THEOLOGIE AM SONNTAG 2

Theologische Fragen – aufgegriffen aus biblischen Texten der Sonntage Die folgsame Herde des guten Hirten – oder was sonst? Die Allegorie mit dem Hirten und den Schafen umfasst bei Johannes eine längere Rede Jesu, wir hören am 4. Sonntag der Osterzeit den mittleren Teil.Durch die lange Geschichte der Kirche mit Hirten-Amt und folgsamer Herde ist […]

Theologische Fragen –
aufgegriffen aus biblischen Texten der Sonntage

Die folgsame Herde des guten Hirten – oder was sonst?

Die Allegorie mit dem Hirten und den Schafen umfasst bei Johannes eine längere Rede Jesu, wir hören am 4. Sonntag der Osterzeit den mittleren Teil.
Durch die lange Geschichte der Kirche mit Hirten-Amt und folgsamer Herde ist für uns heutige Hörer vieles von der ursprünglichen biblischen Botschaft verschüttet. In unserem Abschnitt gibt es vier Themen, die wir etwas näher anschauen werden:

1. Das erste ist der Kontrast zwischen „dem guten Hirten“ und den „bezahlten Knechten“.

Der bezahlte Knecht ist nichts Schlechtes an sich, er hat seine Berechtigung. Er gibt seine Arbeitsleistung und erhält dafür eine Bezahlung. Das ist für jeden Beruf und Dienst normal und funktioniert in jedem Betrieb. Aber die Unternehmung des Gottesvolkes ist eben kein Betrieb, und diese Art Hirte-Sein ist kein Beruf. Unter dieser Schwierigkeit leidet besonders die deutsche Kirche, wo viel Geld und dadurch auch „bezahlte Knechte“ immer noch in großer Zahl da sind. Wie gesagt: Da ist nichts Verwerfliches dabei – ich bin auch einer von denen.

Aber es birgt eine Gefahr in sich, weil es kein Glaubensverhältnis beschreibt. Jesus schildert den Unterschied klar: „Der gute Hirt gibt sein Leben hin für die Schafe.“ Er gibt also nicht eine bestimmte Zeit oder Leistung, sondern das ganze Leben. Jesus stellt damit das Bild auf den Kopf: denn gewöhnlich geben die Schafe ihr Leben für den Hirten, nämlich Milch, Fleisch und Wolle. Das Verhältnis von Hirt und Herde ist hier jedoch ein anderes, der Hirte identifiziert sich mit seinen Schafen, das gibt es sonst nur in der Familie oder unter Verliebten, da ist jedes materielle Besitzverhältnis fehl am Platz. Jesus fügt in diesem Fall nicht hinzu, dass auch die Schafe ihr Leben für den Hirten oder die anderen Schafe hingeben müssen. Er redet nur von sich und schafft damit ein Maß für jedes Hirtenamt in seiner Nachfolge, das übrigens alle Getauften in der allgemeinen Form auch haben.

2. Das nächste Element im Bild bilden die „reißenden Wölfe“, die die Schafe bedrohen und das Versagen der bezahlten Knechte zeigen.

Wir erleben gerade etwas seltsame Diskussionen über die Renaturierung der europäischen Wälder, wozu auch die Wiederansiedlung der Wölfe gehören soll, was in meinen Ohren eher nach Beschwören der Gefahren klingt als nach Schutz der bedrohten Natur. Jedenfalls ist das Dasein des Gottesvolkes keine harmlose, bukolische Idylle, sondern eine gefährliche Angelegenheit. Wer die Wölfe sind, führt Jesus nicht weiter aus – man kann es sich denken. Diese Wölfe reißen die Schafe und zerstreuen die Herde und schlagen die Knechte in die Flucht. Die Wölfe sind Kräfte, Einzelne oder Kreise, die das Leben der Schafe haben wollen; das können der Staat, politische Ideologien oder irreführende Lebensphilosophien sein. Jedenfalls gibt es gegen sie keine bezahlten Größen, die einen vor ihnen schützen würden.

