Theologische Fragen aus biblischen Texten der Liturgie 16

Gegenteilige Botschaften der biblischen Schriften?

Unsere Lesungen vom Propheten Jeremia und aus dem Lukasevangelium beinhalten zwei Verheißungen, die ziemlich gegensätzlich erscheinen: Jeremia verheißt eine Zeit von Recht und Gerechtigkeit, eine Zeit des Heils, während Lukas von vielfältigen Katastrophen spricht, die bevorstehen. Wie soll man sich das vorstellen: Kommt Friede oder Chaos? Oder zunächst Chaos, dann Frieden, und das immer wieder?

Die Zeit: Friede oder Chaos

Wie schon an den vergangenen zwei Sonntagen, atmen auch diese Texte apokalyptische Luft. Dahinter steht eine in der Antike verbreitete Sichtweise über den Verlauf der Geschichte und die Abfolge der Weltzeiten. Demnach ist im Schicksal von Reichen und Herrschaften ein Gefälle zu beobachten: Das friedliche und üppige „goldene“ Zeitalter fängt irgendwann zu bröckeln an und wird von minderwertigeren, immer schlechteren Zeiten abgelöst: Auf eine silberne Zeit folgt eine eherne, und auf diese schließlich die tönerne Zeit; alles wird instabiler, chaotischer, und Katastrophen
erschüttern das Bisherige; Zerfall und Absturz, die Geschichte ist ein Verfall.
Bis dann irgendwann durch den totalen Untergang der Weg für einen Neuanfang bereitet wird und wieder die goldene Zeit beginnt. Der Beobachter befindet sich meistens inmitten des größten Chaos und er hält Ausschau nach den Zeichen der Wende. Man hat dies oft als eine ewige Wiederkehr betrachtet: Die Katastrophen der gegenwärtigen Zeit sind Zeichen der bald kommenden Neuen Welt.
Das Judentum hat diese Auffassung über die Weltzeitalter kritisch weiterentwickelt, denn dort hat immer schon die unwiederholbare lineare Zeit eine zentrale Rolle gespielt, die von einem Anfang, der Erschaffung durch Gott, bis zu einem Ziel, der Ankunft bei Gott reicht. Dazu gehört auch die Verheißung, dass die Wellenbewegung von Frieden und Krieg, Ruhe und Chaos, Sicherheit und Katastrophen eines Tages durch Gottes Eingreifen zur Ruhe und zum Frieden kommen wird.

Die Rede vom „Menschensohn“

Jesus revolutioniert aber diese Art der Geschichtsauffassung auf seine Weise. Er bleibt zwar ganz in den Fußstapfen der prophetischen Verheißungen, deutet sie aber radikal und bis heute überraschend neu. Einen Schlüssel dazu liefert das Bild des Menschensohnes. Dieses Bild stammt vom Buch Daniel, das gerne apokalyptische Texte zitiert. Wenn man die Figur des Menschensohnes näher betrachtet, lassen sich einige wichtige Elemente wahrnehmen:

  1. Der Menschensohn „kommt in den Wolken“ – ein Bild dafür, dass er von Gott her, aus der himmlischen Sphäre stammt und nicht aus der naturgegebenen Fähigkeit der Menschheit.
  2. Er ist aber ein Mensch, fast möchte man sagen: „nur ein Mensch“. Die anderen Reiche, die die Welt beherrschen, werden in solchen Texten als schreckliche Tiergestalten, wie Bestien dargestellt. Denen gegenüber erscheint der „Menschensohn“ geradezu als zart und schwach, ohne besondere Ausrüstung, aber mit der Feinheit und Würde eines Menschen; ein Repräsentant des Humanen.
  3. Das Menschliche an ihm ist nicht bloß das Allgemein-Menschliche: Jeremia nennt ihn den „Spross Davids“. Das ist wichtig, da dieser Mensch, der von Gott kommt, nicht „vom Himmel fällt“, sondern aus einer menschlichen Geschichte hervorgeht, nämlich aus der Geschichte Israels. Das ist seine Chance, dem schmalen Faden zu folgen, der von Gott initiiert und ständig begleitet wurde, damit nach einer langen Reife ein Sohn von Menschen zugleich ohne Einschränkung Sohn Gottes genannt werden kann.
  4. Im apokalyptischen Bild kommt der Menschensohn allerdings „mit großer Kraft und Herrlichkeit“ (dynamis und doxa), mit „Macht und Ehre“ könnte man das auch übersetzen. Das sind göttliche Attribute, Widerschein Gottes, der an ihm aufleuchtet. Das macht ihn zu einem Menschensohn, der nicht bloß aus der Erde, sondern zugleich vom Himmel kommt.

