Das Wiederfinden der ekklesiologischen Mariologie im 20. Jahrhundert und das neue Marienfest am Pfingstmontag

Auf Anordnung von Papst Franziskus hat die Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentendisziplin im Jahr 2018 ein neues Marienfest für die Weltkirche in den Römischen Generalkalender eingeführt und auf den Pfingstmontag gelegt: „Maria – Mutter der Kirche“. Manche unserer Zeitgenossen, auch der kirchlichen, werden sich gefragt haben: Gibt es nicht schon genug Marienfeste? Wird damit nicht die Marienfrömmigkeit, die mancherorts in Gefahr steht, ein gewisses Eigenleben zu führen, gerade noch gefördert? Und ist nicht die katholische Mariologie schon genug Hemmschuh für den Dialog mit den anderen christlichen Konfessionen und erst recht für das durch eine lange leidvolle Geschichte des kirchlichen Antisemitismus geprägte Gespräch mit dem Judentum?

Vielleicht ist das Gegenteil der Fall. Vielleicht kann die Reflexion über die Mariologie und das Marienfest gerade aus einer verengten Marienfrömmigkeit herausführen. Da sind die Bezüge zur jüdischen Heilsgeschichte, die ja unsere gemeinsame Heilsgeschichte ist, angefangen bei Abraham und Mose über die Propheten und dem „heiligen Rest“, die Großeltern und Eltern Jesu, bis hin zu den zwölf Aposteln, die in Jesu Sühnetod die endgültige Lösung für die Welt erkannten. Maria, die historische Person, steht als Realsymbol für die glaubende Kirche und mit ihrer Mutter- und Mittlerschaft für die ganze jüdische Vorgeschichte.

Zwischen dem biblischen Glauben und der Religion besteht ein wesentlicher Unterschied darin, dass der biblische Glauben mit seiner Heilsgeschichte auf konkreten Personen beruht und nicht auf Mythen oder Lehren. So kann die historische Maria gesehen werden als Personifizierung von Synagoge und Ekklesia (idealtypisch und realsymbolisch). An ihr zeigt sich das Handeln Gottes als Zusammenarbeit des glaubenden Menschen mit Gott – in der Geschichte, die wir Heilsgeschichte nennen. Sie besteht nicht nur im Vollender Jesus Christus, sondern kennt viele Namen von Abraham bis zu Johannes dem Täufer als Wegbereiter.

Fehlentwicklungen in der Mariologie

Im 4./5. Jh., als die Kirche schon privilegierte Staatskirche geworden war, kam es zu einer Wende, zu einem stark individualistischen Verständnis des Christentums. In der Folge davon gab es großes Interesse an Himmel und Hölle, Reliquien und Heiligen. Schon damals, im 4. Jh. wurden die Würdenamen für die Ekklesia auf Maria übertragen und die Privilegien Marias isoliert von der Ekklesia, der Bedeutung des Volkes Gottes im Ganzen, betrachtet. Es war die Zeit, als die Gefahr der Verfolgungen vorbei war und die Solidarität einer festen Glaubens- und Lebensgemeinschaft sich allmählich auflockerte und vom Kaiser riesige Basiliken gebaut wurden.

Die Kirche als Braut und Gehilfin Christi war bei nüchternem Blick auf ihre Sünden und Wunden fragwürdig geworden. „Es ist die (nachaugustinische) Zeit, da die reale Kirche nicht mehr den Mut aufbringt, sich schlichthin mit der ,unbefleckten Braut ohne Makel und Runzel‘ (Eph 5,27) gleichzusetzen.“ (Henri de Lubac, Betrachtungen über die Kirche, 315-316). Die Ecclesia immaculata wurde dann im Mittelalter ganz auf die Person Maria zentriert.

