Theologische Fragen aus biblischen Texten der Liturgie 13

A. Jesus heilt – wie? Und was treibt ihn dazu? (von Tamás Czopf)
B. So wenige Wunder nur? Die Wunder als „Zeichen“ (von Konrad Wierzejewski)

(Beide Texte beziehen sich auf die Schriftlesungen des 30. Sonntags im Lesejahr B:
Jeremia 31,7-9; Hebräerbrief 5,1-6; Markus10,46-52)

A. Jesus heilt – wie? Und was treibt ihn dazu?

In der sehr verdichteten Erzählung von der Heilung des Blinden in der Nähe von Jericho finde ich das Gespräch zwischen dem Blinden und Jesus besonders bemerkenswert: Jesus fragt ihn: „Was willst du, dass ich dir tue?“ Woraufhin der Blinde antwortet: „Ich möchte sehen können.“ – Das ist doch wohl klar.
Was sollte ein Blinder denn anderes wollen…!

Ist Jesu Frage überflüssig?

Das Gespräch ist aber offenbar doch richtig und wichtig so. Jesus als Messias handelt nämlich nicht automatisch. Das Heil kommt nicht von selbst. Seine Macht, die Not zu wenden, und unsere Bedürftigkeit müssen erkannt und ausgesprochen werden.

Hinter der Frage Jesu muss man die Wertschätzung des Menschen und seiner Freiheit sehen, gleichsam die Sensibilität Gottes, der uns mit der Rettung nicht überrennen will. Es gehört sehr wohl die Frage dazu, was wir wollen. Und auch der richtige Wunsch, mag er von außen noch so selbstverständlich erscheinen: „Ich möchte sehen können“.
Dieser Wunsch des Bartimäus hat zwei Seiten:

  1. Zum einen ist er eine Bitte um das Natürlichste; es wird nichts Besonderes gewünscht, nichts Übernatürliches, sondern etwas elementar und gesund Menschliches – das Sehvermögen. Die Schöpfung muss nicht korrigiert werden, wir besitzen an sich alles, wenn es nur richtig funktioniert …
    Freilich gehören Blindheit und das Sehen-können in der Bibel und auch in der Philosophie nicht nur ins Resort der Augenärzte, sondern umfassen auch das Verstehen, die „Ein-Sicht“, die Klarheit der Erkenntnis. Aber auch dann bleibt es eine natürliche Fähigkeit des Menschen – zunächst nichts Außergewöhnliches.
  2. Als letztes Wunder im Markusevangelium und Abschluss der ersten Hälfte des Buches bekommt die Bitte des blinden Mannes doch noch eine weitere Tiefendimension. Sie ist nicht zufällig an den Messias gerichtet, der mehr ist als Arzt und Lehrer. Er stellt unsere menschliche Natur ganzheitlich wieder her, sodass auch dem Sehen eine tiefere Bedeutung zukommt. Denn Heilung des Lebens ist nicht mit der Heilung körperlicher Gebrechen schon gegeben.
    Deshalb fragt Jesus scheinbar etwas „dumm“ in Anführungszeichen, was dem Mann fehle. Ihm fehlt das, was die Erde zum Paradiesgarten und das Paradies zur unüberbietbaren Heimat für den Menschen gemacht hat: die Unmittelbarkeit zu Gott, dass er unter dem Blick Gottes lebte und ihn von Angesicht zu Angesicht sah – wenn man will – in „Augenhöhe“. Seitdem der Mensch diese offenen Augen verloren hat und sich nicht mehr an der Gestalt Gottes sattsehen kann (vgl. Ps 17,15), sitzt er am Wegrand wie ein Bettler – sogar dann, wenn er ganz gesunde Augen hat und nicht einmal eine Brille braucht.

Aber zu dieser Blindheit gehört leider auch, dass der Blinde sie allzu oft nicht einmal wahrnimmt. So kommt es, dass Jesus genauer nachfragt, was der Mann wirklich will. Denn es ist durchaus denkbar, dass wir etwas vom Messias wollen, was er gar nicht leisten kann oder will, was gar nicht seine Aufgabe ist, und was nicht unser eigentliches Problem betrifft. Häufig empfinden wir unsere tiefste Blindheit gar nicht als Verlust und Mangel und bitten bloß um das Augenlicht, um die Objekte unserer Begierden besser zu sehen.
Diese Geschichte erzählt jedoch vom tiefsten und größten Wunsch, nämlich von der Heilung unserer Augen des Glaubens, dass wir Gott und seinen Messias sehen und erkennen.

