THEOLOGIE AM SONNTAG

Theologische Fragen – aufgegriffen aus biblischen Texten der Sonntage Krankheits-Angst und Heilung Irgendwie kommen einem die Fragen der angegebenen, um die 2000 Jahre alten Schrifttexte bekannt vor: eine gefährliche, ansteckende Krankheit, Abstandsregel, harte Einschränkungen, ein Leben in Abgeschiedenheit, einen Bogen um den anderen machen, manchmal kommt man sich wie aussätzig vor. Oft wurde im vergangenen […]

Theologische Fragen –
aufgegriffen aus biblischen Texten der Sonntage

Krankheits-Angst und Heilung

Irgendwie kommen einem die Fragen der angegebenen, um die 2000 Jahre alten Schrifttexte bekannt vor: eine gefährliche, ansteckende Krankheit, Abstandsregel, harte Einschränkungen, ein Leben in Abgeschiedenheit, einen Bogen um den anderen machen, manchmal kommt man sich wie aussätzig vor. Oft wurde im vergangenen Jahr gefragt, was wohl die Kirche „zu dem Ganzen“ sage. Manche fragten das mit der Hoffnung, dass vielleicht die Kirche eine moralische Entschuldigung liefert, um manche staatlichen Vorschriften nicht so streng halten zu müssen; andere fragten eher ängstlich, damit die Kirche ihre Kompetenzen ja nicht überschreite.

Der medizinisch-ethische Befund

Natürlich ist die Frage sehr komplex und hängt mit vielen anderen Fragen zusammen: Ist Gesundheit wirklich das Wichtigste? Wie gehe ich meinem ständig nahenden Tod entgegen? Was ist ein lebenswertes Leben? Ist hohes Alter ein Wert? Kann man Entscheidungen auf Wahrscheinlichkeiten und Statistiken bauen? usw. usf. Dieser Sonntag stellt zwar nicht solche Fragen, berührt aber das Thema. Die Hl. Schrift antwortet manchmal auf Fragen, die wir nicht gestellt haben und lässt unsere drängenden Fragen scheinbar unbeantwortet, um uns ihre Fragen näherzubringen…

Die Lesung aus dem Buch Levitikus verbindet damaliges ärztliches Fachwissen mit sakraler Autorität. Eine selbständige Naturwissenschaft gab es im Altertum ebenso wenig wie eine von der „Wissenschaft“ abgetrennte Religion.

Die Priester mussten zum Schutz der Gemeinschaft medizinische Diagnostik beherrschen und den Befund ebenso wie Verstöße sanktionieren. Was sieht man daran? Zunächst, dass das Gesetz Israels weder lebensfremd ist noch sich fern ab von der Realität in einer göttlichen Sphäre bewegt. Es beschäftigt sich mit Krankheit und Gesundheit sowohl des Einzelnen wie der Gemeinschaft. Es sind lauter vernünftige und auch hilfreiche Dinge: Abstandsregel, Verdeckung des Mundes, auf Begegnungen achten, Symptome beobachten usw. Der Glaube startet nicht abgehoben im Himmel, sondern hier im menschlichen Alltag mit der Vernunft.

Nur eine Frage nach Krankheit?

Auf der anderen Seite verläuft das gesamte Leben mit oder ohne Krankheit vor Gottes Angesicht. Das dargebrachte Opfer nach einer Heilung ist durchaus angemessen, auch wenn eine Impfung oder Operation sie ermöglicht hat, denn die Funktionen der Natur und die Genialität des Menschen sind Teile Seiner Schöpfung, deren komplexe Zusammenhänge unser Wissen bei Weiten nicht durchblickt. Ein Gebet ersetzt nicht das Aspirin, aber keinem Kranken ist es verboten, die Medizin mit einem Gebet zu begleiten; und keinem Beter ist es verboten, medizinische Maßnahmen zu ergreifen.

Der Blick auf die Stelle bei Markus

Dass Jesus sich nicht über das Gesetz stellt, sieht man daran, dass er den Geheilten zum Priester schickt und auch das entsprechende Opfer verlangt. Gleichzeitig übertrifft seineTat das, was das Gesetz leisten kann. In dem Fall will und kann das Gesetz feststellen und schützen aber nicht heilen. Jesus will aber heilen. Wenn das Reich Gottes gekommen ist –und genau das ist die Botschaft Jesu -, dann ist es logisch, dass die Natur wieder ordentlich funktioniert, was ein wichtiger Aspekt der Gesundheit ist. Das Reich Gottes ist nicht bloß ein angenehmer Gedanke, sondern die geheilte menschliche Realität vor Gottes Angesicht. Aber diese Heilung, hier heißt es „Reinigung“, betrifft nicht nur die Naturgesetze, sondern sie besteht vor allem darin, dass die „Abstandregeln“ Gott gegenüber fallen können.

Es ist sicher, dass Jesus Vermittler von göttlichen Kräften ist. Aber er ist kein Zauberer. Das zeigt, dass die Heilung auch diesmal nach einem Gespräch stattfindet, und wir dürfen davon ausgehen, dass diese Worte entscheidend wichtig für das Evangelium sind – wir sind im ersten Kapitel des Markus-Evangeliums und wie schon die Szenen in der Synagoge und im Haus von Kafarnaum – die dem jetzt in Auge gefassten Text vorausgehen – hat auch dieser Text wieder programmatische Züge.

Ein Schlüsseldialog

Der leprakranke Mann wendet sich an Jesus: „Wenn du willst, kannst du mich rein machen“ – und Jesus antwortet, während er ihn berührt: „Ich will – werde rein“. Das ist ein Schlüsseldialog. Es ist ein Dialog nicht zwischen Arzt und Patient, sondern zwischen Mensch und Gott. Ihre zwei Willen nähern sich einander an, denn die beiden müssen sich begegnen und eins werden; und in dieser Begegnung passiert das Wunder, die Heilung. Der Ruf Jesu hat das Vertrauen ermöglicht und das Vertrauen dann das Wunder. Die Willenseinigung ist das Tiefen-Wunder im Reich Gottes.

