Theologische Fragen aus biblischen Texten der Liturgie 5

Wann fragte Jesus: „Bringt das was?“

 „Bringt das was?“ – eine Frage, die oft gestellt wird, mit der man an viele Sachen herangeht, auch an Aktivitäten der Kirche. Heute verwendet man da gerne ein Fremdwort, das schön wissenschaftlich klingt: „Ist das systemrelevant?“ Und wenn so gefragt wird, führt das in der Regel zu Konsequenzen. Aber sollte man in der Kirche so fragen? Und da hören wir heute, dass Jesus genau so fragt. Er fragt nach den Früchten des Weinstocks, der er selber ist. „Ich bin der Weinstock und mein Vater ist der Winzer. Jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, schneidet er ab.“ Sein fortlebender Leib, das haben wir auch gehört, ist die Kirche. Es geht also um uns, und die Frage nach der Systemrelevanz ist nicht die Frage irgendwelcher kirchenferner Journalisten oder Politiker, es ist die Frage Gottes, des Winzers, nach der Relevanz der Reben, unserer Gemeinden, für sein System, seinen Weinstock. Er fragt mit dem nüchternen Blick des Winzers, der sich nicht wie vielleicht ein vorbeigehender Tourist an den üppigen Reben freut, sondern Früchte sucht, aus denen sich guter Wein gewinnen lässt, der sich verkaufen lässt.

Was bringt es, Kirche zu sein?

Es geht nicht darum, dass wir uns in unseren Gemeinden wohlfühlen, sondern tatsächlich um die Relevanz für die Welt, die Gott erlöst haben will. Welche Früchte haben wir ihr zu bieten – in der Not einer Pandemie? Das ist die Frage. Aber was könnte angesichts einer solchen Forderung da ein Einzelner von uns, eine Gemeinde irgendwo, vielleicht in einem kleinen Dorf, vielleicht in einer anonymen Großstadt, ausrichten? Nicht viel, jedenfalls nichts von dem, was hier verlangt wird, edle Trauben hervorzubringen, Wunder hervorzubringen.

Und deswegen ist da neben dem Wort von den Früchten ein zweites zentrales Wort, das neunmal im heutigen Evangelium vorkommt: „bleiben“, „am Weinstock bleiben“: „Wie die Rebe aus sich keine Frucht bringen kann, sondern nur, wenn sie am Weinstock bleibt, so könnt auch ihr keine Frucht bringen, wenn ihr nicht in mir bleibt.“ Das wird natürlich eine große Herausforderung unter Bedingungen von Kontaktbeschränkungen und Versammlungsverboten. Ich selbst verweise ja immer wieder auf die gerade in einer solchen Situation lebensrettende Form dessen, was man „Hauskirche“ nennen könnte. Was kann damit gemeint sein?
Wenn wir jetzt einmal in dem Bild des Weinstocks bleiben: Was sein Leben ausmacht, die Photosynthese, wo mit Sonnenlicht Zucker, Nährstoffe gebildet werden, findet ja nur in den Reben statt, noch genauer nur in den Blättern daran – das wären die Häuser in den Gemeinden. Aber eine abgetrennte Rebe, ein abgetrenntes Blatt, sagt Jesus und so wissen wir alle, verwelkt, verdorrt – ein treffendes Bild. Und was dem „Am Weinstock Bleiben“ entgegensteht, sind ja nicht nur und zuerst von außen aufgezwungene Einschränkungen, es ist die Verschiedenheit der Personen, der Gemeinden, Unverträglichkeiten, alte Verletzungen. So war es auch bei den Jüngern Jesu: Johannes und Jakobus, die sich noch auf dem Weg nach Jerusalem über die ersten Plätze an der Seite Jesu stritten, Matthäus, der als Zolleintreiber mit der römischen Besatzungsmacht kollaboriert hatte und Simon, der Zelot, der bei denen war, die einen bewaffneten Freiheitskampf führen wollten, Menschen, die auf Grund ihrer Lebensgeschichten, ihrer Vergangenheit und ihres Charakters unmöglich zueinander passten und nach der Kreuzigung Jesu dabei waren auseinanderzulaufen.

