Theologische Fragen aus biblischen Texten der Liturgie 15

A. Das Zentrum des Markusevangeliums – und wie sieht das konkret aus (von Konrad Wierzejewski)
B. Gott ganz lieben – jetzt wird es konkret (von Tamás Czopf)

(Beide Texte beziehen sich auf Schriftlesungen des 32. Sonntags im Lesejahr B: 1. Buch der Könige 17,10-16; Markus 12,38-44)

A. Das Zentrum des Markusevangeliums – und wie sieht das konkret aus

Am letzten Sonntag, es war der 31. Sonntag des Jahreskreises, waren wir in der Mitte, im Zentrum des Markusevangeliums angekommen, bei dem Hauptgebot: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit deinem ganzen Denken und mit deiner ganzen Kraft, und du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Dem stimmt wohl jeder gerne zu als all­gemeine Lebensregel für sich und hält es vielleicht sogar einem anderen vor, um dessen Handeln zu kritisieren. Und jetzt, direkt im Anschluss daran sieht sich Jesus veranlasst, seinen Jüngern zu erklären, was das heißt, dieses „ganz“. Was er da im Tempel beobachtet, bietet sich ihm als Anlass.

Jesus erzählt ein Beispiel – Erzählungen machen manches deutlicher

Da gab es einen Ort, wo Geld für den Unterhalt des Tempels abgegeben wurde. Man gibt den Priestern, die dort Dienst tun, sein Geld und nennt den Verwendungszweck. Manche von denen, die viel spendeten, haben sicher die Höhe ihres Opfers besonders deutlich und laut zur Kennt­nis gegeben, wenn es heißt: Viele Reiche kamen und gaben viel. So kommt auch diese Witwe, die arm geblieben war mit ihrem Mann zu seinen Lebzeiten und jetzt nach seinem Tod ohne Unterstützung dasteht. Sie gibt zwei Kupfermünzen her, das ist gerade so viel, um das Nötigste an Lebensmitteln zu kaufen für den nächsten Tag. Das ist noch alles, was sie hat, so verdichtet es die Erzählung, und das gibt sie her für den Erhalt des Tempels.
Im Unter­schied zu allen anderen Geldgebern und Spendern gibt sie nicht nur ein kleines Scherflein, das ihr nicht weh tut, sondern alles, was sie für den morgigen Tag hat, die zwei Kupfer­münzen. Sie hätte ja eine geben und eine noch für sich behalten können, aber sie gab beide.
So hat sie es ver­standen, was das konkret bedeutet, „den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen, mit deinem ganzen Leben, mit deinem ganzen kritischen Denken, mit deiner ganzen Kraft“, und sie hat gewusst: Das ist nicht nur eine Hingabe im Herzen, sondern das meint meine Existenz, alles, was ich habe, und das hat sie hergegeben. Sie hat es an den Tempel gegeben, der gleichzeitig, wie erzählt wird, große Spenden von vielen reichen Leuten bekam und vorher mit seinen Schriftgelehrten ganz kritisch dargestellt wird.

Was ging die Witwe der Tempel an?

Die Witwe hätte sich doch vom Problem des Tempels distanzieren können, denken können, andere haben mehr und geben mehr – nein, sie hat sich nicht von der Frage distanziert: Wer sorgt für den Tempel? Sie hat gewusst: Wenn es den Tempel nicht mehr gibt, diesen Ort, an dem die Tora aufbewahrt wird, wenn Israel die Gebote Gottes nicht mehr kennt und in seiner Mitte hält, hilft mir alles nichts. Darauf hat sie ganz ge­setzt, nicht nur mit Gefühl, sondern mit ihrer ganzen Habe, konkret dem Geld.

Aber darf man das mit dem „ganz“ so wörtlich nehmen? Haben wir da Jesus nicht falsch verstanden, dass das alles nicht so gemeint ist?