Auch noch ein Zweites zeigt, dass Jesus kein Zauberer ist, sondern unseren Glauben braucht, um dem Reich Gottes Raum zu schaffen: Schon zum zweiten Mal verbietet Jesus nach einer erstaunlichen Tat, davon zu erzählen; und schon zum zweiten Mal ist davon die Rede, dass Jesus sich an einsamen Orten aufhält, damit er nicht den Massen der Leute ausgesetzt ist, obwohl er eigentlich zu allen Menschen gehen will.

Wie kommt die von Jesus angesagte „Wende“

Die „endgültige Zeit“, deren Anbruch Jesus mit dem Reich Gottes verkündet und die in seinen Heilungen, Reinigungen und auch in seiner Lehre schon beginnt, diese endgültige, messianische Zeit kommt nicht gewaltsam, sondern leise und ist ständig gefährdet – durch falsche Erwartungen und zu große Hoffnungen, Fehlinterpretationen und vorschnelle, vernichtende Urteile.
Es ist jetzt noch nicht die Zeit der Zeugenschaft, sondern die des Lernens und Zuhörens. Später wird Jesus die Jünger selber aussenden, damit sie weitersagen und tun, was er tut und lehrt. Vielleicht möchte auch Jesus selber erst sicherer sein, welche Kraft das Reich Gottes hat und welche es nicht hat.
Was er schon sicherlich weiß, ist, dass die erstaunlichen, ungewöhnlichen zeichenhaften Phänomene um ihn herum, nicht das Eigentliche sind; sie sind missverständlich, rätselhaft und auch nicht flächendeckend notwendig.

Entscheidend ist viel mehr, dass unser Wille und der Wille Gottes sich begegnen und beieinanderbleiben. Dass die inneren „Abstandsregeln“, mit denen wir Gott uns vom Leibe halten wollen, endlich fallen und dass wir mit unverhülltem Gesicht das unverhüllte Antlitz Gottes in Jesus entdecken und lieben.

Levitikus 13,1-3;44-46; Markus 1,40-45; 6. Sonntag Jkr. B
© Dr. Tamás Czopf

Soll das Fest der Beschneidung Jesu wiederhergestellt werden?

Eine Antwort aus dem Denken des Thomas von Aquin Von Achim Buckenmaier Aus bis heute nicht bekannten Motiven wurde im 20. Jahrhundert der uralte Titel „Beschneidung des Herrn“ aus dem kirchlichen Namen des Neujahrstages gestrichen.

Eine Antwort aus dem Denken des Thomas von Aquin

Von Achim Buckenmaier

Aus bis heute nicht bekannten Motiven wurde im 20. Jahrhundert der uralte Titel „Beschneidung des Herrn“ aus dem kirchlichen Namen des Neujahrstages gestrichen.

„Europa ist in Gefahr, seine Seele zu verlieren“

Zur Erinnerung an Rabbiner Jonathan Sacks Am 7. November 2020 verstarb der ehemalige Oberrabbiner des Vereinten Königreichs, Lord Jonathan Sacks. Die „Jüdische Allgemeine“ zitierte in ihrem Nachruf Ephraim Mirvis, den derzeitigen britischen Oberrabbiner: „Heute hat die Welt eine Tora-Koryphäe und einen intellektuellen Riesen verloren.“ Der Jüdische Weltkongress nannte Rabbi Sacks einen „Theologen von außergewöhnlicher Tiefe […]

Zur Erinnerung an Rabbiner Jonathan Sacks

Am 7. November 2020 verstarb der ehemalige Oberrabbiner des Vereinten Königreichs, Lord Jonathan Sacks. Die „Jüdische Allgemeine“ zitierte in ihrem Nachruf Ephraim Mirvis, den derzeitigen britischen Oberrabbiner: „Heute hat die Welt eine Tora-Koryphäe und einen intellektuellen Riesen verloren.“ Der Jüdische Weltkongress nannte Rabbi Sacks einen „Theologen von außergewöhnlicher Tiefe und moralischer Überzeugung.“ 1

Die israelische Tageszeitung Haaretz charakterisierte ihn am 9. November so: „Jonathan Sacks war die Personifizierung der Widersprüche und Grenzen der modernen Orthodoxie, besonders in der Diaspora: nicht traditionell genug für die Ultraorthodoxen, zu vorsichtig für die nicht orthodoxen Juden und zu fremd für die Israelis.“ Und am Schluss des Nachrufs wird der israelische Philosoph und Autor Micah Goodman zitiert, der Sacks bewunderte: „In seinen philosophischen Schriften über die letzten 15 Jahre wandelte sich Rabbi Sacks von einem bloß jüdischen Theologen zu einem bedeutenden Philosophen der westlichen Welt, ohne dabei seinen jüdischen Patriotismus zu verlieren.“ 2

Der Vorsitzende der englischen katholischen Bischofskonferenz, Kardinal Vincent Nichols, schrieb: „Oberrabbiner Sacks war ein höchst eloquenter Verfechter einiger der größten Wahrheiten der Menschheit, die so oft vergessen werden.“  

Auf Einladung von Kardinal Kurt Koch hielt Rabbi Sacks am 12. Dezember 2011, mitten in der Zeit der Euro-Krise, an der Gregoriana in Rom einen Vortrag: „Hat Europa seine Seele verloren?“ 3 Sein Thema war der Markt bzw. der Kapitalismus in der Form, wie er sich heute in der westlichen Welt präsentiert, und das Korrektur-Potential, das in Europa aus der jüdisch-christlichen Tradition vorhanden wäre.

Wir fassen diesen Vortrag im Folgenden zusammen (Zitate aus dem Vortrag werden in Anführungszeichen kursiv gesetzt).

