THEOLOGISCHE FRAGEN 3

aufgegriffen aus biblischen Texten des Pfingstfestes

Wer ist der Geist?

Der Geist, der auf Hebräisch ruach heißt und weiblich ist, kommt bereits in der dritten Zeile der Bibel vor. Bei der Erschaffung von Himmel und Erde schwebt der Geist über den Wassern. Gott erschafft alles durch sein Wort, aber sein Geist geht in die Schöpfung hinein. Der Geist ist so etwas wie das ordnende Prinzip des Seins. Durch den Geist wird aus dem Tohuwabohu (das Wort steht in der zweiten Zeile der Bibel) eine geordnete Schöpfung. Alles, wo im Kosmos Form, Gesetz und Schönheit zu finden sind, ist vom Geist geprägt. Die Natur ist ja nicht völlig unergründlich und unberechenbar, sondern Gesetzlichkeiten und Strukturen durchdringen sie, die man studieren, berechnen und nachprüfen kann, das kommt alles vom Geist.
Der Geist ist freilich auch auf der anderen Seite da – nämlich in uns Menschen: Wo wir uferlose Wissbegier, nie versiegende Entdeckerfreude, unbändiges Staunen haben, die uns zu extrem differenzierten Einsichten führen, da ist derselbe Geist im Spiel. Mir fällt immer wieder der Planet Mars ein, der uns neulich näher gerückt ist, weil ein ausgetüftelter Rover mit einem possierlichen Hubschrauber unseren Forschungsdrang befriedigen sollte. Eine unglaubliche Leistung – und vielleicht schaffen wir es, eines Tages durch neue Berechnungen und Technik auch in andere Galaxien zu kommen… Die Welt ist voller Geist, und der Mensch ist Träger und Instrument des Geistes, er sucht und findet überall seine Spuren, und unsere Neugier und Entzückung finden keine Grenzen.

Und es geht weiter in Philosophie, Ethik, Medizin, Ökonomie, Ökologie und den Sozialwissenschaften. Wir wissen (theoretisch), wie eine gute Volkswirtschaft funktionieren würde, wie der Friede möglich wäre und wie das Klima geschützt werden könnte… Ich habe mich immer gefragt: Warum braucht es eigentlich Pfingsten, wo der Geist noch einmal extra kommen muss, wenn er schon längst da ist und alles durchdringt? Was heißt es überhaupt, dass er kommt; er ist doch schon da!? Dass der Geist Gottes überall seinen „Abdruck“ hinterlassen hat, in Form und Schönheit des Geschaffenen, das kann man offenen Auges so verstehen.

Die Gabe der Tora in Israel – geistgewirkt?

Aber der Geist hatte noch Größeres vor. Sie wissen, dass, so wie Ostern, auch Pfingsten ein jüdisches Fest ist; 50 Tage nach Pessach folgt Schawuot – das Wochenfest, sieben mal sieben Tage nach dem Fest der Befreiung am Schilfmeer. Die Juden feiern an Pfingsten die Gabe des Gesetzes am Berg Sinai. Es gibt eine alte jüdische Tradition am Vorabend von Pfingsten: In der Nacht vor Schawuot pflegen sie die ganze Nacht hindurch das, was sie für das Wesentlichste und Wichtigste im Leben halten, nämlich das Studium. Das Studium der Tora ist das Kostbarste, was der Mensch im jüdischen Verständnis tun kann, um Gott und seinem Geist näher zu kommen. Das ist Grundlage und Voraussetzung für das Befolgen der Gebote, auch für Frömmigkeit und Gebet. Das Studium ist die Weise, wie der Mensch dem Geist auf die Spur kommt und ihn aufnehmen kann. Man geht lernend dem Geist entgegen, der schaffend und gestaltend uns entgegenkommt. Freilich ist mit „Studium“ hier nicht ganz das gemeint, was man an der Uni macht – obwohl jede Ausbildung, jedes Handwerk oder Studium etwas mit diesem Geist zu tun hat. Hier ist eher ein geduldiges, regelmäßiges, offenherziges Verharren mit der Schrift und der Tradition gemeint – also weniger eine strenge Leistung, als dass man sich in einem bestimmten Raum, in einer gewissen Landschaft aufhält und Ausschau hält. Am jüdischen Pfingstfest stieg Gott auf den Berg herab und gab im Feuer und Sturm dem Volk Israel das Gesetz, seinen Willen, sein Wort, das Mose auf die Steintafeln geschrieben hat.

Das Jüdische und die Apostelgeschichte

Auch das, was in der Lesung aus der Apostelgeschichte geschildert wird, geht auf diese Schilderung der Gabe des Gesetzes am Berg Sinai zurück. Die Jünger erleben einen Ausbruch von Begeisterung und von göttlicher Inspiration (Chaim Noll). Der jüdische Begriff für diese Art Inspiration ist schechina, wörtlich „die Einwohnung“, gemeint ist die Einwohnung oder Anwesenheit Gottes durch seinen Geist. Das hebräische Wort schechina kommt aus dem Wort „wohnen“, aus dem auch das hebräische Wort für Tabernakel stammt, mishkan, der „irdische Wohnort Gottes“, das Bundeszelt, das in der Wüstenzeit 40 Jahre lang Israel begleitete. Für jüdische Ohren klingt die Schilderung der Versammlung der Jünger mit den Frauen in der Apostelgeschichte wie eine Herabkunft der schechina – nach langem Studium und Gebet seit Ostern und der Himmelfahrt. Die schechina, der Geist Gottes, soll nämlich nicht nur im Tabernakel, im Offenbarungs-Zelt ihren Ort haben, sondern vielmehr im Menschen und unter den Menschen.
Der Geist will nicht nur in den Spuren der Form und der Schönheit, in den Zahlen und der Geometrie erkennbar sein, sondern in und unter den Menschen „einwohnen“. Er möchte den Geist des Menschen ganz erfüllen. Im jüdischen Talmud heißt es: „wo immer zehn versammelt sind, um zu beten und das Gesetz zu studieren“ – dort wohnt Gott (Traktat Sanhedrin 39a).