Das jesuanische „Heute“

Aber eben kein „Superman“! Was ist denn dann seine Kraft und Herrlichkeit?
Wieder werden wir bei Jeremia fündig: „Er wird Recht und Gerechtigkeit wirken“ – steht dort. Eine andere Ausrüstung hat er nicht. „Gerechtigkeit“ ist die praktische Seite der Wahrheit; und „Wahrheit“ ist das einzige, was den Menschen frei macht, sagt Jesus. Der Prozess, wie in uns und unter uns Sicherheit entstehen und die Angst vergehen kann, hängt mit dieser Wahrheit und Gerechtigkeit zusammen, die Mensch und Gott miteinander verbindet.

Die Revolution Jesu besteht darin, dass er die Erwartung der Erfüllung nicht mehr verschiebt: Diese Erwartung begann mit einem „eines Tages“, „es werden Tage kommen“; daraus wurde dann ein „bald“, „es steht schon vor der Tür“; jetzt geht Jesus noch einen Schritt weiter und macht daraus ein „Jetzt“, „Heute“. Er sagt sinngemäß: Euch darf das Ende nicht „plötzlich überraschen“, denn ihr kennt es bereits, ihr lebt darin und davon.

Paulus sagt es in der Lesung noch klarer: „Ihr habt von uns gelernt, wie ihr leben müsst, um Gott zu gefallen, und ihr lebt auch so.“ Er warnt aber vor zwei Dingen, die die gläubige und nüchterne Gelassenheit gefährden: der Rausch und die Sorgen des Alltags. Durch Alkohol oder sonstige Drogen möchte man vor der bedrückenden Realität fliehen – vor der eigenen oder der allgemeinen; man macht sich blind, damit man die Katastrophen nicht sieht. Anders, aber ähnlich blind können uns auch die „Sorgen des Alltags“ machen: Im Griechischen steht „biotikos“, alles, was das biologische Leben ausmacht, das kann uns vollständig in Beschlag nehmen und auch ängstigen, wie man es zu Pandemie-Zeiten besonders gut beobachten kann. Unser Leben ist aber viel mehr, tiefer, höher und breiter als die täglichen Sorgen um Gesundheit und Wohlergehen. Unser Leben ist nämlich heute schon verankert in der Ewigkeit und mit dem Himmel verbunden: Von Gott geliebt zu sein, gewürdigt zu ein, sein Wollen für diese Welt zu verstehen – und so ist unser Glaube – gibt unserem Leben eine andere Mitte als Katastrophenangst.

Liebe ist eben immer „heute“ – oder sie ist noch nicht oder schon vorbei.
Unsere Berufung ist, auch speziell für die kommende Zeit, diese Fülle des Lebens wahrzunehmen und einzuholen.
Darin liegt unser Friede, dass wir das Haupt erheben dürfen, mögen auch um uns herum und vielleicht sogar in und an uns selber Katastrophen passieren:  Denn wir sind nicht verwaist, es ist uns, wie das jüdische Denken und Glauben es schon weiß, in allem eine „gute Weisung Gottes“ gegeben.

Jeremia 33,14-16; 1 Thessalonicher 3,12-4,2; Lukas 21,25-36 gekürzt
1. Adventsonntag, Lesejahr C
© Dr. Tamás Czopf, Pfarreiengemeinschaft Starnberg