Ein jüdischer Blick auf die Torah

Am 20. September 2021 erschien der nachstehende Text des südafrikanischen Rabbiners Warren Goldstein auf der Website audiatur-online.ch. Goldstein ist seit 2005 Oberrabbiner der Union der Orthodoxen Synagogen von Südafrika. Der unmittelbare Anlass für seine Gedanken war das Antwortschreiben von Kardinal Koch an Rabbiner Rasson Arousi vom israelischen Oberrabbinat.Wir danken Oberrabbiner Goldstein für die Erlaubnis zur […]

Am 20. September 2021 erschien der nachstehende Text des südafrikanischen Rabbiners Warren Goldstein auf der Website audiatur-online.ch. Goldstein ist seit 2005 Oberrabbiner der Union der Orthodoxen Synagogen von Südafrika. Der unmittelbare Anlass für seine Gedanken war das Antwortschreiben von Kardinal Koch an Rabbiner Rasson Arousi vom israelischen Oberrabbinat.
Wir danken Oberrabbiner Goldstein für die Erlaubnis zur Veröffentlichung seiner Darlegung. Die Übersetzung ins Deutsche besorgte audiatur-online.ch.

Der Text von Warren Goldstein ist eine besonders klare und eindrückliche Erklärung, was die Torah für Juden bedeutet. So können Wissenslücken und Unverständnis bei Christen behoben werden, vor allem aber ist der Text ein Anspruch auch an die Christen: „Die Torah übersetzt unsere Werte im Wesentlichen in ein konkretes Handlungskonzept.“ Insofern steht der Text auch in Verbindung mit Michael P. Maiers Text über die Rolle der Torah im Judentum und Christentum.

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Papst Franziskus irrt sich: Die Gesetze der Torah geben Leben
Von Rabbiner Warren Goldstein

Diese Woche bemühte sich Papst Franziskus, die Bedenken über seine Äußerungen zu zerstreuen. Laut Kardinal Kurt Koch, der für die Beziehungen des Vatikans zu den Juden zuständig ist, ließ der Papst verlauten, er habe „nicht die Absicht, ein Urteil über das jüdische Recht zu fällen“.

Unabhängig von den Absichten des Papstes spiegeln seine Äußerungen einen klassischen christlichen Einwand gegen die vermeintliche Gesetzlichkeit der Torah wider und vermitteln das weit verbreitete Missverständnis, dass das Judentum juristischen Kleinigkeiten Vorrang vor den moralischen und spirituellen Idealen einräumt, die diese Gebote zum Ausdruck bringen sollen.

Im Zuge dieser öffentlichen Debatte, die durch die Äußerungen des Papstes ausgelöst wurde, lohnt es sich, den aufbauenden Wert der Torah zu betrachten, die uns seit Jahrtausenden einen göttlichen Entwurf für ein sinnerfülltes Leben bietet.

Im Zentrum des Judentums steht die Erkenntnis, dass umfassende Erkenntnisse für sich genommen abstrakt und nicht greifbar sind. Was nützen tiefgreifende Werte, wenn wir nicht wissen, wie wir sie in die Tat umsetzen können? Damit bedeutende Prinzipien Gestalt annehmen können, müssen wir wissen, was wir mit ihnen anfangen sollen. Damit Ideale etwas bewirken können, müssen wir sie leben.

In seinem Klassiker „Intellectuals“ dokumentiert der Historiker Paul Johnson, wie viele der großen westlichen Intellektuellen, die einige der erhabensten Konzepte des vergangenen Jahrhunderts aufgestellt und durchdacht haben, ein persönlich dysfunktionales Leben führten, das von schlechten Beziehungen, unmoralischen Fehltritten und Elend geprägt war.

Bertrand Russell leistete wertvolle Beiträge zur Moralphilosophie, aber er war ein Frauenheld, der alle seine drei Ehefrauen betrogen hat. Jean-Paul Sartres Humanismus machte ihn zu einer Ikone, aber er sah schweigend zu, wie die Nazis Frankreich besetzten, und er rationalisierte Stalins Gräueltaten in Russland. Karl Marx setzte sich in seinen Schriften für die Emanzipation der Arbeiterklasse ein, aber er bediente sich oft antisemitischer Parolen, und seine Ideen rechtfertigten später grausame und unterdrückerische Regimes.

Der Punkt ist, dass oft eine gähnende Kluft zwischen Idealen und Instinkten, Bestrebungen und Handlungen besteht. Es braucht Arbeit, um große Ideen in einen guten Charakter zu verwandeln, damit hochtrabende Konzepte eine bessere Welt schaffen.

Die Diskrepanz zwischen dem, was wir sagen (oder denken oder hoffen) und dem, was wir tun, ist genau das, was die Gebote der Torah beheben sollen. Im Gegensatz zu den Äußerungen von Papst Franziskus geben diese Gebote von Natur aus Leben. Die transformative Kraft der Torah liegt nicht allein in ihren großen Ideen, sondern in ihrer einzigartigen Synthese aus Philosophie und Praxis.

Jedes Gebot der Torah, oder jede „Mitzwa“, ist der praktische und konkrete Ausdruck einer ansonsten abstrakten Idee darüber, wie man ein moralisches und tugendhaftes Leben führt. Wir wissen zum Beispiel, dass wir Mitgefühl für andere haben sollen, aber die Torah bietet einen Entwurf dafür, wie dies in der Welt tatsächlich aussieht, mit detaillierten Richtlinien für das Trösten von Trauernden, den Besuch von Kranken, die Beerdigung von Toten und andere Methoden zur Linderung menschlichen Leids.
Wir wissen, dass wir großzügig sein sollten, aber erst die Torah gibt uns praktische Richtlinien dafür, wie viel wir geben sollten, wie wir geben sollten und wem wir geben sollten.
Wir wissen, dass wir Gelegenheiten nutzen sollten, um uns von der Hektik des Lebens zurückzuziehen, um neue Energie zu tanken und uns wieder mit unseren Werten zu verbinden, aber die Torah gibt uns ausdrückliche Anweisungen, was es bedeutet, am Schabbat zu „ruhen“, und was wir tun sollten, um die Ruhe und die spirituelle Verbindung des Tages zu verbessern.

Die Torah übersetzt unsere Werte im Wesentlichen in ein Handlungskonzept.

Und jetzt, da wir uns auf Jom Kippur vorbereiten, sehen wir, wie die praktische Weisheit des Judentums durch die Mitzwas des Tages auf dramatische Weise zum Leben erwacht. Unsere spirituelle Energie wird durch unser Fasten und unsere Gebete gebündelt, und unsere Quellen zeigen uns einen klaren praktischen Weg auf, wie wir eine aufrichtige persönliche Veränderung definieren, wie wir bereuen, uns entschuldigen, vor Gott bekennen und uns entschließen können, besser zu sein und besser zu handeln.

Was Papst Franziskus zu übersehen scheint, ist, dass ohne solche praktischen Richtlinien für das tägliche Leben unsere Ideale oft durch unsere alltäglichen Bedürfnisse und Wünsche in den Hintergrund gedrängt werden. Ohne greifbare Regeln für das Verhalten greifen wir auf das zurück, was sich im Moment richtig anfühlt. Durch die Gebote der Torah werden unsere Werte zum Leben erweckt. Durch die in der Torah enthaltene Synthese aus Handeln und Streben erfüllen wir das göttliche Versprechen, uns selbst und die Welt zu verbessern.

Theologische Fragen aus biblischen Texten der Liturgie 11

Wie geht das mit der Vermittlung der Macht Gottes? Das Gottesvolk stand von Anfang an vor differenzierten Fragen, die uns auch heute nicht erspart bleiben. Die Liturgie mit ihren Texten spiegelt das wider, die Texte sind oft nicht so einfach zu verstehen. So ist es auch am 26. Sonntag der Leseordnung B. Freilich steht auch […]

Wie geht das mit der Vermittlung der Macht Gottes?

Das Gottesvolk stand von Anfang an vor differenzierten Fragen, die uns auch heute nicht erspart bleiben. Die Liturgie mit ihren Texten spiegelt das wider, die Texte sind oft nicht so einfach zu verstehen. So ist es auch am 26. Sonntag der Leseordnung B.

Freilich steht auch diesmal die Frage im Hintergrund: Gott will unter den Menschen wirken, er will sein Wort sprechen und seine Kraft ausüben: Offenbarung und Erlösung. Da er es aber ganz direkt nicht tun kann, braucht er Vermittlung, und da beginnen die Schwierigkeiten. Da gibt es von Anfang an Diskussions- und Reformbedarf. In Deutschland hat in der vorletzten Septemberwoche die Bischofskonferenz ihre Vollversammlung abgehalten, zwei Wochen später tagt der „Synodale Weg“… Auch damals, in den Zeiten, auf die sich unsere Bibeltexte beziehen, gab es Fragen zu klären: Wie funktioniert das Gottesvolk? Wie geht das mit der Vermittlung der Macht Gottes…?
Aus den vielen möglichen Gedanken, die sich an diesen Texten entzünden können, möchte ich in vier kurzen Schritten dem nachgehen, was Lesung und Evangelium verbindet.

