Theologische Fragen aus biblischen Texten der Liturgie 14

Die Gottesgegenwart in Israel und der Kirche 

Schon einige Sonntage begleitet uns der Hebräerbrief im Gottesdienst und auch im Rest des Kirchenjahres ist die zweite Lesung immer aus dieser Schrift des Neuen Testamentes genommen. Der Brief ist ein längeres Schriftstück, heute würde man sagen: ein Rundschreiben, ein Hirtenbrief.
Er wurde am Ende des 1. Jahrhunderts verfasst und ist an eine Gemeinde irgendwo in der Griechisch sprechenden Welt des Mittelmeerraums geschrieben. Die Christen sprachen Griechisch, aber von ihrer Herkunft waren sie Juden.

Wodurch sich der Hebräerbrief auszeichnet

Die Adressatin war offensichtlich eine christliche Gemeinde, die müde geworden war. Am Anfang ihres Christwerdens waren sie wohl enthusiastisch, begeistert, nahmen das auf, dass Jesus der Messias Israels war, dass Gott ihn bestätigt hatte, „auferweckt“, dass aus seinen Jüngern eine Gemeinschaft von Brüdern und Schwestern geworden war. Dann war aber irgendwie die Begeisterung und der Elan erlahmt, der zähme Brei der Routine hatte sich auf ihr Miteinander gelegt, man hatte sich kennengelernt und fing an, sich auch aneinander zu reiben. Vielleicht trugen auch Verleumdungen und Schwierigkeiten von außen dazu bei.

Diesen Christen schreibt der Verfasser des Hebräerbriefs. Und er haut nicht einfach ein paar Ermahnungen in die Tasten, knallt nicht einfach ein paar kritische Worte auf den Tisch. Nein, er schreibt einen ausführlichen Brief. Er schreibt ein ausgezeichnetes schönes Griechisch, so schön wie Homer. Und er greift immer wieder auf das Alte Testament zurück, auf die jüdische Bibel.

Er erklärt und legt dar, wer Jesus war und vor allem, wer Jesus ist, heute, für die Christen, und er benützt dazu viele Bilder und Formen des Alten Testamentes. Und er weckte seine Leser auf, indem er eine ungewöhnliche Sprache benützt. Im Teil, den wir heute gehört haben, sagt er: „Da wir nun einen Hohenpriester haben, Jesus den Sohn Gottes…“

Warum ist Jesus ein „Hohepriester“?

Das ist wirklich erstaunlich, denn Jesus war nie Hohepriester. Er hatte nie eine Funktion am Tempel in Jerusalem inne. Er stammte nicht aus einer priesterlichen Familie. Sein Vater war Bauhandwerker, und auch Jesus war Handwerker, Laie.
Warum sagt dann dieser Brief: „Wir haben einen Hohenpriester, Jesus…“?

Der Hohepriester im Tempel von Jerusalem hatte eine bestimmte Aufgabe: Nur einmal im Jahr betrat er einen durch einen Vorhang abgetrennten Raum, in dem die Bundeslade stand. Nur er durfte das tun, am Versöhnungstag, an Jom Kippur. Und dort empfing er stellvertretend für das ganze Volk die Vergebung der Sünden. Auch daran knüpft die heutige Lesung an, wenn gesagt wird: „Lasst uns also voll Zuversicht hinzutreten zum Thron der Gnade, damit wir Erbarmen und Gnade finden und so Hilfe erlangen zur rechten Zeit!“

Die andere Gottesgegenwart in Israel

Der „Thron der Gnade“ ist die kapporeth Israels, der goldene Deckel eines Kastens, der „Bundeslade“, den Gott in Auftrag gab, eine „Platte der Versöhnung“. In der Lade liegen die zwei Tafeln des Bundes. Das geht auf die Gabe der Gebote an Mose am Berg Sinai zurück. Im Buch Exodus sagt Gott zu Mose: „Fertige eine hölzerne Lade an! Ich will auf die Tafeln die gleichen Worte schreiben wie auf die ersten, die du zerschmettert hast; diese Tafeln sollst du dann in die Lade legen.“ (Dtn 10,1-2; vgl. Ex 25,10-22).

