Theologische Fragen aus biblischen Texten der Liturgie 18

A. Warum man sich freuen kann (von Achim Buckenmaier)
B. Doppelte Freude mitten in Advent und Fastenzeit (von Tamás Czopf)
C. Umkehr ist kein „frommes“, sondern ein säkulares Wort (von Konrad Wierzejewski)

(Die nachstehenden Texte beziehen sich auf die Schriftlesungen des 3. Adventsonntags im Lesejahr C: Zefanja 3,14-18a gekürzt; Philipperbrief 4,4-7; Lukas 3,10-18)

A. Warum man sich freuen kann

Der dritte Adventssonntag heißt mit seinem lateinischen Namen „Gaudete“ – „Freut euch!“ Das ist das Stichwort, das aus der zweiten Lesung genommen ist, aus dem Brief, den Paulus aus dem Gefängnis (in Rom oder Ephesus) an seine Lieblingsgründung, an die Gemeinde in Philippi, geschrieben hat: „Freut euch im Herrn zu jeder Zeit! Noch einmal sage ich: Freut euch!“

Im Jahr 2018 hat Papst Franziskus einen Brief über die Berufung der Christen zur Heiligkeit geschrieben, der einen ähnlichen Titel trägt: „Gaudete et exsultate“ – „Freut euch und jubelt“. In diesem Schreiben sagt Papst Franziskus etwas, was für uns wie eine Lesehilfe ist, die biblischen Texte von heute – die Lesung aus dem Buch des Propheten Zefanja, den Philipperbrief und das Lukas-Evangelium – besser zu verstehen. Er schreibt Folgendes:
„Wir haben oft gesagt, dass Gott in uns wohnt, aber es ist besser zu sagen, dass wir in ihm wohnen, dass er uns erlaubt, in seinem Licht und seiner Liebe zu leben. Er ist unser Tempel.“

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Was der Papst da sagt, kehrt in den beiden Lesungen wieder. Der Prophet Zefanja war einer der Propheten, der das jüdische Volk in einer kritischen Phase seiner Geschichte ansprach, mit einer scharfen Kritik an den führenden Personen. Zefanja lebte in den Jahrzehnten vor der großen Katastrophe des Exils und er zitterte um die Zukunft des Volkes Gottes. Den wenigen Juden, die inmitten der prekären politischen Lage und der religiösen Krise im 7. Jahrhundert vor Christus ihr Vertrauen auf Gott nicht verlieren, ruft er zu: „Juble, Tochter Zion! Jauchze, Israel! Freu dich und frohlocke von ganzem Herzen, Tochter Jerusalem! Der König Israels, der Herr, ist in deiner Mitte.“

Man kann es leicht hören: Das „Du“, das da angesprochen wird, ist nicht ein einzelner Glaubender, der jetzt seinen ganzen Mut zusammennehmen muss. Dieses „Du“ ist ein „Wir“, ist die Tochter Zion, die Tochter Jerusalem, Israel, also das Volk, die Gemeinschaft der wenigen, die das in der Katastrophe erneuerte Volk Gottes bilden wollen. Zweimal wiederholt Zefanja diese Aussage: „Der Herr ist in deiner Mitte.“

Und wie ein Echo dieser prophetischen Zusage klingt die Ermutigung aus der Zeit der ersten christlichen Gemeinden, fast acht Jahrhunderte später, die Paulus nach Philippi schreibt: „Bringt in jeder Lage betend und flehend eure Bitten mit Dank vor Gott! Und der Friede Gottes, der alles Verstehen übersteigt, wird eure Herzen und eure Gedanken in Christus Jesus bewahren.“ Wieder ist es ein „Wir“, das da angesprochen wird, die Gemeinde in Philippi. Und deswegen meint auch das „In“ – „in Christus Jesus“ – seine Gemeinde, die Gemeinschaft der Christen, in deren Mitte Gott wohnt. „In Christus Jesus leben“ heißt: in seiner Gemeinde, in der Kirche, im Volk des Gottes Israels leben.