Was gibt es als „Geheilte“ zu sehen?

Die gesamte Geschichte Israels verläuft als Heilungsweg des Menschen, um Gott in der Schöpfung und in seinem Gesetz zu erkennen und in seiner Herrlichkeit zu leben. Und jetzt, wo Gott sein letztes großes Wort in Jesus ausspricht, besteht die Gefahr, dass man es nicht erkennt und sein Werk übersieht. Das Sehen, worum es hier geht, ist auch Jesu heißester Wunsch. Deswegen ruft er den Mann zu sich, der ihn bereits angerufen hat: „Jesus, Sohn Davids, erbarme dich meiner!“
Jesus erkennt in diesem Ruf bereits den Glauben des Mannes als Quelle des neuen Sehens. Jesus braucht nichts mehr zu tun, kein Zeichen, keine Berührung, kein Wort, keine Therapie – nur die ruhige Feststellung: „Dein Glaube hat dich gerettet.“
Im Glauben liegt schon das Sehen, das auf das Wort Jesu hin die Augen tatsächlich aufgehen lässt.
Aber was sieht der Blinde? Davon berichtet die Geschichte nicht mehr, nur ein Nebensatz steht bei Markus, der alles erklärt; es heißt: „Im gleichen Augenblick konnte er sehen und er folgte Jesus auf seinem Weg nach.“

Dieser Weg führt nach Jerusalem. Das nächste Kapitel erzählt den Einzug Jesu in die Stadt. Vielleicht derselbe Weg, wovon Jeremia in der Lesung spricht, im 31. Kapitel des Buches, vom Jordantal hinauf zum Zion: aus der Gefangenschaft und Zerstreuung in die Neusammlung des Gottesvolkes. Auch Jeremia erwähnt dabei Blinde, die mitziehen.
Dass sie geheilt würden, ist dort nicht gesagt, denn mehr Heilung gibt es kaum, als dass man diese Bewegung zurück in die Heimat mitgehen darf. Unser geheilter ehemals Blinder wird bald Augenzeuge der fortgesetzt tiefen Blindheit bei der Obrigkeit und Hierarchie in Jerusalem sein, die Jesus ans Kreuz bringt.
Und er wird auch die verborgene Herrlichkeit der Auferstehung sehen. Seine neu geschenkten Augen des Glaubens werden einsehen, dass diese zwei: Kreuz und Auferstehung, Leid und Herrlichkeit zusammengehören.

Es beginnt alles mit dem lauten Schrei des Blinden am Wegrand: „Jesus, Sohn Davids, erbarme dich meiner!“ – Dieser Ruf wurde in der Ostkirche die ursprüngliche Form des sog. Jesusgebetes. Eine ganz schlichte und so eindrückliche Gebetsform, indem diese Zeile unablässig wiederholt wird. Denn darin steckt schon alles, was wir von uns und vom Messias bekennen können. Zu diesem Satz darf man und dürfen auch wir immer zurückkehren und von ihm aus jeden Tag neu starten, denn die Fortsetzung ist garantiert: „Jesus, Sohn Davids, erbarme dich meiner!“ und die Antwort: „Hab nur Mut, er ruft dich.“

© Dr. Tamás Czopf, Pfarreiengemeinschaft Starnberg

B. So wenige Wunder nur? Die Wunder als „Zeichen“

Jesus hat einen Blinden geheilt. Es war am Weg von Jericho nach Jerusalem. Diese Heilungswunder zählen zu seinen Großtaten. Aber gleichzeitig drängt sich dabei doch auch die Frage auf: Es gab doch viel mehr Blinde, Gelähmte, Kranke. Was ist mit all den Kranken, die er nicht geheilt hat, damals und in unseren Tagen? Wenn wir Jesus in erster Linie als großen Heiler und Wohltäter sehen wollten, der einen entscheidenden Durchbruch im Kampf gegen Krankheiten und menschliche Not gebracht hätte, dann wäre das Ergebnis vergleichs­weise mager. Aber seine Wunder sind Zeichen, mussten wir schon nach der Brotvermehrung lernen – nur Zeichen wofür?

Zeichen wofür?

