„Europa ist in Gefahr, seine Seele zu verlieren“

Zur Erinnerung an Rabbiner Jonathan Sacks

Am 7. November 2020 verstarb der ehemalige Oberrabbiner des Vereinten Königreichs, Lord Jonathan Sacks. Die „Jüdischen Allgemeine“ zitierte in ihrem Nachruf Ephraim Mirvis, den derzeitigen britischen Oberrabbiner: „Heute hat die Welt eine Tora-Koryphäe und einen intellektuellen Riesen verloren.“ Der Jüdische Weltkongress nannte Rabbi Sacks einen „Theologen von außergewöhnlicher Tiefe und moralischer Überzeugung.“ 1

Die israelische Tageszeitung Haaretz charakterisierte ihn am 9. November so: „Jonathan Sacks war die Personifizierung der Widersprüche und Grenzen der modernen Orthodoxie, besonders in der Diaspora: nicht traditionell genug für die Ultraorthodoxen, zu vorsichtig für die nicht orthodoxen Juden und zu fremd für die Israelis.“ Und am Schluss des Nachrufs wird der israelische Philosoph und Autor Micah Goodman zitiert, der Sacks bewunderte: „In seinen philosophischen Schriften über die letzten 15 Jahre wandelte sich Rabbi Sacks von einem bloß jüdischen Theologen zu einem bedeutenden Philosophen der westlichen Welt, ohne dabei seinen jüdischen Patriotismus zu verlieren.“ 2

Der Vorsitzende der englischen katholischen Bischofskonferenz, Kardinal Vincent Nichols, schrieb: „Oberrabbiner Sacks war ein höchst eloquenter Verfechter einiger der größten Wahrheiten der Menschheit, die so oft vergessen werden.“  

Auf Einladung von Kardinal Kurt Koch hielt Rabbi Sacks am 12. Dezember 2011, mitten in der Zeit der Euro-Krise, an der Gregoriana in Rom einen Vortrag: „Hat Europa seine Seele verloren?“ 3 Sein Thema war der Markt bzw. der Kapitalismus in der Form, wie er sich heute in der westlichen Welt präsentiert, und das Korrektur-Potential, das in Europa aus der jüdisch-christlichen Tradition vorhanden wäre.

Wir fassen diesen Vortrag im Folgenden zusammen (Zitate aus dem Vortrag werden in Anführungszeichen kursiv gesetzt).

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Lord Sacks gliederte seine Beobachtungen und Überlegungen in drei Schwerpunkte:
1. Die Marktwirtschaft und der demokratische Kapitalismus haben religiöse Wurzeln.
2. Der Markt neigt dazu, gerade die Werte zu untergraben, die ihn hervorgebracht haben.
3. Was tun? „Die künftige Gesundheit Europas in politischer, wirtschaftlicher und kultureller Hinsicht hat eine spirituelle Dimension. Wenn wir diese verlieren, werden wir noch viel mehr verlieren. Um einen berühmten Text des Christentums zu paraphrasieren: Was nützt es Europa, wenn es die ganze Welt gewinnt, aber seine Seele verliert? Europa ist in Gefahr, seine Seele zu verlieren.“

Der tiefgreifende Umbruch im Verhältnis der katholischen Kirche zum Judentum, der durch „Nostra Aetate“ ausgelöst wurde, hat einen Dialog auf Augenhöhe ermöglicht. Nun ist es an der Zeit, daraus einen „Weg der Partnerschaft“ zu machen. Denn inzwischen sind die einander gegenüberstehenden Lager nicht mehr Katholiken/Christen auf der einen Seite, Juden auf der anderen, sondern Juden und Christen stehen auf derselben Seite immer mehr „aggressiven säkularisierenden Kräften“ gegenüber.

Bei allen Unterschieden zwischen Judentum und Christentum sieht Sacks genügend gemeinsame Grundlagen, auf denen sich im Lauf der Jahrhunderte die Marktwirtschaft entwickeln konnte, und zwar in Europa mit seiner jüdisch-christlichen Geschichte und nicht anderswo:

  • Der „biblische Respekt vor der Würde des menschlichen Individuums … Der Markt gibt der menschlichen Wahl mehr Freiheit und Würde als jedes andere Wirtschaftssystem.“
  • Der „biblische Respekt vor dem Recht auf Eigentum“, im Gegensatz zur antiken Sicht, dass die Herrscher das Eigentum eines Stammes oder Volkes als ihr Eigentum betrachten und entsprechend damit umgehen.
  • Der „biblische Respekt vor der Arbeit“: Der Mensch dient Gott durch Arbeit (sechs Tage) wie durch Ruhe (am siebten Tag). Deshalb gelte im Judentum die Schaffung von Arbeitsplätzen als höchste Form von Menschenliebe. „Durch unsere Arbeit und unseren Erfindungsreichtum werden wir, wie die Rabbiner sagen, ‚Partner Gottes im Werk der Schöpfung‘.“
  • Das wichtigste an der Marktwirtschaft sei aber, dass sie es ermöglicht, Armut zu lindern. „Die Rabbiner bevorzugten Märkte und Wettbewerb, weil sie Wohlstand schaffen, die Preise senken, die Auswahl vergrößern, die absolute Armut verringern und die Kontrolle der Menschheit über die Umwelt ausweiten, wodurch das Ausmaß, in dem wir die passiven Opfer von Umständen und Schicksal sind, eingegrenzt wird. Wettbewerb setzt Energie und Kreativität frei und dient dem Allgemeinwohl.“

Der Kapitalismus hat aber auch Grenzen. Er kann zwar Wohlstand erzeugen, ist aber kein System zur gerechten Verteilung des entstandenen Reichtums. Deshalb gibt es schon in der Bibel mit der Einrichtung des Sabbat so etwas wie eine „Struktur der Wohlfahrtsgesetzgebung“, gipfelnd im alle 50 Jahre wiederkehrenden Jubeljahr. Diese Struktur aber beruht auf Freiwilligkeit. „Das Konzept der Wohlfahrt … ist jüdischen Ursprungs und entspringt letztlich demselben generativen Prinzip wie der freie Markt selbst, der Idee, dass jedes Individuum eine Würde nach dem Bild Gottes hat und dass es unsere Aufgabe ist, gesellschaftliche Strukturen zu entwickeln, die diese Würde ehren und fördern.“

Der freie Markt bzw. der Kapitalismus hätte die Möglichkeit, das Eigeninteresse auf das Gemeinwohl hin zu orientieren, tatsächlich geschieht gewöhnlich das Gegenteil. Der Markt macht sich selbst zum moralischen Prinzip, er wird zu einer Ideologie eigenen Rechts.

Zum Zeitpunkt des Vortrags waren die Folgen des Banken- und Finanzcrashs von 2008 noch stark wirksam, die Euro-Währungsunion steckte in einer tiefen Krise. Das stellte deutlich die Frage nach der Verantwortlichkeit und Kontrollierbarkeit in internationalen Unternehmen und machte das völlige Fehlen jener freiwilligen Maßnahmen deutlich, die die Würde des Menschen „ehren und fördern“. Das Muster einer solchen Entwicklung formulierte der italienische Geschichts- und Rechtsphilosoph Giambattista Vico (1668–1744): „Die Menschen spüren zuerst, was notwendig ist, überlegen dann, was nützlich ist, kümmern sich dann um den Komfort, erfreuen sich später an Vergnügungen, lösen sich bald im Luxus auf und werden schließlich verrückt, indem sie ihre Besitztümer verschwenden.“

Doch das Problem ist viel älter. Rabbi Sacks schreibt: „Dies hat Moses vor langer Zeit als Erster und am eindringlichsten gesagt. Das Thema seiner großen Reden im Buch Deuteronomium ist, dass nicht die Not die wahre Prüfung ist, sondern der Wohlstand. Wohlstand macht selbstgefällig. Man hat nicht mehr die moralische und geistige Kraft, die für die Verteidigung der Freiheit notwendigen Opfer zu bringen. Die Ungleichheiten wachsen. Die Reichen werden selbstgefällig. Die Armen fühlen sich ausgeschlossen. Es gibt soziale Spaltungen, Ressentiments, Ungerechtigkeiten. Die Gesellschaft ist nicht mehr kohärent. Die Menschen fühlen sich nicht mehr durch ein Band der kollektiven Verantwortung verbunden. Der Individualismus überwiegt. Das Vertrauen nimmt ab. Das Sozialkapital schwindet. Wenn das geschieht, wird man besiegt.“

Ein Blick auf die gegenwärtige Gesellschaft zeigt die Fehlentwicklungen und ihre Folgen schon bei Kindern und Heranwachsenden. Aber es hat über die Jahrhunderte ein Korrekturpotential gegeben, das auch heute noch in der jüdisch-christlichen Tradition vorhanden ist. Fünf Merkmale dieser Tradition auf jüdischer Seite gibt es, „die weitgehend vom Christentum geteilt werden“. Dieses Potential zur Korrektur haben sie, weil sie „nicht auf der Grundlage wirtschaftlichen Kalküls“ entstanden sind. Sie sind Bereiche, in die der Markt und seine Gesetze sich nicht einmischen dürf(t)en:

  1. Der Sabbat: die „Grenze, die das Judentum um die wirtschaftliche Aktivität zieht“, wo es um die Dinge geht, „die einen Wert, aber keinen Preis haben“. „Es ist der eine von sieben Tagen, an dem wir aufhören, unseren Lebensunterhalt zu verdienen und stattdessen einfach leben.“
  2. Ehe und Familie: „Wenn Juden Tragödien überlebt, Glück gefunden und mehr als nur ihren Teil zum menschlichen Erbe beigetragen haben, dann, so vermute ich, liegt das an der Heiligkeit, mit der sie die Ehe ausgestattet haben, und an der Art und Weise, wie sie die Elternschaft als ihre heiligste Aufgabe betrachteten.“
  3. Bildung: Juden „waren die erste Zivilisation, die vor zweitausend Jahren eine universelle Pflichtschulbildung aufbaute, die von der Gemeinschaft finanziert wurde, um sicherzustellen, dass jeder Zugang zu Wissen hatte. … Die Juden überließen die Bildung nicht den Launen des Marktes. Sie ließen den Markt der Sache der Bildung dienen.“
  4. Das Konzept des Eigentums: „Tief im jüdischen Denken verankert ist die Idee, dass wir das, was wir besitzen, letztlich nicht besitzen. Alles gehört Gott, und was wir haben, verwalten wir treuhänderisch.“
  5. Die jüdische Rechtstradition: Sie stellt einen Rahmen dar, innerhalb dessen sich jüdische Kreativität entfalten kann, d.h., sie setzt der Kreativität gleichsam Grenzen.

Diese Merkmale gehören zum „Heiligen“, also jenem „Bereich, in dem der Wert der Dinge nicht nach ihrem Marktpreis oder wirtschaftlichen Wert beurteilt wird.“ Die fortgeschrittenen Volkswirtschaften unserer Tage sind in Gefahr, weil in ihnen der Markt seine eigentlichen Grundlagen zerstört.

„Was können wir tun, wir, die wir, weil wir Vertrauen in Gott haben, Vertrauen in Gottes Glauben an die Menschheit haben? Es gibt einen bezeichnenden Ausdruck, den Papst Benedikt XVI. oft verwendet hat: kreative Minderheit. … Mein Vorschlag ist also, dass Juden und Katholiken versuchen sollten, gemeinsam kreative Minderheiten zu sein. Ein Duett ist mächtiger als ein Solo. Unter Verzicht auf jegliches Machtstreben sollten wir versuchen, die am meisten vernachlässigte einzige Energiequelle in einer konsumorientierten, profitmaximierenden Gesellschaft zu fördern, nämlich die Macht des Altruismus.“

Was wäre nötig, um diesen Vorschlag in die Tat umzusetzen?
• Führungskräfte aus der Wirtschaft, die verstehen und „lehren, dass Märkte Moral brauchen“, und wissen, dass „das Gewissen nichts für Schwächlinge ist“;
• die Dinge, „die einen Wert, aber keinen Preis haben“,  müssen ihren Platz in der Gesellschaft wiederbekommen;
• das Prinzip des Sabbat, der dem Markt seine Grenzen setzen kann, muss wiederbelebt werden, und
• der Relativismus, der uns weismacht, dass es kein richtig oder falsch gibt, muss abgelegt werden.

Daher das Fazit von Rabbi Jonathan Sacks:

„Den Euro zu stabilisieren, ist eine Sache, die Kultur, die sein Umfeld bildet, zu heilen, eine andere. Eine Welt, in der materielle Werte alles und geistige Werte nichts sind, ist weder ein stabiles Gebilde noch eine gute Gesellschaft. Es ist an der Zeit für uns, dass wir die jüdisch-christliche Ethik der Menschenwürde nach dem Bild Gottes wiederfinden. Wenn Europa seine Seele zurückgewinnt, wird es seine vermögensbildenden Energien zurückgewinnen.“


1. https://www.juedische-allgemeine.de/juedische-welt/trauer-um-rabbi-jonathan-sacks/, letzter Zugriff 15.11.2020.

2. “Jonathan Sacks personified the contradictions and limitations of Modern Orthodoxy, especially in the Diaspora – not being traditional enough for Haredim, too cautious for non-Orthodox Jews, and too foreign for Israelis.” “In his philosophical writing over the last 15 years, Rabbi Sacks transformed from being just a Jewish theologian to becoming a major Western philosopher, without losing his Jewish patriotism in the process.”  https://www.haaretz.com/world-news/europe/.premium-1948-2020-the-contradictions-of-rabbi-jonathan-sacks-1.9296650

3. Das englische Original ist nachzulesen unter https://rabbisacks.org/has-europe-lost-its-soul-transcript-of-lecture-delivered-at-the-pontifical-gregorian-university-rome/. Die Zitate im Text sind der deutschen Arbeitsübersetzung des Lehrstuhls entnommen.