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Im Christentum hat es eine sehr nachhaltige Tendenz gegeben, dieses „Wir“ der Heiligen Schrift zu vergessen und es als „Ich“ zu verstehen. Ich und Christus. Ich und Gott. Meine Seele und mein Gott. Dann verschwindet das Gottesvolk, das Gottes Hauptansprechpartner in der Welt ist. Dann verschwindet die soziale Dimension des Christseins, verschwindet der gesellschaftliche „Leib Christi“. Bis heute ist dieses „Gott und meine Seele“ in der Kirche attraktiv. Weil die Kirche so beladen ist mit ihrer Geschichte, weil die Pfarreien und Gemeinschaften oft unglaubwürdig sind, brüchig, mit Enttäuschungen verbunden werden, setzt sich auch unter uns Christen diese Religion des „Gott im Innern“, „Gott in sich selbst finden“ immer mehr durch.

Warum soll ich den mühseligen Weg gehen, Gemeinschaft zu suchen, mich auf andere einlassen, warum soll ich mich der Mühe aussetzen, die eine Gemeinschaft von Glaubenden mit sich bringt – die grundlegenden Verschiedenheiten, die nicht ausbleibenden Missverständnisse –, um in deren Mitte Gott zu finden?

Der Grund ist einfach: Wenn ich den Gott in meinem Inneren suche und anbete, läuft es letztlich darauf hinaus, dass ich mich selber finde und anbete. Was vielleicht fromm und religiös aussieht, ist letztlich eine Verzerrung des biblischen Glaubens und eine Selbsttäuschung, ein Zerrbild des Glaubens. Nur in der Weggemeinschaft der Glaubenden finden wir den Gott Israels, den wahren Gott, nicht den Gott, den ich mir zusammenzimmere, den ich mir mache. Nur in dieser „Mitte“ des Volkes Gottes, nur im Zusammen weichen wir dem Konkreten des Glaubens nicht aus, verdrängen wir nicht den Weltauftrag des Glaubens, diese Erde zu gestalten nach Gottes Willen, diese Welt und unsere Beziehungen zueinander. „Es ist besser zu sagen, dass wir in ihm wohnen. Er ist unser Tempel.“

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Von diesen Gedanken her ist es nicht schwer, auch einen Aspekt des Evangeliums dieses Sonntags zu verstehen, den man aufs Erste gar nicht so erkennt. Die Leute, von denen Lukas erzählt, dass sie zu Johannes dem Täufer kamen, lebten genau in diesem jüdischen Wissen, dass der Glaube an den Gott Israels nicht ein individueller Seelenbalsam ist, sondern ein Auftrag. Deswegen fragen sie hartnäckig: Was sollen wir tun? Von drei Berufsgruppen unter den Hörern des Täufers wird genau diese Frage gestellt: Was sollen wir tun? Nicht: Was sollen wir glauben? Was sollen wir denken? Sondern einfach: Was sollen wir tun? Johannes gibt konkrete Ratschläge, die für jede einzelne Gruppe passend sind: Was man hat, teilen. Niemanden übervorteilen. Niemanden zwingen oder erpressen.

Wenige Monate später wird Jesus genau dieselbe Frage gestellt, mehrfach: Was sollen wir tun? Was muss ich tun? Freilich ist die Antwort Jesu eine andere als die des Johannes. Er gibt nicht mehr einzelne, berufsbezogene Antworten, sondern nur noch diese eine: Folge mir nach! Das heißt: Schließe dich dieser Weggemeinschaft an. Komm in diesen Kreis der Jünger. Sei mit mir und mit ihnen zusammen. Dann erkennst du auch, was du tun sollst. Das ist das „Stärker“ Jesu, sein „Mehr“, das Johannes anerkennt. Das ist „Heiliger Geist und Feuer“, mit dem Jesus die Seinen tauft.

Statt „Gott in mir“ ist es besser, dass wir in ihm wohnen, mit ihm sein, in seiner Gemeinschaft leben, so wie es der Papst mit seinen Worten gesagt hat. Es ist besser, richtiger, „in jeder Lage“, in der wir uns befinden, sei es Corona, Krankheit, Unsicherheit oder anderes, was uns bedroht und bedrängt. Und es ist der eigentliche Grund der Freude an diesem dritten Sonntag des Advent, heute und überhaupt.