* * * * *

Lord Sacks gliederte seine Beobachtungen und Überlegungen in drei Schwerpunkte:
1. Die Marktwirtschaft und der demokratische Kapitalismus haben religiöse Wurzeln.
2. Der Markt neigt dazu, gerade die Werte zu untergraben, die ihn hervorgebracht haben.
3. Was tun? „Die künftige Gesundheit Europas in politischer, wirtschaftlicher und kultureller Hinsicht hat eine spirituelle Dimension. Wenn wir diese verlieren, werden wir noch viel mehr verlieren. Um einen berühmten Text des Christentums zu paraphrasieren: Was nützt es Europa, wenn es die ganze Welt gewinnt, aber seine Seele verliert? Europa ist in Gefahr, seine Seele zu verlieren.“

Der tiefgreifende Umbruch im Verhältnis der katholischen Kirche zum Judentum, der durch „Nostra Aetate“ ausgelöst wurde, hat einen Dialog auf Augenhöhe ermöglicht. Nun ist es an der Zeit, daraus einen „Weg der Partnerschaft“ zu machen. Denn inzwischen sind die einander gegenüberstehenden Lager nicht mehr Katholiken/Christen auf der einen Seite, Juden auf der anderen, sondern Juden und Christen stehen auf derselben Seite immer mehr „aggressiven säkularisierenden Kräften“ gegenüber.

Bei allen Unterschieden zwischen Judentum und Christentum sieht Sacks genügend gemeinsame Grundlagen, auf denen sich im Lauf der Jahrhunderte die Marktwirtschaft entwickeln konnte, und zwar in Europa mit seiner jüdisch-christlichen Geschichte und nicht anderswo:

  • Der „biblische Respekt vor der Würde des menschlichen Individuums … Der Markt gibt der menschlichen Wahl mehr Freiheit und Würde als jedes andere Wirtschaftssystem.“
  • Der „biblische Respekt vor dem Recht auf Eigentum“, im Gegensatz zur antiken Sicht, dass die Herrscher das Eigentum eines Stammes oder Volkes als ihr Eigentum betrachten und entsprechend damit umgehen.
  • Der „biblische Respekt vor der Arbeit“: Der Mensch dient Gott durch Arbeit (sechs Tage) wie durch Ruhe (am siebten Tag). Deshalb gelte im Judentum die Schaffung von Arbeitsplätzen als höchste Form von Menschenliebe. „Durch unsere Arbeit und unseren Erfindungsreichtum werden wir, wie die Rabbiner sagen, ‚Partner Gottes im Werk der Schöpfung‘.“
  • Das wichtigste an der Marktwirtschaft sei aber, dass sie es ermöglicht, Armut zu lindern. „Die Rabbiner bevorzugten Märkte und Wettbewerb, weil sie Wohlstand schaffen, die Preise senken, die Auswahl vergrößern, die absolute Armut verringern und die Kontrolle der Menschheit über die Umwelt ausweiten, wodurch das Ausmaß, in dem wir die passiven Opfer von Umständen und Schicksal sind, eingegrenzt wird. Wettbewerb setzt Energie und Kreativität frei und dient dem Allgemeinwohl.“

Der Kapitalismus hat aber auch Grenzen. Er kann zwar Wohlstand erzeugen, ist aber kein System zur gerechten Verteilung des entstandenen Reichtums. Deshalb gibt es schon in der Bibel mit der Einrichtung des Sabbat so etwas wie eine „Struktur der Wohlfahrtsgesetzgebung“, gipfelnd im alle 50 Jahre wiederkehrenden Jubeljahr. Diese Struktur aber beruht auf Freiwilligkeit. „Das Konzept der Wohlfahrt … ist jüdischen Ursprungs und entspringt letztlich demselben generativen Prinzip wie der freie Markt selbst, der Idee, dass jedes Individuum eine Würde nach dem Bild Gottes hat und dass es unsere Aufgabe ist, gesellschaftliche Strukturen zu entwickeln, die diese Würde ehren und fördern.“

Der freie Markt bzw. der Kapitalismus hätte die Möglichkeit, das Eigeninteresse auf das Gemeinwohl hin zu orientieren, tatsächlich geschieht gewöhnlich das Gegenteil. Der Markt macht sich selbst zum moralischen Prinzip, er wird zu einer Ideologie eigenen Rechts.

Zum Zeitpunkt des Vortrags waren die Folgen des Banken- und Finanzcrashs von 2008 noch stark wirksam, die Euro-Währungsunion steckte in einer tiefen Krise. Das stellte deutlich die Frage nach der Verantwortlichkeit und Kontrollierbarkeit in internationalen Unternehmen und machte das völlige Fehlen jener freiwilligen Maßnahmen deutlich, die die Würde des Menschen „ehren und fördern“. Das Muster einer solchen Entwicklung formulierte der italienische Geschichts- und Rechtsphilosoph Giambattista Vico (1668–1744): „Die Menschen spüren zuerst, was notwendig ist, überlegen dann, was nützlich ist, kümmern sich dann um den Komfort, erfreuen sich später an Vergnügungen, lösen sich bald im Luxus auf und werden schließlich verrückt, indem sie ihre Besitztümer verschwenden.“

Doch das Problem ist viel älter. Rabbi Sacks schreibt: „Dies hat Moses vor langer Zeit als Erster und am eindringlichsten gesagt. Das Thema seiner großen Reden im Buch Deuteronomium ist, dass nicht die Not die wahre Prüfung ist, sondern der Wohlstand. Wohlstand macht selbstgefällig. Man hat nicht mehr die moralische und geistige Kraft, die für die Verteidigung der Freiheit notwendigen Opfer zu bringen. Die Ungleichheiten wachsen. Die Reichen werden selbstgefällig. Die Armen fühlen sich ausgeschlossen. Es gibt soziale Spaltungen, Ressentiments, Ungerechtigkeiten. Die Gesellschaft ist nicht mehr kohärent. Die Menschen fühlen sich nicht mehr durch ein Band der kollektiven Verantwortung verbunden. Der Individualismus überwiegt. Das Vertrauen nimmt ab. Das Sozialkapital schwindet. Wenn das geschieht, wird man besiegt.“

