Theologische Fragen aus biblischen Texten der Liturgie 17

A. Herbergsuche – der Weg heim nach Jerusalem? (von Tamás Czopf)
B. Die Sprache der Kirche von Nöten und Katastrophen (von Konrad Wierzejewski)

(Beide Texte beziehen sich auf die Schriftlesungen des 2. Adventsonntags im Lesejahr C: Baruch 5,1-9; Philipperbrief 1, 4-11 gek.; Lukas 3,1-6)

A. Herbergsuche – der Weg heim nach Jerusalem?

Während wir Katholiken in dieser vorweihnachtlichen Zeit emotional vielleicht am meisten bei der Herbergsuche von Maria und Josef mitfühlen, stellt uns die Liturgie durch die Prophetentexte eine deutlich größere Wanderung vor Augen: einen Zug durch die Wüste in die Heimat, einen Weg aus der Gefangenschaft heim nach Jerusalem.

Die Bewegung von Gott auf uns zu und von uns auf Gott zu

Eine besondere Spezialität des Advent ist, dass er zwei Bewegungen miteinander verbindet: eine hinab und eine hinauf. Zum einen warten wir auf Gott, seine Ankunft und ‚Herabkunft‘, zugleich wissen wir, dass genauso auch Gott auf uns wartet, auf unsere Umkehr und unsere Bereitschaft, zu ihm zu kommen und seine Wege zu gehen. Auf der einen Seite soll sich der Himmel öffnen und den Gerechten herabregnen, auf der anderen Seite soll sich die Erde auftun und Gerechtigkeit hervorbringen.
Oder mit den Bildern der heutigen Lesungen: Auf der einen Seite soll für Gott ein Weg durch die Wüste bereitet werden, wie Lukas sagt, gleichzeitig bereitet Gott selber einen Weg für sein Volk durch die Wüste, damit es endlich frei nach Hause kommen kann. Darin können wir ein sehr tiefsinniges Prinzip beobachten, das auf die jüdische Entdeckung zurückgeht: Gott will handeln, aber sein Handeln ist gebunden, angehängt ans Handeln des Menschen. Wenn Gott, seine Gnade, sein Wort, seine echte und reale Hilfe nicht auf die Erde „herunterkommt“, wird sich der Mensch nicht aus dem Staub seiner Nöte und seines Elends erheben und auf die Höhe seines Wesens aufsteigen können. Wenn nicht Gott einen Weg durch die Wüste zurück in den Garten für den Menschen ermöglicht, wird dieser entweder fern von dem für ihn geschaffenen Ort des Friedens stecken bleiben oder in diversen Wüsten selbst gebastelter Scheinlösungen verdursten.

Zur Überzeugung eines biblischen Advents gehört aber auch, dass beide Bewegungen: das Bemühen des Menschen samt seiner Sehnsucht nach Besserem und Gerechterem und die Absicht Gottes, dem Menschen Besseres und Gerechteres, ja Gutes und Gerechtes zu ermöglichen, dass diese zwei sich sehr wohl treffen können und sich bereits getroffen haben. Israel hat diesbezüglich seine eigenen Erfahrungen.

Die Erfahrung, dass und wie Gott und Mensch einander treffen

Zum einen trägt dieses Volk von alters her die gläubige Erinnerung an die große Befreiung des kleinen Volkes aus Ägypten. Ein so unbedeutendes Völkchen hätte im Altertum kaum eine Chance gehabt, sich eigenständig zu entwickeln und eigene Wege zu gehen, wäre nicht Gott ihm zu Hilfe gekommen. Israel musste sich ständig mit stärkeren und größeren Mächten auseinandersetzen. Umso wichtiger war eine deutlich jüngere Erfahrung: Als das Volk in mehreren Anläufen dieses Mal von den Babyloniern besiegt worden war und viele vertrieben worden waren, gab es aus dieser ausweglosen Situation einen Ausweg und eine Rückkehr nach Zion.

Auch dies musste dem Konto Gottes gutgeschrieben werden, war es doch bloß ein kleiner Rest des Volkes, der den Mut und die Lust aufbrachte, sich auf die Rettungs-aktion Gottes einzulassen. Sie konnten vor dem Hintergrund der alten Erfahrung der Väter und der damals schon gesammelten Schriften der Bibel ihre gegenwärtige Geschichte als Rettung durch Gott deuten, einen guten Ausgang erhoffen und auf Kontinuität mit den altehrwürdigen Zeiten setzen. Dieser Vorgang bedeutet viel mehr als das Bangen um das nationale Bestehen und mehr als die Freude über die Erhaltung eines speziellen Volksgeistes. Die Realität, die faktischen Geschichten der Befreiung waren nämlich immer durchsichtig auf einen tieferen und umfassenderen, ja einen universalen Prozess, in dem Gott um sein Geschöpf Mensch ringt und ihm hilft.