Das Handeln Gottes trägt den menschlichen Gegebenheiten Rechnung

1. Als erstes können wir feststellen: Es gibt im Gottesvolk, auch in der Kirche, Amt und Ordnung. Es ist schön erzählt im Buch Numeri, wie Eldad und Medad im Lager der Israeliten in prophetische Verzückung geraten, aber nicht beim Offenbarungszelt mit den anderen versammelt sind; ich muss jedes Mal schmunzeln, wenn es heißt: Sie standen auf der Liste. Gemeint ist die Liste der 70 Ältesten, die Mose zu Hilfe kommen sollen, damit er seine Führungsaufgabe für das Volk schaffen kann. Es gibt also Listen und eine Ordnung. Manche sind auf bestimmten Listen, andere auf anderen, und alles hat Konsequenzen und gehört zum Volk Gottes.
Auch die zwölf Apostel sind namentlich bekannt, der Kreis ist nicht beliebig erweiterbar, auch damit sind Rechte und Pflichten verbunden.
Wenn Gott zu handeln beginnt, dann entsteht weder reine Anarchie mit voller Gleichberechtigung noch eine totale Organisation mit absolutistischen Strukturen. Weil jede menschliche Gemeinschaft und Gesellschaft Machtstrukturen braucht, muss auch Gott sich derer bedienen.

2. Ein Zweites gehört aber noch zu diesem Punkt, nämlich, dass es immer auch „Eiferer“ gibt. Unter Mose ist es Josua, sein treuester Diener, bei Jesus ist es in diesem Fall Johannes, einer der sog. „Donnersöhne“, die schon von Haus aus zur Radikalität neigten. Sie wollen das Amt schützen und wachen eifersüchtig über die Ordnung. Freilich gibt es Eiferer auch in anderen Bereichen; Eiferer gibt es für die Corona-Impfung genauso wie für Mundkommunion, für das Tierwohl ebenso wie für Gendergerechtigkeit. Und es darf sie auch geben. Aber in unseren Geschichten werden sie jedes Mal gedämpft. Auch wenn Entschlossenheit und Klarheit wünschenswert und wertvoll sind, Radikalität verfehlt meistens die Differenziertheit der Wirklichkeit, auch oder vielleicht erst recht in der Kirche.

Derselbe Geist, der Ämter schafft, weht zugleich, will sich ausbreiten

3. Denn es gibt ein Drittes: Der Geist Gottes will sich ausbreiten. Zwar ist es derselbe Geist, der die Strukturen, die Ämter und die Ordnung motiviert und aufbaut, zugleich „weht er, wo er will“ – wie das Evangelium sagt. Der Geist löst zwar dadurch die Ordnung nicht auf, hält sich aber nicht vollständig an sie. Die zwei Männer in der Wüste geraten in Verzückung, weil sie auf der Liste sind, aber eben auch im Lager, auch wenn sie nicht im Offenbarungszelt sind, was sonst zur Ordnung der Dinge gehören würde. Und der Mann im Evangelium wirkt Wunder im Namen Jesu – wie wenn er ein Amt hätte – aber er geht nicht mit den Jüngern, was auch wieder nicht ganz in Ordnung ist.
Alle Eltern und Lehrer wissen: Ohne Regel geht gar nichts, aber die Regeln sind nicht alles. Der Geist Gottes, welcher der Geist der Wahrheit, der Gerechtigkeit und auch der Schönheit ist, bricht sich Bahn auch jenseits von Strukturen, nicht, damit Anarchie entsteht, sondern weil seine Aufgabe mehr ist als Strukturen und Ordnungen aufrechtzuerhalten. Denn Amt, Ordnung und Regeln können plötzlich auch zu einem Käfig werden und Gottes Wirken behindern.

Offenheit nicht als Schlagwort, sondern als qualifizierte Offenheit

4. Deshalb ist noch ein Viertes wichtig. Wir müssen zu unserer Ausgangsfrage zurückkehren: Wie kann Gott mit seinem Geist unter uns wirksam werden? Worauf kommt es an?
Sowohl Mose als auch Jesus drängen auf Großherzigkeit, auf Weite und Offenheit. Aber nicht in einem billigen Sinn von Toleranz und Relativismus. Sondern wegen der Offenheit auf Gott hin, wegen der Wirkung des Geistes, der Neues schafft.
Denn wichtiger als Verzückung ist letztlich der Geist der Prophetie, d.h. das Erkennen und Verstehen der Stimme Gottes; und wichtiger als Wunder sind die kleinen Hilfen für die Jünger Jesu.
Deshalb sagt Mose zum Schluss zum eifrigen Josua: „Wenn nur das ganze Volk des Herrn zu Propheten würde, wenn nur der Herr seinen Geist auf sie alle legte!“ Denn das ferne Ziel ist nicht, dass es eine große Ordnung mit vielen Ämtern und viel Gehorsam gibt, sondern dass alle dem einen Gott gehorchen, weil alle ihn hören und verstehen.

Auch der Evangelist Markus lenkt den Blick vom externen Wundertäter auf den Becher Wasser für die Jünger Jesu und darauf, dass man als Jünger kein Ärgernis geben soll. Es muss einen Raum geben – sichtbar und zugänglich –, wo kein Ärgernis entsteht, oder zumindest, wo alles getan wird, dass es das nicht gibt. Das Bild der Selbstverstümmelung will den Schwerpunkt in der Arbeit Gottes deutlich machen: Es gibt die „Kleinen“, die ihr Vertrauen auf Gott setzen, die den Weg Jesu mitgehen und dadurch Anfeindungen ausgesetzt sind, auch unter den Frommen und Eiferern, die, die kein Amt und keine Machtposition besitzen und von jeder Macht leicht missbraucht werden können. Ein Ort, wo Gewalt, Konkurrenz, Leistungsdruck und Geltungsdruck entfallen und der Mensch Instrument des Geistes Gottes werden kann. Das sind Menschen auch hier unter uns, die nie auf Wahlplakaten erscheinen und keine Massen hinter sich sammeln werden, aber innerhalb der Kirche und auch sonst ihre Umgebung zu Orten des Friedens und der Zuversicht machen.

Numeri 11,25-29; Jakobusbrief 5,1-6; Markus 9,38-48 gekürzt,
26.Sonntag im Jahreskreis B
© Dr. Tamás Czopf, Pfarreiengemeinschaft Starnberg

Theologische Fragen aus biblischen Texten der Liturgie 10

A. Herbe Texte über das Leben in den Gemeinden (von Tamás Czopf)B. Was sollen Schuld-Berichte in der Bibel? (von Konrad Wierzejewski) (Beide Texte beziehen sich auf die Schriftlesungen des 25. Sonntags im Lesejahr B: Buch der Weisheit 2,1-20 gekürzt; Jakobusbrief 3,16–4,3; Markus 9,30-37) A. Herbe Texte über das Leben in den Gemeinden Der 25. Sonntag […]

A. Herbe Texte über das Leben in den Gemeinden (von Tamás Czopf)
B. Was sollen Schuld-Berichte in der Bibel? (von Konrad Wierzejewski)

(Beide Texte beziehen sich auf die Schriftlesungen des 25. Sonntags im Lesejahr B:
Buch der Weisheit 2,1-20 gekürzt; Jakobusbrief 3,16–4,3; Markus 9,30-37)

A. Herbe Texte über das Leben in den Gemeinden

Der 25. Sonntag im Jahreskreis nach dem Lesejahr B der katholischen Kirche mag im Lichte der Texte etwas herb anmuten.  Er enthüllt eine Reihe innerer und äußerer Zustände, die nicht zu Gottes Volk, nicht zur Kirche passen und dort doch auch wohl vorhanden sind.

Im Buch der Weisheit werden die Leiden des „Gerechten“, die Anfeindungen unter seinen Brüdern geschildert; im Jakobusbrief geht es um die Nöte der jungen Gemeinschaft in Jerusalem, inmitten der Kirche; und der Evangelist Markus stellt die Rivalität zwischen den Aposteln in einer ungeschminkten Weise dar.

Aber gerade diese Unverblümtheit, diese klare Feststellung von Schwächen und Fehlern in den eigenen Reihen ist bereits Evangelium, nämlich Erleichterung und Trost – zumindest die eine Hälfte des Evangeliums.
Nicht, weil diese Probleme gar keine seien, sie sind wohl welche, denn letztlich wir selber sind es, die Gottes Werk zunichtemachen: Wir lachen über die Gerechten, wir suchen im Gebet unser eigenes Wohl und verfolgen in unmittelbarer Nähe Jesu unsere eigenen Karrierepläne.

