„Es gibt ein jüdisches Aroma in dem, was die Christen sagen“

Eine Erinnerung an Vilém Flusser (1920–1991)

(Redaktionelle Zusammenstellung Angelika Matzka)

Am 27. November 2021 ist es 30 Jahre her, dass der tschechisch-brasilianische Medienphilosoph und Kommunikationswissenschaftler Vilém Flusser an den Folgen eines Verkehrsunfalls starb. Er war 1991 – zum ersten Mal seit seiner Flucht aus Prag 1939 – zu einem Vortrag an der Universität Prag eingeladen. Auf der Rückreise kurz vor der tschechisch-deutschen Grenze ereignete sich der Unfall. Informationen zu seiner Person und seiner wissenschaftlichen Arbeit finden sich reichlich im Internet.

Im Jahr 2000 erschien auf Deutsch ein Band mit verschiedenen kürzeren Texten (neu aufgelegt 2014 bei der Europäischen Verlagsanstalt). Darin sind auch drei bis dahin unveröffentlichte Texte aus dem Nachlass enthalten, die dem Buch den Namen gaben: „Jude sein“. 1

Flusser reflektiert in ihnen das Thema in drei Aspekten: dem existentiellen, dem kulturellen und dem religiösen (auch wenn er selbst keineswegs religiös war). Obwohl er selbst nicht als jüdischer Philosoph verstanden werden wollte, kam er um die Tatsache seines Judeseins nicht herum. Das zeigt sich in diesem Büchlein auf vielerlei Weise.

Jüdisches Denken gibt es nicht als „das jüdische Denken“. Trotzdem öffnen sich in den Texten dieses Büchleins viele Fenster auf Wesenszüge jüdischen Denkens, die bewusst machen, wie wenig in der Kirche dieser andere Blick auf die Welt und die Gegebenheiten des Lebens bekannt ist. Bisher nicht bemerkte Zusammenhänge und neue Gedankengänge laden ein, die Verbindung zwischen Judentum und Christentum anders als bisher zu denken.

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Zum existentiellen Aspekt

„Um frei zu sein, müssen die Bedingungen, die die Existenz bestimmen, angenommen werden, damit sie später überholt werden können.“ (1/57)

Die Bedingungen annehmen, das bedeutet:
„Es genügt nicht festzustellen, dass ich Jude bin, dass ich mich als Juden annehme, um die damit verbundene Bedingung zu überholen. Es setzt voraus, dass ich diese Bedingung, mit allem, was in ihr fruchtbar und begeisternd ist, mit allem, was alltäglich ist, erlebe und dass ich zugebe, dass alle meine inneren wie äußeren Erfahrungen, meine Wünsche, Werte, jede Kenntnis und alle Gesten von dieser Bedingung geprägt sind.“ (1/59)

Flusser versteht sich selbst als assimilierten Juden.
„Ich wurde in die Welt als ein Jude geworfen, der sich nicht ganz als Jude annehmen kann. Sollte ich mich als Jude identifizieren, würde ich verschiedene Bedingungen meiner Existenz, die dem Judesein widersprechen, verraten. Sollte ich jedoch mein Judesein verneinen, würde ich eines der Elemente meines In-der-Weltseins verraten. … Ich werde nur dann authentisch leben können, sollte mir gelingen, einander widersprechende Bedingungen auf das Niveau einer Synthese zu heben.“ (1/61)

Zum kulturellen Aspekt

Hier geht Flusser von der Situation der in der westlichen Welt geborenen und aufgewachsenen Juden aus, die
„etwas anders westlich [sind] als die anderen, die auch an unserer Kultur teilnehmen. …
Unsere Kultur ist ihrem Wesen nach griechisch und jüdisch. Ihre Mythen sind jüdisch und griechisch, ihr In-der-Welt-sein, die Art, wie von ihr die Welt angesehen, erlebt, empfunden und behandelt wird, ist griechisch und jüdisch. … Die zwei westlichen Erbschaften sind miteinander nicht kompatibel, Die Griechen leben und denken »essentiell« und die Juden »existentiell«.“
(2/67)

