Theologische Fragen aus biblischen Texten der Liturgie 10

A. Herbe Texte über das Leben in den Gemeinden (von Tamás Czopf)
B. Was sollen Schuld-Berichte in der Bibel? (von Konrad Wierzejewski)

(Beide Texte beziehen sich auf die Schriftlesungen des 25. Sonntags im Lesejahr B:
Buch der Weisheit 2,1-20 gekürzt; Jakobusbrief 3,16–4,3; Markus 9,30-37)

A. Herbe Texte über das Leben in den Gemeinden

Der 25. Sonntag im Jahreskreis nach dem Lesejahr B der katholischen Kirche mag im Lichte der Texte etwas herb anmuten.  Er enthüllt eine Reihe innerer und äußerer Zustände, die nicht zu Gottes Volk, nicht zur Kirche passen und dort doch auch wohl vorhanden sind.

Im Buch der Weisheit werden die Leiden des „Gerechten“, die Anfeindungen unter seinen Brüdern geschildert; im Jakobusbrief geht es um die Nöte der jungen Gemeinschaft in Jerusalem, inmitten der Kirche; und der Evangelist Markus stellt die Rivalität zwischen den Aposteln in einer ungeschminkten Weise dar.

Aber gerade diese Unverblümtheit, diese klare Feststellung von Schwächen und Fehlern in den eigenen Reihen ist bereits Evangelium, nämlich Erleichterung und Trost – zumindest die eine Hälfte des Evangeliums.
Nicht, weil diese Probleme gar keine seien, sie sind wohl welche, denn letztlich wir selber sind es, die Gottes Werk zunichtemachen: Wir lachen über die Gerechten, wir suchen im Gebet unser eigenes Wohl und verfolgen in unmittelbarer Nähe Jesu unsere eigenen Karrierepläne.

Auf diese Weise wird aber zumindest deutlich, dass dies die Grundsituation ist, mit der Gott zu arbeiten hat. Wir gehören nicht zu einer besonders schlechten Generation der Moderne, die nutzloser ist als die Vorgänger. Nein, das ist genau der Stoff, den zu erlösen Jesus kam und warum er die Kirche um Israel herum gründete.
Die Lösung besteht also nicht darin, diese Dinge zu vertuschen, sondern sich ihrer bewusst zu sein; wir dürfen uns und die Kirche nicht aufgeben, da die Sache aussichtslos sei.

Wie wir in den Texten sehen, die Sache ist von Anfang an hoffnungslos. Aber gerade in diese hoffnungslose Sache bringt Gott seine Sache. Gott hat weder Israel wegen seines schlechten Benehmens durch ein anderes Volk ersetzt noch suchte Jesus andere Jünger als die Zwölf; und Jakobus – der Leiter der Jerusalemer Muttergemeinde, ein Verwandter Jesu – löste die Gemeinde nicht auf.

Es ist doch bewegend, wie behutsam Jesus im Evangelium versucht, die Apostel zu erziehen. Was für ein Wunder könnte er tun, außer darauf zu warten, dass sie ihn verstehen und ihm folgen.
Am vergangenen Sonntag hat Petrus in Cäsarea Philippi Jesus als Sohn Gottes und Messias bekannt, wobei ihn Jesus gleich danach Satan nannte, weil Petrus ihn vom Weg des Leidens abbringen wollte.
Danach waren drei Jünger mit ihrem Meister auf dem Berg Tabor und erlebten die Verklärung Jesu und erkannten den Zusammenhang der Passion mit den Verheißungen der Propheten und der bisherigen Geschichte Israels.

Sie sind also voller Erwartungen, und so machen sie sich auf den Weg: Jesus voran, der die Ankunft des messianischen Zeitalters spürt und auf die Erfüllung der Verheißungen zusteuert. Aber auch die Jünger sind voller Erwartung auf das, was ihnen bevorsteht, dass ihr Leben in Ordnung gebracht wird. So treten sie in die Fußstapfen Jesu und sind doch auf völlig verschiedenen Wegen unterwegs. Sie streiten darüber, wer der Größte von ihnen sei.

Uns darin zu erkennen

Es ist unschwer, uns und die heutige Kirche darin zu erkennen: Wir gehen den Weg Jesu mit der Kirche mit, aber unsere Vorstellungen, Wünsche, Erwartungen, wohin der Weg führen soll, welche Biegungen und Steigungen erlaubt sind und welche nicht, sind doch unterschiedlich, manchmal gegensätzlich… Es kann leicht passieren, dass sogar auf dem Weg der Nachfolge unsere innere Ausrichtung eine andere ist als die, die der Herr für uns, für unsere Gemeinde und unsere Kirche vorgesehen hat.

