Ein ungewohnter Blick auf Allerheiligen

Eine Homilie von Tamás Czopf

Allerheiligen ist das reichste Erntefest der Kirche. Zwar ist auch dieses Fest tief in Ostern, dem ersten großen Erntefest im Frühling, verwurzelt, die Wurzeln gehen jedoch noch viel tiefer. Wir hörten aus dem Buch Deuteronomium, wie zwei gegenseitige „Erklärungen“ zwischen Gott und seinem Volk ausgetauscht wurden: Gott erklärt dem Volk, dass er es als sein Eigentumsvolk und heilig behandelt und das Volk verspricht Gott, auf seinen Wegen zu gehen und auf seine Stimme zu hören. Was hier beschrieben wird, das sind schon sichtbare Früchte, die zwar noch eine lange Zeit der Reife brauchen werden, aber sie kündigen bereits mit großer Zuversicht die Ernte an, die wir heute feiern.

Aber die Geschichte geht noch weiter zurück und hat kosmische Dimensionen. Ich wage die Behauptung, dass das Allerheiligenfest mit dem Urknall begann. Heiligkeit ist nämlich die letzte Stufe der Evolution.

Urknall, Galaxien, schwarze Löcher …

Schon die oberflächlichste Beschäftigung mit unserem Weltall und seiner Entwicklung verblüfft und fasziniert. Auch wenn jede Erkenntnis über das Universum mit unzähligen Fragen umgeben ist, was man dennoch weiß, erschüttert und beeindruckt einen tief. Die schier unbegreiflichen Maße in Zeit, Raum, Geschwindigkeit, Temperatur, Masse und Energie machen den denkenden Menschen ganz klein. Aber noch faszinierender finde ich das offensichtliche Streben des Ganzen nach einem Fortschritt und einer Entwicklung, die dem Betrachter nicht unbedingt logisch, aber auch nicht zufällig erscheint. Dass nach irgendeinem Anfang, den man Urknall nennt, ein Durcheinander von Energie und Materie entsteht, ist noch prinzipiell annehmbar; dass dieses Chaos sich in Galaxien und schwarze Löcher ordnet, kann man noch akzeptieren. Aber dass unter bestimmten Bedingungen auf einmal immer komplexere Verbindungen entstehen, die irgendwann Leben hervorbringen, kommt einem äußerst merkwürdig vor und ist eher ein Fehlprodukt in einem System, das auf Ausgleich, Zerfall, Nivellierung, Abbremsung ausgelegt ist. Die Entropie müsste eigentlich doch alles zu einem unzerstörbaren langweiligen lauwarmen Halbdunkel reduzieren. Dagegen entsteht jedoch vielfältigstes Leben, das äußerst gefährdet, zerbrechlich und instabil ist. Es setzt aber eine neue Dynamik des Wachstums und der Weiterdifferenzierung frei, bis immer kompliziertere Pflanzen und Tiere auftauchen, alles auf Kosten der jeweils anderen und zugunsten der Weiterentwicklung der Arten.

… und das Anthropozän: Genialität aber auch irrationale Bosheit des Menschen

Und dann, zu allem Überfluss, streckt aus der Biosphäre ein Wesen seinen Kopf empor, das nicht nur lebt, sondern mit einer ungeheuren Gehirnleistung denkt, kombiniert, reflektiert, plant, hinterfragt und phantasiert: der Mensch und mit ihm das sog. „Anthropozän“, das Zeitalter, wo der Mensch zu einem wichtigen Einflussfaktor auf die Erde wird. Damit entsteht zugleich die sog. „Noosphäre“, die Welt des Geistes samt Kunst, Literatur, Wissenschaft und Technik. Der Mensch ist – auch wenn ein neuartiges Corona-Virus ihm ordentlich zu schaffen macht – allem überlegen. Aber er ist auch das am meisten gefährdete und zugleich das gefährlichste Geschöpf. Wenn bis dahin auf der Erde und im Kosmos die neuen Wendungen von unvorhersehbaren Zufällen, Koinzidenzen und Konstellationen verursacht wurden, erscheint jetzt neben dem Zufall in immensen Zeiten und Räumen etwas Neues: die unerwartbare Genialität, aber auch die berechnende oder irrationale Bosheit des Menschen. Alles in allem, es ist eine unglaubliche Leistung der Materie, dass nach etlichen Milliarden Jahren wir hier sitzen, mit Tugenden und Sünden, mit Bildung und Missbildung zwischen Utopie und Wirklichkeit, Verheißung und Verfehlung. Es muss von den allerersten Anfängen an gleichsam einen Drang der Materie gegeben haben, der trotz zerstörerischer Elemente den Menschen hervorgezaubert hat, der die brutalsten Waffen genauso wie die Musik Bachs und Mozarts und die schönsten Romane und die Bibel hervorgebracht hat. Gottes Schöpfung geschah in einer beeindruckenden Art und Weise, indem Gott in der Weise Hand anlegte, dass er die Zeit und die Materie arbeiten ließ.