Auf diese Weise wird aber zumindest deutlich, dass dies die Grundsituation ist, mit der Gott zu arbeiten hat. Wir gehören nicht zu einer besonders schlechten Generation der Moderne, die nutzloser ist als die Vorgänger. Nein, das ist genau der Stoff, den zu erlösen Jesus kam und warum er die Kirche um Israel herum gründete.
Die Lösung besteht also nicht darin, diese Dinge zu vertuschen, sondern sich ihrer bewusst zu sein; wir dürfen uns und die Kirche nicht aufgeben, da die Sache aussichtslos sei.

Wie wir in den Texten sehen, die Sache ist von Anfang an hoffnungslos. Aber gerade in diese hoffnungslose Sache bringt Gott seine Sache. Gott hat weder Israel wegen seines schlechten Benehmens durch ein anderes Volk ersetzt noch suchte Jesus andere Jünger als die Zwölf; und Jakobus – der Leiter der Jerusalemer Muttergemeinde, ein Verwandter Jesu – löste die Gemeinde nicht auf.

Es ist doch bewegend, wie behutsam Jesus im Evangelium versucht, die Apostel zu erziehen. Was für ein Wunder könnte er tun, außer darauf zu warten, dass sie ihn verstehen und ihm folgen.
Am vergangenen Sonntag hat Petrus in Cäsarea Philippi Jesus als Sohn Gottes und Messias bekannt, wobei ihn Jesus gleich danach Satan nannte, weil Petrus ihn vom Weg des Leidens abbringen wollte.
Danach waren drei Jünger mit ihrem Meister auf dem Berg Tabor und erlebten die Verklärung Jesu und erkannten den Zusammenhang der Passion mit den Verheißungen der Propheten und der bisherigen Geschichte Israels.

Sie sind also voller Erwartungen, und so machen sie sich auf den Weg: Jesus voran, der die Ankunft des messianischen Zeitalters spürt und auf die Erfüllung der Verheißungen zusteuert. Aber auch die Jünger sind voller Erwartung auf das, was ihnen bevorsteht, dass ihr Leben in Ordnung gebracht wird. So treten sie in die Fußstapfen Jesu und sind doch auf völlig verschiedenen Wegen unterwegs. Sie streiten darüber, wer der Größte von ihnen sei.

Uns darin zu erkennen

Es ist unschwer, uns und die heutige Kirche darin zu erkennen: Wir gehen den Weg Jesu mit der Kirche mit, aber unsere Vorstellungen, Wünsche, Erwartungen, wohin der Weg führen soll, welche Biegungen und Steigungen erlaubt sind und welche nicht, sind doch unterschiedlich, manchmal gegensätzlich… Es kann leicht passieren, dass sogar auf dem Weg der Nachfolge unsere innere Ausrichtung eine andere ist als die, die der Herr für uns, für unsere Gemeinde und unsere Kirche vorgesehen hat.

Immer wieder verbietet Jesus den Jüngern, von seinen Absichten zu sprechen, vielleicht weil er spürt, dass sie sie noch nicht verstehen und nicht authentisch und klar darstellen können. Vielleicht fällt auch uns die Evangelisierung deswegen so schwer, weil wir nicht genau wissen und wollen, was Jesus mit uns vorhat.
Wie kann sich Jesus seinen Jüngern verständlich machen? Jesus stellt ein Kind in ihre Mitte. Jetzt spricht er nur zu ihnen, er wendet sich ganz ihnen zu, es handelt sich also um eine Lehre von besonderer Bedeutung und Intimität.
Damals riefen Kinder keine romantischen Gefühle hervor; sie hatten quasi keine Rolle und Stellung in der Gesellschaft. Die Existenz des Kindes hängt ganz an den Eltern, sein Dasein heißt Vertrauen. Vertrauen und Gehorsam, Abhängigkeit und Beheimatet-Sein fallen bei einem Kind ineinander. In dieser Existenzform steht Jesus vor dem Vater und dieses Dasein will er seinen Jüngern vermitteln.

Eines Tages werden sie verstehen

Eines Tages werden sie es auch verstehen. Nicht, weil Jesus später noch bessere Argumente einfallen werden, sondern weil er hingerichtet wird. Das Gegenteil von dem, was die Jünger erwartet haben, wird eintreten. Das Bild des Kindes ist keine fromme Übertreibung, sondern die Realität Jesu.
Die Jünger werden nach dieser Ansprache nicht plötzlich zu Helden, die nicht mehr die Ersten, sondern die Letzten sein wollen. Ihre Verwandlung gleicht nicht einem moralischen Vulkanausbruch; sie werden vielmehr allmählich erlebt haben, dass, wenn sie ihren Willen mit dem Willen Jesu und des Vaters vereinen, sich letztlich doch auf das einlassen, was nicht ihre Idee war, dann werden sie nicht den größten Verlust ihres Lebens einfahren, sondern einen Gewinn, von dem sie nie zu träumen gewagt hätten.

Im Buch der Weisheit fragen die Skeptiker ganz geradeheraus: „Ist der Gerechte wirklich Sohn Gottes?“ Eine Frage, die dem Christentum ständig unter die Nase gerieben wurde, an der sich die Existenz der Kirche in der Nachfolge Israels entscheidet, und an der auch unser Glaube steht oder fällt. Diese Frage ist jedoch nicht theologisch zu beantworten, sondern nur durch das einmalige, nie wiederholbare Experiment der Willenseinigung mit dem Willen Gottes. Jeder in seinem Leben auf seine Weise, aber doch auch gemeinsam in der Gemeinschaft und der Tradition der Kirche. Wir brauchen jedes Instrument, jede Gemeinschaft, jedes Gebet und Gespräch, um in dieser kopernikanischen Wende, wo die Letzten die Ersten werden und die Gewinner die Verlierer, unser Glück und unser Lebensziel zu finden.

© Dr. Tamás Czopf, Pfarreiengemeinschaft Starnberg


B. Was sollen Schuld-Berichte in der Bibel?

Am letzten Sonntag haben wir gehört, wie Petrus zwar zu Jesus sagte: „Du bist der Messias”, aber dann, als Jesus sein Leiden ankündigt, zeigt sich, dass Petrus ihn in der Tiefe nicht verstand. Heute hören wir, wie Jesus das zweite Mal sein Leiden ankündigt, und wieder verstehen ihn seine Jünger nicht; diesmal heißt es: „Sie scheuten sich, ihn zu fragen.” Mag sein, weil sie sich erinnern, wie hart Jesus den Petrus zurechtgewiesen hatte, sagen sie lieber nichts mehr. Dreimal berichtet Markus, dass Jesus sein Leiden ankündigt und die Jünger ihn nicht verstehen. Zwischen der ersten und der zweiten Leidensankündigung steht die Erzählung von der Verklärung auf dem Tabor, wo Petrus drei Hütten bauen will, was kommentiert wird: „Er wusste nämlich nicht, was er sagen sollte.” Das Nichtverstehen der Jünger zieht sich wie ein roter Faden durch das Markusevangelium.

Das ist ein sehr erstaunliches und einzigartiges Phänomen in allen Teilen der Heiligen Schrift. Von einer heiligen Schrift würde man eigentlich etwas anderes erwarten. Das Normale in der Geschichtsschreibung der Völker und auch Gemeinschaften ist, dass sie ihre Glanzleistungen herausstellen und die dunklen Seiten verschweigen und vertuschen. Diese schonungslose Offenheit und Freiheit, die eigenen Fehler beim Namen zu nennen, ist vielleicht das größte Wunder der Heilsgeschichte.

Es beginnt schon im Alten Testament. In den Büchern der Könige heißt es immer wieder von den einzelnen Königen: „Er tat, was dem Herrn missfiel, und ahmte die Gräuel der Völker nach, die der Herr vor den Israeliten vertrieben hatte.” „Wie sein Vater Manasse tat er, was dem Herrn missfiel.” „Wie seine Väter tat er, was dem Herrn missfiel.“ Dreiunddreißig Mal wiederholt es sich so in den Büchern der Könige und so zieht es sich durch die ganze Heilige Schrift und in dieser Tradition schreibt auch Markus sein Evangelium, die Gründungsgeschichte der Kirche, als eine Geschichte des ersten Papstes, der als Satan bezeichnet und hart zurecht­gewiesen wird, der Jesus verleugnet, und von Jüngern, die Jesus nicht verstehen und bei seiner Verhaftung davonlaufen. Wie kommt es zu einer solchen Freiheit gegenüber der eigenen Schuld?