3. Der dritte und zentrale Teil des Gleichnisses ist das Kennen und Erkennen.

Hier gibt es eine Gegenseitigkeit: „Ich kenne meine Schafe und meine Schafe kennen mich.“ Papst Benedikt hat sich in seinem Jesusbuch auch darüber Gedanken gemacht. Kennen sei die Weise, wie die Herde dem Hirten gehört, sie kennen sich, d.h. sie gehören sich gegenseitig. Der wahre Hirte besitzt die Schafe nicht wie irgendein Ding, das man gebraucht und verbraucht, sondern nur weil sie sich kennen, gehören sie sich gegenseitig.
Dieses Kennen umfasst ein tiefes inneres Annehmen. Gott besitzt und beherrscht uns Menschen in seinem Volk nicht, wie ein Diktator oder ein Scharlatan das tut; seine Beziehung zu uns ist, dass er uns bis in die Tiefe kennt und auch sich öffnet, damit auch wir ihn kennen können. Aber im Gleichnis fährt Jesus fort: „…wie mich der Vater kennt und ich den Vater kenne…“ Papst Benedikt sagt dazu: „Nur in Gott und nur von Gott her kennt man den Menschen richtig.“ (327) Es ist sicherlich eine große Versuchung unserer Zeit, die von den Naturwissenschaften geprägt ist, dass wir beim Messbaren und Statistischen bleiben, bei Gesundheit und Kontostand. Nicht nur der gute Hirte kennt die ihm Anvertrauten, da er sie mit Gottes gerecht liebenden, erbarmenden Augen anschaut; auch der Mensch kennt sich selber nur dann, wenn er in sich das Geheimnis Gottes sieht.

4. Schließlich den vierten Teil des Hirtenbildes bilden die „anderen Schafe“.

Auch hier erklärt Jesus nicht, wen er meint. Momentan redet er zu Leuten, die ihn nicht verstehen, er hat gerade einen Blinden geheilt und mit dieser Heilung unter den Pharisäern und Schriftgelehrten eine große Verwirrung ausgelöst. Die „anderen Schafe“, die auf die Stimme Jesu hören werden, können also Juden sein, die Jesus verstehen und ihm folgen. Aber man kann auch mit der Tradition den Satz als Hinweis auf die Heiden verstehen. Auch sie muss Jesus „führen“, damit es „nur eine Herde und einen Hirten“ – gibt.

Schon Israel sah die größte Aufgabe und Verheißung des guten Hirten darin, dass er das Gottesvolk eint, die Spaltungen überwindet und heilt. Durch Jesus wird der Radius der Sammlung erweitert, er umfasst auch die Heiden, die „versprengten Kinder Gottes“ – wie sie Johannes etwas später nennt. Diese Sammlung ist in der christlichen Tradition mit dem Bild des „Pastor Bonus“ verknüpft, des guten Hirten, der das verlorene Schaf auf seinen Schultern heimträgt. Die Sammlung des Guten Hirten ist keine Massen-Mission, sondern eine mühsame Kleinarbeit von Mensch zu Mensch, wobei die Verlorenen – die von sich wissen und zugeben, dass sie Verlorene sind – eindeutig Vorfahrt haben. Die Sammlung der Herde geschieht jedes Mal in Taufe und Eucharistie. Gesammelt, das ist jeder Einzelne, der den Ruf hört, gesammelt in die Herde des guten Hirten, das wird immer neu geschaffen in jeder Eucharistiefeier. Wie kaum an einem anderen Sonntag als diesem vom guten Hirten werden Taufe und Eucharistie als aufeinander zugeordnet sichtbar und wird im Bild verständlich, wodurch Erlösung geschieht.

Den leider an diesem Sonntag sehr verkürzten Text des 4. Kapitels der Apostelgeschichte, in dem nämlich diese Worte des Petrus eingeflochten sind, sollte man ausführlich dazu lesen – denn er beschreibt, wie sich die Sorge des „guten Hirten“ in der frühen Kirche zu realisieren begann.

Johannes 10,11-18, 4. Sonntag der Osterzeit, Starnberg
© Dr. Tamás Czopf

„Nicht wir haben die Wahrheit, die Wahrheit hat uns.“

Nicht zum ersten Mal geben wir (mit freundlicher Erlaubnis des Verfassers) ein Fundstück wieder, das beitragen kann, immer dort, wo Kirche sich versammelt, alle auf einen gemeinsamen Boden zu stellen. Dieser Boden kann nicht der geographische sein – z. B. Rom oder Deutschland; auch nicht der mehrheitliche, heißt es doch: „Fürchte dich nicht, du kleine […]

Nicht zum ersten Mal geben wir (mit freundlicher Erlaubnis des Verfassers) ein Fundstück wieder, das beitragen kann, immer dort, wo Kirche sich versammelt, alle auf einen gemeinsamen Boden zu stellen. Dieser Boden kann nicht der geographische sein – z. B. Rom oder Deutschland; auch nicht der mehrheitliche, heißt es doch: „Fürchte dich nicht, du kleine Herde“.