Ein Blick auf die gegenwärtige Gesellschaft zeigt die Fehlentwicklungen und ihre Folgen schon bei Kindern und Heranwachsenden. Aber es hat über die Jahrhunderte ein Korrekturpotential gegeben, das auch heute noch in der jüdisch-christlichen Tradition vorhanden ist. Fünf Merkmale dieser Tradition auf jüdischer Seite gibt es, „die weitgehend vom Christentum geteilt werden“. Dieses Potential zur Korrektur haben sie, weil sie „nicht auf der Grundlage wirtschaftlichen Kalküls“ entstanden sind. Sie sind Bereiche, in die der Markt und seine Gesetze sich nicht einmischen dürf(t)en:

  1. Der Sabbat: die „Grenze, die das Judentum um die wirtschaftliche Aktivität zieht“, wo es um die Dinge geht, „die einen Wert, aber keinen Preis haben“. „Es ist der eine von sieben Tagen, an dem wir aufhören, unseren Lebensunterhalt zu verdienen und stattdessen einfach leben.“
  2. Ehe und Familie: „Wenn Juden Tragödien überlebt, Glück gefunden und mehr als nur ihren Teil zum menschlichen Erbe beigetragen haben, dann, so vermute ich, liegt das an der Heiligkeit, mit der sie die Ehe ausgestattet haben, und an der Art und Weise, wie sie die Elternschaft als ihre heiligste Aufgabe betrachteten.“
  3. Bildung: Juden „waren die erste Zivilisation, die vor zweitausend Jahren eine universelle Pflichtschulbildung aufbaute, die von der Gemeinschaft finanziert wurde, um sicherzustellen, dass jeder Zugang zu Wissen hatte. … Die Juden überließen die Bildung nicht den Launen des Marktes. Sie ließen den Markt der Sache der Bildung dienen.“
  4. Das Konzept des Eigentums: „Tief im jüdischen Denken verankert ist die Idee, dass wir das, was wir besitzen, letztlich nicht besitzen. Alles gehört Gott, und was wir haben, verwalten wir treuhänderisch.“
  5. Die jüdische Rechtstradition: Sie stellt einen Rahmen dar, innerhalb dessen sich jüdische Kreativität entfalten kann, d.h., sie setzt der Kreativität gleichsam Grenzen.

Diese Merkmale gehören zum „Heiligen“, also jenem „Bereich, in dem der Wert der Dinge nicht nach ihrem Marktpreis oder wirtschaftlichen Wert beurteilt wird.“ Die fortgeschrittenen Volkswirtschaften unserer Tage sind in Gefahr, weil in ihnen der Markt seine eigentlichen Grundlagen zerstört.

„Was können wir tun, wir, die wir, weil wir Vertrauen in Gott haben, Vertrauen in Gottes Glauben an die Menschheit haben? Es gibt einen bezeichnenden Ausdruck, den Papst Benedikt XVI. oft verwendet hat: kreative Minderheit. … Mein Vorschlag ist also, dass Juden und Katholiken versuchen sollten, gemeinsam kreative Minderheiten zu sein. Ein Duett ist mächtiger als ein Solo. Unter Verzicht auf jegliches Machtstreben sollten wir versuchen, die am meisten vernachlässigte einzige Energiequelle in einer konsumorientierten, profitmaximierenden Gesellschaft zu fördern, nämlich die Macht des Altruismus.“

Was wäre nötig, um diesen Vorschlag in die Tat umzusetzen?
• Führungskräfte aus der Wirtschaft, die verstehen und „lehren, dass Märkte Moral brauchen“, und wissen, dass „das Gewissen nichts für Schwächlinge ist“;
• die Dinge, „die einen Wert, aber keinen Preis haben“,  müssen ihren Platz in der Gesellschaft wiederbekommen;
• das Prinzip des Sabbat, der dem Markt seine Grenzen setzen kann, muss wiederbelebt werden, und
• der Relativismus, der uns weismacht, dass es kein richtig oder falsch gibt, muss abgelegt werden.

Daher das Fazit von Rabbi Jonathan Sacks:

„Den Euro zu stabilisieren, ist eine Sache, die Kultur, die sein Umfeld bildet, zu heilen, eine andere. Eine Welt, in der materielle Werte alles und geistige Werte nichts sind, ist weder ein stabiles Gebilde noch eine gute Gesellschaft. Es ist an der Zeit für uns, dass wir die jüdisch-christliche Ethik der Menschenwürde nach dem Bild Gottes wiederfinden. Wenn Europa seine Seele zurückgewinnt, wird es seine vermögensbildenden Energien zurückgewinnen.“


1. https://www.juedische-allgemeine.de/juedische-welt/trauer-um-rabbi-jonathan-sacks/, letzter Zugriff 15.11.2020.

2. “Jonathan Sacks personified the contradictions and limitations of Modern Orthodoxy, especially in the Diaspora – not being traditional enough for Haredim, too cautious for non-Orthodox Jews, and too foreign for Israelis.” “In his philosophical writing over the last 15 years, Rabbi Sacks transformed from being just a Jewish theologian to becoming a major Western philosopher, without losing his Jewish patriotism in the process.”  https://www.haaretz.com/world-news/europe/.premium-1948-2020-the-contradictions-of-rabbi-jonathan-sacks-1.9296650

3. Das englische Original ist nachzulesen unter https://rabbisacks.org/has-europe-lost-its-soul-transcript-of-lecture-delivered-at-the-pontifical-gregorian-university-rome/. Die Zitate im Text sind der deutschen Arbeitsübersetzung des Lehrstuhls entnommen.

Ein ungewohnter Blick auf Allerheiligen

Eine Homilie von Tamás Czopf Allerheiligen ist das reichste Erntefest der Kirche. Zwar ist auch dieses Fest tief in Ostern, dem ersten großen Erntefest im Frühling, verwurzelt, die Wurzeln gehen jedoch noch viel tiefer. Wir hörten aus dem Buch Deuteronomium, wie zwei gegenseitige „Erklärungen“ zwischen Gott und seinem Volk ausgetauscht wurden: Gott erklärt dem Volk, […]

Eine Homilie von Tamás Czopf

Allerheiligen ist das reichste Erntefest der Kirche. Zwar ist auch dieses Fest tief in Ostern, dem ersten großen Erntefest im Frühling, verwurzelt, die Wurzeln gehen jedoch noch viel tiefer. Wir hörten aus dem Buch Deuteronomium, wie zwei gegenseitige „Erklärungen“ zwischen Gott und seinem Volk ausgetauscht wurden: Gott erklärt dem Volk, dass er es als sein Eigentumsvolk und heilig behandelt und das Volk verspricht Gott, auf seinen Wegen zu gehen und auf seine Stimme zu hören. Was hier beschrieben wird, das sind schon sichtbare Früchte, die zwar noch eine lange Zeit der Reife brauchen werden, aber sie kündigen bereits mit großer Zuversicht die Ernte an, die wir heute feiern.