© Dr. Achim Buckenmaier, Hechingen St. Dionysius (Schlatt) und St. Jakobus

B. Doppelte Freude mitten in Advent und Fastenzeit

Zweimal im Jahr, in der Fastenzeit und im Advent, begibt sich die Liturgie anhand ihrer Schrifttexte auf die Suche nach der genauen Art und dem Grund der Freude.
Heute in der Lesung vom Propheten Zefanja fällt auf, noch bevor man wüsste, warum genau die Freude angesagt ist, dass Jubel und Freude gleich zwei Subjekte betrifft: nicht bloß Jerusalem, die Tochter Zion, d.h. die gläubigen Einwohner der Stadt, soll sich freuen, sondern auch Gott freut sich – wie es heißt: „Er freut sich und
jubelt über dich, … er jubelt über dich und frohlockt, wie man frohlockt an einem Festtag.“

Gottes und des Menschen Anlass zu jubeln

Nicht jede menschliche Freude wird wohl für Gott Anlass zum Jubel sein, wenn auch unsere alltäglichen Freuden ihn sicher erheitern. Auch umgekehrt, nicht jedes Leid ist Grund zur Trauer, denn es kann auch hilfreiches Leid geben, das uns wachsen und reifen lässt. Aber diese Freude, die uns ausgerechnet in den besinnlichen Zeiten vor
Ostern und Weihnachten vorgestellt wird, gibt es nur in diesem Doppelpack: als Freude Gottes und des Menschen zugleich.
Das scheint die Freude des Menschen über die Freude Gottes zu sein: darüber, dass Gottes Plan für die Welt aufgeht, wenn das Schicksal seines Volkes innen und außen sich zum Guten wendet, da freut sich Gott und jubelt der Mensch in einem tiefen Einklang, das macht diese Freude so besonders.

Dieselbe Erfahrung steht im Hintergrund auch der zweiten Lesung aus dem Brief an die Gemeinde in Philippi:
Dort hörten wir einen bedenkenswerten Satz mit großer Wirkung: „Sorgt euch um nichts, sondern bringt in jeder Lage betend und flehend eure Bitten mit Dank vor Gott!“ Sich um nichts zu sorgen, ist kein allgemein christliches Prinzip, sondern die Spitze des Glaubens. Mit der Schöpfung bekommt der Mensch ja den Auftrag, für die Schöpfung, für sein Leben und für eine funktionierende Gesellschaft zu sorgen. Dennoch birgt sich in diesem Aufruf zur Sorglosigkeit, der auch als Gebot aufgefasst werden kann, eine tiefe Erfahrung über Gott. Die Sorglosigkeit als Spitze des Glaubens zielt auf die Sorge um das Reich Gottes; ihm soll unsere Hauptsorge gelten, wie Jesus sagt: „Sucht zuerst das Reich Gottes, alles andere wird euch dazugegeben“; aber diese Sorge braucht der Mensch nicht allein zu tragen. Gottes Plan zu verwirklichen und das Reich Gottes herbeizuführen, ist menschlich nicht machbar, sondern bleibt ein überraschendes seltenes Geschenk. Hier hat die Gelassenheit im Gottvertrauen Berechtigung, auch und gerade, nachdem alles Menschliche getan ist.

Ist nicht vielleicht schon der Täufer, Johannes, der Messias?

Paulus lässt keinen Zweifel daran, dass es auch in der Gemeinde zu Philippi Nöte gibt, die zu „Bitten und Flehen“ Anlass geben. Aber erstaunlicherweise soll man diese Bitten gleich zusammen mit Dank vortragen: „Bringt in jeder Lage betend und flehend eure Bitten mit Dank vor Gott“ – lesen wir. An die Bitte gleich den Dank anzuhängen, ist kein spirituell-psychologischer Trick, der uns innerlich überlistet, sondern eine gläubige Sachlichkeit: Das Entscheidende ist nämlich von Gott her schon gegeben, getan und sogar vollbracht, wie es Jesu letztes Wort am Kreuz bezeugt.