Immer wieder verbietet Jesus den Jüngern, von seinen Absichten zu sprechen, vielleicht weil er spürt, dass sie sie noch nicht verstehen und nicht authentisch und klar darstellen können. Vielleicht fällt auch uns die Evangelisierung deswegen so schwer, weil wir nicht genau wissen und wollen, was Jesus mit uns vorhat.
Wie kann sich Jesus seinen Jüngern verständlich machen? Jesus stellt ein Kind in ihre Mitte. Jetzt spricht er nur zu ihnen, er wendet sich ganz ihnen zu, es handelt sich also um eine Lehre von besonderer Bedeutung und Intimität.
Damals riefen Kinder keine romantischen Gefühle hervor; sie hatten quasi keine Rolle und Stellung in der Gesellschaft. Die Existenz des Kindes hängt ganz an den Eltern, sein Dasein heißt Vertrauen. Vertrauen und Gehorsam, Abhängigkeit und Beheimatet-Sein fallen bei einem Kind ineinander. In dieser Existenzform steht Jesus vor dem Vater und dieses Dasein will er seinen Jüngern vermitteln.

Eines Tages werden sie verstehen

Eines Tages werden sie es auch verstehen. Nicht, weil Jesus später noch bessere Argumente einfallen werden, sondern weil er hingerichtet wird. Das Gegenteil von dem, was die Jünger erwartet haben, wird eintreten. Das Bild des Kindes ist keine fromme Übertreibung, sondern die Realität Jesu.
Die Jünger werden nach dieser Ansprache nicht plötzlich zu Helden, die nicht mehr die Ersten, sondern die Letzten sein wollen. Ihre Verwandlung gleicht nicht einem moralischen Vulkanausbruch; sie werden vielmehr allmählich erlebt haben, dass, wenn sie ihren Willen mit dem Willen Jesu und des Vaters vereinen, sich letztlich doch auf das einlassen, was nicht ihre Idee war, dann werden sie nicht den größten Verlust ihres Lebens einfahren, sondern einen Gewinn, von dem sie nie zu träumen gewagt hätten.

Im Buch der Weisheit fragen die Skeptiker ganz geradeheraus: „Ist der Gerechte wirklich Sohn Gottes?“ Eine Frage, die dem Christentum ständig unter die Nase gerieben wurde, an der sich die Existenz der Kirche in der Nachfolge Israels entscheidet, und an der auch unser Glaube steht oder fällt. Diese Frage ist jedoch nicht theologisch zu beantworten, sondern nur durch das einmalige, nie wiederholbare Experiment der Willenseinigung mit dem Willen Gottes. Jeder in seinem Leben auf seine Weise, aber doch auch gemeinsam in der Gemeinschaft und der Tradition der Kirche. Wir brauchen jedes Instrument, jede Gemeinschaft, jedes Gebet und Gespräch, um in dieser kopernikanischen Wende, wo die Letzten die Ersten werden und die Gewinner die Verlierer, unser Glück und unser Lebensziel zu finden.

© Dr. Tamás Czopf, Pfarreiengemeinschaft Starnberg


B. Was sollen Schuld-Berichte in der Bibel?

Am letzten Sonntag haben wir gehört, wie Petrus zwar zu Jesus sagte: „Du bist der Messias”, aber dann, als Jesus sein Leiden ankündigt, zeigt sich, dass Petrus ihn in der Tiefe nicht verstand. Heute hören wir, wie Jesus das zweite Mal sein Leiden ankündigt, und wieder verstehen ihn seine Jünger nicht; diesmal heißt es: „Sie scheuten sich, ihn zu fragen.” Mag sein, weil sie sich erinnern, wie hart Jesus den Petrus zurechtgewiesen hatte, sagen sie lieber nichts mehr. Dreimal berichtet Markus, dass Jesus sein Leiden ankündigt und die Jünger ihn nicht verstehen. Zwischen der ersten und der zweiten Leidensankündigung steht die Erzählung von der Verklärung auf dem Tabor, wo Petrus drei Hütten bauen will, was kommentiert wird: „Er wusste nämlich nicht, was er sagen sollte.” Das Nichtverstehen der Jünger zieht sich wie ein roter Faden durch das Markusevangelium.