Aber dieses sein Ringen hat eine ganz bestimmte und mich immer wieder begeisternde „Methode“, die in unserem Text aus dem Buch Baruch deutlich sichtbar wird. Gott will und kann in der Welt rettend erscheinen. Die Bibel sagt, dass er seine Herrlichkeit zeigt. Aber wie und wo zeigt er diese überzeugende Wucht seiner Schönheit? Baruch spricht die Stadt Jerusalem an, die für ganz Israel und seine glückende Geschichte steht. Diese Stadt soll sich wie eine schöne Frau ein neues Kleid anlegen und sich schmücken: „setz dir die Krone der Herrlichkeit des Ewigen aufs Haupt! Denn Gott will deinen Glanz dem ganzen Erdkreis unter dem Himmel zeigen.“

Jerusalem – Anreiz für Frieden und Gerechtigkeit, Gottes Herrlichkeit

Gott zeigt sich also nicht in einem unerklärlichen Naturphänomen, sondern an der Stadt, die von seinem Volk bewohnt ist. Gottes Herrlichkeit soll an Jerusalem erscheinen, indem seine Söhne und Töchter neu heimgeführt, gesammelt und ausgerüstet werden. Diese Verschönerung Israels und Jerusalems passiert nicht durch eine unbegreifliche Mystik, sondern durch konkrete Lebenswirklichkeiten, die hier als „neue Namen“ aufgezählt werden: „Gott gibt dir für immer den Namen: Friede der Gerechtigkeit und Herrlichkeit der Gottesfurcht.“
Gerechtigkeit und Gottesfurcht sind vom Menschen her das, was von Gott her Friede und Herrlichkeit ist. Lukas bringt es auf den Punkt: „Und alle Menschen werden das Heil Gottes schauen“ – nämlich das Heil, das von Gott her an seinem Volk erscheint.

Paulus übersetzt es meisterhaft in das konkrete Leben der Gemeinde; in der heutigen Lesung sagt er: „Und ich bete darum, dass eure Liebe immer noch reicher an Einsicht und jedem Verständnis wird, damit ihr beurteilen könnt, worauf es ankommt.“ Er kann es nicht abverlangen und fordern, er kann dafür beten und darauf setzen, dass durch das geschenkte Verständnis die Gemeinde sich in der Unterscheidung übt, worauf es ankommt und was unwichtig ist. So kann etwas an der Gemeinde trotz Schwäche und Schuld aufglänzen, was nicht ihre Leistung, sondern Gottes Widerschein ist; Paulus weiter: „Dann werdet ihr rein und ohne Tadel sein für den Tag Christi, erfüllt mit der Frucht der Gerechtigkeit, die durch Jesus Christus kommt, zur Ehre und zum Lob Gottes.“

Das Kommen und Wirken Gottes und das Kommen und Wirken des Menschen treffen zusammen, denn sie brauchen einander, damit etwas Neues entsteht – wie bei der Schöpfung die Berge und Täler und üppigen Pflanzen, so entsteht jetzt eine glückliche Gemeinschaft, von der es heißt: „Denn Gott führt Israel heim in Freude, im Licht seiner Herrlichkeit; Erbarmen und Gerechtigkeit kommen von ihm.“ Diese „ausgeliehene“ Herrlichkeit durch Umkehr und Vergebung jeder Schuld ist ein nie abgeschlossener Weg durch viele Wüsten des Lebens und der Geschichte hindurch zurück in die Heimat Jerusalem. Dieses Licht seiner Herrlichkeit soll auch in diesem Advent, auch an uns aufscheinen.

© Dr. Tamás Czopf, Pfarreiengemeinschaft Starnberg

B. Die Sprache der Kirche von Nöten und Katastrophen

Der erste Adventsonntag in diesem Jahr, dem Lesejahr C, hat die Frage aufgeworfen: „Dürfen wir die Texte der Heiligen Schrift so direkt auch auf unsere Gegen­wart hin auslegen?“ Da bietet uns dieser 2. Adventssonntag mit dem, was die Kirche uns vorstellt, die Gelegenheit, genau dieser Frage nochmals nachzugehen. Es ist doch die Frage: Wie gehen wir als Glaubende um mit Nöten, Katastrophen, die uns treffen? Sprach­losigkeit oder einfach Kommentare oder unkritische Übernahme der Denkmuster der Politiker und Virologen, wie sie so vielfach immer wieder, auch widersprüchlich, formuliert werden, das kann es nicht sein. Dafür stehen ja eben die Politiker und Wissenschaftler. Und auf der anderen Seite undifferenzierte Übernahme von alten Deutungsmustern wie „Strafe Gottes“, das kann es auch nicht sein.
Wie sieht der Umgang des Gottesvolkes, wie er uns in der Heiligen Schrift überliefert ist, mit so etwas aus? Genau davon spricht das Buch Baruch, aus dem unsere erste Lesung genommen ist.

