Jenseits von Unterwerfung

Den Islam theologisch beantworten

Rudolf Kutschera hat vor kurzem ein beachtenswertes kleines Buch im Verlag Peter Lang veröffentlicht (ISBN der broschierten Ausgabe: 978-3-631-83516-6, 138 S., 2 SW-Abbildungen. Das Buch ist auch als EPUB und PDF erhältlich; DOI: https://doi.org/10.3726/b17792).

Als Leseprobe und Einführung ins Thema veröffentlichen wir nachstehend das Vorwort.

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Buchumschlag

Islam bedeutet übersetzt Unterwerfung. Die Grundlage dafür ist der Koran. Ist es möglich, darauf zu blicken, ohne sich ebenfalls einer bestimmten Logik zu unterwerfen? Jenseits von Unterwerfung unternimmt diesen Versuch. Dieses Buch ist aus einer jahrelangen theologischen Beschäftigung mit dem Islam entstanden. Der Autor weiß sich der jüdisch-christlichen Aufklärung und der auf ihr ruhenden Freiheitsordnung sowie dem Schutz der Würde jedes Menschen verpflichtet.

Die öffentliche Diskussion zum Islam schwankt zwischen Verharmlosung des Phänomens und Dämonisierung von Personen. Wie ist angesichts dessen vorzugehen?

Dieses Buch greift Grundeinsichten heutiger Islamwissenschaft auf und macht sie einem Nicht-Fachpublikum zugänglich. Dabei werden auch solche Zusammenhänge benannt, die nach einer Logik von Unterwerfung und „politisch korrekter“ Konventionen gar nicht geäußert werden dürften.

Es gilt, einen Schritt aus der Tagespolitik zurückzutreten, um theologische Antworten auf den Islam zu geben. Das ist ebenfalls ein weitgehend verpöntes Unternehmen, weil darin zumeist eine Rückkehr zu unseligen Religionsvergleichen und dementsprechenden Polemiken vergangener Tage vermutet wird.

Allerdings ist der in islamischer Tradition als Prophet bezeichnete Muhammad einst mit einem theologischen Programm angetreten, weswegen der Koran auch an unzähligen Stellen Christen und Juden direkt anspricht. Warum also den Koran und den Islam nicht auch theologisch beantworten?

Dazu wurden vier Themen ausgewählt:

  • Die Quellen des Korans und was auf seine Entstehung Einfluss genommen hat
  • Wie sein durchgängiger Antijudaismus das Verhältnis zu den Juden bis heute prägt
  • Das Jesus-Bild des Korans und welche Anfrage für Christen sich daraus ergibt
  • Zwei philosophisch-theologische Versuche, den Islam als Ganzen zu beantworten

Dieses Buch ist also keine Einführung in den Islam, kein islamwissenschaftlicher Sonderbeitrag, keine Auseinandersetzung mit gesellschaftspolitischen Fragen zum Islam und auch kein Religionsvergleich.

Ein Beispiel soll das Gemeinte illustrieren: Muhammad verfolgte das Wachsen seiner Gemeinschaft und seiner Familie mit stets wachem Interesse. Immer wieder bringen seine Söhne, Schwiegersöhne und Stiefsöhne – so etwa Zaid – schöne Frauen ins Haus. Sollten sie ihm als dem berufenen Propheten Allahs versagt bleiben? Im 4. Jahr der islamischen Zeitrechnung erblickte Muhammad die Frau des Zaid „unverschleiert und verfiel auf der Stelle ihren Reizen. Er drängte seinen Adoptivsohn, sich von ihr zu trennen, und ehelichte sie danach. Die Ehefrau des eigenen Sohnes zu heiraten, war freilich ein Verstoß gegen die guten Sitten.“1 Deswegen legt ein „göttliches“ Wort an Muhammad – und an alle, die nach ihm in die gleiche Lage kommen sollten – in der Koransure 33 fest: „Und es ziemt sich nicht für einen gläubigen Mann oder eine gläubige Frau, wenn Allah und Sein Gesandter eine Sache entschieden haben, dass sie in ihrer Angelegenheit eine Wahl haben sollten. … Als Zaid tat, was er mit seiner Frau zu tun wünschte, verbanden Wir [= Allah] sie ehelich mit dir [= dem Propheten Muhammad] … Allahs Ratschluss muss vollzogen werden.“2

Dieses Detail aus dem Koran zeigt, dass „Allahs Ratschluss“ offenbar ein Zugriffsrecht gegenüber allen Personen legitimiert. Dieses „Recht“ wurde dementsprechend auch gegenüber allen vorangegangenen Religionen und Traditionen praktiziert.

Diese Zusammenhänge aus historischer und theologischer Perspektive aufzuklären, ist dringend notwendig. Dass dies heute höchst relevant ist, zeigt eine Bemerkung des Philosophen Franz Rosenzweig – mehr dazu im 4. Kapitel –, dass die Auseinandersetzung mit dem Islam das dritte Jahrtausend prägen werde.

Fußnoten

1 Nagel, Tilman: Was ist der Islam? Grundzüge einer Weltreligion. Duncker&Humblot: Berlin 2018, S. 127.

2 Aus den Koranversen 33,36-37. Manche Übersetzer fügen hier eine Interpretation hinzu, nämlich dass Zaid von sich her eine Scheidung gewünscht habe. Der Kontext legt allerdings nahe, dass diese Interpretation dazu dient, Muhammed von einem möglicherweise damit verbundenen Verstoß gegen die guten Sitten freizusprechen.