Von Wunschvorstellungen zu den Voraussetzungen eines „synodalen Weges“ – Leitung der Kirche durch den Heiligen Geist

Was ist die Berufung der Kirche?

Bei den vergangenen Diskussionen um den synodalen Weg am Amazonas oder in der deutschen Kirche ging es vor allem um eine größere Mitbeteiligung der Laien, besonders der Frauen, sowie um eine bessere Inkulturation beziehungsweise größere Nähe zu den Nöten des heutigen Menschen. Andere aber sehen als erstes Erfordernis eine Antwort auf die innerkirchliche Glaubenskrise in der abendländischen Kirche. Jeder weiß, dass die Kirche eine bessere Lösung haben muss als bloß das Mehrheitsprinzip. In ihr soll der Heilige Geist leiten. Aber wie kommt er zum Zug? Wie hängen seine Wirksamkeits-Bedingungen mit der Verfassung der Kirche und mit dem Leben der Gemeinden von Sonntag zu Sonntag und zwischen Fest und Fest zusammen?

So wie das Gotteswort nur im Menschenwort laut werden kann, so kann auch der Geist Gottes nur den Weg durch einen menschlichen Geist nehmen. Alle sind deshalb gefirmt und haben das allgemeine Priestertum, einige haben darüber hinaus noch die Priester- oder auch Bischofsweihe. Das Gottesvolk hat durchgängig eine sakramentale Struktur; auch seine Zusammenkünfte gipfeln in der sakramentalen kultischen Versammlung. Der Priester und das Abendmahl erinnern an die Geschichte Gottes mit Jesus und dem Tisch der Zwölf und an die Geistgabe an die Urgemeinde in Jerusalem, damit die Wiederholbarkeit der geisterfüllten Urkirche immer wieder Faktum wird, durch die ganze Weltgeschichte hindurch.

Fassen wir die Voraussetzungen einer Leitung der Kirche durch den Heiligen Geist, die eher ein Empfangen als ein Machen ist, in drei Hauptpunkten zusammen:

1) Die erste Aufgabe und Berufung der Kirche ist es, der Hilfe Gottes für die Völker ein eigenes neues Volk zu sammeln, das wie die Propheten Israels und die Heiligen im Kalender der Kirche die Geister zu unterscheiden vermag und das erlöste Leben vorbildlich vorlebt. Die Fehlbarkeit des Menschen bleibt natürlich auch in unserer Kirche erhalten bis hinauf in den Klerus und äußert sich in vielen Formen, auch im Ausweichen auf den Zeitgeist, in einer falschen Rücksicht auf die Schwachheit der Menge statt im Mut zur kleinen Herde, und – im Notfall der Verfolgung – in der Angst vor der Martyria.

Kardinal Joseph Ratzinger beschrieb in seiner Silvesterpredigt 1979 den Glauben so: „Er bringt mich über die Mauer meines Ich hinüber zur Berührung der Wirklichkeit selbst gerade dadurch, dass er mich ins Wir aller Glaubenden einfügt. (…) Wenn wir im Glaubensbekenntnis sagen ‚Ich glaube‘, dann ist mit diesem ‚Ich‘ ursprünglich die Kirche als Ganze gemeint. Sie vollzieht den Akt des Glaubens, und mein Glaube ist Mitglauben mit ihr. Mein Ich beteiligt sich an ihrem größeren Ich. Und so, in diesem Getragensein, findet es den Weg, den allein niemand gehen kann. Glauben ist immer mitglauben.“ (Zeitfragen und christlicher Glaube, Verlag Naumann, Würzburg 21983, 19).

Joseph Ratzinger beschrieb, warum die horizontale Vereinigung, die mit dem Wort Communio zusammengefasst ist, nicht kongregationalistisch aufgefasst werden darf wie in Freikirchen, sondern den Bischof, die Gemeinschaft der Bischöfe, sowohl das Nachbarschaftsprinzip wie die lebendige Beziehung mit Rom braucht. Er folgert: „Das Apostolisch- und das Katholisch-Sein dient dem Einssein, und ohne Einheit gibt es auch keine Heiligkeit, weil es ohne Liebe keine Heiligkeit gibt; weil Heiligkeit sich wesentlich in der Integration des einzelnen und der einzelnen in die versöhnende Liebe des einen Leibes Jesu Christi hinein vollzieht. Nicht die Vervollkommnung des eigenen Ich bewirkt Heiligkeit, sondern die Reinigung des Eigenen durch sein Eingeschmolzenwerden in die allumfassende Liebe Christi.“ (Zur Gemeinschaft gerufen, Herder, Freiburg-Basel-Wien 1991, 89).