Wie sehr die Marienlehre mit der neuen geschichtlichen Situation konfrontiert wurde, kann man in fünf Schritten aufzeigen: (1) Als in der Staatskirche nicht mehr die makellose Braut Gottes erkannt werden konnte, trat Maria an ihre Stelle. (2) Dadurch, dass sich die Kirche immer mehr von ihrer jüdischen Wurzel entfernte, verlagerte sich der Akzent mehr auf die Innerlichkeit und Weltabstinenz. (3) Mit der flächendeckenden Seelsorge wurde der Glaube immer mehr individualistisch verstanden. (4) Die Theologie vergaß das Bild von Maria als der heilsgeschichtlichen Kirche und entwickelte eine sogenannte Privilegien-Mariologie. Die besondere Zuwendung Gottes wurde nun als auf eine einzelne Berson bezogen gesehen, nicht mehr auf sein Volk. (5) Die Marienmystik wurde leicht zum Ersatz für eine zu theoretische, als kühl empfundene Theologie.

Wenn auch Maria selten als Ersatzgöttin verehrt wurde, wurde mit der Entwicklung der Kirche zu einer Privat- und Zivilreligion und dem Wachsen des Antisemitismus doch vergessen, dass Maria eine Jüdin war. Es dauerte dann bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts bis durch die Jugend- und Liturgiebewegung und die Hinwendung zur Bibel und den Kirchenvätern Maria wieder als Urbild der Kirche entdeckt wurde.

Die Mariendogmen auch als Dogmen über Israel

Joseph Ratzinger schreibt: Maria „ist das wahre Israel, in dem Alter und Neuer Bund, Israel und Kirche trennungslos eins sind. Sie sind ,Volk Gottes‘, das die Frucht trägt aus Gottes gnädiger Macht.“ (Die Tochter Zion, 41). Sie ist „die Mutter zwischen den Äonen“, wie sie Hans Urs von Balthasar nennt („Heilig öffentlich Geheimnis“, in: IKaZ 7 (1998): 6-7). Maria umfasst typologisch die ganze Zeitspanne des Gottesvolkes zwischen den Äonen von Abraham und Sara bis Jesus, wobei Israel dem Zentralereignis Christi vorausging. Maria trat als Vorbild an die Stelle der Kirche, weil diese mit Sündern, Schwachen und Kleingläubigen gemischt ist. Ohne die Berücksichtigung der Typologie Maria-Kirche entstehen aber schnell Figuren, die leicht missverstanden werden können, wenn Maria als Gehilfin Christi und zweite Eva gar nicht als Jüdin gesehen wird.

Gott wollte die Mitarbeit des Menschen und musste wegen dessen Freiheit ,warten‘, bis die Stunde, bis Jesus gekommen war. Alles hing an bestimmten Personen, an einem heiligen Rest, der von Abraham, Mose und den Propheten bis zu den Großeltern und Eltern Jesu, dem Täufer und Jesus mit den zwölf Apostel gebildet wurde. Die Treue von Glaubenden entsprechend der Treue Gottes wird in der Braut Israel und personalisiert in Maria, der Jungfrau und Mutter, sichtbar. So steht Maria auch als Tochter Zion und Ikone für den heiligen Rest, der das Gottesvolk Israel-Kirche bildet.

Gerade heute gilt es, die einzigartige Leistung Israels zur Gotteserkenntnis zu würdigen, die bis zu Abraham zurückreicht, um auch eine verengte Marienfrömmigkeit zu überwinden. Das Neue gegenüber allen Religionen ist, dass das Endgültige der Berufung sich schon in der Gegenwart ereignet: das mit Haut und Haaren für Gott gelebte Leben. Darin liegt eine Würdigung der Welt, des Lebens in ihr, wie es uns aus dem jüdischen Glauben erreicht hat: die Welt als der Ort, an dem Gott Menschen beruft, die als gesammeltes Volk seinen Willen tun. Nach Pfingsten, dem Fest des Heiligen Geistes, verweist dieser neue Gedenktag am darauf folgenden Montag auf den konkreten Weg, wie dieser Geist in der Welt einen Ort findet – im Lernen und Tun eines Volkes, in der langen Geschichte Israels, die bis zu uns reicht.

Auszug aus einem Essay zum Lehrbrief über die Mariologie im Fernstudium „Theologie des Volkes Gottes“ 2019. Mit freundlicher Genehmigung des Autors Peter Hagmaier