Dieselbe Haltung finden wir hier wie beim Propheten Zefanja: Zuversicht und Freude im Einklang mit Gott, denn es geht um seine Sache, seine Sorge und seine Zuständigkeit, mein Dank ist „in jeder Lage“ berechtigt.
Damit kommen wir zum heutigen Evangelium. Wenn im Advent die imposante Gestalt des Johannes in der Wüste auftaucht, stellt sich die Frage, warum seine Person und seine Predigt nicht ausgereicht haben. Die Leute fragen sich nicht ohne Grund: Ist nicht vielleicht Johannes der Christus, der Messias…? Schon seine Geburt aus einer unfruchtbaren Mutter, mit einem Vater, der zuerst verstummt und dann wieder reden kann, ist voller Wunder; aber auch seine radikale Entschlossenheit, in die Wüste zu gehen und die Umkehr zu predigen, ist beeindruckend. Die Zusammenfassung seiner Botschaft, von allen Evangelien zitiert, ist wortgleich mit der Botschaft Jesu: „Kehrt um und glaubt an das Evangelium!“ Jesus ist weniger markant in der Art und Weise, wie er auftritt, und auch sein Programm ist auf Dauer nicht so eingängig wie bei Johannes. Dennoch ist nicht der Täufer der Gesalbte, seine Predigt ist nicht mehr als die Worte der Propheten – was freilich auch schon sehr viel ist. Aber Johannes predigt wie jeder Prediger: Er gibt vernünftige ethische Anweisungen aus der jüdischen Tradition, die Leute sollen miteinander teilen, materiellen Ausgleich schaffen; die Zöllner sollen nicht betrügen, und die bewaffneten und kampfgeübten Soldaten sollen ihre Stellung und Macht nicht
missbrauchen. Damit hätten wir schon sehr viel; was will man mehr…! Johannes scheint auf der Ebene von Nation, Staat und Gesellschaft zu denken.

Was ist dann „Messias-Freude“?

Der Messias wird nicht Wohlstand und Ruhe herbeiführen, sondern – das ist eine andere Ebene – unsere tiefste Berufung und Sendung freilegen und alle, die sich rufen lassen – gerade inmitten von Not und Elend – zu einer neuen Gemeinschaft miteinander verknüpfen, einer Gesellschaft, die mehr einer Familie als einem Staat gleicht. Ein Staat, wenn er gut funktioniert, kann viel helfen und auch viel verhindern, aber messianisch kann er nicht sein.
Allgemeine Solidarität und Gerechtigkeit – die unglaublich viel und erstrebenswert sind – sind nur ein, wenn auch ein sehr wichtiger Teil der Verheißungen. Jesus setzt auf das Nicht-Machbare und das nicht Menschengemachte. Und Johannes ist am größten, indem er von sich weg auf Jesus zeigt, den Kommenden, den Größeren. In diesem Sinn wird bei der Taufe über Jesus die Stimme vom Himmel sagen: „Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen gefunden.“ Und deshalb fragt Jesus einmal die ihn Hinterfragenden zurück: „Könnt ihr denn die Hochzeitsgäste fasten lassen, solange der Bräutigam bei ihnen ist?“ Das ist also das Neue, der neue Grund für die Freude: Der Bräutigam ist da, wie sollten sich die Braut und alle Gäste nicht freuen… Das geht über die Person des Täufers hinaus und weist auch über das gewöhnliche Menschsein Jesu hinaus. Die zwei Subjekte der Freude, Mensch und Gott, kommen zu vollkommenem Einklang. Nicht weil das Volk Großes geleistet hätte, sondern weil Gott ihm in aller Schwäche und Schuld begegnet ist.

Das ist der tiefere Sinn und die tiefste Freude des Advent: die Vorbereitung, die Erwartung der Begegnung von Gott und Mensch, damit der besondere Einklang in der gemeinsamen Freude entstehen kann.

© Dr. Tamás Czopf, Pfarreiengemeinschaft Starnberg

C. Umkehr ist kein „frommes“, sondern ein säkulares Wort

 „Gaudete“ – „Freut euch“ steht seit jeher als Thema über diesem 3. Advents­sonntag. Was für eine Freude war da, ist da gemeint? „Betrachten wir uns gegen­seitig, so gibt es wenig Grund zur Freude. Müh­sam überdecken wir unsere Angst. … Wir müssen Abstand voneinander halten, um uns überhaupt gegenseitig auszuhalten. Jede Freude ist bedroht.“ So begann ein Mitbruder vor vielen Jahren seine Predigt zu diesem Sonntag. Als ich es jetzt las, kamen mir die Worte in einem ganz neuen Sinn, einer neuen Aktualität entgegen, jetzt in diesen langen Monaten der Covid-19-Pandemie: die Angst, der Andere könnte mich infizieren. Wir müssen Abstand voneinander halten, um uns vor dem Nächsten zu schützen. Da ist das Thema eine ziemliche Herausforderung.