Die Kirche deutet die eine Erzählung mit einer zweiten

Da hat uns die Kirche die ganz ähn­liche Geschichte von dem Propheten Elija daneben gestellt: Elija ist auf der Flucht. Er hat in Israel den Baals­-Kult bekämpft, den so beliebten Kult der Frucht­barkeit und Sexualität. Die Königin Isebel hat ihm daraufhin den Tod angedroht. Sie ist ent­schlossen, den Propheten, der die Gebote Gottes in Erinnerung ruft, aus dem Weg zu schaffen. Gott lässt ihn bei einer Witwe in Sarepta im heutigen Libanon um Asyl bitten, dass sie ihn versorgt. Aber sie sagt: „Ich habe nichts mehr als eine Hand voll Mehl im Topf und ein wenig Öl im Krug. Ich lese hier ein paar Stücke Holz auf und gehe dann heim, um für mich und meinen Sohn etwas zuzubereiten. Das wollen wir noch essen und dann sterben.“

Die Ant­wort des Elija kann uns schockieren: „Mache zuerst für mich ein kleines Gebäck, und bring es zu mir heraus! Danach kannst du für dich und deinen Sohn etwas zubereiten.“ Aber was da zu befürchten war, tritt nicht ein, sondern es folgt die Ver­heißung, die in Erfüllung geht: „Der Mehl­topf wird nicht leer werden und der Öl­krug nicht versiegen.“

Wir haben also Jesus schon richtig ver­standen. Er hatte sicher auch diese Ge­schichte vor Augen, als er das „ganz“ der Witwe im Tempel lobte. Aber, so fragen wir uns dann, wer kann so leben? Wird das nicht ein Fass ohne Boden?

Hier dürfen wir an den heiligen Leonhard denken. Seine Legende erzählt in ihrer Weise, wie so ein Wunder aussehen kann. Es heißt, dass er der Königin bei einer schweren Geburt mit seinem Gebet zu Hilfe gekommen sei. Der König wollte ihn dafür belohnen – und Leonhard bat um ein Stück Land, wo er dann eine klösterliche Gemeinschaft gründete: das Fass mit Boden, wo er zu­sammen mit anderen dann alles hinein­geben konnte. Es ist ein Geheimnis des Gottesvolkes, das uns weitgehend verloren gegangen ist. Das geschwisterliche Teilen ist uns zum Prinzip geworden. Aber die Kirche lebt von dem ungeteilten Ganz.

Damals und heute – die Suche der Verwirklichung

Die Erzählung von der Witwe im Tempel ist im Markus­evangelium das Letzte, was Jesus seine Jünger lehrt. Es folgt unmittelbar seine Passion, wo er in der Ganzhingabe seines Lebens dies in letzter Konsequenz bestätigt. Und Markus hatte schon die ersten Gemeinden der Jünger Jesu vor Augen, wie sie sich täg­lich versammelten, ihre Nöte zusammenlegten, wie sie Grundstücke und Häuser und Geld dafür einsetzen, dass es keinen Armen mehr unter ihnen gab, keine Witwen mehr allein blieben und Not litten. Er sah: Es ist möglich – die Gemeinden der Jünger Jesu sind ein Fass mit Boden, wie der Mehltopf der Witwe aus der Zeit des Propheten Elija.

