Das 3. Kapitel des Philipperbriefes und die Kirchenreform: Gedanken in der Fastenzeit zur Situation der Kirche in Deutschland

Von Bernhard Anderl

Der Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Philippi ist von Bedeutung, weil ihm die erste Gemeinde, die er in Europa gegründet hatte, persönlich sehr nahestand. Philippi war eine römische Militärkolonie und hatte deshalb eine mehr oder weniger zusammengewürfelte Gesellschaft, die nicht aus der Umgegend stammte.
Es gab offensichtlich in der Stadt keine Synagoge, weil sich die wenigen Juden, und die Heiden, die sich für ihre Lehre interessierten, die man Gottesfürchtige nannte, am Sabbat vor der Stadt am Fluss versammelten. Paulus, der gerade mit seinem Begleiter Silas dort das erste Mal angekommen war, traf nur Frauen an, was in sich schon ungewöhnlich ist, da zu einem offiziellen Gebet bei den Juden bis heute mindestens zehn Männer erforderlich sind. Nach einer Vermutung des Neutestamentlers Rudolf Pesch 1 könnte aber doch ein Gebäude dort gewesen sein, das Männer zum Gebet nutzten und die Frauen mussten davor warten.

Wie auch immer – die Frauen waren jedenfalls sehr emanzipiert, hörten Paulus gut zu, und eine reiche Purpurhändlerin namens Lydia schloss sich ihm sofort an und ließ sich zusammen mit ihrem ganzen Haus taufen. Sie war keine Einheimische, sondern stammte aus einer Stadt in Lydien, einer Gegend, in der Purpur hergestellt wurde, hatte sich aber, vermutlich aus wirtschaftlichen Gründen, in der bedeutenden Stadt Philippi niedergelassen und besaß ein großes Haus in der Stadt. Sie war die Chefin ihres exklusiven Unternehmens. Sie bot Paulus und Silas, die ja fremd waren, an, in diesem Haus ihre Unterkunft aufzuschlagen, was sie akzeptierten. Paulus stellte sich offensichtlich auf eine längere Zeit ein, um seine Lehre gründlich darzulegen.

Dann passiert aber etwas Unerwartetes: Auf dem regelmäßig von ihnen begangenen Weg vom Haus zur Gebetsstätte begegnen sie einer Frau, einer Sklavin mit einem Wahrsagegeist, die, würde man heute sagen, wohl psychisch angeschlagen war. Sie spürt, dass diese Männer etwas Besonderes an sich haben, läuft Paulus und seinen Begleitern nach und schreit dauernd hinter ihnen her. Nachdem sie das mehrere Tage so gemacht hat, wird Paulus „ärgerlich“, er greift ein – er treibt den Geist aus ihr aus.
Damit verliert ihr Besitzer, der die Aussagen dieses Wahrsagegeistes gut verkaufen konnte, seine Einnahmen und verklagt Paulus vor dem Magistrat der Stadt. Paulus und Silas werden festgenommen, ausgepeitscht und ins Gefängnis geworfen. Der Kerkermeister fragt wohl danach, wieso Paulus hier sei. Paulus erklärt es, und der Mann bekehrt sich auch. Nachdem die Behörden aber gemerkt haben, dass Paulus römischer Bürger ist und nicht ausgepeitscht hätte werden dürfen, bitten sie ihn, doch die Stadt zu verlassen, und er zieht, nachdem er sich im Haus der Lydia von der neu und schnell gewachsenen Gemeinde verabschiedet hatte, weiter nach Thessalonich.

Bei der Verabschiedung werden „Brüder“ erwähnt, es hatten sich also inzwischen auch Männer, wie der Kerkermeister, der neuen Gemeinde angeschlossen. Diese Gemeinde, die vermutlich hauptsächlich aus Gottesfürchtigen, also ehemaligen Heiden, bestand, die aber schon vom Judentum gehört hatten, hatte zeitlebens ein enges Verhältnis zu Paulus, obwohl er das erste Mal bei der Gründung nicht sehr lange dort gewesen war, vielleicht einige Wochen. Er besuchte sie auf seiner nächsten Missionsreise noch zweimal, und sie schickten ihm des Öfteren finanzielle Unterstützungen nach und waren in regem Kontakt über Briefe und Boten.

