Theologische Fragen aus biblischen Texten der Liturgie 11

Wie geht das mit der Vermittlung der Macht Gottes?

Das Gottesvolk stand von Anfang an vor differenzierten Fragen, die uns auch heute nicht erspart bleiben. Die Liturgie mit ihren Texten spiegelt das wider, die Texte sind oft nicht so einfach zu verstehen. So ist es auch am 26. Sonntag der Leseordnung B.

Freilich steht auch diesmal die Frage im Hintergrund: Gott will unter den Menschen wirken, er will sein Wort sprechen und seine Kraft ausüben: Offenbarung und Erlösung. Da er es aber ganz direkt nicht tun kann, braucht er Vermittlung, und da beginnen die Schwierigkeiten. Da gibt es von Anfang an Diskussions- und Reformbedarf. In Deutschland hat in der vorletzten Septemberwoche die Bischofskonferenz ihre Vollversammlung abgehalten, zwei Wochen später tagt der „Synodale Weg“… Auch damals, in den Zeiten, auf die sich unsere Bibeltexte beziehen, gab es Fragen zu klären: Wie funktioniert das Gottesvolk? Wie geht das mit der Vermittlung der Macht Gottes…?
Aus den vielen möglichen Gedanken, die sich an diesen Texten entzünden können, möchte ich in vier kurzen Schritten dem nachgehen, was Lesung und Evangelium verbindet.

Das Handeln Gottes trägt den menschlichen Gegebenheiten Rechnung

1. Als erstes können wir feststellen: Es gibt im Gottesvolk, auch in der Kirche, Amt und Ordnung. Es ist schön erzählt im Buch Numeri, wie Eldad und Medad im Lager der Israeliten in prophetische Verzückung geraten, aber nicht beim Offenbarungszelt mit den anderen versammelt sind; ich muss jedes Mal schmunzeln, wenn es heißt: Sie standen auf der Liste. Gemeint ist die Liste der 70 Ältesten, die Mose zu Hilfe kommen sollen, damit er seine Führungsaufgabe für das Volk schaffen kann. Es gibt also Listen und eine Ordnung. Manche sind auf bestimmten Listen, andere auf anderen, und alles hat Konsequenzen und gehört zum Volk Gottes.
Auch die zwölf Apostel sind namentlich bekannt, der Kreis ist nicht beliebig erweiterbar, auch damit sind Rechte und Pflichten verbunden.
Wenn Gott zu handeln beginnt, dann entsteht weder reine Anarchie mit voller Gleichberechtigung noch eine totale Organisation mit absolutistischen Strukturen. Weil jede menschliche Gemeinschaft und Gesellschaft Machtstrukturen braucht, muss auch Gott sich derer bedienen.

2. Ein Zweites gehört aber noch zu diesem Punkt, nämlich, dass es immer auch „Eiferer“ gibt. Unter Mose ist es Josua, sein treuester Diener, bei Jesus ist es in diesem Fall Johannes, einer der sog. „Donnersöhne“, die schon von Haus aus zur Radikalität neigten. Sie wollen das Amt schützen und wachen eifersüchtig über die Ordnung. Freilich gibt es Eiferer auch in anderen Bereichen; Eiferer gibt es für die Corona-Impfung genauso wie für Mundkommunion, für das Tierwohl ebenso wie für Gendergerechtigkeit. Und es darf sie auch geben. Aber in unseren Geschichten werden sie jedes Mal gedämpft. Auch wenn Entschlossenheit und Klarheit wünschenswert und wertvoll sind, Radikalität verfehlt meistens die Differenziertheit der Wirklichkeit, auch oder vielleicht erst recht in der Kirche.