Aber die Geschichte geht noch weiter zurück und hat kosmische Dimensionen. Ich wage die Behauptung, dass das Allerheiligenfest mit dem Urknall begann. Heiligkeit ist nämlich die letzte Stufe der Evolution.

Urknall, Galaxien, schwarze Löcher …

Schon die oberflächlichste Beschäftigung mit unserem Weltall und seiner Entwicklung verblüfft und fasziniert. Auch wenn jede Erkenntnis über das Universum mit unzähligen Fragen umgeben ist, was man dennoch weiß, erschüttert und beeindruckt einen tief. Die schier unbegreiflichen Maße in Zeit, Raum, Geschwindigkeit, Temperatur, Masse und Energie machen den denkenden Menschen ganz klein. Aber noch faszinierender finde ich das offensichtliche Streben des Ganzen nach einem Fortschritt und einer Entwicklung, die dem Betrachter nicht unbedingt logisch, aber auch nicht zufällig erscheint. Dass nach irgendeinem Anfang, den man Urknall nennt, ein Durcheinander von Energie und Materie entsteht, ist noch prinzipiell annehmbar; dass dieses Chaos sich in Galaxien und schwarze Löcher ordnet, kann man noch akzeptieren. Aber dass unter bestimmten Bedingungen auf einmal immer komplexere Verbindungen entstehen, die irgendwann Leben hervorbringen, kommt einem äußerst merkwürdig vor und ist eher ein Fehlprodukt in einem System, das auf Ausgleich, Zerfall, Nivellierung, Abbremsung ausgelegt ist. Die Entropie müsste eigentlich doch alles zu einem unzerstörbaren langweiligen lauwarmen Halbdunkel reduzieren. Dagegen entsteht jedoch vielfältigstes Leben, das äußerst gefährdet, zerbrechlich und instabil ist. Es setzt aber eine neue Dynamik des Wachstums und der Weiterdifferenzierung frei, bis immer kompliziertere Pflanzen und Tiere auftauchen, alles auf Kosten der jeweils anderen und zugunsten der Weiterentwicklung der Arten.

… und das Anthropozän: Genialität aber auch irrationale Bosheit des Menschen

Und dann, zu allem Überfluss, streckt aus der Biosphäre ein Wesen seinen Kopf empor, das nicht nur lebt, sondern mit einer ungeheuren Gehirnleistung denkt, kombiniert, reflektiert, plant, hinterfragt und phantasiert: der Mensch und mit ihm das sog. „Anthropozän“, das Zeitalter, wo der Mensch zu einem wichtigen Einflussfaktor auf die Erde wird. Damit entsteht zugleich die sog. „Noosphäre“, die Welt des Geistes samt Kunst, Literatur, Wissenschaft und Technik. Der Mensch ist – auch wenn ein neuartiges Corona-Virus ihm ordentlich zu schaffen macht – allem überlegen. Aber er ist auch das am meisten gefährdete und zugleich das gefährlichste Geschöpf. Wenn bis dahin auf der Erde und im Kosmos die neuen Wendungen von unvorhersehbaren Zufällen, Koinzidenzen und Konstellationen verursacht wurden, erscheint jetzt neben dem Zufall in immensen Zeiten und Räumen etwas Neues: die unerwartbare Genialität, aber auch die berechnende oder irrationale Bosheit des Menschen. Alles in allem, es ist eine unglaubliche Leistung der Materie, dass nach etlichen Milliarden Jahren wir hier sitzen, mit Tugenden und Sünden, mit Bildung und Missbildung zwischen Utopie und Wirklichkeit, Verheißung und Verfehlung. Es muss von den allerersten Anfängen an gleichsam einen Drang der Materie gegeben haben, der trotz zerstörerischer Elemente den Menschen hervorgezaubert hat, der die brutalsten Waffen genauso wie die Musik Bachs und Mozarts und die schönsten Romane und die Bibel hervorgebracht hat. Gottes Schöpfung geschah in einer beeindruckenden Art und Weise, indem Gott in der Weise Hand anlegte, dass er die Zeit und die Materie arbeiten ließ.

Aber gerade unsere im Vergleich unheimlich kurze Menschheitsgeschichte zeigt, dass in dieser Entwicklung noch eine Stufe aussteht. Die zielgerichtete Evolution kann nicht mit dem zwiespältigen, janusgesichtigen Wesen Mensch enden; sie wird erst vollständig, wenn sie im Ebenbild Gottes mündet, das seinem Schöpfer mit aufrichtigem Dank und ehrlicher, ständiger Umkehr entgegentritt. Und so geschah es: Inmitten der „Noosphäre“ der Vernunft entsteht die „Hagiosphäre“, die Stufe der Heiligkeit und der Heiligen.

Natürlich schafft Heiligkeit keine neue Gattung in der Evolution, und doch beschreibt sie ein neues Wesen, das nach einer langen und mühsamen Entwicklungs-Geschichte entstand, diesmal nicht durch Mutation und Selektion mit Hilfe von Zufall, sondern durch Freiheit, Vernunftgebrauch, Gewissen und Mut, in der Suche nach Wahrheit und Glauben Opfer zu bringen und selbst Opfer zu werden.

Der letzte Schritt der Evolution: ein bewusster Schritt der Freiheit und des Vertrauens auf die Kraft Gottes

Der letzte Schritt der Evolution ist ein bewusster Schritt der Freiheit und des Vertrauens auf die Kraft Gottes, welche die ganze Evolution auf dieses Ziel hin antreibt, anzieht, wie das Geliebte den Liebenden.