Die Freude des Paulus

Das Wort „Freut euch“ stammt von Paulus. Von welcher Freude kann er schreiben? Er sitzt im Gefäng­nis in Ephesus oder Rom, ein Lockdown ganz eigener Art, er weiß nicht, wie der Prozess gegen ihn ausgehen wird, und schreibt in einem Brief an seine Gemeinde in Philippi, sie sollten sich freuen, immer, zu jeder Zeit, ungeachtet der Bedrohung durch Verfolgung und Ver­leumdung. Seine äußere Situation lässt dem, was wir gewöhnlich als Freude bezeichnen, nicht viel Raum. Die Bedrängnis der Gemeinde in Philippi ist groß, das Leben der Christen höchst gefährdet. Was ist das für eine Freude, die den Menschen so sehr in seiner Tiefe ergreifen kann, dass selbst lebens­bedrohliche Situationen sie nicht zer­stören können? Ist es die Freude eines Lebenskünstlers, der es fertig bringt, nichts tragisch zu nehmen? Steht dahinter ein Leichtsinn, der seine Augen einfach ver­schließt vor eigener und fremder Not und alle Schwierigkeiten überspielt? Ist es ein Gefühl, in das man sich hineinsteigert?

Es ist etwas anderes, von dem Paulus spricht, es ist die Freude, von der der Prophet Zefanja spricht: Gott ist mitten in seinem Volk, er freut sich über sein Volk und be­schützt es vor her­andrän­genden Feinden. Jubeln, jauchzen und frohlocken soll das Gottesvolk über die Treue Gottes, es darf ihm trauen aufgrund seiner Geschichte mit ihm. Denn seit er Israel unter der Führung des Mose aus Ägypten herausgeführt hat, hat er es immer wieder geführt, gehalten und geschützt. So sind auch wir mit allem, was uns umgibt, auch mit unseren eigenen Fähigkeiten und Schwächen, unserer Vergangen­heit, unserem Versagen von Gott angeschaut, erwählt, gesammelt in seiner Kirche.

Der Blick Gottes, liebevoll und zugewandt kritisch

Von Gott angeschaut mit seinem gleichermaßen ganz liebevollen und ganz kritischen Blick: So gehört auch die Gerichtspredigt des Johannes zur Botschaft dieses Sonntags, und auch der Freudenbotschaft Zefanjas gehen Gerichtsworte voraus: „In jener Zeit durch­suche ich Jerusalem mit der Laterne und rechne ab mit den Herren, die dick geworden sind auf ihrer Hefe und denken: ‚Der Herr tut weder Gutes noch Böses.‘ Darum werden ihre Reichtümer geraubt und ihre Häuser verwüstet. … Du gleich­gültiges Volk, sammelt euch, tut euch zu­sammen, ehe ihr zerstreut werdet und zerstiebt wie Spreu.“ Es ist nicht so, dass sie ungläubig geworden wären. Die Menschen hielten sich an die heiligen Traditionen und kannten ihre religiösen Pflichten, hatten Gott einen Platz eingeräumt für gelegentliche Frömmigkeit als einem lieben Gott, den man gut kannte, von dem man wusste, welches Maß man ihm schuldete. Dort aber, wo das Leben an­fing, galten andere Gesetze, hatten die eigenen Pläne und Wünsche Vorrang.

Weil das so ist und der Mensch immer suchte, sich in seiner runden Welt von Gott nicht stören zu lassen, kann die Geschichte Gottes mit dem Menschen nicht anders als eine Geschichte von Krisen sein. Immer wieder muss das enge Gehäuse des Menschen aufgebrochen werden, sei es damals, als das Unausdenkliche geschah, dass Gottes erwähltes Volk und Gottes Tempel von einer heidnischen Großmacht besiegt wurden und die Menschen an ihrem Gott verzweifelten, oder sei es heute, wo ein Virus die Welt in Atem hält und uns als Kirche Gottes nicht verschont. So als Gottesvolk, als heilige Kirche in Frage gestellt, steht der Mensch vor der Wahl, an seinen Vorstellungen, wie Gott sein muss, festzu­halten und auf die Heidenvölker, auf die böse Welt oder das böse Virus oder die Chinesen oder auf unsere Politiker zu schimpfen, mit seinem Glauben zu verzweifeln, oder zu fragen: Kann man dieses Ereignis nicht auch so sehen, dass  Gott uns etwas sagen will, dass wir uns ändern müssen?