Im Abschnitt des Briefes, den wir gerade gehört haben aus dem 3. Kapitel des Philipperbriefes, und auch im 4. Kapitel, beschreibt Paulus seinen persönlichen Weg zum Glauben an Christus. Er war vorher als Pharisäer durchaus schon religiös engagiert gewesen und hatte die Urgemeinde in Jerusalem massiv verfolgt, weil er sie für eine häretische Richtung des jüdischen Glaubens hielt. Dann kam der Umschwung bei Damaskus und er erkannte plötzlich, dass die Lehre, die die Apostel von der Auferstehung Jesu verbreiteten, richtig und dies der zukunftsweisende Weg für sein Judentum war. Er hat, wie er schreibt, alles Bisherige hinter sich gelassen und sich mit all seinen Möglichkeiten der Verbreitung der Botschaft gewidmet. Er beschreibt das ziemlich drastisch. Die derzeitige Einheitsübersetzung lässt ihn sagen, dass er sein bisheriges Leben für Unrat hält, man könnte es weniger höflich auch mit „Mist“ übersetzen. Es ist allerdings zu beachten, dass die Aussage nicht bedeutet, dass er die Lehre der Schrift, mit der er als Jude aufgewachsen ist, für falsch hält und nun etwas Neues, Gegensätzliches bringt. In dieser Hinsicht steht bei vielen Schriften des Paulus noch ein langer Aufarbeitungsprozess an, der die teils gravierenden Fehlleitungen der Kirche in der Geschichte bis heute korrigiert, als hätte Paulus mit diesen Sätzen die Tora als solche verurteilt und sie der Gerechtigkeit, die Gott schenkt, gegenübergestellt.

Die Aussagen des Paulus sind vielmehr ein persönliches Bekenntnis für sein eigenes Leben vor der ihm sehr lieben Gemeinde von Philippi. Es geht um die Erkenntnis und die Umkehr des Einzelnen, und er setzt bei sich selbst an, der er ja für die Gemeinde das große Beispiel ist: „Ich vergesse, was hinter mir liegt und strecke mich nach dem aus, was vor mir ist.“ Dieses Ziel legt Paulus in dem Brief allen Gemeindemitgliedern vor Augen. Sein Leben im Einsatz für die Gemeinschaft Christi ist für alle ein Vorbild, an dem sie sich ausrichten sollen, da es auch viele Feinde gibt, die unter der Vorspiegelung falscher Tatsachen ihre eigenen Ziele vor Augen haben, nur ihren eigenen Namen aufbauen wollen, ihren eigenen Vorteil suchen und nicht das Wohl der Gemeinde. Solche Versuche gab es in fast allen jungen Gemeinden. Über diese Zusammenhänge schreibt Paulus im Abschnitt, der sich an den heute gehörten Teil anschließt.

Die Worte des Paulus im Brief an die Philipper handeln also von ihm selbst, damit die Gemeindemitglieder sehen und verstehen, was Jüngerschaft ist. Man sollte die Worte aber nicht so missverstehen, dass es beim Christen als Hauptziel um die eigene Vollkommenheit geht. Paulus sagt auch selbst, dass er sich nicht einbildet, sie erreicht zu haben. Es geht ihm immer implizit um die Gemeinden der an Christus Glaubenden. Er hat in seinem ganzen Leben nach seiner Umkehr nur Gemeinden zu gründen versucht, sie wuchsen um das Mittelmeer, von Kleinasien über Griechenland bis Rom. Er hat sie gelehrt, hat für seinen Lebensunterhalt als Zeltmacher gearbeitet, ist unter großen Gefahren weite Strecken zu Fuß gegangen und wurde häufig verhört, misshandelt und ins Gefängnis geworfen.

Bischof Konrad Zdarsa sagte bei seinem Verabschiedungsgottesdienst vor drei Jahren in Augsburg dem Sinn nach: Gegenüber dem, was dem Apostel Paulus widerfahren ist, sind wir – und der Zusammenhang bezog sich durchaus auch auf die Situation der Bischöfe –, auch wenn es Probleme gibt, vergleichsweise eher in einem Wellnesshotel untergebracht. Dabei muss man wissen, dass gerade auch er als Bischof häufig massiven Angriffen ausgesetzt war. Am Palmsonntag seines letzten Jahres in Augsburg zitierte er für einige, die ihn nach diesem Glaubensbeispiel der frühen Kirche fragten, den Propheten Jesaja, dass der Gottesknecht sein Gesicht hart wie einen Kiesel machen sollte. Und er sagte zu denen, die ihn gefragt hatten, jüngere, in der Freude der Kirche verbundene Personen, die sich für die Kirche einsetzten: „So hart können Sie Ihr Gesicht gar nicht machen.“ Damals hatte auch die ablehnende Haltung gerade von Bischöfen den entstandenen und entstehenden Bewegungen gegenüber um sich gegriffen.

