THEOLOGISCHE FRAGEN 2

aufgegriffen aus biblischen Texten des Ostermontags

Hat Gott eine Chance, sein Anliegen für die Welt zu retten?

Hinter der Emmaus-Geschichte steht ein ernstes Problem. Es geht nicht nur um den Schmerz der Jünger, dass Jesus brutalst hingerichtet wurde und sie so einen Freund und den Meister verloren haben, an den sie Hoffnungen, vielleicht messianische Hoffnungen geknüpft hatten. Was sie verwirrt und aus Jerusalem fliehen lässt, ist, dass Jesus als Ketzer hingerichtet worden ist.
Es war immerhin die offizielle religiöse Autorität, die ihn in einem Prozess als falschen Messias angezeigt und verurteilt hat. Hatten sie also aufs falsche Pferd gesetzt? Kann die Sache Jesu überhaupt weitergehen, die eine? Falsche Messiasse gab es damals und auch seither immer wieder – ihre Lehren, ihre Verheißungen erwiesen sich stets als überzogen, unhaltbar, mit den Lehren der Väter nicht vereinbar und im Leben nicht praktizierbar. War Jesus auch so einer? Er war ja zugegebenermaßen ziemlich radikal, manches klang für jüdische Ohren unerträglich oder zumindest stark erklärungsbedürftig… Es gab ja noch keine Gemeinden, keine Missionare, keine neutestamentlichen Schriften – nur das Urteil: Falschlehrer und Irreführer. Das waren sozusagen die „Schlagzeilen“ in den Medien…

Was steckt hinter der Frage der Emmausjünger?

Wenn wir dieses menschlich sehr verständliche Problem der zwei Jünger näher anschauen, tut sich darin ein noch viel tieferes Problem für Gott auf: Wie kann er diese Sache retten, was kann er tun? Ist nicht er gescheitert?
Wir neigen dazu, allzu schnell zu antworten: Ja, der Auferstandene ist doch da! Aber genau das ist so bewegend in den Ostergeschichten. Wenn der Auferstandene mit Pauken und Trompeten erschienen wäre, den Hohepriestern und Schriftgelehrten die Leviten gelesen, dem Volk seinen verklärten Leib gezeigt, den Aposteln seinen Zeigefinger erhoben hätte, und was alles sonst uns noch einfallen könnte… aber von alldem keine Spur. Karfreitag ist erst einmal vollständig und lückenlos; und Ostern geschieht in der Verborgenheit und der Stille, nur vor den Jüngern. Es kommt jetzt ganz und gar auf die Jünger an.
Es liegt an diesen zehn Fischern und dem einen Zöllner, ob das Urteil des hohen Rates revidiert werden kann oder nicht. Der Auferstandene kommt nicht durch ein Spektakel, sondern ausschließlich durch das Zeugnis von schwachen Menschen. Für das Wunder von Ostern ist der Schlüssel also allein diese innere Umstimmung der Jünger, dass sie es als totale Nichtfachleute mit dem Urteil der Theologen und Richter aufnehmen und sagen: Es war ein Fehlurteil, Jesus ist die Wahrheit, der Weg und das Leben.

In der Emmaus-Geschichte sind wir Augenzeugen einer solchen inneren Umstimmung, wie die zwei die Ereignisse, die man nicht ändern kann, auf einmal mit völlig neuen Augen anschauen, wie sie aus der Schrift ihre „Logik“ verstehen und wie sie aus dem Brotbrechen Kraft und Mut schöpfen, sich ganz umdrehen lassen und wieder zu den Brüdern und Schwestern nach Jerusalem zurück gehen. Sie werden dort mit den anderen allerdings keine Aktionen veranstalten, nicht vor dem Haus des Pilatus demonstrieren, keine Erklärungen und Forderungen an das Tempeltor nageln, sondern sie werden zusammenbleiben und sich so neu und eng verbunden wie nie zuvor erfahren, und schließlich werden sie ganz freimütig reden, wenn sie gefragt und angeklagt werden.

Die Jünger sind nicht unter Protest aus der Synagoge und der Tempelgemeinschaft Israels ausgetreten, sondern haben weiterhin am religiösen Leben teilgenommen, sich als Teil des Gottesvolkes verstanden mit eben diesem unerhörten Auftrag, Gottes Urteil über Jesus, welches sich von dem Urteil der Autoritäten diametral unterscheidet, für und in Israel und dann für die Völker zu vertreten.
Der Auferstandene braucht auch diese beiden Jünger, die sich gerade traurig vom Ort des Geschehens entfernen wollen. Denn wenn sie das Kreuz nicht verstehen, an dem ein Ketzer hing, wer soll dann Ostern verstehen, das in der stillen Einsamkeit und Verborgenheit geschah.

Auch heute kann Gott nur dann seine Lösung bekannt machen, wenn sich einige umstimmen lassen zu Gottes Meinung. Dazu ist es nicht nötig, gegen Obrigkeit und Hierarchie einen Aufstand anzustiften, umso mehr jedoch, dass man dem Auferstandenen zuhört, wie er die Schrift auslegt und dass man mit ihm am Tisch sitzt, um das Brot von ihm und ihn in dem Brot zu empfangen.

        Lk 24,13-35, Ostermontag
© Dr. Tamás Czopf