THEOLOGIE AM SONNTAG

Theologische Fragen –
aufgegriffen aus biblischen Texten der Sonntage

Krankheits-Angst und Heilung

Irgendwie kommen einem die Fragen der angegebenen, um die 2000 Jahre alten Schrifttexte bekannt vor: eine gefährliche, ansteckende Krankheit, Abstandsregel, harte Einschränkungen, ein Leben in Abgeschiedenheit, einen Bogen um den anderen machen, manchmal kommt man sich wie aussätzig vor. Oft wurde im vergangenen Jahr gefragt, was wohl die Kirche „zu dem Ganzen“ sage. Manche fragten das mit der Hoffnung, dass vielleicht die Kirche eine moralische Entschuldigung liefert, um manche staatlichen Vorschriften nicht so streng halten zu müssen; andere fragten eher ängstlich, damit die Kirche ihre Kompetenzen ja nicht überschreite.

Der medizinisch-ethische Befund

Natürlich ist die Frage sehr komplex und hängt mit vielen anderen Fragen zusammen: Ist Gesundheit wirklich das Wichtigste? Wie gehe ich meinem ständig nahenden Tod entgegen? Was ist ein lebenswertes Leben? Ist hohes Alter ein Wert? Kann man Entscheidungen auf Wahrscheinlichkeiten und Statistiken bauen? usw. usf. Dieser Sonntag stellt zwar nicht solche Fragen, berührt aber das Thema. Die Hl. Schrift antwortet manchmal auf Fragen, die wir nicht gestellt haben und lässt unsere drängenden Fragen scheinbar unbeantwortet, um uns ihre Fragen näherzubringen…

Die Lesung aus dem Buch Levitikus verbindet damaliges ärztliches Fachwissen mit sakraler Autorität. Eine selbständige Naturwissenschaft gab es im Altertum ebenso wenig wie eine von der „Wissenschaft“ abgetrennte Religion.

Die Priester mussten zum Schutz der Gemeinschaft medizinische Diagnostik beherrschen und den Befund ebenso wie Verstöße sanktionieren. Was sieht man daran? Zunächst, dass das Gesetz Israels weder lebensfremd ist noch sich fern ab von der Realität in einer göttlichen Sphäre bewegt. Es beschäftigt sich mit Krankheit und Gesundheit sowohl des Einzelnen wie der Gemeinschaft. Es sind lauter vernünftige und auch hilfreiche Dinge: Abstandsregel, Verdeckung des Mundes, auf Begegnungen achten, Symptome beobachten usw. Der Glaube startet nicht abgehoben im Himmel, sondern hier im menschlichen Alltag mit der Vernunft.

Nur eine Frage nach Krankheit?

Auf der anderen Seite verläuft das gesamte Leben mit oder ohne Krankheit vor Gottes Angesicht. Das dargebrachte Opfer nach einer Heilung ist durchaus angemessen, auch wenn eine Impfung oder Operation sie ermöglicht hat, denn die Funktionen der Natur und die Genialität des Menschen sind Teile Seiner Schöpfung, deren komplexe Zusammenhänge unser Wissen bei Weiten nicht durchblickt. Ein Gebet ersetzt nicht das Aspirin, aber keinem Kranken ist es verboten, die Medizin mit einem Gebet zu begleiten; und keinem Beter ist es verboten, medizinische Maßnahmen zu ergreifen.

Der Blick auf die Stelle bei Markus

Dass Jesus sich nicht über das Gesetz stellt, sieht man daran, dass er den Geheilten zum Priester schickt und auch das entsprechende Opfer verlangt. Gleichzeitig übertrifft seineTat das, was das Gesetz leisten kann. In dem Fall will und kann das Gesetz feststellen und schützen aber nicht heilen. Jesus will aber heilen. Wenn das Reich Gottes gekommen ist –und genau das ist die Botschaft Jesu -, dann ist es logisch, dass die Natur wieder ordentlich funktioniert, was ein wichtiger Aspekt der Gesundheit ist. Das Reich Gottes ist nicht bloß ein angenehmer Gedanke, sondern die geheilte menschliche Realität vor Gottes Angesicht. Aber diese Heilung, hier heißt es „Reinigung“, betrifft nicht nur die Naturgesetze, sondern sie besteht vor allem darin, dass die „Abstandregeln“ Gott gegenüber fallen können.

Es ist sicher, dass Jesus Vermittler von göttlichen Kräften ist. Aber er ist kein Zauberer. Das zeigt, dass die Heilung auch diesmal nach einem Gespräch stattfindet, und wir dürfen davon ausgehen, dass diese Worte entscheidend wichtig für das Evangelium sind – wir sind im ersten Kapitel des Markus-Evangeliums und wie schon die Szenen in der Synagoge und im Haus von Kafarnaum – die dem jetzt in Auge gefassten Text vorausgehen – hat auch dieser Text wieder programmatische Züge.

Ein Schlüsseldialog

Der leprakranke Mann wendet sich an Jesus: „Wenn du willst, kannst du mich rein machen“ – und Jesus antwortet, während er ihn berührt: „Ich will – werde rein“. Das ist ein Schlüsseldialog. Es ist ein Dialog nicht zwischen Arzt und Patient, sondern zwischen Mensch und Gott. Ihre zwei Willen nähern sich einander an, denn die beiden müssen sich begegnen und eins werden; und in dieser Begegnung passiert das Wunder, die Heilung. Der Ruf Jesu hat das Vertrauen ermöglicht und das Vertrauen dann das Wunder. Die Willenseinigung ist das Tiefen-Wunder im Reich Gottes.

Auch noch ein Zweites zeigt, dass Jesus kein Zauberer ist, sondern unseren Glauben braucht, um dem Reich Gottes Raum zu schaffen: Schon zum zweiten Mal verbietet Jesus nach einer erstaunlichen Tat, davon zu erzählen; und schon zum zweiten Mal ist davon die Rede, dass Jesus sich an einsamen Orten aufhält, damit er nicht den Massen der Leute ausgesetzt ist, obwohl er eigentlich zu allen Menschen gehen will.

Wie kommt die von Jesus angesagte „Wende“

Die „endgültige Zeit“, deren Anbruch Jesus mit dem Reich Gottes verkündet und die in seinen Heilungen, Reinigungen und auch in seiner Lehre schon beginnt, diese endgültige, messianische Zeit kommt nicht gewaltsam, sondern leise und ist ständig gefährdet – durch falsche Erwartungen und zu große Hoffnungen, Fehlinterpretationen und vorschnelle, vernichtende Urteile.
Es ist jetzt noch nicht die Zeit der Zeugenschaft, sondern die des Lernens und Zuhörens. Später wird Jesus die Jünger selber aussenden, damit sie weitersagen und tun, was er tut und lehrt. Vielleicht möchte auch Jesus selber erst sicherer sein, welche Kraft das Reich Gottes hat und welche es nicht hat.
Was er schon sicherlich weiß, ist, dass die erstaunlichen, ungewöhnlichen zeichenhaften Phänomene um ihn herum, nicht das Eigentliche sind; sie sind missverständlich, rätselhaft und auch nicht flächendeckend notwendig.

Entscheidend ist viel mehr, dass unser Wille und der Wille Gottes sich begegnen und beieinanderbleiben. Dass die inneren „Abstandsregeln“, mit denen wir Gott uns vom Leibe halten wollen, endlich fallen und dass wir mit unverhülltem Gesicht das unverhüllte Antlitz Gottes in Jesus entdecken und lieben.

Levitikus 13,1-3;44-46; Markus 1,40-45; 6. Sonntag Jkr. B
© Dr. Tamás Czopf