Es entstammt der Zeit des Babylonischen Exils, das wir uns nicht wie das Elend von Flücht­lingen in armseligen Lagern vorstellen dürfen. Das Land am Euphrat war üppiger, reicher und fruchtbarer als das steinige und karge Bergland von Jerusalem und hatte eine hoch entwickelte, fort­schrittliche Kultur. Die Juden hatten es dort in ihrem Exil längst wieder zu Reichtum und Ansehen gebracht, hatten sich prächtig integriert. Viele wollten gar nicht nach Jerusalem zurück. Das eigentliche Elend, das nur wenige so empfanden, war, dass sie in Babylon nicht mehr als Gottesvolk nach der Sozialordnung vom Sinai lebten, sondern zerstreut in einer Gesellschaft, die ganz anderen Leitbildern folgte.

Die Rede von der Vertreibung nach Babylon

In den vorausgehenden Kapiteln reflektiert Baruch die zurückliegende Geschichte: „Wir haben nicht auf die Stimme des Herrn, unseres Gottes, gehört und auf alle Reden der Propheten, die er zu uns gesandt hat. Jeder von uns folgte der Neigung seines bösen Herzens; wir dienten anderen Göttern und taten, was böse ist in den Augen des Herrn, unseres Gottes. … Der Herr, unser Gott, ist im Recht; uns aber und unseren Vorfahren treibt es bis heute die Schamröte ins Gesicht. Alles Unheil, das der Herr uns angedroht hat, ist über uns gekommen.“ Das ist das Erste und Einmalige im Umgang Israels mit einer solchen Katastrophe, diese Offenheit, die eigenen Fehler beim Namen zu nennen und nicht Gott oder irgendeinem Schicksal die Schuld zu geben.

Das Unglück des Exils, auch das Unglück einer Pandemie, ist nicht das, was Gott wollte. Er hat es auch nicht herbeigeführt wie eine Strafe. Aber er hat im rechten Moment einem Propheten die Gabe gegeben, es anzusehen als eine Anrede, als Frage nach der unterscheidenden Lebensweise nach der Weisung des Herrn, im Gottesvolk, also auch unter uns Christen, es zu sehen als unausweichliche Konsequenz der Irrwege seines Volkes. Was er will, ist die Umkehr seines Volkes: „Ihr wurdet verkauft an die Völker, doch nicht zur Ver­nichtung. … Habt Vertrauen, meine Kinder, schreit zu Gott! Denn er, der es ver­hängt hat, wird wieder an euch denken. Wie euer Sinn auf den Abfall von Gott gerichtet war, so zeigt nun zehnfachen Eifer, umzu­kehren und ihn zu suchen. Er, der über euch das Unheil gebracht hat, wird mit eurer Rettung euch ewige Freude bringen.“

 „Er, der das Unheil verhängt hat“, eine verkürzte, etwas missverständliche Formulierung, die im Wissen um den prophetischen Denk­horizont keine Schwierigkeiten bereitete, und sie meint etwas bleibend Gültiges: das Unheil nicht als blindes Schicksal zu sehen. Dann wäre ihm nur durch gezielte Maßnahmen zu be­gegnen, die uns Experten raten, so ist es eben die Möglichkeit der Welt. Aber wenn wir als Glaubende fragen: Was denkt sich wohl Gott dabei? dann kann es uns dazu bringen, „umzukehren und ihn zu suchen“, uns zu erinnern, welche Wege er sein Volk schon einmal gewiesen hat und die wir verlassen haben, Wege, die verhindert hätten, dass wir so tief in die Not hinein­geraten.

Die konkrete Rede der Prophetie

Johannes der Täufer zitiert die Verheißungen der Propheten, und das heutige Evangelium beginnt mit einer präzisen Datierung in seiner Gegenwart durch die Aufzählung aller politischen Größen seiner Zeit, um zu sagen: Bei diesen Verheißungen geht es nicht um irgendwelche weit zurückliegenden Ereignisse in der Geschichte, auch nicht um zeitlose Weisheiten, sondern in diese konkrete Gegenwart hinein sind sie gesprochen. Johannes hat das Volk wieder an den Jordan gerufen, an den Ort, wo es einmal über den Jordan in das neue Land einge­zogen ist, in dem es jetzt wieder lebt wie die anderen Völker. Es müsste, spürte er, noch einmal ganz neu durch den Jordan in das Land einziehen. Damit wurde er Wegbereiter für die endgültige Heim­führung Israels durch Jesus durch die Stiftung der Kirche, seiner Gemeinden, die nun ihrerseits auch immer wieder umkehren müssten, um nicht zu leben „wie die anderen Völker“.

