Keine Sintflut mehr, sagt die Taube

von Prof. Dr. Ludwig Weimer

Wer kennt noch das Zählen der Wochen in Genesis 8? Die literarisch-philosophischen Schreiber in der „WELT“ und in der „ZEIT“ suchen nach dem Sinn der Heimsuchung und des Stillstands. Sie stimmen darin überein, dass wir heute keine mythisch-religiöse Deutung in Richtung Strafe für Sünden der Gesellschaft suchen können oder gar einen mahnend erhobenen Finger des Schöpfergottes. Wer meint, versündigt hätten wir uns „an den Menschenrechten, am Rechtsstaat, den Rechten der Tiere, am Klima, an den Ozeanen und an der Erde“ (WELT) , muss ein Pole sein; und er ist es auch (Szczepan Twardoch, 40 Jahre alt). Corona trifft alle, wie schon das Erdbeben in Lissabon sogar die Falschen am meisten traf: Die zum Gottesdienst im Dom Versammelten. Wir sind restlos aufgeklärt. Aber damit ist uns noch nicht geholfen. ­

Thomas Assheuer sagt es ohne moralischen Zeigefinger wissenschaftlich: „Das Virus ist nicht mythenfähig; keiner hat schuld an seiner Entstehung. – Jetzt ist es nicht mehr der Allmächtige, der strafend in das Weltgeschehen eingreift; nun ist es die Erde persönlich.“ (ZEIT) Wir hätten uns zur „Weltrisikogesellschaft“ (Ulrich Beck) hinaufentwickelt. Wenn nur die Weltwirtschaft nicht zusammenbricht! Hierfür gebraucht auch Assheuer den religionskritischen Begriff Aberglauben an den magischen Markt. Und sogar das längst aufgegebene Wort Wahrheit holt er in folgender Form zurück: „Die Reaktion auf die Seuche enthüllt die innere Wahrheit der Weltgesellschaft, den Kampf aller gegen alle.“ An dieser politischen Sicht fehlt etwas. Was er gar nicht erwähnt, sind die selbstverständlichen Heldentaten derer, die ihr Leben für andere opfern.

Wir stimmen überein: Keine Strafe Gottes. Aber? Am Freitag sah ich Papst Franziskus zu Füßen des Pestkreuzes und der alten Marienikone Roms mit der Monstranz um himmlische Hilfe bitten und die Welt segnen. Natürlich kein Mittel gegen das Virus, das Leib und Leben bedroht. Aber eines für die Seele. Ein Kollege, er ist Pfarrer in Bayern, hat mir seine heutige Sonntagspredigt zur Totenerweckung des Lazarus geschickt.

Darin sagt er: „Vielleicht muss uns als Kirche ja noch viel mehr die Frage beschäftigen, wie unsere tote Kirche wieder zum Leben kommen kann. Müssen nicht auch wir mit klarem Blick unsere Situation so benennen, dass unsere Kirche, unsere Gemeinden bereits angefangen haben wie ein Toter zu riechen? Müssen nicht auch wir bekennen, dass unsere Aktionen diesem Leichnam nicht mehr zum Leben verhelfen können? All unsere gut gemeinten Planungen, Organisationen, synodalen Wege etc.“

Das heißt: Christen können in der Pandemie ein Zeichen sehen, so wie die jüdischen Propheten mit Zeichenhandlungen und Jesus mit Gleichnissen Erfordernisse der Stunde verdeutlicht haben. Hier ist nicht der Ort, das weiter auszuführen.

Ich möchte uns etwas aufheitern und zitiere für die Agnostiker, wie man im säkularen Israel mit Witzen die Corona-Angst bekämpft:

Wie sollen wir arbeiten“, fragt ein Internetnutzer seinen Gesundheitsminister, „wenn du uns Quarantäne und so harte Einschränkungen auferlegst?!“ – Antwort: „Ich und meine Gemeinschaft arbeiten ein ganzes Leben lang nicht. Und ihr heult jetzt schon wegen ein paar Wochen?! Schämt euch!“

Und: „An einer der typischen Falafelbuden hängt ein Schild auf Arabisch und Hebräisch: ‚An alle, die sich über den neuen Geschmack des Schawarma und der Falafel in der letzten Zeit beklagt haben: Macht euch keine Sorgen! Der Grund dafür ist, dass unsere Mitarbeiter sich die Hände waschen. Mit Gottes Hilfe wird der ursprüngliche Geschmack bald wieder zurückkehren.‘“

Oder: „Ein Paar mit Atemschutzmasken kommt in die Postbank. Alle sind in Panik. Da rufen die beiden: ‚Beruhigt euch. Dies ist nur ein Bankraub!‘“