Derselbe Geist, der Ämter schafft, weht zugleich, will sich ausbreiten

3. Denn es gibt ein Drittes: Der Geist Gottes will sich ausbreiten. Zwar ist es derselbe Geist, der die Strukturen, die Ämter und die Ordnung motiviert und aufbaut, zugleich „weht er, wo er will“ – wie das Evangelium sagt. Der Geist löst zwar dadurch die Ordnung nicht auf, hält sich aber nicht vollständig an sie. Die zwei Männer in der Wüste geraten in Verzückung, weil sie auf der Liste sind, aber eben auch im Lager, auch wenn sie nicht im Offenbarungszelt sind, was sonst zur Ordnung der Dinge gehören würde. Und der Mann im Evangelium wirkt Wunder im Namen Jesu – wie wenn er ein Amt hätte – aber er geht nicht mit den Jüngern, was auch wieder nicht ganz in Ordnung ist.
Alle Eltern und Lehrer wissen: Ohne Regel geht gar nichts, aber die Regeln sind nicht alles. Der Geist Gottes, welcher der Geist der Wahrheit, der Gerechtigkeit und auch der Schönheit ist, bricht sich Bahn auch jenseits von Strukturen, nicht, damit Anarchie entsteht, sondern weil seine Aufgabe mehr ist als Strukturen und Ordnungen aufrechtzuerhalten. Denn Amt, Ordnung und Regeln können plötzlich auch zu einem Käfig werden und Gottes Wirken behindern.

Offenheit nicht als Schlagwort, sondern als qualifizierte Offenheit

4. Deshalb ist noch ein Viertes wichtig. Wir müssen zu unserer Ausgangsfrage zurückkehren: Wie kann Gott mit seinem Geist unter uns wirksam werden? Worauf kommt es an?
Sowohl Mose als auch Jesus drängen auf Großherzigkeit, auf Weite und Offenheit. Aber nicht in einem billigen Sinn von Toleranz und Relativismus. Sondern wegen der Offenheit auf Gott hin, wegen der Wirkung des Geistes, der Neues schafft.
Denn wichtiger als Verzückung ist letztlich der Geist der Prophetie, d.h. das Erkennen und Verstehen der Stimme Gottes; und wichtiger als Wunder sind die kleinen Hilfen für die Jünger Jesu.
Deshalb sagt Mose zum Schluss zum eifrigen Josua: „Wenn nur das ganze Volk des Herrn zu Propheten würde, wenn nur der Herr seinen Geist auf sie alle legte!“ Denn das ferne Ziel ist nicht, dass es eine große Ordnung mit vielen Ämtern und viel Gehorsam gibt, sondern dass alle dem einen Gott gehorchen, weil alle ihn hören und verstehen.

Auch der Evangelist Markus lenkt den Blick vom externen Wundertäter auf den Becher Wasser für die Jünger Jesu und darauf, dass man als Jünger kein Ärgernis geben soll. Es muss einen Raum geben – sichtbar und zugänglich –, wo kein Ärgernis entsteht, oder zumindest, wo alles getan wird, dass es das nicht gibt. Das Bild der Selbstverstümmelung will den Schwerpunkt in der Arbeit Gottes deutlich machen: Es gibt die „Kleinen“, die ihr Vertrauen auf Gott setzen, die den Weg Jesu mitgehen und dadurch Anfeindungen ausgesetzt sind, auch unter den Frommen und Eiferern, die, die kein Amt und keine Machtposition besitzen und von jeder Macht leicht missbraucht werden können. Ein Ort, wo Gewalt, Konkurrenz, Leistungsdruck und Geltungsdruck entfallen und der Mensch Instrument des Geistes Gottes werden kann. Das sind Menschen auch hier unter uns, die nie auf Wahlplakaten erscheinen und keine Massen hinter sich sammeln werden, aber innerhalb der Kirche und auch sonst ihre Umgebung zu Orten des Friedens und der Zuversicht machen.

Numeri 11,25-29; Jakobusbrief 5,1-6; Markus 9,38-48 gekürzt,
26.Sonntag im Jahreskreis B
© Dr. Tamás Czopf, Pfarreiengemeinschaft Starnberg