Die neue Frage der Botschaft Jesu

Es lässt sich als Ergebnis wahrnehmen. Heute dürfen wir einmal hören, wie Jesus seine Jünger lehrt. Sie haben ihn nicht verstanden und schweigen. Er fragt sie: „Worüber habt ihr unterwegs gesprochen?”, und damit deckt er den Grund auf, weshalb sie ihn nicht verstehen können: Sie sind nur mit sich selbst beschäftigt, mit der Frage, „wer von ihnen der Größte sei.” Sie sind zwar mit Jesus gemeinsam unterwegs, aber in Wirklichkeit streben sie in ganz entgegengesetzte Richtungen. Jesus geht es darum, eine versöhnte Tisch­gemeinschaft für Gott zu sammeln, damit sich die Verheißungen des Vaters erfüllen können. Die Jünger dagegen denken an sich, an ihre Selbstverwirklichung, erwarten eine Karriere im Reich des Messias.

Und was erwarten wir uns in der Kirche? Anerkennung, wie wichtig wir sind, oder Trost, wo wir versagen, den Zuspruch, dass es schon gut ist, wie es ist, Antworten auf unsere großen oder kleinen Fragen? Aber unsere Pläne für die Karriere oder auch nur für das Wochenende dürfen dabei bloß nicht beeinträchtigt werden. Nur manchmal merken wir vielleicht plötzlich, dass der Herr uns in eine andere Richtung führt, dass seine Botschaft überhaupt nicht auf unsere Fragen eine Antwort sein will, sondern selber eine neue Frage stellt und uns in eine neue, andere Richtung hineinziehen möchte, uns sammeln möchte für einen Auftrag, seine Treue und Zuwendung zur Welt zu bezeugen.

Die Jünger Jesu haben das nicht verstanden, obwohl sie so in seiner Nähe sein konnten. Und auch die späteren Gemeinden, an die Jakobus schrieb, haben es meist wieder nicht verstanden, so dass er ihnen schrieb: „Ihr begehrt und erhaltet doch nichts. Ihr mordet und seid eifersüchtig und könnt dennoch nichts erreichen.“ Sie, wir brauchen nicht der gott­losen Umwelt, nicht den schlimmen Zeiten die Schuld geben, dass wir als Kirche keinen Erfolg haben, sondern uns selbst: „Ihr bittet und empfangt doch nichts, weil ihr in böser Absicht bittet, um es in euren Leidenschaften zu verschwenden.“

„Vertragt euch endlich“ ist noch keine christliche Botschaft

Die Neigung, sich zu vergleichen, sich übereinander zu erheben, steckt tief im Menschen. Jesus weiß, es würde nichts helfen, seine Jünger deswegen zu ermahnen: vertragt euch doch endlich. Er sagt nicht zu Petrus: Du solltest den Matthäus auch etwas mehr schätzen und achten. Jesus greift zu einem starken Zeichen, das wir gar nicht mehr so verstehen können: Er stellt ein Kind in ihre Mitte. Uns rührt das an, aber ein solcher sentimentaler Blick auf ein Kind war der Antike fremd. Jesus stellt nicht deshalb ein Kind in die Mitte, weil es so anrührend ist, sondern weil es in der antiken Welt überhaupt nichts galt. Wenn wir es mit unserem heutigen Empfinden vergleichen, dann noch am ehesten damit, wie heute viele einen Embryo nur als einen Zellhaufen im Mutterleib ansehen, den man beseitigen kann. So wenig war in der Antike ein Kind geachtet. Ein Kind aufzunehmen, zu achten, das war nicht eine kleine Kurs­korrektur, die einen sympathisch machte, es stellte alles damals Übliche auf den Kopf.

Nach dem Tod Jesu verstanden es seine Jünger, als sie sahen, wohin ihr bis zuletzt Fixiert-Sein auf die eigene Größe geführt hatte. Und dann verstanden sie noch etwas: So wie das Kind sich nicht schämen muss, wenn es etwas nicht kann, so braucht die offen gelegte Schuld den Einzelnen in der Kirche nicht zu beschämen. Es geht ja gar nicht zu­erst um unser Versagen, obwohl es nicht verschwiegen wird, sondern durch diese Offenheit wird die Kirche vor unserem Ehrgeiz, unserer Enge gerettet, damit der Glanz Gottes sichtbar wird, den er auf sein geliebtes Volk legt, sein Erbarmen. So konnte in den Gemeinden des Neuen Testaments das Wunder geschehen, dass die Ehre und die Unbe­scholtenheit des Einzelnen nicht mehr das Wichtigste waren, sondern die Ehre Gottes, der ihre Väter aus Ägypten geführt hatte, aus der Religion der anderen Völker heraus, und mit ihnen einen Bund geschlossen hatte, einen Bund der Versöhnung, zur Heilung der Welt. Diese Geschichte war durch Jesus unter ihnen neu lebendig geworden. Sie weiterzutragen war ihnen nach Ostern das wichtigste Anliegen. So sprachen sie über ihre Fehler, über ihr Scheitern nicht bedrückt, sondern aus dem Wunsch, dass das Anliegen Gottes, seine Liebe zur Welt, ja nicht verdunkelt werde.

„Beschlüsse“ oder gibt es das, die „Suche nach der Nähe Gottes“ im Jakobusbrief

Diese Freiheit, über Versagen zu sprechen, hat die Kirche bis heute bewahrt in der Beichte. Als die Gemeinden dann zu groß und das persönliche Ehrempfinden besonders der germanischen Völker übermächtig wurden, fand sie die Form in dem geschützten Raum des Beichtstuhls. Aber auch diese Form ist an ihre Grenzen gestoßen. Dass sie unter den gegenwärtigen Hygienebestimmungen so nicht praktiziert werden kann – Möglichkeiten gäbe es schon –, das vermisst hier kaum noch jemand. Aber das Fehlen einer, ich möchte es einmal nennen, Kultur der Umkehr ist schmerzlich spürbar, dass es den Ort nicht gibt, wo einer sagen kann: Ich habe einen Fehler gemacht, und die Hilfe einer ganzen Gemeinschaft erbitten kann. Gleichzeitig spüren wir: die erbarmungslose Öffentlichkeit der Medien kann nicht der Ort dafür sein. In der Kirche, wie sie von Gott gedacht ist, sollte ein geschützter Raum sein, in dem nichts vertuscht wird, alles offen ausgesprochen wird, werden kann, wo die Sorge um das eigene Ansehen zurücktritt hinter der Sorge um die Ehre Gottes und um seine Zuwendung zu den Schwächsten. Diesen Raum gilt es dringend wieder zu erstellen, zu erbitten, denn er ist nicht einfach durch organisatorische Maßnahmen zu schaffen und auch nicht durch Beschlüsse in Gremien oder Arbeitskreisen.

Wir sind nicht besser als die Gemeinden, an die Jakobus seine kritischen Worte schrieb. Aber Jakobus klagt nicht einfach, dass 30 Jahre nach der Auferstehung Jesu wieder alles beim Alten ist, sondern sagt ein paar Verse weiter voll Zuversicht: „Gott gibt noch größere Gnade; darum heißt es auch: Gott tritt den Stolzen entgegen, den Demütigen aber schenkt er seine Gnade. Ordnet euch also Gott unter, leistet dem Teufel Widerstand; dann wird er vor euch fliehen. Sucht die Nähe Gottes; dann wird er sich euch nähern.“ Darum wollen wir heute die Nähe Gottes suchen und ihn bitten, dass er seinen Glanz, den Glanz der in Freiheit ausgesprochenen und verwandelten Schuld wieder auf unsere Gemeinden lege.

© Dr. Konrad Wierzejewski, Pfarreiengemeinschaft Geltendorf

Theologische Fragen aus biblischen Texten der Liturgie 9

Die drei Daseins-Formen des „Gesetzes“ Alle drei Schrifttexte dieses Sonntags beleuchten ein Herzstück unserer Existenz als Christen: Mose ermahnt die Israeliten, dass sie das Gesetz unverändert halten sollen, damit sie leben, denn „darin besteht eure Weisheit und eure Bildung“. Der Jakobusbrief spricht vom „Wort der Wahrheit“, das „die Macht hat, euch zu retten“. Schließlich ringt […]

Die drei Daseins-Formen des „Gesetzes“

Alle drei Schrifttexte dieses Sonntags beleuchten ein Herzstück unserer Existenz als Christen: Mose ermahnt die Israeliten, dass sie das Gesetz unverändert halten sollen, damit sie leben, denn „darin besteht eure Weisheit und eure Bildung“. Der Jakobusbrief spricht vom „Wort der Wahrheit“, das „die Macht hat, euch zu retten“. Schließlich ringt Jesus mit den Pharisäern um die rechte Befolgung des Gesetzes als „Reinheit“ des Menschen von seinem Herzen her.
Im Mittelpunkt steht also das Wort und Gesetz Gottes, wie es in uns und unter uns heilend und reinigend wirksam werden kann. Im Judentum, wo dieses Wort erkannt wurde, hat das Gesetz drei Daseins-Formen, die freilich auch für die Kirche gelten:

Ursache einer großen Freude

Die erste ist das geschriebene Gesetz des Mose. In der Lesung spricht er mit Stolz von „Weisheit“. Es hat einen viel weiteren Horizont als nur Regulierung und Moralgesetz. Papst Benedikt nennt es in einer Homilie zum heutigen Sonntag: „Das Verstehen dessen worauf es ankommt, die Erkenntnis des Wesentlichen, wozu wir da sind…“1

Weisheit, Tora und Wort Gottes seien identisch. Sie decken uns auf, „wozu wir leben und wohin wir leben sollen“. Dieses Gesetz erscheint Israel nicht als eine Knechtschaft, sondern als Ursache einer großen Freude. Denn wir tasten nicht mehr im Dunkeln, was das Rechte sein könnte, Gott hat sich gezeigt, wir kennen seinen Willen, und damit die Wahrheit. Und der Papst fügt hinzu: „Die Weisheit ist etwas, was den Menschen Gott-fähig macht, die ihn reinigt von dem, was Gott entgegensteht. Sie wird nicht von uns erfunden, sie kann uns nur als Gabe geschenkt werden.“
Und es ist nicht bloß eine individuelle Wegweisung, sondern eine Sozialordnung, die umfassend formende Ordnung einer Gesellschaft, die imstande ist, ein Volk so zu prägen, dass es in unserer komplizierten und oft rauen Welt lebensfähig und erfolgreich sein kann.

Die mündliche Tora

Die zweite Form dieses Gesetzes ist die sogenannte mündliche Tora. Das orthodoxe Judentum geht davon aus, dass parallel zur schriftlichen Tora in den Büchern Mose auch eine mündliche Auslegung überliefert wurde, die von den Ältesten über Generationen weitergegeben und dann in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung im Talmud aufgeschrieben wurde. Die Welt und das Leben verändern sich, es tauchen neue Fragen auf, die neue Antworten verlangen. Viele Gewohnheiten und Traditionen schon zur Zeit Jesu stammen nicht direkt aus der Schrift, sondern aus diesen „Ausführungsbestimmungen“ der mündlichen Tradition. Die Rabbinen haben insgesamt 613 Gebote und Verbote zusammengezählt und aufgelistet. Eine symbolische Zahl, die Summe von 365 Tagen im Jahr und 248, der Zahl der Knochen eines Menschen nach damaliger Zählung. Das Anliegen dahinter ist klar: Die vielen Vorschriften sind nicht die fromme Überwucherung einer Überregulierung, sondern wollen die ganze Lebenszeit und den ganzen Menschen nach dem Willen Gottes formen und ausrichten.
Auch die Kirche hat eine nachbiblische Auslegungstradition, zum Teil durch die Kirchenväter, die Liturgie und die Dogmengeschichte.

Das ins Herz geschriebene Gesetz

Es gibt aber noch eine dritte Form des Gesetzes und des Wortes Gottes: nämlich das ins Herz geschriebene Gesetz. Davon reden schon Mose und die Propheten. Das Wort, das von Gott stammt und Sprache geworden ist, muss ins Herz, ins Leben vorstoßen. Wenn das ganze Gesetz in der Gottes- und Nächstenliebe „aus ganzem Herzen, mit ganzer Seele und ganzer Kraft…“ zusammengefasst werden kann, dann ist seine Befolgung alles andere als Formalismus, ängstliche Regeltreue und lästige Fremdbestimmung.
Das Problem mit den Pharisäern ist nicht, dass sie zu viele und komplizierte Bestimmungen vorgeben, sondern, dass sie an den Vorschriften hängen, ohne mit dem ganzen Herzen, mit dem Leben bei der Sache zu sein und das „Gebot der Stunde“ zu erkennen.
Man kann durchaus das heilige Gesetz, und auch das Kirchenrecht, ganz virtuos und scheinbar treu gegen den Glauben und seine neuen lebendigen Aufbrüche auslegen und anwenden – wie es nicht nur das Schicksal Jesu zeigt.

Jesus vertritt leidenschaftlich, dass die Gesetz gewordene Weisheit Person ist, und so ist ihre Wirksamkeit, die Reinigung des Lebens und des Gottesvolkes ein dialogisches Geschehen: Es beginnt damit, dass Gott, der die Wahrheit und die Liebe ist, schon am Berg Sinai auf uns zugeht und dass er uns jetzt in Jesus in die Hand nehmen will. Und wieder Papst Benedikt wörtlich: „In dem Maß, in dem wir uns von ihm berühren lassen, in dem dieser Dialog zu Freundschaft und Liebe wird, in dem innerste Einheit entsteht, werden wir ein Leib und ein Geist mit ihm, aus seiner Reinheit und Wahrheit werden wir Reine und daher Mithandelnde, Mitliebende mit ihm.“

Das braucht aber viel Zeit und auch viel Gespräch nicht nur im inneren Gebet, sondern auch untereinander, mit dem Unverstandenen und bedrohlich Erscheinenden…
Wenn das Gesetz und die Treue zu ihm ein persönlicher Dialog ist, dann erscheint auch die Spannung von „äußerlich und innerlich“ in einem ganz anderen Licht. Das Gesetz Gottes ist nicht Vergewaltigung, nicht von außen her uns auferlegt, sondern ganz im Herzen, in unserem Gewissen und unserer Vernunft zuhause. Es kommt aus meinem Inneren, aber von einem Anderen, der größer ist als ich.
Trotzdem und gerade deshalb sollte man mit der Geringschätzung der Äußerlichkeiten sehr vorsichtig sein. Ob es der Kirchgang, das Kreuzzeichen oder das Tischgebet ist – die Liebe zu dem unsichtbaren Herrn braucht Zeichen, der Dialog mit der Wahrheit drängt nach außen, vor allem aber zu einem Leben, das sich nicht nur dem Lukrativen und Angesehenen zuwendet, sondern auch den „Waisen und Witwen“, die es am nötigsten haben, und – was Jakobus ebenfalls betont – frei bleibt von den Modeerscheinungen des Zeitgeistes, weil es in der Weisheit und Wahrheit Gottes verankert bleiben will.
In diesem Sinn behält Jakobus Recht mit seiner Mahnung: „Werdet Täter des Wortes und nicht nur Hörer, sonst betrügt ihr euch selbst!“


1 Predigt von Papst Benedikt XVI., Castel Gandolfo, 30. August 2009.

Deuteronomium 4,1-2.6-8; Jakobusbrief 1,17-18.21b-22.27; Markus 7,1-8.14-15.21-23,
22. Sonntag im Jahreskreis B
© Dr. Tamás Czopf, Pfarreiengemeinschaft Starnberg

Theologische Fragen aus biblischen Texten der Liturgie 8

A. Wie im Scheinwerferlicht: Die Taufe (von Tamás Czopf) Diese Überlegungen tragen dem Zusammentreffen einer Taufe im Rahmen des Sonntagsgottesdienstes gerade mit den Texten dieses Sonntags Rechnung.) B. Über die Sendung der Jünger (von Konrad Wierzejewski) A. Wie im Scheinwerferlicht: Die Taufe So scheint die Situation der Kirche zu sein Nach einer vor kurzem durchgeführten […]

A. Wie im Scheinwerferlicht: Die Taufe (von Tamás Czopf)

Diese Überlegungen tragen dem Zusammentreffen einer Taufe im Rahmen des Sonntagsgottesdienstes gerade mit den Texten dieses Sonntags Rechnung.)

B. Über die Sendung der Jünger (von Konrad Wierzejewski)


A. Wie im Scheinwerferlicht: Die Taufe

So scheint die Situation der Kirche zu sein

Nach einer vor kurzem durchgeführten Befragung von Katholiken im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz kamen die Ergebnisse vor ein paar Tagen auch in unserer Regionalzeitung. In dem Artikel stand u.a. der Satz: „Die Menschen erwarten von der Kirche, dass sie in schwierigen Lebenslagen Trost spende und Hilfe anbiete, doch nur knapp die Hälfte der Befragten habe den Eindruck, dass die Kirche diese Erwartung erfüllt.“
Wenn es irgendwo brennt, ruft man die Feuerwehr, wenn man sonst in Not gerät, die Polizei oder den Rettungswagen. Und wenn man Trost und Hilfe braucht, dann sollte auch eine Nummer parat sein, womit man schnell die Kirche rufen kann, dass sie herbeieile, um Trost und Hilfe für zumindest die Seele zu bekommen.
So ähnlich sind die Vorstellungen von vielen auch noch nicht ausgetretenen Kirchenmitgliedern über die Kirche. Solche Personen werden immer wieder und vielleicht zunehmend frustriert, weil die Kirche diese Erwartung nicht erfüllt. Für die Zeitung ist es natürlich unerhört und man verlangt, dass die Kirche endlich mal „da ist, wo die Menschen sind“, sonst wird sie und muss sie untergehen.
So schaut etwas karikiert die gefühlte Lage der Kirche hier im ehedem katholischen Bayern aus. Und man wundert sich geradezu, dass es noch Eltern gibt, die ihre Kinder taufen lassen wollen.

