dafür liegt sicherlich darin, dass diese göttlichen Ereignisse ihre Adressaten nicht niederwalzen, nicht überwältigen, sondern dass sie in Verborgenheit passieren, sodass sie nur für den Glauben als das offenbar werden, was sie sind: Gottes Taten.

Für die Betroffenen gehen durch sie Welten auf oder auch unter, während sie für die Unbeteiligten als Irritation oder belanglose Einbildung erscheinen. In der Erzählung des Lukas geht aber die Glaubenserfahrung noch weiter: Die Verfolgung wurde für die junge Kirche ein Weg der Verbreitung des Evangeliums. Das war so weder geplant noch gewollt, sondern einfach der tatsächliche Weg. Aber so wird Gottes Macht noch einmal klar: Nicht nur die Zustimmung, auch die Ablehnung kann er gebrauchen. So kommt nämlich das Evangelium nach Samarien, ein Gebiet zwischen Galiläa und Judäa, wo damals eine Gruppe lebte, die sich nach dem babylonischen Exil von Israel abgespalten hatte und vom Mainstream des Judentums verachtet wurde, da sie als nicht rechtgläubig galt. Gerade diese Geächteten haben das Evangelium schneller angenommen und wurden die ersten Gefährten der aus Jerusalem geflohenen Jünger Jesu.

Ein Pfingstfest ohne Lobpreis?

2.
Das zweite, das mir immer auffällt, steht am Anfang des Evangeliums: „Jesus rief vom Heiligen Geist erfüllt voll Freude aus“.
Eine untrügliche Wirkung des Heiligen Geistes ist das Singen, der Lobpreis Gottes. Lukas wird nicht müde, dies immer wieder zu erwähnen:
Elisabeth singt geisterfüllt das Avemaria; als Antwort singt Maria das Magnificat;
Zacharias, der Vater Johannes des Täufers, singt erfüllt vom Heiligen Geist das Benedictus,
und auch der Greis Simeon war voll des Geistes, als er im Tempel bei der Beschneidung Jesu das Nunc dimittis sang.
Und nun singt auch Jesus „im Heiligen Geist“.
Bemerkenswert ist, dass die Ereignisse, die solche Lieder auslösen, im konkreten Augenblick klein und unscheinbar sind. Aber sie haben eine schon spürbare Beziehung zum Größten und Schönsten, was es überhaupt gibt, nämlich zu Gottes Plan und zu Gottes Person selber. Gott wohnt und handelt nicht im Spektakel, sondern auf den „Lobliedern Israels“, wie es heißt.
Das gehört zum Hauptinhalt unserer Feste: Das Große wird klein und das Kleine ist groß; die Klugen und Weisen verstehen nicht, und die Unverständigen, Schwachen sehen plötzlich klar.

Eine „stille Revolution“, die aber alle Verhältnisse auf den Kopf stellt. Die stille, aber „übergroße Macht“ Gottes, ein dezenter und doch übergroßer Reichtum… Dies noch dazuzusagen, schien der Kirche wichtig. Daran soll uns der zweite Pfingsttag aus der Fülle des Festes erinnern.

       Apostelgeschichte 8,1-17; Brief an die Epheser 1,3-19; 
Lk 10,21-24; Pfingstmontag B

© Dr. Tamás Czopf, Pfarreiengemeinschaft Starnberg

Gott und seine Braut – Biblisches zur Forderung eines „Frauenpriestertums“

Von Richard Kocher Einer der Punkte, die beim Synodalen Weg diskutiert werden, ist die Rolle der Frau in der Kirche. Das Nachdenken darüber sollte – nach Dylan Thomas – „anfangen, wo es anfängt“, das heißt in diesem Fall im Alten Testament.

Von Richard Kocher

Einer der Punkte, die beim Synodalen Weg diskutiert werden, ist die Rolle der Frau in der Kirche. Das Nachdenken darüber sollte – nach Dylan Thomas – „anfangen, wo es anfängt“, das heißt in diesem Fall im Alten Testament.

