Theologische Fragen aus biblischen Texten der Liturgie 12

Christen(brauch)tum 

Gedanken zum Erntedankfest in einer katholischen Pfarrkirche

Dieses Evangelium (Lk 17,11-19) ist äußerst aktuell, wo es im ersten Teil um den Umgang mit einer ansteckenden Krankheit geht. Und es ist nicht für einen Sonntag in einer Pandemiezeit vorgeschlagen, wie sie derzeit die Welt bedrängt, sondern für das Erntedankfest, vordergründig sicher wegen des zweiten Teils, wo einer, nur einer von den zehn Geheilten sich bedankt. Aber beide Aspekte haben wesentlich miteinander zu tun, nicht nur weil sie zufällig in der gleichen Geschichte vorkommen, und sie haben wesentlich mit dem zu tun, was Erntedank schon in der Tradition Israels bedeutet. Hier im Evangelium ist auffällig, dass „danken“ nur einmal vorkommt. Jesus fragt nicht, warum sich von den übrigen neun keiner bei ihm bedankt, sondern: „Ist denn keiner umge­kehrt, um Gott zu ehren?“

Die Kernaussage nach der Heilung der zehn Aussätzigen

Was das heißt in dem Zusammenhang, „Gott ehren“, das wird deutlich in der Lesung aus dem Buch Deuteronomium. Da heißt es nicht wie beim Erntedank anderer Religionen: „Wenn du dort isst und satt wirst, dann danke den Göttern“, sondern: „dann nimm dich in Acht und vergiss den Herrn, deinen Gott, nicht, missachte nicht seine Gebote und Rechtsvorschriften.“ Und so hatte das Volk Israel das Erntedankfest, das es bei den Bewohnern Kanaans vorfand, umge­wandelt in ein Fest des Dankes für das Gesetz.

Auch das ist ganz anders als das, was unsere Vorstellung von Gesetz ist, eine Sammlung von Ge- und Verboten. Das Gesetz Israels, die Tora, aus der wir ja einen Abschnitt gelesen haben, erzählt eine Geschichte, wie es dem Volk Israel mit seinem Gott ergangen ist. In aller Ausführlichkeit wird das erzählt: „Nimm dich in Acht, dass du den Herrn, deinen Gott, nicht vergisst, der dich aus Ägypten, dem Sklavenhaus, geführt hat; der dich durch die große und Furcht erregende Wüste geführt hat, durch Feuernattern und Skorpione, durch ausgedörrtes Land, wo es kein Wasser gab; der für dich Wasser aus dem Felsen der Steilwand hervorsprudeln ließ; der dich in der Wüste mit dem Manna speiste, das deine Väter noch nicht kannten, um, nachdem er dich gefügig gemacht und dich geprüft hat, dir zuletzt Gutes zu tun.“ Diese Ausführlichkeit der Details ist nicht einfach blütenreiche orientalische Sprache, sondern meint etwas Wesentliches: Um seinen Bund erfüllen zu können, braucht Gott ein Volk, das sich an die Geschichte mit ihm mit allen Details erinnert, an alles Gelungene und nicht Gelungene, und auf diese Weise zu der Erkenntnis kommt, was sein Wille ist, das auf diese Weise seine Schöpfungs- und Sozialordnung erkennt.

Details sind nicht bloße Ausschmückung

Und auch darin ist kein Detail zu gering, um es unbeachtet zu lassen. Nur ein paar Beispiele:
„Wenn ihr die Ernte eures Landes einbringt, sollst du das Feld nicht bis zum äußersten Rand abernten. Du sollst keine Nachlese von deiner Ernte halten. In deinem Weinberg sollst du keine Nachlese halten und die abgefallenen Beeren nicht einsammeln. Du sollst sie dem Armen und dem Fremden überlassen. Ich bin der HERR, euer Gott. …
Sechs Jahre kannst du in deinem Land säen und die Ernte einbringen; im siebten sollst du es brachliegen lassen und nicht bestellen. Die Armen in deinem Volk sollen davon essen, den Rest mögen die Tiere des Feldes fressen. Das Gleiche sollst du mit deinem Weinberg und deinen Ölbäumen tun.
Sechs Tage kannst du deine Arbeit verrichten, am siebten Tag aber sollst du ruhen, damit dein Rind und dein Esel ausruhen und der Sohn deiner Sklavin und der Fremde zu Atem kommen. …
Wenn du unterwegs auf einem Baum oder auf der Erde zufällig ein Vogelnest mit Jungen oder mit Eiern darin findest und die Mutter auf den Jungen oder auf den Eiern sitzt, sollst du die Mutter nicht zu­sammen mit den Jungen heraus­nehmen. Sondern du sollst die Mutter fliegen lassen und nur die Jungen nehmen, damit es dir gut geht und du lange lebst.“
Viele Detail­vor­schriften für den Umgang mit der Schöpfung, für nachhaltige Fruchtbarkeit.

