Der leidvolle Brief von Benedikt XVI.

„Er opfert sich für die Kirche.“

Klarstellungen von Elio Guerriero in der Zeitschrift „Famiglia Cristiana“ vom 09.02.2022

Hier ein Beitrag des Theologen und Schriftstellers Dr. Elio Guerriero, der Joseph Ratzinger gut kennt und seine Werke intensiv studiert hat – zwischen persönlichen Erinnerungen und einer Chronik über die Angriffe, die Papst Benedikt auf sich nehmen musste.

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Es ist nicht das erste Mal, dass Papst Benedikt im Zentrum eines ikonoklastischen Medienfurors steht, der überraschenderweise aus seinem Herkunftsland Deutschland stammt. Der erste heftige Angriff ereignete sich 1985, als die Kongregation für die Glaubenslehre, deren Präfekt Ratzinger war, auf Wunsch des heiligen Johannes Paul II. einen ziemlich strengen Text über die Befreiungstheologie veröffentlichte. Ich erinnere mich, dass ich einige Zeit später in Basel für das jährliche Treffen der nationalen Verantwortlichen der Zeitschrift „Communio“ war. In einer Pause der Arbeiten fanden wir uns als einige der jüngsten Anwesenden wieder und drückten schließlich unsere Bestürzung über das Geschehen aus. Nachdem er uns zugehört hatte, machte Hans Urs von Balthasar auf sich aufmerksam und sagte in feierlichem Ton: „Ihr versteht nicht. Er opfert sich für die Kirche auf.“ Diese Ermahnung hat sich mir eingeprägt und ist mir wieder in den Sinn gekommen, als ich den Brief des emeritierten Papstes las.

Der zweite heftige Angriff ereignete sich unmittelbar nach seiner Wahl zum Papst. Journalisten aus aller Welt bemühten sich, um die möglichen Verbindungen des neu gewählten Papstes mit dem Nationalsozialismus zu demonstrieren. Offensichtlich fanden sie keine, zumal der Vater des Papstes ein Anti-Nazi-Polizist war und sich vorzeitig zurückgezogen hatte, um sich nicht mit der SS auseinandersetzen zu müssen.

Dann gab es den Rücktritt, gefolgt von Vermutungen aller Art. Auch in diesem Fall habe ich eine persönliche Erinnerung. Nach ein paar Monaten besuchte ich das Kloster Mater Ecclesiae. Am Ende des Treffens mit dem emeritierten Papst, bei dem er umgänglicher als sonst war, sagte ich ihm: „Viele halten Sie für einen von der Geschichte Besiegten, der in der letzten Zeit seines Lebens in großer Not lebt. Ich hingegen sehe hier einen befriedeten und gelassenen Mann.“
Er antwortete: „Was will man denn. Vor mir habe ich die Kuppel und fühle mich ganz verbunden mit der Universalkirche. Ich habe hier meine Bücher, die treuen Begleiter meines Lebens. Mein Paradies hat bereits begonnen.“ Die Angriffe waren jedoch noch nicht vorbei.

Vor einigen Jahren, 2018, veröffentlichte er einen Text zum jüdisch-christlichen Dialog. Die Deutschen ließen es sich wieder mal nicht nehmen: Der emeritierte Papst sei ein Hindernis für den jüdisch-christlichen Dialog. In Italien weigerte sich eine bekannte katholische Zeitschrift, die ich konsultierte, den Text zu veröffentlichen. Ich beschloss dann, es in Form eines Buches beim Verlag San Paolo zu veröffentlichen. Kurz gesagt, an der Präsentation der Arbeit an der Lateranuniversität nahm der Oberrabbiner von Wien teil, der den Papst im deutschen Sprachraum verteidigt hatte, der Rabbiner von Rom Di Segni und der Leiter der Union der jüdischen Gemeinden Italiens. Und ich weiß nicht, ob irgendjemand von denen, die Papst Benedikt angegriffen haben, sich jemals entschuldigt hat.

Fragen wir uns, warum so viel Hass gegen Papst Benedikt

Schließlich die Fälle von Pädophilie in der Diözese München. Es ist der grausamste Angriff, sogar der am schwierigsten abzuwehrende für einen Mann, der kurz davorsteht, 95 Jahre alt zu werden. Ihm wird vorgeworfen, in den Jahren, in denen er Erzbischof von München war, nicht gegen Priester vorgegangen zu sein, die der Pädophilie beschuldigt wurden. Die schwerwiegende Tatsache ist, dass die Anwälte, die für die Durchführung der Ermittlungen verantwortlich sind, sich auch als Richter verstehen, und wenn der Papst versucht, sich zu verteidigen, nennen sie ihn einen Lügner. Dagegen steht Ratzingers konkretes Engagement für die Bekämpfung der Pädophilie in den Jahren seines Pontifikats, der bewegende Brief an die irischen Bischöfe mit der Einladung, aufzuräumen und um Vergebung zu bitten, die zahlreichen Begegnungen mit Missbrauchsopfern. Ich erinnere mich an die Worte eines Opfers während eines Treffens mit dem Papst. Auf diejenigen, die ihn fragten, was der Papst ihm gesagt habe, antwortete er: „Nichts. Wir haben zusammen geweint.“