Ich sage das nicht aus Resignation oder um Hämisches über die Kirche von heute auszusagen. Lassen wir ruhig die Frage zu, wozu die Kirche da ist. Was ist ihr Auftrag? Wir können auch so fragen:  Was ist und soll die Taufe mit ihren vielfältigen Zeichen als Vorgabe und Verheißung für das Leben?  Dieser Gottesdienst soll uns – nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch – einer Antwort näherbringen.  

Berufung und was sie mit sich bringt

Wir haben Texte gehört, die wieder sehr viel zu erzählen haben. Der Text aus dem Markusevangelium ist entscheidend wichtig, weil hier mit einfachen Worten von der Geburt der Kirche und so auch von ihrer bleibenden Gestalt berichtet wird. Wie bei den Gleichnissen kommt es auch hier auf den ganzen Vorgang an: Nicht die Aussendung der Jünger in sich ist Kirche, sondern der ganze Prozess mit Berufung, Aussendung, Rückkehr samt Erfolg und Misserfolg.

Der ganze Vorgang hat als bleibenden Ursprung und Quelle die Sendung Jesu. Dabei gibt Jesus den Jüngern Anteil an seiner eigenen Sendung vom Vater her, damit sie in seinem Namen die Gnade weitergeben, die Gott für alle vorgesehen hat. Diese Sendung geht allem voraus; die Jünger gehen nicht im eigenen Namen, sogar Jesus selber spricht nicht im eigenen Namen, sondern sagt, was er vom Vater gehört hat. Aber damit beginnt erst die eigentliche Frage: Wie soll diese Sendung und Verkündigung geschehen? Wie werden die Jünger dieser Aufgabe gerecht?
In unserem Text hat die Antwort drei Dimensionen:
in dem, was sie sagen;
in dem, was sie tun;
und in dem, was sie sind.

1. Was sie sagen:
Die Jünger sollen „das Evangelium verkünden“. Das Wort darf nicht fehlen. Das Evangelium, die gute Nachricht ist das Wort von Gottes Handeln. Gott handelt unerwartet und schenkt überraschend gütig Erlösung und Heil. Das verkünden schon die Propheten, das erlebte schon Israel immer wieder. Das ist kein billiges Wort und als Wort ist es noch das Wenigste. Diese Worte weisen nämlich auf etwas oder jemanden hin, das oder der wichtiger ist als die Worte.

2. Deswegen gehört die zweite Dimension dazu: Was sie tun.
Jesus übergibt den Jüngern zwei Aufgaben: Dämonen, d.h. unreine Geister, auszutreiben und zu heilen. Dämonen gibt es bis heute mehr als man denkt. Sie sind Kräfte und Mächte, die uns unfrei machen: in unseren Gedanken, in unseren Beziehungen, unseren Finanzen und Gewohnheiten, unseren Träumen und Ängsten, und sie können auch in unserem religiösen Glauben still oder laut wüten. Heilung betrifft die „Fesseln“ auf der körperlichen Ebene, die uns versklaven. Es sind also nicht bloß Notsituationen wie ein Todesfall, eine Kündigung oder Trennung – diese Reinigung und Heilung betrifft das ganze Leben, das durch die Sendung und das Eintreten der Jünger neu ausgerichtet werden soll, damit das Evangelium heute für mich eine Freudennachricht ist. Worte reichen nicht, und Taten sind auch noch nicht alles.

3. Diese dritte Dimension der Verkündigung muss auch ins Spiel kommen: Was sie sind.
Diese Dimension ist ebenso unerlässlich wie das Wort und das Tun: nämlich die Jünger selber, ihre Wesensart, was sie ausmacht. Dazu gehört, dass sie Gesandte sind – wie wir hörten, sie kommen nicht aus Eigeninitiative, sondern aus einer kostbaren Sendung. Dazu gehört auch, dass sie jeweils zu zweit sind. Mikrogemeinschaften. Das relativiert den Einzelnen und fügt ihn zugleich in die größere „Körperschaft“ der Jünger und in den Leib der Kirche ein. Jeder von uns wird erst durch die anderen zum ganzen Menschen, auch zum ganzen Christen. Nicht der oder die Einzelne, sondern nur die Beziehung kann gültig von Gott reden und seine Gnade weitergeben, so wie er Beziehung, Weitergebender ist.
Was oder wer die Jünger sind, das zeigt auch ihre reduzierte Ausrüstung. Sie haben bloß einen Wanderstab dabei. D.h. sie werden bald wieder aufbrechen müssen und können sich nicht so richtig niederlassen. Die Verkündigung ist ein Weg, der weitergeht. Und sie besitzen keine Reserven, keine Sicherheiten. Sie sind nicht autonom und können alleingestellt nicht zurechtkommen. So ähnlich wie der Zölibat für den oder die Betroffenen eine gewollte Schwachstelle bedeutet, ist diese Art „Mittellosigkeit“ der Jünger eine Schwäche, die sie auf die Gemeinschaft angewiesen macht; nur das Ganze kann die Lücke „er-gänzen“ und ausgleichen. Die Jünger sollen nicht wie souveräne Alleskönner auftreten und die Leute mit Macht blenden, sondern äußerlich arm, angewiesen auf die anderen mit dem Reichtum ihrer Sendung erscheinen. Diese Vorgabe hatte wohl auch den Grund, dass herumwandernde meist einzelne Männer sich als „Prediger“ immer wieder an Leuten bereichern wollten. Von ihnen sollten sie sich unterscheiden.

Schließlich noch eine letzte Rahmenbedingung, die zur Existenz der Jünger gehört und zur Sendung der Kirche. Etwas, was fast jeden Sonntag auf dem Programm der Texte ist: die Feinde und der Widerstand. Die Gesandten werden nicht überall aufgenommen und können nicht ständig mit Zustimmung rechnen. Es wäre ein Irrtum zu hoffen, dass die Kirche auf breiter Basis die Massen erreichen und überall ankommen müsste. Sie wird zwar immer bei einigen ankommen, weil sie Gottes Heilsplan in sich trägt, wenn auch in zerbrechlichen Gefäßen, ständig von den eigenen menschlichen Schwächen umgeben. Aber das erkennen und akzeptieren nie große Mehrheiten. Deshalb können nicht bundesweit und weltweit aus Politik und Gesellschaft die Dämonen ausgetrieben und die Krankheiten geheilt werden. Aber an jedem noch so versteckten Ort kann es immer wieder Menschen geben, die Gott in der Kirche und Jesus in seinen Jüngern trauen und ihr Leben heilen und neu ausrichten lassen.

Man sieht, die Kirche ist nicht für „schwierige Lebenssituationen“ da, sondern für das ganze Leben. Sie kann nur aktiv werden und eine Hilfe sein, wenn sie aufgenommen und angenommen wird – nicht nur als Wort und als Aktion, sondern vor allem als ein Sein, sei es Jünger-Sein oder Geheilt-Sein.

Markus 6,7-13; 15. Sonntag im Jahreskreis B 2021, verbunden mit einer Tauffeier
© Dr. Tamás Czopf, Pfarreiengemeinschaft Starnberg

B. Über die Sendung der Jünger

Dieser Satz Jesu: „Er gebot ihnen, außer einem Wanderstab nichts auf den Weg mitzu­nehmen, kein Brot, keine Vorratstasche, kein Geld im Gürtel” gehört zu den besonders populären Sätzen der Bibel. Daraus wurde ein gerne gesungenes Lied gedichtet: „Selig seid ihr, wenn ihr einfach lebt.“ Aber trifft das die Botschaft Jesu?

Gesendet für ein einfaches Leben?

Das Ideal eines einfachen, anspruchslosen Lebensstils gab es schon Jahrhunderte vor Jesus bei den kynischen Wander­philosophen der Griechen wie Diogenes; dafür hätte Jesus nicht zu kommen brauchen. Sicher, er überbietet sie noch mit seinem Anspruch, denn ihnen wurde immerhin als Ausrüstung ihr Philosophenmantel, ein Bettelsack und eine Brotkruste als Notration zugestanden. Aber andererseits wurde Jesus als Fresser und Säufer verschrien, weil er gerade nicht diesem damals be­kannten Armuts­ideal folgte. War er selbst da nicht konsequent genug? Und sein erstes Wunder war, dass er für ein Hochzeits­fest Wasser in Wein verwandelte. Ging es ihm vielleicht überhaupt um etwas ganz anderes?