Diesen markanten Unterschied führt Flusser exemplarisch aus:
„»Gerechtigkeit« z. B. heißt bei den Griechen »dike« und bedeutet das Gleichgewicht zwischen Extremen. Bei den Juden heißt Gerechtigkeit »Tsedaka«: Sieg des Guten über das Böse. … »Wahrheit« (»aletheia«) ist für die Griechen das objektive Enthüllen des Seins; für die Juden ist sie die intersubjektive Enthüllung des Ewigen (»Emet«). … Für die griechische Anthropologie sind Ideen die Heimat des Menschen, und der Mensch ist essentiell a-historisch. Für die jüdische Anthropologie ist der Mensch nach dem Ebenbild Gottes geschaffen worden, um die Welt zu regieren, und infolgedessen ist er historisch. Die beiden Anthropologien sind nicht zu vereinbaren. …
In der Geschichte des Westens ist es zu verschiedenen Synthesen der beiden Kulturen gekommen: Das Beispiel mit der größten Evidenz ist das Christentum. … Sobald eine der beiden Kulturen die Vorherrschaft übernimmt, begehrt die andere unweigerlich auf. So lässt sich die Reformation als Aufbegehren des Judentums gegen die aristotelische Hellenisierung der Kirche ansehen und der zeitgenössische strukturalistische Formalismus als Aufbegehren des Hellenismus gegen das jüdische historische Denken. Die Geschichte des Westens ist der dialektische Kampf zwischen seinen beiden Erbschaften. …
Wenn wir unsere Kultur retten wollen, müssen wir sie annehmen, und das ist eine moralisch wie existentiell zweifelhafte Aufgabe. Wer weiß, ob unsere Kultur in Anbetracht der begangenen Verbrechen (der Versklavung der Schwarzen, des Nazismus usw.) und des Widerspruchs in ihrer Weltanschauung gerettet zu werden verdient. Solche Überlegungen sind theoretisch, denn als westliche Menschen sind wir am Überleben des Westens durch und durch interessiert. Wir würden zusammen mit ihm sterben.“
(2/68 f.)

„Als westliche Menschen des 20. Jahrhunderts sind wir Juden Opfer der gleichen inneren Widersprüche wie alle anderen, die an der westlichen Kultur teilnehmen … Der Unterschied zwischen uns Juden und den anderen Okzidentalen aber besteht darin, dass wir direkte Verbindung zu den Wurzeln unserer Kultur haben. Wir können noch in unserem Innern das existentielle Klima des ursprünglichen Judentums erleben, nicht aber dasjenige des Hellenismus.
Diese Fähigkeit, sich erinnern zu können (hebräisch „Zekher“), ist in den Augen der anderen Okzidentalen ein Skandal. … Dieser Skandal scheint eine der Erklärungen für den Antisemitismus zu sein. Es ist doch skandalös, dass die Juden nicht wie die Griechen verschwunden sind. Dazu kommt noch die Tatsache, dass Jesus, der Gründer des Westens, Jude war …“
(2/70)

„Unsere Rolle innerhalb des Westens besteht darin, Zeugnis abzulegen von dem, was leichtfertig »jüdische Werte« genannt wird. … Im Unterschied zu den griechischen bestehen die jüdischen Werte meistens aus Modellen für das konkrete Verhalten. Sie werden von den anderen, irrtümlicherweise und mit Verachtung, »Riten« genannt. … Es ist sehr wichtig, nicht zu vergessen, dass das ursprüngliche Judentum eine Summe konkreter Modelle für ein Verhalten ist, das dem absurden Leben Bedeutung verleiht.“ (2/70 f.)

Verhaltensmodelle sind aber anstößig, weil sie sagen: So soll etwas sein. Und damit auch zeigen, dass es so sein kann, ja sogar sein müsste. Das macht sie zum Ärgernis, zur Provokation. Aber:
„Sollten wir aus Angst vor einer Provokation auf das Engagement verzichten, würden wir weder als Juden noch als Menschen überhaupt leben.“ (2/72)

Zum religiösen Aspekt

Der dritte Text ist für Christen vielleicht der brisanteste. Flussers Zugang ist in gewisser Weise unbekümmert, da er selbst nicht religiös war. Zugleich war ihm das Christentum, das ein Ursprungspunkt und integraler Bestandteil der Geschichte der westlichen Welt ist, gut bekannt. Seine Überlegungen spiegeln, was er vom Christentum wahrgenommen hat. Stoff zum Nachdenken legt er da reichlich vor.