Die Vision der Lesung aus der Offenbarung des Johannes erblickt die 144 000, die Vollzahl Israels, die aus dem gegenseitigen Ja zwischen Gott und seinem Volk unter Mose hervorgegangen ist. Und neben ihnen eine große Schar weiß Gekleideter, die ihre Gewänder reingewaschen haben im Blut des Lammes. Das Blut Jesu, sein Eintreten für die gewaltlose Wahrheit und seine Nachfolge in den Fußstapfen der Väter Israels vollenden diesen neuen Evolutionssprung zur Heiligkeit. Die Seligpreisungen der Bergpredigt bei Matthäus beschreiben noch einmal denselben „neuen Menschen“, und man merkt, es kommt eine weitere Stufe der Zerbrechlichkeit und zugleich der Stabilität zum Leben und zur Kultur hinzu: Armut vor Gott, Standhaftigkeit in der Bedrängnis, Geduld in der Verfolgung, Zuversicht unter Tränen… Sie scheinen eigentlich Kennzeichen eines Rückschritts und Verfalls zu sein, sind aber im Gegensatz: Krone der Schöpfung, Ankunft bei der Bestimmung und Berufung, die seit Erschaffung der Welt alles zu Gott ziehen will. Denn diese Möglichkeit der Gottähnlichkeit vibriert schon im Urknall als Gottes Plan und Traum. Trotz und mit jeder Schwierigkeit und Gefährdung in Natur und Unkultur besteht diese Möglichkeit jeden Tag für jeden von uns. Und dass sie auch Wirklichkeit werden kann und geworden ist, das feiern wir heute am Allerheiligentag im Jahre 2020.

Von Wunschvorstellungen zu den Voraussetzungen eines „synodalen Weges“ – Leitung der Kirche durch den Heiligen Geist

Was ist die Berufung der Kirche?

Bei den vergangenen Diskussionen um den synodalen Weg am Amazonas oder in der deutschen Kirche ging es vor allem um eine größere Mitbeteiligung der Laien, besonders der Frauen, sowie um eine bessere Inkulturation beziehungsweise größere Nähe zu den Nöten des heutigen Menschen. Andere aber sehen als erstes Erfordernis eine Antwort auf die innerkirchliche Glaubenskrise in der abendländischen Kirche. Jeder weiß, dass die Kirche eine bessere Lösung haben muss als bloß das Mehrheitsprinzip. In ihr soll der Heilige Geist leiten. Aber wie kommt er zum Zug? Wie hängen seine Wirksamkeits-Bedingungen mit der Verfassung der Kirche und mit dem Leben der Gemeinden von Sonntag zu Sonntag und zwischen Fest und Fest zusammen?

So wie das Gotteswort nur im Menschenwort laut werden kann, so kann auch der Geist Gottes nur den Weg durch einen menschlichen Geist nehmen. Alle sind deshalb gefirmt und haben das allgemeine Priestertum, einige haben darüber hinaus noch die Priester- oder auch Bischofsweihe. Das Gottesvolk hat durchgängig eine sakramentale Struktur; auch seine Zusammenkünfte gipfeln in der sakramentalen kultischen Versammlung. Der Priester und das Abendmahl erinnern an die Geschichte Gottes mit Jesus und dem Tisch der Zwölf und an die Geistgabe an die Urgemeinde in Jerusalem, damit die Wiederholbarkeit der geisterfüllten Urkirche immer wieder Faktum wird, durch die ganze Weltgeschichte hindurch.

Fassen wir die Voraussetzungen einer Leitung der Kirche durch den Heiligen Geist, die eher ein Empfangen als ein Machen ist, in drei Hauptpunkten zusammen:

1) Die erste Aufgabe und Berufung der Kirche ist es, der Hilfe Gottes für die Völker ein eigenes neues Volk zu sammeln, das wie die Propheten Israels und die Heiligen im Kalender der Kirche die Geister zu unterscheiden vermag und das erlöste Leben vorbildlich vorlebt. Die Fehlbarkeit des Menschen bleibt natürlich auch in unserer Kirche erhalten bis hinauf in den Klerus und äußert sich in vielen Formen, auch im Ausweichen auf den Zeitgeist, in einer falschen Rücksicht auf die Schwachheit der Menge statt im Mut zur kleinen Herde, und – im Notfall der Verfolgung – in der Angst vor der Martyria.

Kardinal Joseph Ratzinger beschrieb in seiner Silvesterpredigt 1979 den Glauben so: „Er bringt mich über die Mauer meines Ich hinüber zur Berührung der Wirklichkeit selbst gerade dadurch, dass er mich ins Wir aller Glaubenden einfügt. (…) Wenn wir im Glaubensbekenntnis sagen ‚Ich glaube‘, dann ist mit diesem ‚Ich‘ ursprünglich die Kirche als Ganze gemeint. Sie vollzieht den Akt des Glaubens, und mein Glaube ist Mitglauben mit ihr. Mein Ich beteiligt sich an ihrem größeren Ich. Und so, in diesem Getragensein, findet es den Weg, den allein niemand gehen kann. Glauben ist immer mitglauben.“ (Zeitfragen und christlicher Glaube, Verlag Naumann, Würzburg 21983, 19).

Joseph Ratzinger beschrieb, warum die horizontale Vereinigung, die mit dem Wort Communio zusammengefasst ist, nicht kongregationalistisch aufgefasst werden darf wie in Freikirchen, sondern den Bischof, die Gemeinschaft der Bischöfe, sowohl das Nachbarschaftsprinzip wie die lebendige Beziehung mit Rom braucht. Er folgert: „Das Apostolisch- und das Katholisch-Sein dient dem Einssein, und ohne Einheit gibt es auch keine Heiligkeit, weil es ohne Liebe keine Heiligkeit gibt; weil Heiligkeit sich wesentlich in der Integration des einzelnen und der einzelnen in die versöhnende Liebe des einen Leibes Jesu Christi hinein vollzieht. Nicht die Vervollkommnung des eigenen Ich bewirkt Heiligkeit, sondern die Reinigung des Eigenen durch sein Eingeschmolzenwerden in die allumfassende Liebe Christi.“ (Zur Gemeinschaft gerufen, Herder, Freiburg-Basel-Wien 1991, 89).