Was den Vorwurf der Lüge betrifft, so ist er der absurdeste. Sein bischöfliches Motto ist cooperatores veritatis, und sowohl als Kardinal als auch als Pontifex hat er immer versucht, in jeder Hinsicht diesem Vorhaben treu zu bleiben. Es ist kein Zufall, dass Erzbischof Gänswein seinem kürzlich bei Ares erschienenen Buch den Titel gab Testimoniare la Verità, der sich offensichtlich auf den emeritierten Papst bezieht, dessen Sekretär er ist.

Die überzeugendste Erwiderung gab Papst Benedikt in dem gestern veröffentlichten Brief: In der Tiefe „bleibt doch die innere Zugehörigkeit mit dem Münchener Erzbistum als meiner Heimat inwendig weiter bestehen“. Bei all den Angriffen hat Papst Benedikt sich nie zurückgezogen. Er hat ihnen ins Auge geschaut, und wieder einmal gilt, was von Balthasar gesagt hat: „Er opfert sich für die Kirche auf.“ Wir sind uns alle einig, dass sich die Kirche seit einiger Zeit in Schwierigkeiten befindet. Papst Benedikt begann sehr früh als Kardinal und als Papst, das zu beklagen, was Papst Franziskus weltliche Gesinnung nennt. Diese Aussage hat sowohl einige Kleriker als auch Laiengruppen gestört, die sich vor allem in Deutschland um kirchliche Einrichtungen ranken und klerikaler sind als die Kleriker selbst. Neben dem Geist der Zugehörigkeit muss auch an den Geist der Hingabe erinnert werden. Ein enger Freund von Papst Benedikt, Henri de Lubac, wurde lange Zeit vom Unterrichten ausgeschlossen. In den Jahren, in denen er nicht lehren konnte, schrieb er ein Werk, Meditation über die Kirche, in dem er feststellte: „Man darf die Kirche kritisieren, in einigen Fällen musst du es auch tun. Es muss jedoch mit Tränen in den Augen geschehen, denn sie ist unsere Mutter.“ Ich glaube, dass diejenigen, die Papst Benedikt so leichtfertig beschuldigt haben, ausführlich über diese Aussage nachdenken sollten.

Mit einem glücklichen Herzen, im Blick auf das Angesicht des Vaters

Nachdem er gestanden hat, die Abscheu und Angst zu spüren, die Jesus im Garten Gethsemane erlebt hat, erinnert der emeritierte Papst daran, dass seine Seele glücklich auf den Vater schaut, der auf ihn wartet und bereit ist, ihn aufzunehmen. Auch in diesem Fall kann ich bestätigen, dass es nicht nur eine schöne Phrase ist, sondern ein gelebtes Gefühl. Ich hatte die Gelegenheit, den emeritierten Papst am 28. Juni letzten Jahres, dem Vorabend des siebzigsten Jahrestages seiner Priesterweihe, zu besuchen. Ich war beeindruckt und vor allem aufgebaut von seiner Freude, die wie diejenige des ersten Tages seiner Priesterweihe zu sein schien. Kardinal Ratzinger schrieb in seiner im Verlag San Paolo erschienenen Autobiographie: „Es war ein herrlicher Sommertag, der unvergesslich bleibt … Ein kleiner Vogel, vielleicht eine Lerche, erhob sich vom Hochaltar des Doms und sang ein kleines freudiges Lied; für mich war es, als würde eine Stimme von oben zu mir sagen: Es ist gut so, du bist auf dem richtigen Weg.“ Ich habe diesen Text nach dieser Begegnung „mitgenommen“, der mir immer noch relevant erscheint. Papst Benedikt betrachtet nun die irdischen Ereignisse mit nach oben, zum Haus des Vaters gerichteten Augen. Sein Brief ist ein geistliches Testament, das sich meiner Meinung nach besonders an die Priester richtet, an die vielen Gläubigen und auch an diejenigen, die Fehler gemacht haben. Es gibt Schuld, sogar große Schuld, aber es gibt auch Vergebung, die Ankündigung des Heils für alle Menschen durch Jesus.

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Mit freundlicher Genehmigung des Autors; Übersetzung Marta Zappa