Dieser Satz aus dem Evangelium ist ja nicht aus einer Rede, wo Jesus Lebensregeln aufstellt für alle Menschen, die sich vervollkommnen wollen. Markus nennt die Adressaten: „Er rief die Zwölf zu sich und sandte sie aus.” Die Adressaten sind hier also nicht alle, sondern die Zwölf, namentlich bekannt, nicht einfach die Fähigsten unter denen, die Jesus nach­folgten, oder die Mutigsten, das ganz sicher nicht. Im gleichen Satz heißt es dann: „Er sandte sie aus, jeweils zwei zu­sammen.” Es ist ein Wesensmerkmal, dass sie allein nichts ausrichten konnten. Dabei können wir auch mithören, dass nach dem Gesetz des Mose immer zwei Zeugen notwendig sind, um eine wichtige Sache festzustellen. Die Apostel sollen Zeugen sein für die gekommene Gottesherrschaft.
Aber glaubwürdig als Zeuge wäre keiner von ihnen, und wäre auch kein Christ, für sich allein als überzeugende, integre Persönlichkeit. Ihre Glaubwürdigkeit kommt daher, dass sie, die so Verschiedenen, das gleiche bezeugen. Und auch die Lebensregeln Jesu sind nicht Lebensregeln für einzelne Glaubenshelden, sondern für Menschen, die in der Erfüllung ihres Auftrags aufeinander angewiesen sind, auf Gemeinschaft, auf Gemeinden. Das beginnt bei den Zwölf, die zu zweit ausgesandt werden.

Ein Netzwerk der Jüngerschaft

Und auch zu zweit sind sie nicht nur auf sich gestellt. Wenn wir aufmerksam das ganze Evangelium lesen, finden wir viele Hinweise auf ein differenziertes Netzwerk von Menschen, die auf Jesus hörten. Da sind nicht nur die Zwölf, nicht nur die Jünger, die Jesus ruft, alles zu verlassen und mit ihm zu ziehen. Ein Stück vorher im Markus­evangelium wird von einem Mann erzählt, den Jesus heilt. Dann „bat ihn der Mann, … bei ihm bleiben zu dürfen. Aber Jesus erlaubte es ihm nicht, sondern sagte: Geh nach Hause und berichte deiner Familie alles, was der Herr für dich getan und wie er Erbarmen mit dir gehabt hat. Da ging der Mann weg und verkündete in der ganzen Gegend der Dekapolis [der damals zehn antiken Städte östlich und südlich des See Genezareth], was Jesus für ihn getan hatte.“

So finden wir ganz verschiedene, scheinbar widersprüchliche Worte Jesu zu den Menschen, die ihm nachfolgen wollen, d. h. ganz unter­schiedliche Berufungen: Einem, der sagte: „Ich will dir nachfolgen, Herr. Zuvor aber lass mich von meiner Familie Ab­schied nehmen“, ant­wortete Jesus: „Keiner, der die Hand an den Pflug gelegt hat und noch­mals zurück­blickt, taugt für das Reich Gottes.” Andere, wie der von den Dämonen Geheilte, bekommen die Berufung, nach Hause zu gehen, dort zu erzählen, was sie an sich erfahren haben, und so Stützpunkte von Sym­pathisanten zu bilden. Das waren dann die Häuser, in denen Jesus und seine Jünger aufgenommen wurden, wenn sie umher­zogen. Deshalb konnten sie ohne Proviant umherziehen. Mit ihrer Lebensweise waren sie Zeugen, dass sie ihre Sicherheit nicht mehr aus ihrer Vorsorge beziehen, aus dem, was sie mit sich herum­tragen, sondern aus dem untereinander verbundenen Leben all derer, die sich von der Botschaft Jesu hatten anzünden lassen. So sind diese Sympathisanten für die Sache Jesu und der Kirche genauso wichtig wie die, von denen verlangt ist, alles zu verlassen und keine andere Absicherung zu haben als eben dieses Netzwerk. Jesus sagt: „Wer einen Propheten aufnimmt, weil es ein Prophet ist, wird den Lohn eines Propheten erhalten. Und wer einem von diesen Kleinen auch nur einen Becher frisches Wasser zu trinken gibt, weil es ein Jünger ist – Amen, ich sage euch: Er wird gewiss nicht um seinen Lohn kommen.”
Es gibt also keine Abstufung in der Wertigkeit der Berufung; jeder bekommt den vollen Lohn. Nur kann sich niemand seine Berufung selbst aus­suchen, auch das wird in den Evangelien sehr deutlich.

Dieses differenzierte Netzwerk blieb ein Bauprinzip der Kirche. In der Apostel­ge­schichte fällt auf, wie oft von den Häusern an den verschiedenen Orten die Rede ist, in denen Paulus auf seinen Reisen Aufnahme fand. Das Zeugnis für die Gegenwart der Gottes­herrschaft ist nicht die heroische Hingabe und Anspruchslosigkeit von Einzel­kämpfern, sondern dieses Netzwerk, in dem keiner Not leidet.

Auch heute ist es so, dass eine Gemeinde nur existieren kann als ein differenziertes Netzwerk verschiedener Berufungen: nicht ohne die, die sich heraus­rufen lassen und ganz frei machen für die Nachfolge Jesu, und nicht ohne die, die die Berufung annehmen, in ihren Lebenszusammenhängen ein Netzwerk von Stützpunkten zu bilden.

Die Spannung zwischen König, Priester und Prophet

Die erste Lesung aus  dem Propheten Amos zeigt, dass es kein spannungsfreies Verhältnis ist zwischen den verschiedenen Berufungen. In Israel gab es die Ämter des Königs, des Priesters und des Propheten, von denen König und Priester von ihrem Amt her eine klare Legitimation haben. Aber damit Gott zwischen diesen wohl legitimierten Institutionen sein Wort zu Gehör bringen kann, braucht er noch den Propheten, einen Laien, den er dazu von irgendeiner Arbeit wegholt und der keine Legitimation hat, außer dass sich seine Worte im Nachhinein als richtig erweisen. Im Deuteronomium heißt es: „Wenn du denkst: Woran können wir ein Wort erkennen, das der Herr nicht gesprochen hat?, dann sollst du wissen: Wenn ein Prophet im Namen des Herrn spricht und sein Wort sich nicht erfüllt und nicht eintrifft, dann ist es ein Wort, das nicht der Herr gesprochen hat. Der Prophet hat sich nur angemaßt, es zu sprechen.” Ohne jede Absicherung muss also der Prophet König und Priester kritisieren und die Sicht Gottes einbringen.

Da hat mich einmal jemand gefragt: „Hätte nicht auch der Priester den Standpunkt Gottes vertreten und darin den Propheten unterstützen müssen?“
Ja, ein verständlicher Gedanke. Aber es ist wohl oft so, dass Propheten als Einzelne gegen Viele ihre Botschaft ausrichten mussten. Schon das Deuteronomium weiß von dieser Schwierigkeit. Vielleicht hat es deshalb so früh schon den Gedanken der Gewaltenteilung eingeführt. Es braucht die Amtsträger, aber damit ist noch nicht unbedingt die prophetische Sicht verbunden. Diese Spannung erwies sich als fruchtbar. Es gab die Könige, es gab die Priester, aber es gab eben auch immer wieder, rettend für den Bund, Personen, die frei waren von dieser Bindung und aus dieser Freiheit klarer oder auch schneller sahen, wo der Bund mit Gott gefährdet war.

Das Amt des Propheten ist etwas höchst Ungemütliches für den, den es trifft, aber ganz notwendig im Gottesvolk.

                                    Amos 7,12-15; Epheserbrief 1,3-14; Markus 6,7-13, 15. Sonntag im Jahreskreis B,
                                    © Dr. Konrad Wierzejewski, Pfarreiengemeinschaft Geltendorf


Theologische Fragen aus biblischen Texten der Liturgie 7

Wie kann man das verstehen: ein Gott in drei Personen?oderWie geht das: leben wie der dreieinige Gott? Homiletische Überlegungen auf dem Boden der Texte des Dreifaltigkeitssonntags Aus den großen heilsgeschichtlichen Festen: Ostern – Himmelfahrt – Pfingsten fließen gleichsam weitere Hochfeste hervor, die nicht auf eine biblische Erzählung zurückgehen, sondern einen theologisch wichtigen Aspekt von Gottes […]

Wie kann man das verstehen: ein Gott in drei Personen?
oder
Wie geht das: leben wie der dreieinige Gott?