Die hier vorgelegten Predigtgedanken des Bischofs von Augsburg, Bertram Meier, entstanden zum Fest eines der größten Theologen der Kirchengeschichte und rufen uns zur Mühe, zum Studium und zur Verantwortung unseres theologischen Denkens. Damit folgen wir zugleich der Aufforderung auch eines weiteren großen Theologen: John Henry Newman formulierte 1855 in einem Text über Das Christentum und die wissenschaftliche Forschung: „Was ich einem jeden einschärfen möchte, […] was ich wagen möchte, auch den Theologen zu empfehlen, […] das ist ein großer und unerschütterlicher Glaube an die alles beherrschende Macht der Wahrheit. Der Irrtum mag eine Zeitlang in Blüte stehen, aber am Ende wird die Wahrheit siegen. Die einzige positive Wirkung des Irrtums besteht schließlich in der Förderung der Wahrheit.“

Olivenzweige

Von Achim Buckenmaier Durch die Sintflutgeschichte sind Taube und Olivenzweig Symbole des Friedens unter den Menschen und mit der Schöpfung geworden. Aber es gibt noch andere Lesarten.

Von Achim Buckenmaier

Durch die Sintflutgeschichte sind Taube und Olivenzweig Symbole des Friedens unter den Menschen und mit der Schöpfung geworden. Aber es gibt noch andere Lesarten.

THEOLOGISCHE FRAGEN 2

aufgegriffen aus biblischen Texten des Ostermontags Hat Gott eine Chance, sein Anliegen für die Welt zu retten? Hinter der Emmaus-Geschichte steht ein ernstes Problem. Es geht nicht nur um den Schmerz der Jünger, dass Jesus brutalst hingerichtet wurde und sie so einen Freund und den Meister verloren haben, an den sie Hoffnungen, vielleicht messianische Hoffnungen […]

aufgegriffen aus biblischen Texten des Ostermontags

Hat Gott eine Chance, sein Anliegen für die Welt zu retten?

Hinter der Emmaus-Geschichte steht ein ernstes Problem. Es geht nicht nur um den Schmerz der Jünger, dass Jesus brutalst hingerichtet wurde und sie so einen Freund und den Meister verloren haben, an den sie Hoffnungen, vielleicht messianische Hoffnungen geknüpft hatten. Was sie verwirrt und aus Jerusalem fliehen lässt, ist, dass Jesus als Ketzer hingerichtet worden ist.
Es war immerhin die offizielle religiöse Autorität, die ihn in einem Prozess als falschen Messias angezeigt und verurteilt hat. Hatten sie also aufs falsche Pferd gesetzt? Kann die Sache Jesu überhaupt weitergehen, die eine? Falsche Messiasse gab es damals und auch seither immer wieder – ihre Lehren, ihre Verheißungen erwiesen sich stets als überzogen, unhaltbar, mit den Lehren der Väter nicht vereinbar und im Leben nicht praktizierbar. War Jesus auch so einer? Er war ja zugegebenermaßen ziemlich radikal, manches klang für jüdische Ohren unerträglich oder zumindest stark erklärungsbedürftig… Es gab ja noch keine Gemeinden, keine Missionare, keine neutestamentlichen Schriften – nur das Urteil: Falschlehrer und Irreführer. Das waren sozusagen die „Schlagzeilen“ in den Medien…

Was steckt hinter der Frage der Emmausjünger?

Wenn wir dieses menschlich sehr verständliche Problem der zwei Jünger näher anschauen, tut sich darin ein noch viel tieferes Problem für Gott auf: Wie kann er diese Sache retten, was kann er tun? Ist nicht er gescheitert?
Wir neigen dazu, allzu schnell zu antworten: Ja, der Auferstandene ist doch da! Aber genau das ist so bewegend in den Ostergeschichten. Wenn der Auferstandene mit Pauken und Trompeten erschienen wäre, den Hohepriestern und Schriftgelehrten die Leviten gelesen, dem Volk seinen verklärten Leib gezeigt, den Aposteln seinen Zeigefinger erhoben hätte, und was alles sonst uns noch einfallen könnte… aber von alldem keine Spur. Karfreitag ist erst einmal vollständig und lückenlos; und Ostern geschieht in der Verborgenheit und der Stille, nur vor den Jüngern. Es kommt jetzt ganz und gar auf die Jünger an.
Es liegt an diesen zehn Fischern und dem einen Zöllner, ob das Urteil des hohen Rates revidiert werden kann oder nicht. Der Auferstandene kommt nicht durch ein Spektakel, sondern ausschließlich durch das Zeugnis von schwachen Menschen. Für das Wunder von Ostern ist der Schlüssel also allein diese innere Umstimmung der Jünger, dass sie es als totale Nichtfachleute mit dem Urteil der Theologen und Richter aufnehmen und sagen: Es war ein Fehlurteil, Jesus ist die Wahrheit, der Weg und das Leben.

