THEOLOGISCHE FRAGEN 1-

aufgegriffen aus biblischen Texten des Aschermittwochs

Pandemie oder Kirche – wer lehrt das rechte Fasten?

2021 – Wenn wir mit dem heutigen Aschermittwoch 2021 die 40 Tage bis Ostern und die 90 Tage bis Pfingsten beginnen, blicken wir auf ein singuläres Jahr zurück. Eines haben wir in diesem virusgeplagten Jahr mit Sicherheit gelernt, was auch der heutige Tag uns ans Herz legt: „Mensch, du bist Staub und zum Staub kehrst du zurück.“ Wir sind angreifbar und zerbrechlich.
Das waren wir ja schon immer, und es gibt keine Wissenschaft und keine Technik, die das einmal ändern wird. Aber ist es nicht gerade diese Gefährdetheit, die unserem einmaligen, unwiederholbaren Leben den Ernst und die hohe Würde gibt?

Die Wüste ist ohnehin da

Es ist jedoch gar nicht die Aufgabe der Fastenzeit, dass wir weitere Einschränkungen und Verzichte auf uns nehmen, um scheinbar etwas Teures abzuzahlen oder etwas Großes zu erwerben. Kirchlich gesehen – ein selten gewordener Blick – will diese vielmehr eine befreiende Hilfe sein: Unser Leben ist doch eine ständige Rückkehr zum Vater. Durch den Glauben sind wir in das Vaterhaus unterwegs. Die Fastenzeit möchte uns immer wieder neu ausrichten auf dem Weg zum „gelobten Land“.
Wir brauchen in der Fastenzeit nicht jährlich eine eigene künstliche Wüste herzustellen, um irgendwelche Fastenleistungen zu erbringen, die Wüste ist ohnehin überall da. Aber die Marschrichtung ist entscheidend. Sind wir nicht ständig geneigt, umzudrehen zurück nach Ägypten, wir nennen es „Normalität“: wieder so leben wie vorher…?

Teilt die Liturgie die Meinung der Politiker?

Aber es gibt auch eine andere, bessere Richtung, in der Bibel „Kanaan“ genannt. Auch wenn man dieses Land nie ganz besitzen wird, schon die Ausrichtung der Füße dorthin bedeutet eine neue Freiheit und anderes Glück als der Rückzug in das Bekannte und Gewohnte. Manche Politiker wollen unbedingt für dieses Jahr wieder ein „anderes Osterfest“ versprechen als das im letzten Jahr, wenn wir uns brav verhalten und impfen lassen.
Auch die Liturgie verspricht ein anderes Ostern, ein nochmal anderes. Gebete sind fremd geworden, aber oft kennen sie die Richtung, so für den Aschermittwoch:  

Herr, unser Gott, im Vertrauen auf deine Treue beginnen wir die vierzig Tage der Umkehr und Buße.
Jeden von uns hast du in die Nachfolge deines Sohnes berufen,
für jeden von uns gibt es einen Platz in deinem Haus,
und auf jeden von uns wartest du mit deinem Heil.
Reinige uns Herr, wir bitten dich,
nimm von uns alles, was deine Herrschaft unter uns verzögert,
und mach uns neu zu deinen Zeugen.

Richtung Vaterhaus

Und weiter, bei der Segnung der Asche:

Gott, unser Vater, du willst nicht den Tod des Sünders,
sondern dass er umkehrt und lebt und Zeugnis gibt für dein Erbarmen
und auf den Spuren deines Volkes zurückkehrt in dein Vaterhaus.
Segne diese Asche, die wir uns auf das Haupt streuen lassen
zur Erinnerung an unsere Berufung, in der Vergänglichkeit deine ewige Liebe aufzunehmen,
damit wir einzeln und gemeinsam nach dem Bild deines Sohnes erneuert werden.

Am Aschermittwoch redet der Ritus der Liturgie mehr und intensiver als eine Predigt. Wegen der Einschränkungen müssen wir zwar auf das Aschenkreuz auf die Stirn verzichten, wir können aber zu einer biblischen Symbolhandlung zurückkehren, indem Asche auf jedes Haupt gestreut wird. Woran will uns die Asche erinnern?

  • Sie ist die Asche der Palmzweige der vergangenen Jahre. Ein Zeichen unserer Wankelmütigkeit, dass jedes Jahr das Fest neu notwendig ist, weil die Blumen unserer Leidenschaft und Hingabe schnell verwelken und zerfallen.
  • Sie erinnert uns aber auch an unsere Schöpfung, dass wir aus Staub des Ackerbodens geformt wurden. Die trockene Materie muss Leben und Geist tragen und ermöglichen mit all der Zerstörbarkeit und Anfälligkeit. Sie wird aber in der Hand Gottes zu einer verlässlichen Trägerin des Lebens und des Geistes Gottes. Der Staub ist in der Lage, Gottes Atem aufzunehmen.
  • Sie darf uns aber auch an den Wüstensand erinnern, in dem Israel aus Ägypten geflohen und 40 Jahre lang zum Land der Verheißung unterwegs war. Leblos und lebensfeindlich ist der Wüstensand, er trägt aber die Fußspuren zur Freiheit, zum befreienden Gesetz Gottes und zum Land einer neuen Gesellschaft.

Die schwächste Materie – brauchbares Werkzeug

So dürfen wir mit Stolz diese Asche empfangen, denn die schwächste Materie ist Gottes Werkzeug, er will unablässig in sie seinen Lebensatem einhauchen; und dieser Staub will auch unsere Fußstapfen aufnehmen auf dem Weg ins Vaterhaus der Welt – auch und gerade in diesem Jahr –, damit wir durchstoßen zur Freude Gottes und zum Fest, das nicht wir bereiten, sondern das uns seit der Erschaffung der Welt bereitet ist.

Der Satz, der diesen Aschenritus deutet, lässt sich mehrfach verstehen, da so vieles darin verdichtet ist:
„Bedenke Mensch, du bist Staub und zum Staub kehrst du zurück!“
„Kehrt um und glaubt an das Evangelium!“

Oder ein Satz aus der jüdischen Tradition:
„Du bist Staub und Asche; aber um deinetwillen hat Gott die Welt erschaffen.“

         Joel 2,12-18; 2 Kor 5,20-6,2; Mt 6,1-6,16-18; Aschermittwoch, Lesejahr B
© Dr. Tamás Czopf