Diesmal müssen wir ziemlich weit ausholen in die Geschichte des Gottesvolkes, um zu verstehen, was die Zeitgenossen Jesu und die Gemeinden, für die Markus das Evangelium aufgeschrieben hat, da mitgehört haben, weil es ihnen noch ganz präsent war. Die Lesung aus dem Propheten Jeremia, die die Kirche am 30. Sonntag im Jahreskreis B neben das Evangelium gestellt hat, führt uns auf die Spur: „Jubelt Jakob voll Freude zu! … Der Herr hat sein Volk gerettet, den Rest Israels. Seht, ich bringe sie heim aus dem Nordland.“ Und Markus hat sein Evangelium konzipiert als Beschreibung des Weges Jesu und seiner Jünger von Galiläa im Norden nach Jerusalem.

Das klingt für uns wie eine zufällige, belanglose Parallele. Aber hinter der Chiffre „aus dem Nordland“ verbirgt sich für Israel ein aufregendes Stück seiner Geschichte, die Geschichte der ver­lorenen Stämme des Nordreiches Israel. Als nach dem Tod Salomos sein Sohn Rehabeam König wurde, hatten sich zehn der zwölf Stämme abgespalten, weil er ihnen ein zu strenges Regime führte, und hatten sich als Nordreich Israel unabhängig gemacht. Aber indem sie die Orientierung an Jerusalem und dem Tempel aufgaben, gewannen die Kulte und Leit­bilder der umliegenden Kulturen, wie der Fruchtbar­keits­kult der Baale, mehr und mehr Einfluss und ließen die Tora, die von Gott gestiftete Lebens­ordnung, in Vergessenheit geraten, die doch ihre Stärke hätte sein sollen. So konnte sich das Nordreich Israel nicht gegen die Assyrer behaupten und wurde 721 v. Chr. erobert; die Bewohner wurden verschleppt; die zehn Stämme gingen in der Vermischung mit den anderen Völkern auf und hörten auf zu existieren. Das war ein großes Leid für die Gläubigen im Gottesvolk.

Unwillkürlich fällt uns unsere eigene Situation ein, die Situation der Kirche hier: Zehn  Stämme von zwölf – auch wenn die Zahl selbst nicht ein genauer Vergleich ist: Werden es nicht bald schon zehn von zwölf sein, die sich dis­tanziert haben, aus der Kirche ausgetreten sind oder einfach nicht mehr kommen und ihr Leben nach den Leitbildern der Umgebung gestalten: Ist unsere Situation als Kirche in unserem Land so weit davon entfernt?

Der Zuspruch des Jeremia

Jeremia redet zu den verbliebenen zwei Stämmen, die treu bei Jerusalem geblieben sind, und hält ihnen diese Geschichte vor Augen und beschwört sie: So wie ihr lebt,  selbst nicht mehr der Weisung des Herrn, seinen Geboten folgend, wird es euch genauso ergehen. So trat es dann auch ein, als es zum Exil in Babylon kam.
Aber mitten in diesen beschwörenden Warnungen entwirft Jeremia die unglaubliche Vision, dass Gott diese verlorenen Stämme, die schon nicht mehr als solche existierten, noch einmal zurückholen wird in ihr Land und das ganze zerstrittene, zerstreute und zerschlagene Gottesvolk wieder in einer jubelnden Wallfahrt nach Jerusalem zieht. Alle, Blinde, die nichts mehr sehen, keine Perspektive mehr sehen, gehören nun wieder dazu – heute würden wir, in unseren Ländern hier,  fast schon sagen: die in der Kirche keine Perspektive mehr sehen, auch angesichts der Lage in vielen Pfarreien –, und Lahme, denen nicht zuzutrauen ist, dass sie sich noch einmal bewegen, Schwangere, auch die, die schwanger mit ihren eigenen Ideen sind, die sie in die Welt setzen möchten, alle werden mitgenommen, keiner muss zurückbleiben.

Die vielen Abständigen und Kirchenfernen in unseren Pfarrgebieten, die uns doch leicht wie verlorene Stämme erscheinen, wo nichts mehr zu erwarten ist, sie be­zeichnete der Wiener Weihbischof Turnovsky einmal als das große Wachstums­potential für die Kirche, und Papst Franziskus mahnt uns immer wieder, an die „Ränder“ zu gehen. – „Seht, ich bringe sie heim aus dem Nordland und sammle sie von den Enden der Erde; als große Gemeinde kehren sie hierher zurück. Weinend kommen sie und tröstend geleite ich sie. Denn ich bin doch Israels Vater.“

Markus schreibt sein Evangelium als Weg aus dem Nordland nach Jerusalem

Markus schreibt sein Evangelium so, dass der Weg Jesu von Galiläa, dem Gebiet der verlorenen Stämme, nach Jerusalem als die Erfüllung dieser Verheißung erscheint. Und da gehört es auch dazu, dass eben auch die Blinden mitgenommen werden; jetzt werden sie sogar geheilt. Aber wie geht das konkret? Die Details, die Markus schildert, lassen darauf schließen, wie nahe seinen Gemeinden diese Erfahrungen waren.