In der Emmaus-Geschichte sind wir Augenzeugen einer solchen inneren Umstimmung, wie die zwei die Ereignisse, die man nicht ändern kann, auf einmal mit völlig neuen Augen anschauen, wie sie aus der Schrift ihre „Logik“ verstehen und wie sie aus dem Brotbrechen Kraft und Mut schöpfen, sich ganz umdrehen lassen und wieder zu den Brüdern und Schwestern nach Jerusalem zurück gehen. Sie werden dort mit den anderen allerdings keine Aktionen veranstalten, nicht vor dem Haus des Pilatus demonstrieren, keine Erklärungen und Forderungen an das Tempeltor nageln, sondern sie werden zusammenbleiben und sich so neu und eng verbunden wie nie zuvor erfahren, und schließlich werden sie ganz freimütig reden, wenn sie gefragt und angeklagt werden.

Die Jünger sind nicht unter Protest aus der Synagoge und der Tempelgemeinschaft Israels ausgetreten, sondern haben weiterhin am religiösen Leben teilgenommen, sich als Teil des Gottesvolkes verstanden mit eben diesem unerhörten Auftrag, Gottes Urteil über Jesus, welches sich von dem Urteil der Autoritäten diametral unterscheidet, für und in Israel und dann für die Völker zu vertreten.
Der Auferstandene braucht auch diese beiden Jünger, die sich gerade traurig vom Ort des Geschehens entfernen wollen. Denn wenn sie das Kreuz nicht verstehen, an dem ein Ketzer hing, wer soll dann Ostern verstehen, das in der stillen Einsamkeit und Verborgenheit geschah.

Auch heute kann Gott nur dann seine Lösung bekannt machen, wenn sich einige umstimmen lassen zu Gottes Meinung. Dazu ist es nicht nötig, gegen Obrigkeit und Hierarchie einen Aufstand anzustiften, umso mehr jedoch, dass man dem Auferstandenen zuhört, wie er die Schrift auslegt und dass man mit ihm am Tisch sitzt, um das Brot von ihm und ihn in dem Brot zu empfangen.

        Lk 24,13-35, Ostermontag
© Dr. Tamás Czopf

„Europa geht zugrunde, die Kirche nicht“

Unter diesem Titel veröffentlichte die „Wiener Zeitung“ nach den Weihnachtsfeiertagen 2020 ein Interview von Mathias Ziegler mit Altabt Gregor Henckel-Donnersmarck OCist. Gregor Henckel-Donnersmarck, geb. 1943, war von 1999 bis 2011 Abt des Zisterzienserstiftes Heiligenkreuz bei Wien. Er entstammt einer Adelsfamilie, die vor der Roten Armee aus Schlesien nach Österreich flüchtete. Vor seinem Eintritt in den […]

Unter diesem Titel veröffentlichte die „Wiener Zeitung“ nach den Weihnachtsfeiertagen 2020 ein Interview von Mathias Ziegler mit Altabt Gregor Henckel-Donnersmarck OCist.

Gregor Henckel-Donnersmarck, geb. 1943, war von 1999 bis 2011 Abt des Zisterzienserstiftes Heiligenkreuz bei Wien. Er entstammt einer Adelsfamilie, die vor der Roten Armee aus Schlesien nach Österreich flüchtete. Vor seinem Eintritt in den Orden war er Geschäftsführer der Spedition Schenker in Spanien.
Im Interview antwortet er auf die Frage nach den Lehren aus nunmehr drei Lockdowns, warum er Europa an sich selbst zugrunde gehen sieht, aber seiner Meinung nach die Kirche auch ohne Frauenpriestertum und verheiratete Priester weiterbestehen wird. Sein Interview ist kein akademisch-theologischer Text, noch gibt er fertige Antworten. Aber es fällt auf, dass er entscheidenden Fragen nicht aus dem Weg geht. Manche Stellen des Textes können als wichtige Anmerkungen auch zum Synodalen Weg in Deutschland gelesen werden.