Theologische Fragen aus biblischen Texten der Liturgie 5

Wann fragte Jesus: „Bringt das was?“  „Bringt das was?“ – eine Frage, die oft gestellt wird, mit der man an viele Sachen herangeht, auch an Aktivitäten der Kirche. Heute verwendet man da gerne ein Fremdwort, das schön wissenschaftlich klingt: „Ist das systemrelevant?“ Und wenn so gefragt wird, führt das in der Regel zu Konsequenzen. Aber […]

Wann fragte Jesus: „Bringt das was?“

 „Bringt das was?“ – eine Frage, die oft gestellt wird, mit der man an viele Sachen herangeht, auch an Aktivitäten der Kirche. Heute verwendet man da gerne ein Fremdwort, das schön wissenschaftlich klingt: „Ist das systemrelevant?“ Und wenn so gefragt wird, führt das in der Regel zu Konsequenzen. Aber sollte man in der Kirche so fragen? Und da hören wir heute, dass Jesus genau so fragt. Er fragt nach den Früchten des Weinstocks, der er selber ist. „Ich bin der Weinstock und mein Vater ist der Winzer. Jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, schneidet er ab.“ Sein fortlebender Leib, das haben wir auch gehört, ist die Kirche. Es geht also um uns, und die Frage nach der Systemrelevanz ist nicht die Frage irgendwelcher kirchenferner Journalisten oder Politiker, es ist die Frage Gottes, des Winzers, nach der Relevanz der Reben, unserer Gemeinden, für sein System, seinen Weinstock. Er fragt mit dem nüchternen Blick des Winzers, der sich nicht wie vielleicht ein vorbeigehender Tourist an den üppigen Reben freut, sondern Früchte sucht, aus denen sich guter Wein gewinnen lässt, der sich verkaufen lässt.

Was bringt es, Kirche zu sein?

Es geht nicht darum, dass wir uns in unseren Gemeinden wohlfühlen, sondern tatsächlich um die Relevanz für die Welt, die Gott erlöst haben will. Welche Früchte haben wir ihr zu bieten – in der Not einer Pandemie? Das ist die Frage. Aber was könnte angesichts einer solchen Forderung da ein Einzelner von uns, eine Gemeinde irgendwo, vielleicht in einem kleinen Dorf, vielleicht in einer anonymen Großstadt, ausrichten? Nicht viel, jedenfalls nichts von dem, was hier verlangt wird, edle Trauben hervorzubringen, Wunder hervorzubringen.

Und deswegen ist da neben dem Wort von den Früchten ein zweites zentrales Wort, das neunmal im heutigen Evangelium vorkommt: „bleiben“, „am Weinstock bleiben“: „Wie die Rebe aus sich keine Frucht bringen kann, sondern nur, wenn sie am Weinstock bleibt, so könnt auch ihr keine Frucht bringen, wenn ihr nicht in mir bleibt.“ Das wird natürlich eine große Herausforderung unter Bedingungen von Kontaktbeschränkungen und Versammlungsverboten. Ich selbst verweise ja immer wieder auf die gerade in einer solchen Situation lebensrettende Form dessen, was man „Hauskirche“ nennen könnte. Was kann damit gemeint sein?
Wenn wir jetzt einmal in dem Bild des Weinstocks bleiben: Was sein Leben ausmacht, die Photosynthese, wo mit Sonnenlicht Zucker, Nährstoffe gebildet werden, findet ja nur in den Reben statt, noch genauer nur in den Blättern daran – das wären die Häuser in den Gemeinden. Aber eine abgetrennte Rebe, ein abgetrenntes Blatt, sagt Jesus und so wissen wir alle, verwelkt, verdorrt – ein treffendes Bild. Und was dem „Am Weinstock Bleiben“ entgegensteht, sind ja nicht nur und zuerst von außen aufgezwungene Einschränkungen, es ist die Verschiedenheit der Personen, der Gemeinden, Unverträglichkeiten, alte Verletzungen. So war es auch bei den Jüngern Jesu: Johannes und Jakobus, die sich noch auf dem Weg nach Jerusalem über die ersten Plätze an der Seite Jesu stritten, Matthäus, der als Zolleintreiber mit der römischen Besatzungsmacht kollaboriert hatte und Simon, der Zelot, der bei denen war, die einen bewaffneten Freiheitskampf führen wollten, Menschen, die auf Grund ihrer Lebensgeschichten, ihrer Vergangenheit und ihres Charakters unmöglich zueinander passten und nach der Kreuzigung Jesu dabei waren auseinanderzulaufen.