Gerichtspredigten erscheinen heute vielen unerträglich, als stehe dahinter das Bild eines rachsüchtigen Gottes. Aber nicht Gott verhängt Unglück und Katastrophen. Die Pro­pheten verstehen die Zeichen der Zeit und können ihren Mitbürgern aus der jahrtausende­langen Erfahrung des Gottesvolkes sagen, wohin es führt, wenn sie so weitermachen wie bisher, nicht weil Gott sie straft, sondern weil heilloses Tun in sich heillose Folgen hat. Unglücke führen die Menschen selbst herbei. Während­dessen sucht Gott unaufhörlich nach einem Ausweg, nach einem Neubeginn mit Hilfe seiner Propheten. Aber dazu ist es not­wendig, und diese Aufgabe nimmt Johannes der Täufer wahr, zuerst die unter den Teppich gekehrte Wahrheit über das Tun und Lassen des Volkes und seiner Verant­wortlichen ans Licht zu bringen. In diesem Sinne will Gerichtspredigt verstanden sein: die Wahrheit beim Namen nennen, um zu retten.

Nur die Erschütterung, die solche Worte auslösen wie das Bild vom Dreschen: „Bin ich jetzt Weizen oder etwa Spreu, die verbrannt wird?“, kann es nicht erreichen, dass ein Mensch sich ändert. Sie war erst der Boden für die Botschaft Jesu. Johannes be­kannte selbst: „Ich taufe nur mit Wasser. Es kommt aber einer, der stärker ist als ich.“ Es braucht noch eine andere Kraft, die den Menschen zieht und lockt.

Die andere Kraft, die zur Umkehr lockt

Um diese Kraft weiß schon Zefanja, wenn er von Gottes erwartungsvoller Liebe zu seiner Braut Israel, seiner Freude an ihr spricht: „Er freut sich und jubelt über dich, er erneuert seine Liebe zu dir.“ Das zu erfahren, dass Gott nicht an seinem Volk ver­zweifelt, dass er sich seine Freude an seinem Volk nicht nehmen lässt, das ist der tiefste Punkt, der Umkehr ermöglicht, ihre eigentliche Kraftquelle. Diese stellt Jesus in den Mittel­punkt seiner Botschaft und ruft die Menschen aus ihren alten Verhältnissen her­aus: „Komm und folge mir nach.“ Und dann die Freude darüber, das größere Glück ge­funden zu haben, sie erst vermag es den Menschen auf den neuen Weg zu ziehen.

Auf ein Fest zuzugehen, sind wir gerufen. Es vorzubereiten, ist schon fast zu viel ge­sagt. Durch kluge Planung und unsere Bemühungen lässt es sich nicht ermöglichen, nur indem sich jeder in dieses Fest ganz hineingibt. Wenn dagegen jeder wieder auf sich schaut, wieder Angst bekommt, obwohl er sich von Gott getragen weiß, sich wieder mehr um sich sorgt als um das Fest, da verschwindet die Freude. „Sorgt euch um nichts, sondern bringt in jeder Lage betend und flehend eure Bitten mit Dank vor Gott!“ schreibt Paulus und meint damit nicht ein verant­wortungslos-unbekümmertes In-den-Tag-hinein-Leben. „Der Frie­de Gottes, der alles Verstehen übersteigt“: Paulus hat an seinem eigenen Leben erfahren, was das heißt, dass Gott rettet, sammelt und Um­kehr ermöglicht und die Freude: bei ihm, der umkehren konnte und sich plötzlich in einer neuen Welt vorfand, aber auch bei denen, die das mit ansehen durften.

„Der Herr, dein Gott, ist in deiner Mitte, ein Held, der Rettung bringt. Er freut sich und jubelt über dich, wie man frohlockt an einem Festtag.“ Das, die Chance zu unserer Umkehr, ist nicht etwas, auf das wir noch warten müssen. Wir leben in der Zeit der Erfüllung, war die umwerfende Erfahrung des Paulus. Dass sie auf uns überspringe, ist der Zuspruch dieses Sonntags im Zugehen auf das Fest.

© Dr. Konrad Wierzejewski, Pfarreiengemeinschaft Geltendorf