* * *

„Wiener Zeitung“: Was nehmen Sie als Katholik für Ihre Kirche aus diesem Jahr 2020 mit?

Gregor Henckel-Donnersmarck: Ich glaube, dass wir uns stärker darauf einstellen müssen, dass wir eben nicht alles können, wie es eine Mentalität der vergangenen Jahrzehnte war: „Wir können Krankheiten besiegen, technische Neuerungen durchsetzen, haben die tollste Kommunikation rund um den Globus.“ Aber hier wird jetzt eine Erfahrung spürbar, dass wir nicht alles können. Die falsche Reaktion darauf ist, der Regierung, den Wissenschaftern, den Medien, Bill Gates oder sonst wem die Schuld zuzuschieben. Für den Glauben hoffe ich, dass viele Menschen doch vielleicht etwas nachdenklicher werden und nicht nur im Konsum oder in der Spaßgesellschaft ihre Befriedigung finden wollen.

Hat das Mitmachen der Lockdowns in dieser Form – die Bilder vom Papst auf dem leeren Petersplatz oder vom leeren Stephansdom sind vielen lebhaft in Erinnerung – der Kirche gesellschaftlich geschadet? War sie zu obrigkeitshörig?

Ich glaube nicht. Ich sehe das als Akt der Solidarität und der Vernunft, dass man den Entscheidungen der Regierung zugestimmt hat. Obendrein ist es ja interessant, gerade wenn ich mit Ihnen als Medienvertreter spreche: Die Neuen Medien mit den Livestream-Möglichkeiten haben uns ein völlig neues Gefühl der Feier der Heiligen Messe gegeben. Dadurch kommt die Kirche mit Menschen und Familien in Berührung, die vielleicht jahrzehntelang keinen normalen Gottesdienst mehr besucht haben. (…)

Sie sind also zuversichtlich, dass heuer nicht nur Altes verloren gegangen ist, sondern auch Neues entstanden?

Wir sind als Christen von Beruf Hoffnungsträger. Daher ist für uns die Corona-Krise sehr bedauerlich, und wir kämpfen auch dagegen an, aber Christoph Kardinal Schönborn hat immer wieder richtig gesagt: Die Hoffnung stirbt nie.

Ihr Mitbruder, Missio-Nationaldirektor Pater Karl Wallner, hat im „Wiener Zeitung“-Interview mit Blick auf andere Kontinente einen „weichgespülten“ Katholizismus hier bei uns kritisiert. Ihm ist die Kirche in Europa zu ängstlich. Teilen Sie diese Ansicht?

Ich war selbst Missio-Direktor und verstehe ihn. Wenn man erlebt, wie die Kirche in Afrika, Asien und Teilen Lateinamerikas wächst – wir haben ja global einen Zuwachs an Katholiken -, da spielen diese miesen Zahlen in Europa insgesamt keine Rolle. Aber wir sind hier etwas erschlafft. In Österreich, habe ich das Gefühl, ist das noch relativ harmlos im Vergleich etwa zu Deutschland mit dem sogenannten Synodalen Weg. Europa geht unter – aber an seiner eigenen Schwierigkeit. Die Kirche braucht sich meiner Ansicht sehr wenig zu verändern, wenn sie sich auf ihre zentralen, wichtigen Botschaften konzentriert und sie verkündet. Sie muss weder Priester heiraten lassen noch Frauen weihen. Die Evangelische Kirche hat genau dieselben Probleme wie wir, obwohl sie beides kennt. Diese Randthemen sind für das eigentlich Entscheidende im Glauben belanglos.

Viele Katholiken an der Basis würden sich aber mehr Reformen von Papst Franziskus wünschen.

Lächerlich. Der Papst ist katholisch. Dass eine bestimmte veröffentlichte Meinung gesagt hat: „Aha, jetzt ist ein neuer Papst da, der muss ja etwas ändern“, das ist reines Wunschdenken von außen. Meiner Ansicht nach geht es darum, dass die Kirche eine Botschaft verkünden muss, ob gelegen oder ungelegen. In der Corona-Krise lautet sie: „Fürchtet euch nicht!“ Man soll aber auch nicht Gott auf die Probe stellen und sich bewusst falsch verhalten.