Das gilt auch für unsere Zeit, aber es ist an Voraussetzungen gebunden. Ich habe schon öfters von dem erzählt, was ich in Tansania in der Pfarrei Mikese, etwa 150 km von Dar es Salaam entfernt, erfahren habe. Sie können sich vorstellen, dass dort immer wieder Menschen kommen und sagen: „Ich bin in Not, helfen Sie mir!“ Wenn man dann jedem etwas geben würde, würde sich das blitz­schnell herumsprechen – ein Fass ohne Boden. Innerhalb kürzester Zeit stünde man mit leeren Händen da. Das heißt: Auch die Erfüllung des „Ganz“ bedarf der Vernunft. Die Rettung dort sind die kleinen Gemeinden, in die jede Pfarrei ge­gliedert ist, mit Leitern, die die Lebens­umstände ihrer Gemeindemitglieder kennen. So kann ich, muss ich als Pfarrer dann einen, der um Hilfe bittet, zuerst einmal an die Verantwortlichen seiner Gemeinde verweisen. Wenn diese dann mit der Not überfordert ist, können sie die Frage an die Pfarrei weitergeben. Wenn es solche kleinen Gemeinden gibt, ist es möglich, dahinein viel oder auch die zwei Kupfermünzen hineinzu­geben, denn dieses Fass hat, im Bild gesprochen, eben einen Boden, nichts rinnt unten sinnlos wieder weg. Und ohne solche Personen, die alles hineingeben, ihre Möglichkeiten, kann eine Gemeinde, eine Pfarrei nicht leben. Der Boden ist letztlich die Ganzhingabe des Lebens Jesu, das Geheimnis des Glaubens, das wir doch in der Eucharistie jeden Sonntag feiern – und dann braucht es Personen, die ihm nachfolgen, die ganz vertrauen, dass die Kirche in aller Schwäche auch hier am Ort, wo wir versammelt sind, Gottes Werkzeug ist, mit dem er in der Welt vorkommen und etwas bewegen kann.

Wir wollen Gott danken, dass er uns, die wir hier versammelt sind, dieses Werkzeug, gemeinsam das Gefäß zu sein, anvertraut, und ihn um die Ausrichtung bitten, dass wir es nach seinem Willen gebrauchen, damit der Welt auch heute das Wunder nicht fehlt – schließlich geht es doch um seine Ehre.

© Dr. Konrad Wierzejewski, Pfarreiengemeinschaft Geltendorf

B. Gott ganz lieben – jetzt wird es konkret

Wir sprechen über den 32. Sonntag im Jahreskreis B. Seine Texte illustrieren das, was am vergangenen Sonntag der Kernpunkt war: Gott soll und kann man ganz lieben, mit allem, was man hat. Und sie belegen ebenso die Funktionsfähigkeit des „anderen Algorithmus“ der Seligpreisungen, sozusagen die eindeutige Handlungsanweisung zur Frage: Gott ganz lieben, wie geht das? Wie kann Armut kein Hindernis, sondern eine Hilfe?
Erst der Zusammenhang mit der Gottesliebe macht diese Geschichten so wertvoll. Sie wollen nicht die Spendenfreudigkeit der Zuhörer erhöhen, sondern die Macht und Stärke Gottes anschaulich machen, die so anders und so leicht zu übersehen ist. Es fällt nämlich auf, dass die Frauen ihr Erspartes und Letztes in beiden Fällen nicht den Armen geben; es geht hier also nicht um eine caritative Sozialleistung – die nämlich selbstverständlich sein sollte, bzw. schon damals verschiedentlich organisiert war.
Das Beispielhafte ist auch nicht die Unterstützung von Gottesmännern oder Institutionen.
Ob bewusst oder zufällig – diese Witwen tun etwas Seltenes, was Gott aber unbedingt braucht, um in der Welt anwesend und tätig zu sein. Hier geschehen Wunder, die Gott nicht ohne Zutun des Menschen wirken kann; es sind Muster von Glaubenswundern.

Das Beispiel Elija

Schauen wir uns die Geschichte mit Elija an: Als der König Ahab im 9. Jh. v. Chr. wegen seiner Frau Isebel den Gott Baal nach Israel importierte, der auch für Regen zuständig war, brach in Israel, nach dem Bericht der Bibel, eine große Dürre aus. Der letzte Prophet, der einzige, der Gottes scharfes Wort in den Mund nahm, Elija, ist auf der Flucht, weil das Königspaar den unbequemen Gottesmann umbringen will. Anfangs wurde Elija am Bach Kerit durch Raben ernährt, so die Erzählung, aber der Bach trocknet bald aus und die Raben bleiben weg. Da bittet Elija die heidnische Witwe in Sarepta um einen Bissen Brot. Und da sie bereit ist, ihre letzte eiserne Reserve zu opfern, verhungert Elija nicht; und auch die Witwe besitzt ab dann einen nie versiegenden Ölkrug und Mehltrog. Das Motiv kennt man aus den Märchen…