Das ist ein sehr erstaunliches und einzigartiges Phänomen in allen Teilen der Heiligen Schrift. Von einer heiligen Schrift würde man eigentlich etwas anderes erwarten. Das Normale in der Geschichtsschreibung der Völker und auch Gemeinschaften ist, dass sie ihre Glanzleistungen herausstellen und die dunklen Seiten verschweigen und vertuschen. Diese schonungslose Offenheit und Freiheit, die eigenen Fehler beim Namen zu nennen, ist vielleicht das größte Wunder der Heilsgeschichte.

Es beginnt schon im Alten Testament. In den Büchern der Könige heißt es immer wieder von den einzelnen Königen: „Er tat, was dem Herrn missfiel, und ahmte die Gräuel der Völker nach, die der Herr vor den Israeliten vertrieben hatte.” „Wie sein Vater Manasse tat er, was dem Herrn missfiel.” „Wie seine Väter tat er, was dem Herrn missfiel.“ Dreiunddreißig Mal wiederholt es sich so in den Büchern der Könige und so zieht es sich durch die ganze Heilige Schrift und in dieser Tradition schreibt auch Markus sein Evangelium, die Gründungsgeschichte der Kirche, als eine Geschichte des ersten Papstes, der als Satan bezeichnet und hart zurecht­gewiesen wird, der Jesus verleugnet, und von Jüngern, die Jesus nicht verstehen und bei seiner Verhaftung davonlaufen. Wie kommt es zu einer solchen Freiheit gegenüber der eigenen Schuld?

Die neue Frage der Botschaft Jesu

Es lässt sich als Ergebnis wahrnehmen. Heute dürfen wir einmal hören, wie Jesus seine Jünger lehrt. Sie haben ihn nicht verstanden und schweigen. Er fragt sie: „Worüber habt ihr unterwegs gesprochen?”, und damit deckt er den Grund auf, weshalb sie ihn nicht verstehen können: Sie sind nur mit sich selbst beschäftigt, mit der Frage, „wer von ihnen der Größte sei.” Sie sind zwar mit Jesus gemeinsam unterwegs, aber in Wirklichkeit streben sie in ganz entgegengesetzte Richtungen. Jesus geht es darum, eine versöhnte Tisch­gemeinschaft für Gott zu sammeln, damit sich die Verheißungen des Vaters erfüllen können. Die Jünger dagegen denken an sich, an ihre Selbstverwirklichung, erwarten eine Karriere im Reich des Messias.

Und was erwarten wir uns in der Kirche? Anerkennung, wie wichtig wir sind, oder Trost, wo wir versagen, den Zuspruch, dass es schon gut ist, wie es ist, Antworten auf unsere großen oder kleinen Fragen? Aber unsere Pläne für die Karriere oder auch nur für das Wochenende dürfen dabei bloß nicht beeinträchtigt werden. Nur manchmal merken wir vielleicht plötzlich, dass der Herr uns in eine andere Richtung führt, dass seine Botschaft überhaupt nicht auf unsere Fragen eine Antwort sein will, sondern selber eine neue Frage stellt und uns in eine neue, andere Richtung hineinziehen möchte, uns sammeln möchte für einen Auftrag, seine Treue und Zuwendung zur Welt zu bezeugen.

Die Jünger Jesu haben das nicht verstanden, obwohl sie so in seiner Nähe sein konnten. Und auch die späteren Gemeinden, an die Jakobus schrieb, haben es meist wieder nicht verstanden, so dass er ihnen schrieb: „Ihr begehrt und erhaltet doch nichts. Ihr mordet und seid eifersüchtig und könnt dennoch nichts erreichen.“ Sie, wir brauchen nicht der gott­losen Umwelt, nicht den schlimmen Zeiten die Schuld geben, dass wir als Kirche keinen Erfolg haben, sondern uns selbst: „Ihr bittet und empfangt doch nichts, weil ihr in böser Absicht bittet, um es in euren Leidenschaften zu verschwenden.“

„Vertragt euch endlich“ ist noch keine christliche Botschaft

Die Neigung, sich zu vergleichen, sich übereinander zu erheben, steckt tief im Menschen. Jesus weiß, es würde nichts helfen, seine Jünger deswegen zu ermahnen: vertragt euch doch endlich. Er sagt nicht zu Petrus: Du solltest den Matthäus auch etwas mehr schätzen und achten. Jesus greift zu einem starken Zeichen, das wir gar nicht mehr so verstehen können: Er stellt ein Kind in ihre Mitte. Uns rührt das an, aber ein solcher sentimentaler Blick auf ein Kind war der Antike fremd. Jesus stellt nicht deshalb ein Kind in die Mitte, weil es so anrührend ist, sondern weil es in der antiken Welt überhaupt nichts galt. Wenn wir es mit unserem heutigen Empfinden vergleichen, dann noch am ehesten damit, wie heute viele einen Embryo nur als einen Zellhaufen im Mutterleib ansehen, den man beseitigen kann. So wenig war in der Antike ein Kind geachtet. Ein Kind aufzunehmen, zu achten, das war nicht eine kleine Kurs­korrektur, die einen sympathisch machte, es stellte alles damals Übliche auf den Kopf.