„Für die Christenist das Judentum sowohl durch seine innere Dialektik – nämlich durch Jesus und jene, die ihm folgten – als auch durch eine äußere Dialektik – durch das Absorbieren gewisser hellenistischer Elemente – überholt worden. Vom christlichen Standpunkt aus ist nicht zu verstehen, warum sich das Judentum im Christentum nicht aufgelöst hat. Die Juden hätten die ersten sein sollen, die sich zum Christentum bekehrten, und viele haben es tatsächlich auch getan. Dass andere hartnäckig darauf bestanden, es trotz Autodafés nicht zu tun, ist für die Christen ein Skandal und eine der Wurzeln des Antisemitismus. … Es gibt tatsächlich die Frage: Warum haben die Juden sich nicht bekehrt?“ (3/81)

Dabei geht es Flusser nicht so sehr um die Frage, ob es eine existentielle Berechtigung für die Ablehnung der Bekehrung gibt und deshalb das viele Leid, das Juden daraufhin zugefügt wurde, gerechtfertigt wäre. Für ihn geht es vor allem darum, ob es eine religiöse Rechtfertigung für den ablehnenden Standpunkt gibt, weil diese Frage nicht nur das Judentum betrifft, sondern letztlich die ganze Welt, so weit sie auf dem Judentum basiert (also mehrheitlich christliche bzw. muslimische Länder).

„Die christlichen Argumente zugunsten der Konversion sind stark. Das Christentum ist effektiv die Überholung des Judentums, weil es viele Aspekte, die im Judentum nur angedeutet sind, artikuliert. Es ist die Überholung des Judentums, weil Jesus, der Gründer des Christentums, tatsächlich ein perfekter Jude ist, und es überholt das Judentum, indem es seine Bedeutung in der Welt verbreitet und den Westen dadurch erobert. Was die Juden selbst betrifft, so haben die christlichen Argumente versagt, weil sie die Essenz des Judentums nicht erfassen. Das Judentum ist als Religion weder eine Summe von Glaubensartikeln, wie es die Christen verstehen, noch eine Summe von Regeln, wie es viele Juden glauben, sondern das Judentum ist ein ganz spezifisches Erleben des Heiligen. Seinem Wesen nach ist es weder eine Weltanschauung noch eine Moral, sondern es ist die Konfrontation mit dem Anderen. … Die christlichen Argumente aber berühren nicht das, was die Juden interessiert: Wie hat man in der Gegenwart des Anderen zu leben?
Die christlichen Argumente beweisen den Juden, dass die Christen Heiden sind und dass sie vom Judentum wenig behalten haben. Es gibt ein jüdisches Aroma in dem, was die Christen sagen, und deshalb ist ein Dialog möglich, doch hat sich das Aroma schon derart verflüchtigt, dass es fast zu einer Karikatur geworden ist.“
(3/82 f.)

Aus dem Folgenden ergibt sich, dass die Ursache dieser Aroma-Verflüchtigung an der inadäquaten Praxis liegt. Die Frage, wie man in der Gegenwart des Anderen zu leben habe, meint nicht ein unter Christen des Öfteren zu hörendes Postulat, im Nächsten Jesus zu sehen. Der Nächste ist nicht Jesus. Er ist der Andere, der von Gott als sein Bild geschaffen ist – Flusser spricht vom „spezifischen Erleben des Heiligen“ . So entsteht eine Erkenntnisweise, bei der jede Begegnung mit einem Anderen über einen selbst hinausführt und den Ursprung erinnert.