Man fragt sich allerdings, wenn Gott schon Wunder tun kann, warum der Umweg über die Witwe, warum zaubert er nicht gleich für Elija Brot. Weil Gott kein Zauberer ist. Das Wunder steckt nicht im Krug und Trog, sondern darin, dass der verfolgte Prophet gegen jede Erwartung im fremden Land von einer armen fremden Frau Hilfe bekommt und so das Wort Gottes nicht verstummt. Unerschöpfliche Ölkrüge gibt es nicht, die Frage ist aber, ob es den Glauben gibt; ob es die Hingabe des ganzen Lebens für die Sache Gottes gibt. Da steckt auch eine Portion Kritik am damaligen Israel drin, da diese heidnische Frau für Gott eine größere Hilfe ist als Israels König.

Die Gabe im Tempel

In der anderen Geschichte geschieht Ähnliches: Als Jesus auf dem Tempelhof die arme Witwe mit der Zwei-Pfennig-Spende beobachtet, ist seine eigene Lebenshingabe am Kreuz schon sehr nahe. Wie tröstlich muss es für ihn gewesen sein, dass er nicht ganz allein ist mit der inneren Bereitschaft, nicht nur aus dem Überfluss, sondern alles, selbst das nackte Leben für Gottes Sache zu opfern.
Ihre Gabe schneidet auch dieser Witwe ins eigene Fleisch, sie gibt vom vitalen Rest, im Griechischen steht: ὅλον τὸν βίον (holon ton bion), „das ganze Leben“.

Aber das ist doch unvernünftig und unsinnig…; denn durch solche gut gemeinten Verausgabungen schafft man gewöhnlich bloß ein noch größeres Problem… Außer in einem einzigen Fall, wenn man es nämlich vor Gottes Angesicht tut und ihm im Vertrauen alles zurückgibt, ihm, der mir das Leben und alles, was ich habe, geschenkt hat. Das ist es, was Jesus bewegt, der die Welt immer aus der Perspektive Gottes anschaut: Für diese Frau gibt es in ihrer Armut und Not offenbar eine noch größere Sorge als ihr eigenes Leben: nämlich den Bestand des Tempels, der Wohnung Gottes in seinem Volk.

Wenn aber Gottes Volk selbst verkommen, verdursten würde

Der Tempel steht, so verdeutlicht es die Erzählung, für die reale Nähe Gottes und seines Anliegens, dass es dieses Volk gebe, als Zeichen und Trost für die Welt.  In seinen Mauern wird das Wort Gottes, das Gesetz, die Sozialordnung Israels aufbewahrt, die im Miteinander des Volkes lebendig werden und beispielhaft faszinierend wirken soll. Die Frau wusste offensichtlich, dass ohne diese Mitte das Volk verkommen, verdursten würde, und ohne dieses Volk wiederum Gott selber wie „verwitwet“ und ohnmächtig wäre, ungläubigen Königen wie Ahab ausgeliefert.

Jesus erblickt im Vertrauen der Witwe das große Wunder, das nur Gottes Anziehungskraft ermöglichen kann: die rückhaltlose Hingabe eines Menschen an Gott und seine Sache. Die Jünger sollen lernen, wie das neue Leben ist, das weder Berechnungen noch Versicherungen kennt, sondern aus dem Vertrauen auf Gottes Geschichte entsteht.
Und wir dürfen mit ihnen diese Lektion lernen, dass das „Ganz“, das Gott im „Höre Israel“ verlangt, nicht unbedingt etwas Großes bedeuten muss, es kann auch ganz wenig sein, wie bei den Witwen, wenn darin das ganze Leben investiert ist. Und das für Gott investierte Leben bringt noch mehr Leben hervor:
Höre, Israel! Der HERR, unser Gott, der HERR ist einzig. Darum sollst du den HERRN, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft (Dtn 6,4-5).

                       © Dr. Tamás Czopf, Pfarreiengemeinschaft Starnberg