2) Der Kreis einer kirchlichen Versammlung – von der kleinen Gemeindeversammlung bis zum Konzil –  hat überall und immer folgendes Doppelprinzip für die Leitung durch den Heiligen Geist und dessen Beistand in der Kirche: Versammlung und Gewissen der einzelnen Person.

Durch jeden, auch den jüngsten, kann der Heilige Geist sprechen, wie im demokratischen Modell entscheidet zunächst die Mehrheit, wo und wie er sprach; aber zuletzt muss das Amt (Priester für die Gemeinde, Bischof für die Ortskirche, Papst für das Konzil) die Beschlüsse gutheißen. Das bedeutet, dass auch die katholische Kirche bei ihren zwei Schwerpunkten (Mehrheit der Versammlung und Gewissen der Einzelperson) dem Gewissen der Person das entscheidende Gewicht gibt.

Auf den Protestantismus hin ist in diesem Zusammenhang zu sagen: es geht um das Gewissen derjenigen Person, die als Hirte die größere Verantwortung und Erfahrung besitzen sollte. Der römische Bischof muss im Angesicht seiner Gemeinde, die über den Gräbern der Märtyrer Petrus und Paulus errichtet ist, die Konzilsbeschlüsse der Mehrheit unterschreiben können – ebenso wie der ärmste Priester der kleinsten Herde für die Einheit seiner Gemeinde mit der Kirche sorgen muss.

Joseph Ratzinger erinnert an die dem Zeitgeist fremd gewordene Kreuzestheologie und an das Zeugnis, das der Bischof von Rom zu geben hat: „Die Märtyrer (Petrus und Paulus), die den Glauben in der übernationalen Einheit der Gesamtkirche und ihrer Überlieferung dem national-königlichen Christentum gegenüberstellen, sind die Wegweisung dafür, wo der Christ als Christ in diesem Streit zu stehen hat. (…) Sterben kann man nur persönlich. Von der im Martyrium persönlich verantworteten Zeugenschaft als Verifizierung des Zeugnisses für den Gekreuzigten und am Kreuz Siegreichen her ist der Primat als Bezeugung des Christusbekenntnisses zuerst zu verstehen. Primat figuriert auf dem Grund solcher Martyriumstheologie wesentlich als die Gewähr des Gegenüber der Kirche in ihrer katholischen Einheit zur stets partikulären weltlichen Macht.“ (Der Primat des Papstes und die Einheit des Gottesvolkes, in: Dienst an der Einheit, Patmos, Düsseldorf 1978, 173).

Jeder Getaufte ist an diese Zusammenhänge bei der Eucharistiefeier erinnert: „Eucharistie ist weit mehr als bloß ein Mahl; sie hat einen Tod gekostet, und die Majestät des Todes ist anwesend in ihr“ (Gott ist uns nah, Ulrich Verlag, Augsburg 2005, 43).

3) Die Kirche kennt den „unfehlbaren sensus fidelium“ der Gesamtkirche. Sie hat dabei weniger die Lehrer an den theologischen Fakultäten im Blick als den tatsächlichen Glauben der Einfachen, weil sie den gelebten Glauben betont und nicht die Gelehrsamkeit. Das setzt allerdings die richtige Kenntnis des christlichen Glaubens voraus. Es herrschte z.B. „vor Auschwitz“ gewiss ein Mangel bei der Erinnerung an den ganzen Weg der Heilsgeschichte: Die jüdische Wurzel war schon in der Lehre vergessen und verdrängt worden – sie gilt es heute als die Kraft aus dem „Ölbaum Israel“ wieder zu gewinnen.

Die Orientierung der Ortskirche an der Gesamtkirche, also der Primat Roms ist die notwendige Folge im Bemühen um die Freiheit der Kirche gegenüber den politischen Mächten. Der mit Kaiser Konstantin beginnende Sieg des Christentums in der Welt hatte zwei Seiten. Die schlechte zeigte sich im Verlust der Kraft einer Weltzuwendung im Sinn des Salzgleichnisses im Evangelium. Diese Weltzuwendung und Weltgestaltung war seit jeher ein Charakteristikum der jüdischen Tradition. In der Neuzeit begann man, in einem Fortschrittsoptimismus das Versagen gegenüber den Zeitnöten positiv umzudeuten und das Mittelalter als nichtchristliches Ideal anzusehen: Die Eigenständigkeit der Welt sei der Sinn der Weltzuwendung der Kirche. Das Modewort Communio ist folglich weithin banalisiert worden zu einem Pluralismus nach weltlichem Maßstab.