Nach dem Tod Jesu verstanden es seine Jünger, als sie sahen, wohin ihr bis zuletzt Fixiert-Sein auf die eigene Größe geführt hatte. Und dann verstanden sie noch etwas: So wie das Kind sich nicht schämen muss, wenn es etwas nicht kann, so braucht die offen gelegte Schuld den Einzelnen in der Kirche nicht zu beschämen. Es geht ja gar nicht zu­erst um unser Versagen, obwohl es nicht verschwiegen wird, sondern durch diese Offenheit wird die Kirche vor unserem Ehrgeiz, unserer Enge gerettet, damit der Glanz Gottes sichtbar wird, den er auf sein geliebtes Volk legt, sein Erbarmen. So konnte in den Gemeinden des Neuen Testaments das Wunder geschehen, dass die Ehre und die Unbe­scholtenheit des Einzelnen nicht mehr das Wichtigste waren, sondern die Ehre Gottes, der ihre Väter aus Ägypten geführt hatte, aus der Religion der anderen Völker heraus, und mit ihnen einen Bund geschlossen hatte, einen Bund der Versöhnung, zur Heilung der Welt. Diese Geschichte war durch Jesus unter ihnen neu lebendig geworden. Sie weiterzutragen war ihnen nach Ostern das wichtigste Anliegen. So sprachen sie über ihre Fehler, über ihr Scheitern nicht bedrückt, sondern aus dem Wunsch, dass das Anliegen Gottes, seine Liebe zur Welt, ja nicht verdunkelt werde.

„Beschlüsse“ oder gibt es das, die „Suche nach der Nähe Gottes“ im Jakobusbrief

Diese Freiheit, über Versagen zu sprechen, hat die Kirche bis heute bewahrt in der Beichte. Als die Gemeinden dann zu groß und das persönliche Ehrempfinden besonders der germanischen Völker übermächtig wurden, fand sie die Form in dem geschützten Raum des Beichtstuhls. Aber auch diese Form ist an ihre Grenzen gestoßen. Dass sie unter den gegenwärtigen Hygienebestimmungen so nicht praktiziert werden kann – Möglichkeiten gäbe es schon –, das vermisst hier kaum noch jemand. Aber das Fehlen einer, ich möchte es einmal nennen, Kultur der Umkehr ist schmerzlich spürbar, dass es den Ort nicht gibt, wo einer sagen kann: Ich habe einen Fehler gemacht, und die Hilfe einer ganzen Gemeinschaft erbitten kann. Gleichzeitig spüren wir: die erbarmungslose Öffentlichkeit der Medien kann nicht der Ort dafür sein. In der Kirche, wie sie von Gott gedacht ist, sollte ein geschützter Raum sein, in dem nichts vertuscht wird, alles offen ausgesprochen wird, werden kann, wo die Sorge um das eigene Ansehen zurücktritt hinter der Sorge um die Ehre Gottes und um seine Zuwendung zu den Schwächsten. Diesen Raum gilt es dringend wieder zu erstellen, zu erbitten, denn er ist nicht einfach durch organisatorische Maßnahmen zu schaffen und auch nicht durch Beschlüsse in Gremien oder Arbeitskreisen.

Wir sind nicht besser als die Gemeinden, an die Jakobus seine kritischen Worte schrieb. Aber Jakobus klagt nicht einfach, dass 30 Jahre nach der Auferstehung Jesu wieder alles beim Alten ist, sondern sagt ein paar Verse weiter voll Zuversicht: „Gott gibt noch größere Gnade; darum heißt es auch: Gott tritt den Stolzen entgegen, den Demütigen aber schenkt er seine Gnade. Ordnet euch also Gott unter, leistet dem Teufel Widerstand; dann wird er vor euch fliehen. Sucht die Nähe Gottes; dann wird er sich euch nähern.“ Darum wollen wir heute die Nähe Gottes suchen und ihn bitten, dass er seinen Glanz, den Glanz der in Freiheit ausgesprochenen und verwandelten Schuld wieder auf unsere Gemeinden lege.

© Dr. Konrad Wierzejewski, Pfarreiengemeinschaft Geltendorf