Eine andere Art von Wunder

Es wird uns als Wunder von Ostern beschrieben, dass sie wieder gesammelt wurden. Gesammelt werden, beieinander Bleiben wird nur möglich als Werk des Auferstandenen, wenn er uns neu gegenwärtig wird, wie er uns zu sich geholt, uns immer wieder vergeben hat, uns nicht weggeschickt, sondern in seiner Nähe gehalten hat, nur das lässt uns beieinanderbleiben. Dass solches Zueinanderfinden, aneinander Binden möglich ist, ist ein Wunder, das man sonst nur suchen kann. Wo es das gibt, wird Gott verherrlicht.
Aber was ist nun, wenn durch äußeren Druck erzwungen wird, die Verbindung zu den übrigen Teilen des Weinstocks abzuschnüren? In dem Bild aus der Natur gibt es so etwas ja auch, dass die Pflanze die Saftbahnen zu den Blättern abschnürt, wenn unter der äußeren Not von Wassermangel und Frost im Winter das Zirkulieren der Säfte tödlich wäre, – und ganz viele Blätter verwelken dann und fallen ab. Gleichzeitig bilden die Zweige schon neue Knospen und treiben im Frühjahr neu aus. Jetzt dürfen wir das Bild nicht überstrapazieren; es kommt an eine Grenze. Und doch, kann es nicht sein, dass unter dem äußeren Stress, wie etwa der Corona-Pandemie – einer Prüfung, so deuten es manche, dass da auch manches in der Kirche abstirbt, absterben muss und unsere Hoffnung sein darf, dass dann zu seiner Zeit Neues sprießt?
Prophetische Stimmen haben solche Gedanken schon geäußert, verbunden mit dem Zuspruch, nicht stehen zu bleiben bei der Trauer über das, was nicht mehr ist, sondern den Blick darauf zu richten, wo Gott Neues wachsen lässt. „Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?“ bekamen die Jünger zu hören, die trauernd am leeren Grab standen. „Geht nach Galiläa, dort werdet ihr ihn sehen.“

Die Frage nach den Früchten

Noch einmal: Wir dürfen ein Bild nicht überstrapazieren, aber nur uns abfinden mit den Beschränkungen, das wäre zu wenig. Nur auf Neues zu hoffen, wäre nicht das Hoffen der Propheten. Und erst recht nicht, wenn wir nur denken, es geht ja ohne Kirche, ohne Zusammenkommen auch, und den Kontakt, die Verbindung zum Ganzen der Kirche, der Pfarreiengemeinschaft abreißen lassen. Der Ernst, der in dem Bild steckt, bleibt, das betont Jesus: „Wer nicht in mir bleibt, wird wie die Rebe weggeworfen und er verdorrt.“ Und die erste Frage bleibt, die Frage nach den Früchten. Es geht gar nicht um eine rein „individualistische“ Frage, darum, ob dieses oder jenes Blatt verwelkt, vielleicht sogar abstirbt.
Gott fragt nach den Früchten seines Weinstocks für die Welt. Das ist sein leidenschaftliches Interesse. Und so steht am Schluss nicht eine Drohung, „Wehe, wenn ihr nicht …“,  sondern eine Verheißung, deren Erfüllung Johannes, als er 60 Jahre nach dem Tod und der Auferstehung Jesu das Evangelium aufschrieb, in seinen Gemeinden schon sehen konnte: „Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, dann bittet um alles, was ihr wollt: Ihr werdet es erhalten. Mein Vater wird dadurch verherrlicht, dass ihr reiche Frucht bringt.
Und schwerer als die Gemeinden des Johannes in der Zeit der Verfolgung haben wir es sicher nicht.

Johannes 15,1-8; Apostelgeschichte 9,26-3; 1 Johannes 3,18-24; 5. Sonntag in der Osterzeit B
© Dr. Konrad Wierzejewski, Pfarreiengemeinschaft Geltendorf