2) Der Kreis einer kirchlichen Versammlung – von der kleinen Gemeindeversammlung bis zum Konzil –  hat überall und immer folgendes Doppelprinzip für die Leitung durch den Heiligen Geist und dessen Beistand in der Kirche: Versammlung und Gewissen der einzelnen Person.

Durch jeden, auch den jüngsten, kann der Heilige Geist sprechen, wie im demokratischen Modell entscheidet zunächst die Mehrheit, wo und wie er sprach; aber zuletzt muss das Amt (Priester für die Gemeinde, Bischof für die Ortskirche, Papst für das Konzil) die Beschlüsse gutheißen. Das bedeutet, dass auch die katholische Kirche bei ihren zwei Schwerpunkten (Mehrheit der Versammlung und Gewissen der Einzelperson) dem Gewissen der Person das entscheidende Gewicht gibt.

Auf den Protestantismus hin ist in diesem Zusammenhang zu sagen: es geht um das Gewissen derjenigen Person, die als Hirte die größere Verantwortung und Erfahrung besitzen sollte. Der römische Bischof muss im Angesicht seiner Gemeinde, die über den Gräbern der Märtyrer Petrus und Paulus errichtet ist, die Konzilsbeschlüsse der Mehrheit unterschreiben können – ebenso wie der ärmste Priester der kleinsten Herde für die Einheit seiner Gemeinde mit der Kirche sorgen muss.

Joseph Ratzinger erinnert an die dem Zeitgeist fremd gewordene Kreuzestheologie und an das Zeugnis, das der Bischof von Rom zu geben hat: „Die Märtyrer (Petrus und Paulus), die den Glauben in der übernationalen Einheit der Gesamtkirche und ihrer Überlieferung dem national-königlichen Christentum gegenüberstellen, sind die Wegweisung dafür, wo der Christ als Christ in diesem Streit zu stehen hat. (…) Sterben kann man nur persönlich. Von der im Martyrium persönlich verantworteten Zeugenschaft als Verifizierung des Zeugnisses für den Gekreuzigten und am Kreuz Siegreichen her ist der Primat als Bezeugung des Christusbekenntnisses zuerst zu verstehen. Primat figuriert auf dem Grund solcher Martyriumstheologie wesentlich als die Gewähr des Gegenüber der Kirche in ihrer katholischen Einheit zur stets partikulären weltlichen Macht.“ (Der Primat des Papstes und die Einheit des Gottesvolkes, in: Dienst an der Einheit, Patmos, Düsseldorf 1978, 173).

Jeder Getaufte ist an diese Zusammenhänge bei der Eucharistiefeier erinnert: „Eucharistie ist weit mehr als bloß ein Mahl; sie hat einen Tod gekostet, und die Majestät des Todes ist anwesend in ihr“ (Gott ist uns nah, Ulrich Verlag, Augsburg 2005, 43).

3) Die Kirche kennt den „unfehlbaren sensus fidelium“ der Gesamtkirche. Sie hat dabei weniger die Lehrer an den theologischen Fakultäten im Blick als den tatsächlichen Glauben der Einfachen, weil sie den gelebten Glauben betont und nicht die Gelehrsamkeit. Das setzt allerdings die richtige Kenntnis des christlichen Glaubens voraus. Es herrschte z.B. „vor Auschwitz“ gewiss ein Mangel bei der Erinnerung an den ganzen Weg der Heilsgeschichte: Die jüdische Wurzel war schon in der Lehre vergessen und verdrängt worden – sie gilt es heute als die Kraft aus dem „Ölbaum Israel“ wieder zu gewinnen.

Die Orientierung der Ortskirche an der Gesamtkirche, also der Primat Roms ist die notwendige Folge im Bemühen um die Freiheit der Kirche gegenüber den politischen Mächten. Der mit Kaiser Konstantin beginnende Sieg des Christentums in der Welt hatte zwei Seiten. Die schlechte zeigte sich im Verlust der Kraft einer Weltzuwendung im Sinn des Salzgleichnisses im Evangelium. Diese Weltzuwendung und Weltgestaltung war seit jeher ein Charakteristikum der jüdischen Tradition. In der Neuzeit begann man, in einem Fortschrittsoptimismus das Versagen gegenüber den Zeitnöten positiv umzudeuten und das Mittelalter als nichtchristliches Ideal anzusehen: Die Eigenständigkeit der Welt sei der Sinn der Weltzuwendung der Kirche. Das Modewort Communio ist folglich weithin banalisiert worden zu einem Pluralismus nach weltlichem Maßstab.

Joseph Ratzinger sagte schon 1966 in seinem Vortrag auf dem Bamberger Katholikentag: „So begannen allmählich die Parolen vom Heimholen und von Taufen fragwürdig zu werden; die Idee der weltlichen Welt wurde modern, d. h. der Gedanke, dass der christliche Auftrag gar nicht die Verchristlichung der Welt sei, sondern vielmehr die Freisetzung der Welt in ihre Weltlichkeit hinein, Anerkenntnis der Welt als Welt, die eben als solche zu belassen und zu respektieren sei.“ (Der Katholizismus nach dem Konzil, in: Das neue Volk Gottes, Patmos, Düsseldorf 1972, 144).
Joseph Ratzinger kritisierte 2002: „Wer heute von Communio-Ekklesiologie spricht, meint im allgemeinen zweierlei: Er will eine plurale, sozusagen föderative Ekklesiologie einer zentralistischen Auffassung von Kirche entgegenstellen, und er will die gegenseitige Verflochtenheit der Ortskirchen im Austausch von Geben und Nehmen, wie auch den Pluralismus ihrer kulturellen Ausdrucksformen in Kult, Disziplin und Lehre unterstreichen. Auch wo diese Tendenzen nicht im einzelnen ausgeprägt sind, wird doch Communio generell in einem horizontalen Sinn verstanden.“ (Unterwegs zu Jesus Christus, Ulrich Verlag, Augsburg 32005, 116).

