Theologische Fragen aus biblischen Texten der Liturgie 4

Die folgsame Herde des guten Hirten – oder was sonst?

Die Allegorie mit dem Hirten und den Schafen umfasst bei Johannes eine längere Rede Jesu, wir hören am 4. Sonntag der Osterzeit den mittleren Teil.
Durch die lange Geschichte der Kirche mit Hirten-Amt und folgsamer Herde ist für uns heutige Hörer vieles von der ursprünglichen biblischen Botschaft verschüttet. In unserem Abschnitt gibt es vier Themen, die wir etwas näher anschauen werden:

1. Das erste ist der Kontrast zwischen „dem guten Hirten“ und den „bezahlten Knechten“.

Der bezahlte Knecht ist nichts Schlechtes an sich, er hat seine Berechtigung. Er gibt seine Arbeitsleistung und erhält dafür eine Bezahlung. Das ist für jeden Beruf und Dienst normal und funktioniert in jedem Betrieb. Aber die Unternehmung des Gottesvolkes ist eben kein Betrieb, und diese Art Hirte-Sein ist kein Beruf. Unter dieser Schwierigkeit leidet besonders die deutsche Kirche, wo viel Geld und dadurch auch „bezahlte Knechte“ immer noch in großer Zahl da sind. Wie gesagt: Da ist nichts Verwerfliches dabei – ich bin auch einer von denen.

Aber es birgt eine Gefahr in sich, weil es kein Glaubensverhältnis beschreibt. Jesus schildert den Unterschied klar: „Der gute Hirt gibt sein Leben hin für die Schafe.“ Er gibt also nicht eine bestimmte Zeit oder Leistung, sondern das ganze Leben. Jesus stellt damit das Bild auf den Kopf: denn gewöhnlich geben die Schafe ihr Leben für den Hirten, nämlich Milch, Fleisch und Wolle. Das Verhältnis von Hirt und Herde ist hier jedoch ein anderes, der Hirte identifiziert sich mit seinen Schafen, das gibt es sonst nur in der Familie oder unter Verliebten, da ist jedes materielle Besitzverhältnis fehl am Platz. Jesus fügt in diesem Fall nicht hinzu, dass auch die Schafe ihr Leben für den Hirten oder die anderen Schafe hingeben müssen. Er redet nur von sich und schafft damit ein Maß für jedes Hirtenamt in seiner Nachfolge, das übrigens alle Getauften in der allgemeinen Form auch haben.

2. Das nächste Element im Bild bilden die „reißenden Wölfe“, die die Schafe bedrohen und das Versagen der bezahlten Knechte zeigen.

Wir erleben gerade etwas seltsame Diskussionen über die Renaturierung der europäischen Wälder, wozu auch die Wiederansiedlung der Wölfe gehören soll, was in meinen Ohren eher nach Beschwören der Gefahren klingt als nach Schutz der bedrohten Natur. Jedenfalls ist das Dasein des Gottesvolkes keine harmlose, bukolische Idylle, sondern eine gefährliche Angelegenheit. Wer die Wölfe sind, führt Jesus nicht weiter aus – man kann es sich denken. Diese Wölfe reißen die Schafe und zerstreuen die Herde und schlagen die Knechte in die Flucht. Die Wölfe sind Kräfte, Einzelne oder Kreise, die das Leben der Schafe haben wollen; das können der Staat, politische Ideologien oder irreführende Lebensphilosophien sein. Jedenfalls gibt es gegen sie keine bezahlten Größen, die einen vor ihnen schützen würden.

3. Der dritte und zentrale Teil des Gleichnisses ist das Kennen und Erkennen.

Hier gibt es eine Gegenseitigkeit: „Ich kenne meine Schafe und meine Schafe kennen mich.“ Papst Benedikt hat sich in seinem Jesusbuch auch darüber Gedanken gemacht. Kennen sei die Weise, wie die Herde dem Hirten gehört, sie kennen sich, d.h. sie gehören sich gegenseitig. Der wahre Hirte besitzt die Schafe nicht wie irgendein Ding, das man gebraucht und verbraucht, sondern nur weil sie sich kennen, gehören sie sich gegenseitig.
Dieses Kennen umfasst ein tiefes inneres Annehmen. Gott besitzt und beherrscht uns Menschen in seinem Volk nicht, wie ein Diktator oder ein Scharlatan das tut; seine Beziehung zu uns ist, dass er uns bis in die Tiefe kennt und auch sich öffnet, damit auch wir ihn kennen können. Aber im Gleichnis fährt Jesus fort: „…wie mich der Vater kennt und ich den Vater kenne…“ Papst Benedikt sagt dazu: „Nur in Gott und nur von Gott her kennt man den Menschen richtig.“ (327) Es ist sicherlich eine große Versuchung unserer Zeit, die von den Naturwissenschaften geprägt ist, dass wir beim Messbaren und Statistischen bleiben, bei Gesundheit und Kontostand. Nicht nur der gute Hirte kennt die ihm Anvertrauten, da er sie mit Gottes gerecht liebenden, erbarmenden Augen anschaut; auch der Mensch kennt sich selber nur dann, wenn er in sich das Geheimnis Gottes sieht.

4. Schließlich den vierten Teil des Hirtenbildes bilden die „anderen Schafe“.

Auch hier erklärt Jesus nicht, wen er meint. Momentan redet er zu Leuten, die ihn nicht verstehen, er hat gerade einen Blinden geheilt und mit dieser Heilung unter den Pharisäern und Schriftgelehrten eine große Verwirrung ausgelöst. Die „anderen Schafe“, die auf die Stimme Jesu hören werden, können also Juden sein, die Jesus verstehen und ihm folgen. Aber man kann auch mit der Tradition den Satz als Hinweis auf die Heiden verstehen. Auch sie muss Jesus „führen“, damit es „nur eine Herde und einen Hirten“ – gibt.

Schon Israel sah die größte Aufgabe und Verheißung des guten Hirten darin, dass er das Gottesvolk eint, die Spaltungen überwindet und heilt. Durch Jesus wird der Radius der Sammlung erweitert, er umfasst auch die Heiden, die „versprengten Kinder Gottes“ – wie sie Johannes etwas später nennt. Diese Sammlung ist in der christlichen Tradition mit dem Bild des „Pastor Bonus“ verknüpft, des guten Hirten, der das verlorene Schaf auf seinen Schultern heimträgt. Die Sammlung des Guten Hirten ist keine Massen-Mission, sondern eine mühsame Kleinarbeit von Mensch zu Mensch, wobei die Verlorenen – die von sich wissen und zugeben, dass sie Verlorene sind – eindeutig Vorfahrt haben. Die Sammlung der Herde geschieht jedes Mal in Taufe und Eucharistie. Gesammelt, das ist jeder Einzelne, der den Ruf hört, gesammelt in die Herde des guten Hirten, das wird immer neu geschaffen in jeder Eucharistiefeier. Wie kaum an einem anderen Sonntag als diesem vom guten Hirten werden Taufe und Eucharistie als aufeinander zugeordnet sichtbar und wird im Bild verständlich, wodurch Erlösung geschieht.

Den leider an diesem Sonntag sehr verkürzten Text des 4. Kapitels der Apostelgeschichte, in dem nämlich diese Worte des Petrus eingeflochten sind, sollte man ausführlich dazu lesen – denn er beschreibt, wie sich die Sorge des „guten Hirten“ in der frühen Kirche zu realisieren begann.

Johannes 10,11-18, 4. Sonntag der Osterzeit, Starnberg
© Dr. Tamás Czopf