Joseph Ratzinger sagte schon 1966 in seinem Vortrag auf dem Bamberger Katholikentag: „So begannen allmählich die Parolen vom Heimholen und von Taufen fragwürdig zu werden; die Idee der weltlichen Welt wurde modern, d. h. der Gedanke, dass der christliche Auftrag gar nicht die Verchristlichung der Welt sei, sondern vielmehr die Freisetzung der Welt in ihre Weltlichkeit hinein, Anerkenntnis der Welt als Welt, die eben als solche zu belassen und zu respektieren sei.“ (Der Katholizismus nach dem Konzil, in: Das neue Volk Gottes, Patmos, Düsseldorf 1972, 144).
Joseph Ratzinger kritisierte 2002: „Wer heute von Communio-Ekklesiologie spricht, meint im allgemeinen zweierlei: Er will eine plurale, sozusagen föderative Ekklesiologie einer zentralistischen Auffassung von Kirche entgegenstellen, und er will die gegenseitige Verflochtenheit der Ortskirchen im Austausch von Geben und Nehmen, wie auch den Pluralismus ihrer kulturellen Ausdrucksformen in Kult, Disziplin und Lehre unterstreichen. Auch wo diese Tendenzen nicht im einzelnen ausgeprägt sind, wird doch Communio generell in einem horizontalen Sinn verstanden.“ (Unterwegs zu Jesus Christus, Ulrich Verlag, Augsburg 32005, 116).

Jede Unterscheidung der Zeichen der Zeit durch Theologen steht folglich in einem größeren Kontext, wie Joseph Ratzinger festhält: „Die Kirche als lebendige und in den Wandlungen der Geschichte beständiges Subjekt ist vielmehr der Lebensraum des Theologen; in ihr sind die Erfahrungen des Glaubens mit Gott verwahrt. Theologie kann nur dann geschichtlich bedeutsam bleiben, wenn sie diesen ihren Lebensraum anerkennt, sich in ihn einsenkt und von innen her an ihm Anteil gewinnt. (…) Sie braucht das innere Teilnehmen am Lebensgefüge der Kirche; den Glauben, der Gebet, Betrachtung, Leben ist.“ (Wesen und Auftrag der Theologie, Johannes, Einsiedeln – Freiburg 1993, 93).

Überarbeitete Auszüge aus einem Vortrag von Prof. Ludwig Weimer bei einem Präsenzseminar 2019 des Fernstudiums Theologie des Volkes Gottes in Rom

Bildbetrachtung 2: Der Judenhut als Gegenrede

Hier sind wenig bekannte Darstellungen aus dem Mittelalter zu finden, die gegen die Judenvertreibungen Einspruch erhoben.

Selbst in den düstersten Kapiteln des kirchlichen Antijudaismus gab es die Gegenrede in Wort und Bild: Die großen alttestamentlichen Figuren wurden in die jeweilige Zeit hinein aktualisiert.

Keine Sintflut mehr, sagt die Taube

Vielleicht muss uns als Kirche ja noch viel mehr die Frage beschäftigen, wie unsere tote Kirche wieder zum Leben kommen kann. Das heißt: Christen können in der Pandemie ein Zeichen sehen, so wie die jüdischen Propheten mit Zeichenhandlungen und Jesus mit Gleichnissen Erfordernisse der Stunde verdeutlicht haben.

von Prof. Dr. Ludwig Weimer

Wer kennt noch das Zählen der Wochen in Genesis 8? Die literarisch-philosophischen Schreiber in der „WELT“ und in der „ZEIT“ suchen nach dem Sinn der Heimsuchung und des Stillstands. Sie stimmen darin überein, dass wir heute keine mythisch-religiöse Deutung in Richtung Strafe für Sünden der Gesellschaft suchen können oder gar einen mahnend erhobenen Finger des Schöpfergottes. Wer meint, versündigt hätten wir uns „an den Menschenrechten, am Rechtsstaat, den Rechten der Tiere, am Klima, an den Ozeanen und an der Erde“ (WELT) , muss ein Pole sein; und er ist es auch (Szczepan Twardoch, 40 Jahre alt). Corona trifft alle, wie schon das Erdbeben in Lissabon sogar die Falschen am meisten traf: Die zum Gottesdienst im Dom Versammelten. Wir sind restlos aufgeklärt. Aber damit ist uns noch nicht geholfen. ­