Jede Unterscheidung der Zeichen der Zeit durch Theologen steht folglich in einem größeren Kontext, wie Joseph Ratzinger festhält: „Die Kirche als lebendige und in den Wandlungen der Geschichte beständiges Subjekt ist vielmehr der Lebensraum des Theologen; in ihr sind die Erfahrungen des Glaubens mit Gott verwahrt. Theologie kann nur dann geschichtlich bedeutsam bleiben, wenn sie diesen ihren Lebensraum anerkennt, sich in ihn einsenkt und von innen her an ihm Anteil gewinnt. (…) Sie braucht das innere Teilnehmen am Lebensgefüge der Kirche; den Glauben, der Gebet, Betrachtung, Leben ist.“ (Wesen und Auftrag der Theologie, Johannes, Einsiedeln – Freiburg 1993, 93).

Überarbeitete Auszüge aus einem Vortrag von Prof. Ludwig Weimer bei einem Präsenzseminar 2019 des Fernstudiums Theologie des Volkes Gottes in Rom

Keine Sintflut mehr, sagt die Taube

Vielleicht muss uns als Kirche ja noch viel mehr die Frage beschäftigen, wie unsere tote Kirche wieder zum Leben kommen kann. Das heißt: Christen können in der Pandemie ein Zeichen sehen, so wie die jüdischen Propheten mit Zeichenhandlungen und Jesus mit Gleichnissen Erfordernisse der Stunde verdeutlicht haben.

von Prof. Dr. Ludwig Weimer

Wer kennt noch das Zählen der Wochen in Genesis 8? Die literarisch-philosophischen Schreiber in der „WELT“ und in der „ZEIT“ suchen nach dem Sinn der Heimsuchung und des Stillstands. Sie stimmen darin überein, dass wir heute keine mythisch-religiöse Deutung in Richtung Strafe für Sünden der Gesellschaft suchen können oder gar einen mahnend erhobenen Finger des Schöpfergottes. Wer meint, versündigt hätten wir uns „an den Menschenrechten, am Rechtsstaat, den Rechten der Tiere, am Klima, an den Ozeanen und an der Erde“ (WELT) , muss ein Pole sein; und er ist es auch (Szczepan Twardoch, 40 Jahre alt). Corona trifft alle, wie schon das Erdbeben in Lissabon sogar die Falschen am meisten traf: Die zum Gottesdienst im Dom Versammelten. Wir sind restlos aufgeklärt. Aber damit ist uns noch nicht geholfen. ­

Thomas Assheuer sagt es ohne moralischen Zeigefinger wissenschaftlich: „Das Virus ist nicht mythenfähig; keiner hat schuld an seiner Entstehung. – Jetzt ist es nicht mehr der Allmächtige, der strafend in das Weltgeschehen eingreift; nun ist es die Erde persönlich.“ (ZEIT) Wir hätten uns zur „Weltrisikogesellschaft“ (Ulrich Beck) hinaufentwickelt. Wenn nur die Weltwirtschaft nicht zusammenbricht! Hierfür gebraucht auch Assheuer den religionskritischen Begriff Aberglauben an den magischen Markt. Und sogar das längst aufgegebene Wort Wahrheit holt er in folgender Form zurück: „Die Reaktion auf die Seuche enthüllt die innere Wahrheit der Weltgesellschaft, den Kampf aller gegen alle.“ An dieser politischen Sicht fehlt etwas. Was er gar nicht erwähnt, sind die selbstverständlichen Heldentaten derer, die ihr Leben für andere opfern.

Wir stimmen überein: Keine Strafe Gottes. Aber? Am Freitag sah ich Papst Franziskus zu Füßen des Pestkreuzes und der alten Marienikone Roms mit der Monstranz um himmlische Hilfe bitten und die Welt segnen. Natürlich kein Mittel gegen das Virus, das Leib und Leben bedroht. Aber eines für die Seele. Ein Kollege, er ist Pfarrer in Bayern, hat mir seine heutige Sonntagspredigt zur Totenerweckung des Lazarus geschickt.

Darin sagt er: „Vielleicht muss uns als Kirche ja noch viel mehr die Frage beschäftigen, wie unsere tote Kirche wieder zum Leben kommen kann. Müssen nicht auch wir mit klarem Blick unsere Situation so benennen, dass unsere Kirche, unsere Gemeinden bereits angefangen haben wie ein Toter zu riechen? Müssen nicht auch wir bekennen, dass unsere Aktionen diesem Leichnam nicht mehr zum Leben verhelfen können? All unsere gut gemeinten Planungen, Organisationen, synodalen Wege etc.“

Das heißt: Christen können in der Pandemie ein Zeichen sehen, so wie die jüdischen Propheten mit Zeichenhandlungen und Jesus mit Gleichnissen Erfordernisse der Stunde verdeutlicht haben. Hier ist nicht der Ort, das weiter auszuführen.

Ich möchte uns etwas aufheitern und zitiere für die Agnostiker, wie man im säkularen Israel mit Witzen die Corona-Angst bekämpft:

Wie sollen wir arbeiten“, fragt ein Internetnutzer seinen Gesundheitsminister, „wenn du uns Quarantäne und so harte Einschränkungen auferlegst?!“ – Antwort: „Ich und meine Gemeinschaft arbeiten ein ganzes Leben lang nicht. Und ihr heult jetzt schon wegen ein paar Wochen?! Schämt euch!“

Und: „An einer der typischen Falafelbuden hängt ein Schild auf Arabisch und Hebräisch: ‚An alle, die sich über den neuen Geschmack des Schawarma und der Falafel in der letzten Zeit beklagt haben: Macht euch keine Sorgen! Der Grund dafür ist, dass unsere Mitarbeiter sich die Hände waschen. Mit Gottes Hilfe wird der ursprüngliche Geschmack bald wieder zurückkehren.‘“

Oder: „Ein Paar mit Atemschutzmasken kommt in die Postbank. Alle sind in Panik. Da rufen die beiden: ‚Beruhigt euch. Dies ist nur ein Bankraub!‘“