Aber gerade unsere im Vergleich unheimlich kurze Menschheitsgeschichte zeigt, dass in dieser Entwicklung noch eine Stufe aussteht. Die zielgerichtete Evolution kann nicht mit dem zwiespältigen, janusgesichtigen Wesen Mensch enden; sie wird erst vollständig, wenn sie im Ebenbild Gottes mündet, das seinem Schöpfer mit aufrichtigem Dank und ehrlicher, ständiger Umkehr entgegentritt. Und so geschah es: Inmitten der „Noosphäre“ der Vernunft entsteht die „Hagiosphäre“, die Stufe der Heiligkeit und der Heiligen.

Natürlich schafft Heiligkeit keine neue Gattung in der Evolution, und doch beschreibt sie ein neues Wesen, das nach einer langen und mühsamen Entwicklungs-Geschichte entstand, diesmal nicht durch Mutation und Selektion mit Hilfe von Zufall, sondern durch Freiheit, Vernunftgebrauch, Gewissen und Mut, in der Suche nach Wahrheit und Glauben Opfer zu bringen und selbst Opfer zu werden.

Der letzte Schritt der Evolution: ein bewusster Schritt der Freiheit und des Vertrauens auf die Kraft Gottes

Der letzte Schritt der Evolution ist ein bewusster Schritt der Freiheit und des Vertrauens auf die Kraft Gottes, welche die ganze Evolution auf dieses Ziel hin antreibt, anzieht, wie das Geliebte den Liebenden.

Die Vision der Lesung aus der Offenbarung des Johannes erblickt die 144 000, die Vollzahl Israels, die aus dem gegenseitigen Ja zwischen Gott und seinem Volk unter Mose hervorgegangen ist. Und neben ihnen eine große Schar weiß Gekleideter, die ihre Gewänder reingewaschen haben im Blut des Lammes. Das Blut Jesu, sein Eintreten für die gewaltlose Wahrheit und seine Nachfolge in den Fußstapfen der Väter Israels vollenden diesen neuen Evolutionssprung zur Heiligkeit. Die Seligpreisungen der Bergpredigt bei Matthäus beschreiben noch einmal denselben „neuen Menschen“, und man merkt, es kommt eine weitere Stufe der Zerbrechlichkeit und zugleich der Stabilität zum Leben und zur Kultur hinzu: Armut vor Gott, Standhaftigkeit in der Bedrängnis, Geduld in der Verfolgung, Zuversicht unter Tränen… Sie scheinen eigentlich Kennzeichen eines Rückschritts und Verfalls zu sein, sind aber im Gegensatz: Krone der Schöpfung, Ankunft bei der Bestimmung und Berufung, die seit Erschaffung der Welt alles zu Gott ziehen will. Denn diese Möglichkeit der Gottähnlichkeit vibriert schon im Urknall als Gottes Plan und Traum. Trotz und mit jeder Schwierigkeit und Gefährdung in Natur und Unkultur besteht diese Möglichkeit jeden Tag für jeden von uns. Und dass sie auch Wirklichkeit werden kann und geworden ist, das feiern wir heute am Allerheiligentag im Jahre 2020.