Eine andere Art von Wunder

Es wird uns als Wunder von Ostern beschrieben, dass sie wieder gesammelt wurden. Gesammelt werden, beieinander Bleiben wird nur möglich als Werk des Auferstandenen, wenn er uns neu gegenwärtig wird, wie er uns zu sich geholt, uns immer wieder vergeben hat, uns nicht weggeschickt, sondern in seiner Nähe gehalten hat, nur das lässt uns beieinanderbleiben. Dass solches Zueinanderfinden, aneinander Binden möglich ist, ist ein Wunder, das man sonst nur suchen kann. Wo es das gibt, wird Gott verherrlicht.
Aber was ist nun, wenn durch äußeren Druck erzwungen wird, die Verbindung zu den übrigen Teilen des Weinstocks abzuschnüren? In dem Bild aus der Natur gibt es so etwas ja auch, dass die Pflanze die Saftbahnen zu den Blättern abschnürt, wenn unter der äußeren Not von Wassermangel und Frost im Winter das Zirkulieren der Säfte tödlich wäre, – und ganz viele Blätter verwelken dann und fallen ab. Gleichzeitig bilden die Zweige schon neue Knospen und treiben im Frühjahr neu aus. Jetzt dürfen wir das Bild nicht überstrapazieren; es kommt an eine Grenze. Und doch, kann es nicht sein, dass unter dem äußeren Stress, wie etwa der Corona-Pandemie – einer Prüfung, so deuten es manche, dass da auch manches in der Kirche abstirbt, absterben muss und unsere Hoffnung sein darf, dass dann zu seiner Zeit Neues sprießt?
Prophetische Stimmen haben solche Gedanken schon geäußert, verbunden mit dem Zuspruch, nicht stehen zu bleiben bei der Trauer über das, was nicht mehr ist, sondern den Blick darauf zu richten, wo Gott Neues wachsen lässt. „Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?“ bekamen die Jünger zu hören, die trauernd am leeren Grab standen. „Geht nach Galiläa, dort werdet ihr ihn sehen.“

Die Frage nach den Früchten

Noch einmal: Wir dürfen ein Bild nicht überstrapazieren, aber nur uns abfinden mit den Beschränkungen, das wäre zu wenig. Nur auf Neues zu hoffen, wäre nicht das Hoffen der Propheten. Und erst recht nicht, wenn wir nur denken, es geht ja ohne Kirche, ohne Zusammenkommen auch, und den Kontakt, die Verbindung zum Ganzen der Kirche, der Pfarreiengemeinschaft abreißen lassen. Der Ernst, der in dem Bild steckt, bleibt, das betont Jesus: „Wer nicht in mir bleibt, wird wie die Rebe weggeworfen und er verdorrt.“ Und die erste Frage bleibt, die Frage nach den Früchten. Es geht gar nicht um eine rein „individualistische“ Frage, darum, ob dieses oder jenes Blatt verwelkt, vielleicht sogar abstirbt.
Gott fragt nach den Früchten seines Weinstocks für die Welt. Das ist sein leidenschaftliches Interesse. Und so steht am Schluss nicht eine Drohung, „Wehe, wenn ihr nicht …“,  sondern eine Verheißung, deren Erfüllung Johannes, als er 60 Jahre nach dem Tod und der Auferstehung Jesu das Evangelium aufschrieb, in seinen Gemeinden schon sehen konnte: „Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, dann bittet um alles, was ihr wollt: Ihr werdet es erhalten. Mein Vater wird dadurch verherrlicht, dass ihr reiche Frucht bringt.
Und schwerer als die Gemeinden des Johannes in der Zeit der Verfolgung haben wir es sicher nicht.

Johannes 15,1-8; Apostelgeschichte 9,26-3; 1 Johannes 3,18-24; 5. Sonntag in der Osterzeit B
© Dr. Konrad Wierzejewski, Pfarreiengemeinschaft Geltendorf