„Frommer Jude zu sein ist eine Aufgabe. Es ist, in griechischen Begriffen ausgedrückt, kein Dogma, sondern eine Praxis.
Deswegen haben sich die Juden so hartnäckig gegen eine Bekehrung gewehrt. Sie haben das Christentum seiner Praxis wegen verurteilt, und nicht der Argumente wegen, die ihnen unwesentlich zu sein schienen. … Den Juden kommt das Christentum wie eine Lizenz vor, der täglichen Konfrontation mit dem Heiligen zu entgehen … Mit den Worten meines Cousins David
2 während eines theologischen Seminars: »Glaubt ihr, dass Jesus den unwürdigen Tod am Holz erlitten hat, damit ihr mit dem Autofahren den Sabbat entheiligen könnt?« In der heutigen religiösen Situation, in der sogar die Fundamente der jüdisch-christlichen Religion bedroht sind, ist dies von allergrößter Bedeutung.  …
Obwohl die christlichen Argumente die Juden nicht bekehrt haben, haben sie unglücklicherweise die Gestalt von Jesus, den allergrößten Juden, der die normale Bedingung eines Menschen überholt hat, dem Judentum entfremdet. Die Folgen sind unabsehbar.“
(3/83 f.)

Flussers Überlegungen sind über 30 Jahre alt, die westliche Welt, auf die er sich bezog, trug schon in sich, was sich seither auf vielerlei Weise verschärft hat. Das Potential des Judentums sieht er positiv darin, dass es
„zu einem verantwortungsvollen Leben in einer absurden Welt führen [kann], mit der Anerkennung des Heiligen im anderen Menschen.
Die Bedeutung eines solchen, schwer zu beschreibenden jüdischen Fundamentalismus kann in der heutigen Situation nicht genug betont werden.“
(3/85)

Aus seiner Analyse der Zeit ergibt sich für Flusser, dass offenbar der Boden von Judentum und Christentum der gleiche ist. Nur sei er im Judentum „noch verschütteter“ .
Die Krise der westlichen Religiosität sieht er

„in unserer Unfähigkeit, Gott im anderen Menschen zu erleben. Es ist die Krise des Vertrauens in den Menschen. Gott ist tot, weil wir weder dem anderen Menschen noch uns selbst trauen.“ (3/85)

Flussers Sicht ergibt sich aus dem, was ihm in der westlichen Gesellschaft begegnet – und er formuliert sie im Blick auf den biblischen Schöpfungsbericht, wo es heißt: „Gott erschuf den Menschen als sein Bild, als Bild Gottes erschuf er ihn. Männlich und weiblich erschuf er sie“ (Gen 1;27). Er fährt fort:
„Es handelt sich um eine Krise weder des Judentums noch des Christentums, sondern des Juden-Christentums. …
Ich glaube, dass dasjenige, was unsere Kultur von den anderen unterscheidet, eben dieses Erlebnis des Heiligen im Menschen ist. Wir können das auf mindestens zwei Arten ausdrücken. Entweder Gott ist als Mensch erlebbar, als ein anderer, der zu uns »du« sagt und den wir genauso ansprechen, oder der Mensch ist das einzige Bild Gottes, das wir besitzen. Es handelt sich … um die auf dem Heiligen basierende Anthropologie, die älteste jüdische Erbschaft des Westens.“
(3/85 f.)

Es ist diese Erbschaft, die Flusser in Gefahr sah. Würde der Westen von anderen Kulturen überrollt, wäre der oben genannte gleiche Boden verloren. Deshalb sein deutlicher Appell:
„Heute ein religiöser Jude zu sein, bedeutet meiner Meinung nach, diesen jüdisch-christlichen Boden sich selbst und anderen Juden und Christen bewusst zu machen.“ (3/86)


1 V. F., Jude sein. Essays, Briefe, Fiktionen. CEP Europäische Verlagsanstalt, Hamburg 2014. Darin:
Jude sein (1) – existentieller Aspekt;
Jude sein (2) – kultureller Aspekt;
Jude sein (3) – religiöser Aspekt.
Die Seitenangaben nach den Zitaten geben den Textbeitrag und die Seite an, z. B. (1/57).

2 David Gustav Flusser (1917–2000) war bis 1988 Professor an der Hebräischen Universität Jerusalem für jüdische Geistesgeschichte, Urchristentum und antike Religion.