Thomas Assheuer sagt es ohne moralischen Zeigefinger wissenschaftlich: „Das Virus ist nicht mythenfähig; keiner hat schuld an seiner Entstehung. – Jetzt ist es nicht mehr der Allmächtige, der strafend in das Weltgeschehen eingreift; nun ist es die Erde persönlich.“ (ZEIT) Wir hätten uns zur „Weltrisikogesellschaft“ (Ulrich Beck) hinaufentwickelt. Wenn nur die Weltwirtschaft nicht zusammenbricht! Hierfür gebraucht auch Assheuer den religionskritischen Begriff Aberglauben an den magischen Markt. Und sogar das längst aufgegebene Wort Wahrheit holt er in folgender Form zurück: „Die Reaktion auf die Seuche enthüllt die innere Wahrheit der Weltgesellschaft, den Kampf aller gegen alle.“ An dieser politischen Sicht fehlt etwas. Was er gar nicht erwähnt, sind die selbstverständlichen Heldentaten derer, die ihr Leben für andere opfern.

Wir stimmen überein: Keine Strafe Gottes. Aber? Am Freitag sah ich Papst Franziskus zu Füßen des Pestkreuzes und der alten Marienikone Roms mit der Monstranz um himmlische Hilfe bitten und die Welt segnen. Natürlich kein Mittel gegen das Virus, das Leib und Leben bedroht. Aber eines für die Seele. Ein Kollege, er ist Pfarrer in Bayern, hat mir seine heutige Sonntagspredigt zur Totenerweckung des Lazarus geschickt.

Darin sagt er: „Vielleicht muss uns als Kirche ja noch viel mehr die Frage beschäftigen, wie unsere tote Kirche wieder zum Leben kommen kann. Müssen nicht auch wir mit klarem Blick unsere Situation so benennen, dass unsere Kirche, unsere Gemeinden bereits angefangen haben wie ein Toter zu riechen? Müssen nicht auch wir bekennen, dass unsere Aktionen diesem Leichnam nicht mehr zum Leben verhelfen können? All unsere gut gemeinten Planungen, Organisationen, synodalen Wege etc.“

Das heißt: Christen können in der Pandemie ein Zeichen sehen, so wie die jüdischen Propheten mit Zeichenhandlungen und Jesus mit Gleichnissen Erfordernisse der Stunde verdeutlicht haben. Hier ist nicht der Ort, das weiter auszuführen.

Ich möchte uns etwas aufheitern und zitiere für die Agnostiker, wie man im säkularen Israel mit Witzen die Corona-Angst bekämpft:

Wie sollen wir arbeiten“, fragt ein Internetnutzer seinen Gesundheitsminister, „wenn du uns Quarantäne und so harte Einschränkungen auferlegst?!“ – Antwort: „Ich und meine Gemeinschaft arbeiten ein ganzes Leben lang nicht. Und ihr heult jetzt schon wegen ein paar Wochen?! Schämt euch!“

Und: „An einer der typischen Falafelbuden hängt ein Schild auf Arabisch und Hebräisch: ‚An alle, die sich über den neuen Geschmack des Schawarma und der Falafel in der letzten Zeit beklagt haben: Macht euch keine Sorgen! Der Grund dafür ist, dass unsere Mitarbeiter sich die Hände waschen. Mit Gottes Hilfe wird der ursprüngliche Geschmack bald wieder zurückkehren.‘“

Oder: „Ein Paar mit Atemschutzmasken kommt in die Postbank. Alle sind in Panik. Da rufen die beiden: ‚Beruhigt euch. Dies ist nur ein Bankraub!‘“

Herausforderung Islam

Der jüdische Philosoph Franz Rosenzweig und Papst Benedikt XVI. kommen zu erstaunlich konvergierenden Einsichten, um diese Herausforderung zu beantworten.

Konvergierende Linien bei Franz Rosenzweig und Joseph Ratzinger

von Dr. Rudolf Kutschera