1500 Jahre später schrieb Martin Luther eine Streitschrift mit dem Titel „Von der Baby­lonischen Gefangenschaft der Kirche“, um zu sagen: Es ist wieder aktuelle Gegenwart, was die Not Israels damals war, es ist wieder zur Not der Kirche seiner Zeit geworden. Es ge­lang ihm nicht, sie aus der Zerstreuung herauszu­führen, nur eine neue Spaltung wurde daraus.

Und genauso können auch wir uns heute darin wiederfinden. Die Not ist wieder die gleiche, dass wir weitgehend den Auftrag, Volk Gottes zu sein, das nach anderen Gesetzen lebt, vergessen, uns weit davon entfernt haben.

Dass so vieles, eben auch eine Pandemie, immer wieder Aufruf sein könnte uns zu sammeln, sammeln als Gemeinden, daran können wir denken; Gemeinden, die sich in einer Pandemie auch einmal für eine gewisse Zeit abschließen, isolieren könnten, ohne dass das den Einzelnen oder eine Kleinstfamilie gleich in tödliche Vereinsamung stürzen würde. … In den Pestepidemien wurde den Juden das ihnen aufge­zwungene Leben in den Ghettos zusammen mit den Hygienevorschriften der Tora zur Rettung, zu überleben, ohne sich zu infizieren.

Die Suche aus Glauben nach einem stimmigen Verhalten

Wir können heute an den von Politikern propagierten Gedanken einer Impfpflicht denken, der ein Unbehagen hinterlässt, dass man Menschen damit nicht gerecht würde. Die Kirche in unserem Bistum schlägt einen etwas anderen Weg ein und hält in der neuen Infek­tionsschutz­verordnung eigens fest: „Niemand darf wegen seines Impf- oder Genesenen­status vom Besuch eines Gottesdienstes ausge­schlossen werden.“ Gottesdienste mit Zugangsbe­schränkungen und dann gelockerten Ab­standsregeln darf es nur als Ausnahme geben. Aber in einer Gemeinde, wo man einander kennt, wäre doch eine gemein­same Willensbildung vor­stellbar, so dass man sagt: Wir lassen uns impfen. Aber zugleich kennt man auch den Einzelnen, der sich dem vielleicht nicht anschließen will, wegen bestimmter Lebensumstände oder wegen Krankheiten, und kommt in ein Gespräch darüber. So könnte man auch konkrete Lösungen finden, diesen Personen gerecht zu werden. In einer großen Pfarrei ist es nicht möglich, so etwas über die Köpfe hinweg zu beschließen, auf der Ebene eines Staates schon gar nicht. – Diese Sätze jetzt sind ein Versuch von Überlegungen, ein Suchen, Gedanken, wie das konkret aussehen könnte: umkehren zu den Wegen Gottes.

Gott will sein Volk, uns, nicht in dem Elend lassen, in das wir uns begeben haben, sondern er wirbt um uns: „Warum, Israel“, hören wir von Baruch, „warum lebst du im Gebiet der Feinde, bist unrein ge­worden, den Toten gleich, wurdest gezählt zu denen, die in die Unter­welt hin­absteigen? … Steh auf, Jerusalem, und steig auf die Höhe! Schau nach Osten und sieh deine Kinder: Vom Untergang der Sonne bis zum Aufgang hat das Wort des Heiligen sie gesammelt. … Gott bringt sie heim zu dir. … Senken sollen sich alle hohen Berge und die ewigen Hügel und heben sollen sich die Täler zu ebenem Land, so dass Israel unter der Herrlichkeit Gottes sicher dahinziehen kann. Wälder und duftende Bäume aller Art spenden Israel Schatten auf Gottes Geheiß.“ Auch die Natur, will das Bild sagen, wird dann den Menschen nicht mehr bedrohend gegenüberstehen; damals war es ein Werben um die Rückkehr und den Wiederaufbau Jerusalems.

Ja, die Worte Baruchs gelten auch uns, denn wir sind das Volk, das nach Paulus dem Weg Israels hinzugefügt ist, das sich Gott gleichsam noch dazu gesammelt hat, damit es seine Liebe und Macht bezeuge, nicht mit Worten, sondern indem es vorlebt, wie unser Leben, wie unsere Welt geheilt werden kann.

© Dr. Konrad Wierzejewski, Pfarreiengemeinschaft Geltendorf