Damit unterschied sich Israel von allen anderen Kulturen und Religionen. In seinem Tempel stand keine Götterstatue, kein Bild. Die Gegenwart Gottes ruhte sozusagen auf der Lade mit den Weisungen Gottes. Das heißt: Gott ist nicht an einen bestimmten Ort festmachbar. Er ist gegenwärtig dann, wenn dieses Volk seine Gebote befolgt, wenn diese Gruppe von Menschen das, was auf den beiden Tafeln in der Lade steht, verwirklicht. Später ging die Lade sogar ganz verloren, ohne dass sie ersetzt worden wäre. Das „Allerheiligste“ im Tempel war eine Leerstelle. Das war eine Revolution in der Geschichte der Religionen.

Gott ist dort, wo die Menschen ihn anerkennen und sich nicht einer über anderen stellt und erhebt. Wenn nicht Gott der einzige Herr ist, dann will unter den Menschen einer über den anderen Herr sein. Das war Thema der Szene im Evangelium dieses Sonntags: „Wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein.“. Der „Thron der Gnade“ ist die Anerkenntnis Gottes als des einzigen Herrn. Es ist eine „Gnade“ oder anders gesagt, ein Glück, dass man an dieser Geschichte teilhaben kann, in der Gott der Herr ist, und nicht einer über dem anderen. Der Hohepriester im Tempel hatte nur einmal im Jahr die Lade berühren dürfen. Er hat sozusagen einen leibhaften Kontakt zur Torah, zu den Geboten Gottes hergestellt. Für Israel war das ein Moment der Vergebung und Versöhnung mit Gott und untereinander.

Wenn nun der Hebräerbrief von Jesus aus Nazaret sagt, er sei unser Hohepriester, dann will er sagen: Jesus hat für uns, die wir fern vom Tempel leben, die wir in einer Zeit nach der vollständigen Zerstörung des Jerusalemer Tempels leben, den Zugang zu den Verheißungen und Geboten geöffnet, mit denen Gott das jüdische Volk ausgezeichnet hat.

Kirche – nicht eine Organisation

Und so ist es auch gewesen: Die Kirche hat nicht nur die Jesus-Geschichte bis an die Grenzen der Erde getragen, sondern mit ihr auch die Torah Israels, die Zehn Gebote, die Verheißungen und Gebote, die Gott Israel gegeben hat. Damit die Kirche Versöhnung, Vergebung, Hilfe bedeuten kann, kann sie nicht nur die Evangelien vorlesen, sie muss den Zugang zur ganzen Geschichte Gottes mit den Menschen aufmachen.

Vielleicht können wir unsere Existenz als Christen, unser Leben in der Kirche auch von daher verstehen. Die Kirche ist für uns nicht eine schlechte oder rechte Organisation, eine vielleicht praktische Institution. Das Zusammenkommen zum Gottesdienst, ein solidarisches Miteinander unter der Woche, die Kenntnis der Weisungen Gottes, der Heiligen Schrift, das sind für uns nicht Accessoires des Christseins, sondern Weisen, sich der Gegenwart Gottes zu vergewissern, sich der kapporeth, dem „Thron der Gnade“, also einem Ort zu nähern, der für uns Glück, Segen, Gnade bedeutet.

Das war die Botschaft an müde gewordene Christen des Hebräerbriefs, denen nach einer anfänglichen Hochstimmung das Leben in der Gemeinde als Last erschien. Das Leben in der Gemeinde Jesu als ein Sich-Gott-nähern zu verstehen, ist eine ganz neuartige und mutige Deutung, die in der Wahl des Vokabulars zugleich ganz aus der Theologie Israels kommt. Dabei wählte der Autor des Hebräerbriefs die Form der Mehrzahl, den Plural. „Lasst uns hinzutreten…“ Nicht: „Lass mich…“ Diesen Ort, wo Gott seine Hilfe anbietet, seine Gnade, seine Versöhnung zwischen uns, den kann man nur in der Mehrzahl betreten. Nur zusammen kann man ihn finden und die Lade berühren.

Jesaja 53,10-11; Hebräerbrief 4,14-16; Markus 10,35-45
29. Sonntag im Jahreskreis B
© Achim Buckenmaier, Seelsorgeeinheit Burladingen-Jungingen