Skandalfrei ist der Vatikan aber nicht.

Ich glaube, dass der Papst vernünftigerweise sehr kritisch gegenüber Missbräuchen und Vergehen von Kardinälen im Vatikan ist. Man sollte das aber auch nicht verallgemeinern. Ich habe einige Jahre in Rom gelebt und mit vatikanischen Stellen und deren Chefs zu tun gehabt. Dort sind hochqualifizierte Leute total unterbezahlt – vielleicht ist das ein Grund für finanzielle Missbräuche. Aber ich habe ganz großartige Leute kennengelernt und glaube, dass es nicht sinnvoll ist, hier „den Vatikan“ pauschal zu kritisieren.

Franziskus hat vor einer Woche seinen 84. Geburtstag gefeiert. Trauen Sie ihm zu, dass er noch durchsetzen kann, was er sich vorgenommen hat, oder wird er letztlich scheitern?

Erstens: Woher wissen Sie, was er sich vorgenommen hat? Zweitens: Er wird nicht scheitern, weil die Kirche nicht untergeht. Sie gehen alle davon aus, dass er wie ein Ministerpräsident auf vier Jahre gewählt ist, und dann ist er gescheitert und muss in die Verbannung gehen. Nein! Der Papst führt als Nachfolger Petri das Schiff der Kirche seit mehr als zweitausend Jahren, und es wird einen Nachfolger geben, und es wird die Kirche bestehen. Dass Europa an sich selbst zugrunde geht, ist kein Grund für die Kirche, zugrunde zu gehen. Europa pflanzt sich ja nicht fort. Ein Großteil der Migrationskrise kommt aus dem Vakuum, das dadurch entsteht. Das sagt aber kein Mensch.

Was kann die Kirche da tun?

Die Kirche ist kein gesellschaftspolitischer Faktor. Sie muss aus dem Glauben eine Alternative bieten. Wir sehen uns in der Situation, dass die christlichen Werte ursprünglich unsere staatlichen Gesetze geprägt haben. Das aber hört auf. Die Kirche tut gut daran, wenn sie sagt: „Der Staat erlaubt euch zwar, ungeborene Menschen umzubringen, die Ehe mehrmals zu schließen oder jetzt auch Alte und Kranke zu töten – wir aber sagen euch: Das ist Sünde.“ Die Kirche muss prophetisch wie Johannes der Täufer, der im Advent im Vordergrund steht, ihre Botschaft in die Gesellschaft hineinrufen.

Auch die Orden haben Nachwuchssorgen, wobei Heiligenkreuz hier eine Ausnahme bildet.

Und wir wissen selbst nicht, warum wir hier gegen den Trend schwimmen. Es gibt momentan sogar zwei Neugründungen: eine im Ruhrgebiet, die 1988 begonnen hat, mit 15 Mitbrüdern und gut läuft; und seit zwei Jahren eine in Neuzelle in Brandenburg, wo sechs Mitbrüder ein Kloster wieder aufbauen – allerdings sechs Kilometer vom ursprünglichen Kloster entfernt, das 1817 im Zuge der Säkularisierung aufgehoben wurde und nicht mehr nutzbar ist. In dieser Gegend, über die die Reformation, der Dreißigjährige Krieg, die Säkularisierung, die Nazis und die Kommunisten hergefallen sind, besteht eine gewisse unvoreingenommene Neugier, die sich in einer positiven Grundstimmung auswirkt. Auch in der Dritten Welt sind die Klöster übrigens nicht in einer solchen Krise wie in Österreich. Es gibt aber auch erstaunlich viele Eintritte ins Wiener Priesterseminar. Zwar nicht so viele wie vor Jahrzehnten, aber doch mehr als in den vergangenen zwanzig Jahren. Es gibt also Gruppen, vor allem im städtischen und intellektuellen Milieu, wo der Glaube wieder wächst.

Werden Sie und Ihre Mitbrüder sich gegen Corona impfen lassen?

Ich selbstverständlich. Der Herr Abt wird sicher keinen Zwang ausüben, aber er hat bisher sehr für die Tests geworben. Und als Corona bei uns in Heiligenkreuz ausgebrochen ist, sind auch alle sofort zur Testung gegangen. Er wird sie sicher auch zur Impfung motivieren, um ein weiteres Kloster-Cluster zu verhindern.


(Mit freundlicher Genehmigung der Wiener Zeitung und des Altabtes)