Zurück zur Gemeinde in Philippi:

Der Brief des Paulus, der möglicherweise auch aus drei Briefen besteht, die man später zu einem Brief vereinigt hat, wie es Rudolf Pesch in seinem Büchlein dargelegt hat, ist, wie ein Kommentar in der Jerusalembibel sagt: „wenig lehrhaft, es ist vielmehr ein Ausdruck von Herzensempfindungen, ein Austausch von Nachrichten, eine Warnung vor den „Pfuschern“, die anderswo die Arbeit des Apostels zugrunde richten…“. Die Gemeindemitglieder in Philippi trafen sich, wie überall in den Gemeinden, bei Familien, die größere Häuser besaßen, wo auch die Apostel übernachten konnten. Für besondere Anlässe, wie die Reisen des Apostels Paulus, oder wenn er im Gefängnis saß, wurde gesammelt. Aus allen Paulusbriefen geht hervor, dass die Mitglieder der Gemeinden ihren Lebensunterhalt selbst verdienten bzw. ein Geschäft führten und es kein Allgemeineigentum gab, wie es von manchen Exegeten aus den zwei bekannten Stellen in den Anfangskapiteln der Apostelgeschichte herausgelesen wird (die letzten Abschnitte in den Kapiteln 2 und 4).

Die Basis für die Entwicklung der Kirche waren ausschließlich die Gemeinden und die Apostel und Lehrer, die sie besuchten oder die dann längere Zeit als Leiter dort wohnten. Die Gemeinden setzten sich aus Menschen ganz verschiedener Herkunft zusammen. Es gab reichere und ärmere, wobei schon von Anfang an versucht wurde, einen sozialen Ausgleich zu schaffen für mittellose Personen, wie beispielsweise die Witwen. Auf der Basis der Gemeinden der apostolischen Zeit ist die Kirche gewachsen, hat sich aber im Laufe der Zeit, vor allem nach der Konstantinischen Wende, häufig in Richtung auf eine staatliche Institution entwickelt. Aktuell kann man das gut beobachten bei den an den Staat gebundenen Stellungnahmen der russisch-orthodoxen Kirche.

Auch in der heutigen Kirchensteuerkirche in Deutschland ist der Bezug auf den Ursprung kaum noch ablesbar. Der überwiegende Teil des Episkopats erkennt diese Zusammenhänge, wie sie eben besonders auch der Philipperbrief und die Apostelgeschichte darstellen, nicht mehr – nichts davon kommt in ihren Stellungnahmen vor – und sucht Reformen in organisatorischen Bereichen, um ihr eigenes Überleben zu retten. Im letzten Jahr hat Papst Franziskus einen dreijährigen Prozess eingeleitet, der bis 2023 dauern soll: „Für eine synodale Kirche: Gemeinschaft, Teilhabe und Sendung“. Es gibt sehr viele Erklärungen und Erläuterungen dazu, Befragungen werden initiiert. Man wird sehen, ob es konkrete Ergebnisse gibt, die in Richtung auf „Gemeinschaft und Teilhabe“ einen Bezug zu den Gemeinden des Anfangs herstellen können. Denn ohne Rückbesinnung auf die Wurzeln der Gemeindebildung wird eine Reform keinen Erfolg haben.

© Dr. Bernhard Anderl, 2022
Die Gedanken beziehen sich auf das 3. und 4. Kapitel des Philipperbriefs und auf das 16. Kapitel der Apostelgeschichte und entstanden zum 5. Fastensonntag 2022.
Dr. Bernhard Anderl ist Priester und Bauingenieur. Er war lange Jahre auch in kirchlicher Aufbauarbeit in Tansania tätig.


1 Rudolf Pesch (1936-2011), Paulus und seine Lieblingsgemeinde. Drei Briefe an die Heiligen von Philippi, Freiburg u. a. 1985