Der Zeitpunkt, um Hilfe zu rufen und aufzuspringen

Der Blinde hat um Hilfe gerufen und sich nicht abhalten lassen von den Umstehenden, denen das unpassend erschien, weil sie nicht mehr an ein Wunder glaubten. Dann heißt es, er warf seinen Mantel weg, das heißt: wegwerfen, was bis dahin wichtig war. Der Mantel war damals sehr wichtig: In der Tora heißt es eigens, „nimmst du von einem Mitbürger den Mantel zum Pfand, dann sollst du ihn bis Sonnen­untergang zurückgeben“, sozusagen das unpfändbare Existenzminimum, aber jetzt wird er zum Hindernis auf dem neuen Weg. Der Wiener Erzbischof Kardinal Schönborn schrieb 2011 in seinem großen Hirtenbrief zu dem diözesanen Erneuerungs­prozess: „Damit wir Kraft haben, Neues zu wagen, müssen wir bisher Getanes aufgeben. Wir werden auch Aktivitäten lassen, die gut und wichtig waren und uns Freude gemacht haben. Jede Pfarre, Gemeinde, Einrichtung, Dienststelle … möge sich ganz konkret fragen: Was machen wir nicht mehr, damit wir Kräfte frei bekommen für Neues?“ Was ist für uns der Mantel, der bisher so wichtig war und den wir jetzt wegwerfen müssen?
„Er ist unwichtig ge­genüber dem Glanz des Neuen“, schrieb einmal ein Ausleger zu diesem Text über diesen Mantel. Dabei hören wir: „Der Blinde sprang auf und lief auf Jesus zu.“ Er konnte noch gar nichts sehen, auch nicht von einem Glanz des Neuen.

In seiner Lage ist er uns doch auch wieder sehr nahe. Wir hören Worte von Papst Franziskus, von Bischöfen, große Perspektiven, und müssen sagen: Wir können den Weg nicht sehen, der dahin führen soll.
Was konnte der Blinde wahr­nehmen, dass er so rief? Jesus begegnete ihm nicht als amtlich zertifizierter Messias; er war kein renommierter Pastoral­theologe, nur ein umstrittener Wanderprediger aus dem ver­rufenen „Galiläa der Heiden“. Aber der Blinde ruft ihn „Sohn Davids“. Auch wir hören nur Worte von Bischöfen, Worte, die von vielen als weltfremd abgetan werden. Wie sollten wir, die wir den Weg nicht sehen können, rufen: „Ihr, Nach­folger der Apostel, helft uns!“ … Dass der Blinde zu Jesus Vertrauen fassen konnte, bleibt ein Wunder.
Aber dann den ersten Schritt, dass er aufsprang, noch ohne zu sehen, den musste er gehen. Diese Erfahrung gab es wohl auch in den Gemeinden des Markus und das soll uns auch ermutigen aufzuspringen, auch wenn wir noch nicht sehen, wie der Weg weiter­geht. Mehr, als wir sehen können, konnte auch Jeremia nicht sehen.

Ein letztes Wunder könnten wir fast überhören: Jesus sagte zu dem Blinden: „Geh! Dein Glaube hat dir geholfen.“ Er entlässt ihn in Freiheit; er muss nicht aus Dank­bar­keit Jesus nachfolgen. Die Freiheit der Glaubenden gehört für Gott zum Wichtigsten. Doch dann heißt es: „Er folgte Jesus auf seinem Weg“, in voller Freiheit also, und er schloss sich so dem endzeitlichen Zug der Befreiten zum Zion an.

Auch das ist ein Wunder in dieser Geschichte, das nicht einzufordern ist, aber es blieb kein Einzelfall: Es wurde ein Zug der Befreiten und Geheilten aus allen Völkern, die sich Jesus anschlossen. Dieses Zeugnis der Kirchengeschichte ist Grund genug, dass auch wir das Wunder herbeirufen, dass es diesen jubelnden Zug der neu Gesammelten, den der Prophet Jeremia verheißen hat, auch heute gibt und dass wir aufspringen und dabei sein dürfen.

© Dr. Konrad Wierzejewski, Pfarreiengemeinschaft Geltendorf