Details im Evangeliumstext

Genauso detaillierte Vorschriften finden wir da für das Gesundheitswesen, und darum ging es ja im heutigen Evangelium. Da gab es Hygiene- und Quarantäne­vorschriften für den Umgang mit ansteckenden Krankheiten. Infizierte durften nicht mit anderen Menschen zusammen­kommen, nicht zum Gottesdienst zusammen­kommen, um gemeinsam Gott zu loben, das war das Schlimmste für sie. Für Jesus war es das erste Ziel, sie wieder in die Gemeinschaft zurückzuführen. Aber da hat er sich nicht über die Vorschriften der Tora hinweggesetzt, sondern darauf be­standen: „Geht, zeigt euch den Priestern“, den damaligen Fachleuten, auch im Bereich der Medizin. Heute hätte er gesagt: „Lasst euch zuerst testen!“

Und dann kommt ein Geheilter zu Jesus zurück und dankt ihm. Jesus sagt zu ihm: „Dein Glaube hat dir geholfen.“ Da folgt natürlich für Jesus und auch uns die Frage: „Was ist mit den übrigen neun?“ Sind sie nicht gesund geworden? Aber was heißt im Volk Gottes überhaupt „gesund“? Was heißt in der Not einer Pan­demie „gesund“? Von diesem einen heißt es: „Er lobte Gott mit lauter Stimme.“ Vielleicht erinnern sich einige, was der alte Katechismus als erstes sagte, was die Be­stimmung des Menschen ist: Gott zu loben. Und jetzt waren diese anderen neun zwar körperlich geheilt, aber lebten weiter, als sei nichts geschehen. Sie sind nicht zurückgekehrt in die Gemeinschaft derer, die zusammenkommen, um Gott zu loben. Jesus fragt: „Ist denn keiner umgekehrt, um Gott zu ehren?“ Das ist nicht die Frage von Höflichkeitsformen, sondern es geht darum, dass bekannt wird, von wo Heilung zu erwarten ist, ein Weg, wieder mit den anderen zusammen­kommen zu dürfen zum gemein­samen Gottes­dienst, um Gott zu loben.

Kein Erntedank ohne Frage nach dem biblischen Bundesverhältnis

Zehn sind äußerlich geheilt, aber es ist ein grundlegender Unterschied zwischen dem einen und den übrigen neun. Wir feiern wie viele heute Erntedank. Prakti­zieren wir einen folkloristischen Brauch, der für die wohl meisten von uns, die nicht von der Landwirtschaft leben, keine tiefere Bedeutung hat? Oder sollten wir nicht an diesem Erntedankfest 2021 danken wie der Geheilte im Evangelium, dass wir uns wieder, wenn auch noch mit Einschränkungen, versammeln dürfen, um gemeinsam Gott zu loben, um an den Bund zu erinnern, den er mit dem Volk Israel geschlossen hat, zu dem er uns hinzugenommen hat?

Mag sein, dass als eine Frucht dieser Zeit uns wieder die Ahnung kommt, dass wir ohne dieses immer wieder Versammelt-Sein den Blick auf die Zuwendung Gottes verlieren würden, dass es unsere Hinwendung braucht, um seine Hinwendung zu uns im Blick zu behalten: dass er uns seine Schöpfungsordnung anvertraut hat, Gebote, Rechtsvorschriften und Weisungen, gewachsen aus Jahrhunderten der Glaubenserfahrungen, so dass Friede sein kann, nicht Neid, hat er uns doch auch die Fähigkeit gegeben, Reichtum zu erwerben, nach­haltige Frucht­barkeit, zum Bedarf und Glück für die vielen, mit einem Satz: dass so der Bund, den er unseren Vätern geschworen hat, auch unter uns Realität sein kann.  

Deuteronomium 8,7-18, Lukas 17,11-19
27. Sonntag im Jahreskreis B, Erntedank
© Dr. Konrad Wierzejewski, Pfarreiengemeinschaft Geltendorf