Homiletische Überlegungen auf dem Boden der Texte des Dreifaltigkeitssonntags

Aus den großen heilsgeschichtlichen Festen: Ostern – Himmelfahrt – Pfingsten fließen gleichsam weitere Hochfeste hervor, die nicht auf eine biblische Erzählung zurückgehen, sondern einen theologisch wichtigen Aspekt von Gottes Wesens-Art feiern: so der Dreifaltigkeitssonntag sowie auch Fronleichnam und das Herz-Jesu Fest. Man nennt sie deshalb auch „Ideen“-Feste. Sie wollen uns tiefer in das einbeziehen, was unsere höchste Bestimmung ist: Gott zu loben für alles, was wir sind, was wir haben und was mit uns geschieht. Denn der Glaube erkennt in all dem Äußerungen von Gottes Anteilnahme und Liebe zu uns:
° Der Vater, der uns geschaffen als sein Ebenbild und Hüter der Erde.
° Jesus Christus, der uns aus allen Völkern zur Erkenntnis des Vaters geführt, damit wir ihn lieben.
° Der Heilige Geist, der uns erneuert und heiligt, damit wir antworten können auf die Liebe des Vaters.

Aber was heißt das alles?

Heute gibt es viele Menschen, die unsicher sind, ob es Gott überhaupt gibt und ob sie daran glauben können. Wenn man anfängt, da noch von Dreifaltigkeit zu reden, ist der Ofen schnell ganz aus. Es gibt Theologen und Priester, die erst richtig in Fahrt kommen, wenn es um die Trinität, um Gottes innerstes Wesen geht. Andere versuchen, möglichst alles Komplizierte zu verschweigen in der Hoffnung, dass manche ihre Ware kaufen, wenn sie keinen allzu hohen denkerischen Preis dafür bezahlen müssen. Wenn man die Hl. Schrift kennt, weiß man, dass hinter der Frage nach Gott keine komplizierten Überlegungen, sondern Erfahrungen und eine Geschichte stecken. Die Frage, die wir im Zusammenhang mit den Texten des Dreifaltigkeitssonntags B beantworten wollen, heißt nicht sofort: Was ist das Wesen Gottes?, sondern zuerst viel einfacher: Was ist die Liebe wirklich?

So wie die Bibel dieser Frage nachgeht, wird weder das Niveau des Denkens gesenkt, noch verliert man sich in Spekulationen. Es lohnt sich immer, zu den Fundamenten zurückzukehren, die im Alten Testament gelegt wurden.

Es geht um einen Weg, eine Geschichte

Im vierten Kapitel des 5. Buches Mose rekapituliert Mose noch einmal die wichtigsten Ereignisse, die es ermöglicht haben, dass das Volk Israel jetzt unmittelbar vor dem verheißenen Land steht und bald dort einziehen kann. Inzwischen ist eine neue Generation aufgewachsen, die es nicht erlebt hat, wie Gott ihre Eltern aus Ägypten befreit hat. Sie müssen aber verstehen, wer sie sind, was für eine Sendung sie haben und welche Alternative Gott mit ihnen vorhat. An diesem Vorgang offenbart sich nämlich auch, wer Gott ist und was sein Ansinnen ist. Es zeigen sich darin drei Schritte:

Erstens beginnt der Text mit der Aufforderung: „forsche nach“. Die junge Generation soll keinen blauäugigen Glauben haben, bloß weil es Mose sagt oder die Alten. Es ist nämlich weder irrational noch unerforschlich, wer Gott ist und wie er handelt. Man kann und soll sehr wohl nachforschen – denn es ist aus der Geschichte ersichtlich, durchaus belegbar, warum dieser Gott größer ist als alle anderen Götter.

Fragt man im zweiten Schritt, welche Belege es gibt, kann man jedenfalls vier nennen:

  1. Mose nennt als allerersten Beleg für Gottes Größe und Einzigartigkeit, dass Gott geredet hat. Das ist noch vor den Großtaten Gottes zu erwähnen: dass er spricht; eine Urerfahrung in der Wüste: Schon aus dem Dornbusch konnte ihn Mose hören und vor allem am Berg Horeb, woran Mose hier erinnert: aus dem Feuer des Berges. Zwar hat nicht jeder alles gehört, denn nur Mose hatte das Privileg, Gottes Worte zu verstehen und zu vermitteln, aber das Phänomen des Redens Gottes wurde allen klar. Dieses „Nicht alle haben es gehört“ weist darauf hin, dass es nicht einfach ein Sprechen war, wie wir sprechen, mit lauten Worten. „Hören“ von Gott her ist eher zu beschreiben als ein hergestellter Gleichklang des Wollen und Verstehens eines Menschen mit dem, was Gott will. Das ganze Volk musss als Folge davon verstehen, dass diese Gesetze auf den Tafeln und der dort geschlossene Bund nicht von Mose stammen. Ein paar Verse vorher motiviert Mose die Israeliten, das Gesetz zu halten, mit den Worten: „Wenn die Völker alle diese Gebote hören werden, dann müssen sie sagen: Was für weise und verständige Leute sind das, ein herrliches Volk!“ Das Sprechen Gottes ist letztlich daran erkennbar, dass und wie sich das Leben der Menschen geändert hat, die diese Worte aufgenommen haben.
  2. Als zweiten Beleg sagt Mose, dass „Gott zu euch gekommen ist, um euch zu befreien“. Es ist immer bewegend, die Schrift so unbekümmert sagen zu hören: Gott sei gekommen. Es ist zwar klar, dass er Mose und Aaron geschickt hat, aber in ihnen ist er selber gekommen, um das Volk zu befreien. Und dass man den Ägyptern entkommen ist und ihr Staatswesen nicht für das Non-plus-ultra hält, sondern ein besseres sucht, das sind Zeichen, dass hier etwas Besonderes vor sich geht.
  3. Kurz vorher findet sich ein dritter Beleg für Gottes Größe: sein Erbarmen. Es heißt: „Denn der HERR, dein Gott, ist ein barmherziger Gott; er wird dich nicht verlassen noch verderben, wird auch den Bund nicht vergessen, den er deinen Vätern geschworen hat.“ Dass ein Volk trotz seiner Schwäche und Untreue nicht ständig mit schlechtem Gewissen und in der Ungewissheit leben muss, sondern immer zu Gott zurückkehren kann, ist ein Beleg für die Barmherzigkeit Gottes.
  4. Und schließlich läuft die Rede des Mose darauf hinaus, dass Gott seinem „Erbvolk“ – wie Israel genannt wird – das Land geben wird.
    Als Israel dieses Buch liest, hat es das Land bereits unter den Füßen, bzw. hat es gerade verloren oder wiedergewonnen, jedenfalls ist das Land ein Faktum – unabhängig von seinen geographischen Grenzen und der politischen Situation. Israel hat inmitten von stärkeren Völkern eine Lebensmöglichkeit bekommen, nicht bloß über Gott nachzudenken und ihn im Kult zu verehren, sondern das Gesetz konkret zu leben.

Im dritten Schritt wird nach den Belegen für Gott auch der Grund erwähnt, warum Gott spricht und kommt, nämlich um zu retten und das Volk ins Land des Friedens zu führen. „Weil er deine Väter geliebt hat und ihre Nachkommen erwählt hat“– heißt es einfach. Hier kommt ausdrücklich das Wort Liebe vor. Aber diese Liebe wurde bereits durch die vorhin erwähnten Dinge umfassend inhaltlich bestimmt: Liebe ist auch bei Gott nicht bloß innere Bewegung des Herzens, sondern Sprechen, Befreiung und die real geschenkte Lebensmöglichkeit nach neuen und guten Gesetzen im Land.

Sohn und Geist als Vermittler der Sprache Gottes

Gut und schön, aber wurde mit diesen Beobachtungen nicht letztlich die Frage der Dreifaltigkeit doch still umgangen? Nicht ganz. Denn Gottes Sprechen, sein Wort aus Liebe, das neues Leben ermöglicht, ist doch identisch mit seinem Sohn, der in Jesus Mensch wurde. Und der Mut und der Wille Israels, auf Gott zu hören, völlig unbekannte und kaum aussichtslose Wege zu gehen, das Leben für die Liebe zu leben und nach jedem Versagen umzukehren, setzt doch die Ausgießung des Heiligen Geistes voraus: Dieser Geist der Liebe ist es nämlich, der für die Identität von Idee und Wort bei Gott und für Verstehen und Tun bei den Menschen sorgt und darin existiert. Auch die Sendung Israels für die Völker, die den Jüngern Jesu nach Ostern auf dem Berg aufgetragen wurde, verbindet die Kirche mit der Sendung des Sohnes Gottes und des Heiligen Geistes in die Welt. Senden, gesandt werden aus Liebe, bitten und gehorchen aus Liebe – das sind die für uns zugänglichen Details der Dreieinigkeit Gottes, in die auch wir durch den Glauben eingebunden sind.

Deuteronomium 4,32-40; Brief an die Römer 8,14-17; Matthäus 28,16-20, Dreifaltigkeitssonntag B
© Dr. Tamás Czopf, Pfarreiengemeinschaft Starnberg