Jesus bricht diese Zahl noch weiter herunter, es reichen zwei oder drei in seinem Namen Versammelte. Vielleicht liegt ein Grund, warum es uns Christen in Europa an Mut und Ausstrahlung fehlt, warum die Begeisterung und Inspiration so rar sind, darin, dass wir uns entweder gar nicht versammeln oder nur zum Beten, aber ohne zu studieren. Keine Frage, der Geist ist trotzdem da und ergänzt vieles, sonst wären wir schon längst untergegangen. Aber seine Gegenwart möchte viel stärker und intensiver sein, damit so wie in Jerusalem am heutigen Morgen die Menschen zusammenlaufen und wissen wollen, was da passiert.

Apostelgeschichte 2,1-11; 1. Korintherbrief 12,3-13 und Brief an die Galater 5,16-25;
Johannes 20,19-23; Pfingsten am Tage B

Was sich im Gefolge des Gottesgeistes ergibt

Der Pfingstmontag fügt zu den Lesungen des Pfingsttages noch zwei Gedanken hinzu, auf die ich Sie aufmerksam machen möchte.

Warum am Pfingstfest die Rede von Verfolgung?

1.
Zu Beginn der Lesung aus der Apostelgeschichte hörten wir: „In jenen Tagen brach eine schwere Verfolgung über die Kirche in Jerusalem herein.“
Es ist eine Urerfahrung des Glaubens, dass große Heilsereignisse, Gottes Taten immer auch Widerstand, Gegnerschaft und Verfolgung hervorrufen. So war es bei der Geburt Jesu und an Ostern und so ist es auch an Pfingsten. Ein Grund dafür liegt sicherlich darin, dass diese göttlichen Ereignisse ihre Adressaten nicht niederwalzen, nicht überwältigen, sondern dass sie in Verborgenheit passieren, sodass sie nur für den Glauben als das offenbar werden, was sie sind: Gottes Taten.

Für die Betroffenen gehen durch sie Welten auf oder auch unter, während sie für die Unbeteiligten als Irritation oder belanglose Einbildung erscheinen. In der Erzählung des Lukas geht aber die Glaubenserfahrung noch weiter: Die Verfolgung wurde für die junge Kirche ein Weg der Verbreitung des Evangeliums. Das war so weder geplant noch gewollt, sondern einfach der tatsächliche Weg. Aber so wird Gottes Macht noch einmal klar: Nicht nur die Zustimmung, auch die Ablehnung kann er gebrauchen. So kommt nämlich das Evangelium nach Samarien, ein Gebiet zwischen Galiläa und Judäa, wo damals eine Gruppe lebte, die sich nach dem babylonischen Exil von Israel abgespalten hatte und vom Mainstream des Judentums verachtet wurde, da sie als nicht rechtgläubig galt. Gerade diese Geächteten haben das Evangelium schneller angenommen und wurden die ersten Gefährten der aus Jerusalem geflohenen Jünger Jesu.

Ein Pfingstfest ohne Lobpreis?

2.
Das zweite, das mir immer auffällt, steht am Anfang des Evangeliums: „Jesus rief vom Heiligen Geist erfüllt voll Freude aus“.
Eine untrügliche Wirkung des Heiligen Geistes ist das Singen, der Lobpreis Gottes. Lukas wird nicht müde, dies immer wieder zu erwähnen:
Elisabeth singt geisterfüllt das Avemaria; als Antwort singt Maria das Magnificat;
Zacharias, der Vater Johannes des Täufers, singt erfüllt vom Heiligen Geist das Benedictus,
und auch der Greis Simeon war voll des Geistes, als er im Tempel bei der Beschneidung Jesu das Nunc dimittis sang.
Und nun singt auch Jesus „im Heiligen Geist“.
Bemerkenswert ist, dass die Ereignisse, die solche Lieder auslösen, im konkreten Augenblick klein und unscheinbar sind. Aber sie haben eine schon spürbare Beziehung zum Größten und Schönsten, was es überhaupt gibt, nämlich zu Gottes Plan und zu Gottes Person selber. Gott wohnt und handelt nicht im Spektakel, sondern auf den „Lobliedern Israels“, wie es heißt.
Das gehört zum Hauptinhalt unserer Feste: Das Große wird klein und das Kleine ist groß; die Klugen und Weisen verstehen nicht, und die Unverständigen, Schwachen sehen plötzlich klar.

Eine „stille Revolution“, die aber alle Verhältnisse auf den Kopf stellt. Die stille, aber „übergroße Macht“ Gottes, ein dezenter und doch übergroßer Reichtum… Dies noch dazuzusagen, schien der Kirche wichtig. Daran soll uns der zweite Pfingsttag aus der Fülle des Festes erinnern.

       Apostelgeschichte 8,1-17; Brief an die Epheser 1,3-19; 
Lk 10,21-24; Pfingstmontag B

© Dr. Tamás Czopf, Pfarreiengemeinschaft Starnberg