Theologische Fragen aus biblischen Texten der Liturgie 19

A. Geburt und Kreuz (von Tamás Czopf)
B. Friede, wenn alle Bedrohungen wegfallen? (von Konrad Wierzejewski)

(Beide Texte beziehen sich auf die Schriftlesungen der Christmette im Lesejahr C: Jesaja 9,1-6; Brief an Titus 2,11-14; Lukas 2,1-14)

A. Geburt und Kreuz

Die Eckpunkte unseres Glaubens werden gebildet durch die Geburt Christi und sein Kreuz und die Auferstehung. Auch wenn Weihnachten üblicherweise in der Gesellschaft eine viel buntere Vorbereitung und fröhlichere Stimmung erzeugt als Ostern, seine Symbole: die Krippe und das Kreuz, gehören immer schon zusammen. Man findet Bilder, auf denen das Jesuskind auf einem kleinen Holz-Kreuz wie mit einem Flugzeug vom Himmel herfliegt, oder statt in der Futterkrippe auf dem Holzkreuz liegt und schläft. Zwar gibt es den Engelgesang in der Geburtsnacht und die Engelerscheinung am Ostermorgen, aber sie sind nicht öffentlichkeitswirksam. Sie werden bloß von wenigen Glaubenden gesehen und gehört. Denn Gottes medial darstellbare Geschichte in der Welt ist eine arme, ohne Glanz und Gloria.

Glanz und Gloria sind vielmehr in einem Innenraum erfahrbar, dessen Außengrenzen markiert sind durch Armut, Ablehnung und Erfolglosigkeit. Papst Franziskus spricht immer wieder von der Vision einer „armen Kirche“. Und schon die Propheten mussten immer wieder feststellen, dass das Gottesvolk, um für Gott brauchbar und als Instrument in der Geschichte einsetzbar zu sein, immer nur von einem meist kleinen gläubigen Rest durchgetragen wurde. Dieser „Rest“ hat allerdings für Gott und seinen Rettungsplan stets ausgereicht:
Die anderen, die vielen, konnten an den wenigen gleichsam angehängt, von ihnen mitgenommen werden.
Kreuz und Krippe sind nicht bloß Instrumente eines unerwarteten Messias, sondern sind auch für die Kirche bleibende Zeichen des Ausgegrenzt-Seins in einer Welt, die immer noch auf den Messias wartet, ihn sich aber oft ganz anders vorstellt und wünscht.

Über die Zukunft der Kirche

1969 hielt der damals noch junge Josef Ratzinger (der aber schon seit 10 Jahren Professor war) einen Radiovortrag über die Zukunft der Kirche, der 1977 unter dem netten Titel erschien: „Wie wird die Kirche im Jahr 2000 aussehen?“
Ein ruhiger prophetischer Text, der es verdient, zitiert zu werden. Die scharfe Kritik mündet keineswegs in eine düstere Vorahnung, sondern weckt Hoffnung auf einen heilsamen Realismus, der genau der Realismus der heutigen Weih-Nacht ist. Er sagt:

„Aus der Krise von heute wird auch dieses Mal eine Kirche morgen hervorgehen, die viel verloren hat. Sie wird klein werden, weithin ganz von vorne anfangen müssen. Sie wird viele der Bauten nicht mehr füllen können, die in der Hochkonjunktur geschaffen wurden.
Sie wird mit der Zahl der Anhänger viele ihrer Privilegien in der Gesellschaft verlieren. Sie wird sich sehr viel stärker gegenüber bisher als Freiwilligkeitsgemeinschaft darstellen, die nur durch Entscheidung zugänglich wird. Sie wird als kleine Gemeinschaft sehr viel stärker die Initiative ihrer einzelnen Glieder beanspruchen.“
(Glaube und Zukunft, 122f)
 „Der Vorgang der Kristallisation und der Klärung wird ihr auch manche guten Kräfte kosten. Er wird sie arm machen, zu einer Kirche der Kleinen sie werden lassen. … Der Prozess wird lang und mühsam sein…“ (123f)
„Aber nach der Prüfung dieser Trennungen wird aus einer verinnerlichten und vereinfachten Kirche eine große Kraft strömen. Denn die Menschen einer ganz [durch]geplanten Welt werden unsagbar einsam sein. Sie werden, wenn ihnen Gott ganz entschwunden ist, ihre volle, schreckliche Armut erfahren. Und sie werden dann die kleine Gemeinschaft der Glaubenden als etwas ganz Neues entdecken. Als eine Hoffnung, die sie angeht, als eine Antwort, nach der sie im Verborgenen immer gefragt haben. So scheint mir gewiss zu sein – so der spätere Papst –, dass für die Kirche sehr schwere Zeiten bevorstehen. Ihre eigentliche Krise hat noch kaum begonnen… Aber ich bin auch ganz sicher darüber, was am Ende bleiben wird: Nicht die Kirche eines politischen Kultes…, sondern die Kirche des Glaubens. Sie wird wohl nie mehr in dem Maß die gesellschaftsbeherrschende Kraft sein, wie sie es bis vor Kurzem war. Aber sie wird von Neuem blühen und den Menschen als Heimat
sichtbar werden, die ihnen Leben gibt und Hoffnung über den Tod hinaus.“ (124f)

Darf man so etwas an Weihnachten sagen?

Soweit die Vision Ratzingers. Darf man so etwas an Weihnachten sagen? Ich denke schon: Denn Weihnachten soll keine Illusion sein, keine Flucht vor der Realität, keine Auszeit der Vernunft. Gerade angesichts dieser Festtexte ist es naheliegend, von einer armen und kleinen Kirche zu sprechen. Denn hier wird in der Armut und im Schatten des Kreuzes die hellste, wärmste und beglückendste Geschichte erzählt. Denn genau so und nur so ist es Gott gelungen, in die Welt einzusteigen.
Das „Verlieren“, wovon der spätere Papst schon 30 Jahre vor seiner Papstwahl redet, ist ein heilsamer Verlust. Es geht nicht darum, dass wir schäbig und ärmlich werden, dass unser Kaffee wässrig und unsere Worte lasch sein sollen.

Ganz im Gegenteil: Wir müssen zur Risikobereitschaft und zur „Passion“ zurück-finden, die beides umfasst: Leiden und Leidenschaft. Denn nur die Leidenschaft macht uns zum Leiden fähig, das in der Welt unvermeidlich und in der Welt des Glaubens unersetzbar ist. Weihnachten erzählt von dieser Passion Gottes und seiner Freunde. Wir sind andauernd bemüht, immer mehr Puderzucker darüberzustreuen, um das Bittere daran zu verdecken. Das ist verständlich, aber nicht nötig, denn der volle Geschmack des Festes enthält ohnehin auch die andere süße Seite.

Ent-weltlichung, um in der Welt zu sein

Die „verinnerlichte und vereinfachte Kirche“ – einige Jahrzehnte später wird er von „Entweltlichung“ reden – bedeutet nicht einen Rückzug ins Innere, um die Welt zu meiden. Sie bedeutet, dass wir uns nicht auf äußere Strukturen und Privilegien verlassen oder hoffen und nicht auf gesellschaftliche Positionen und Macht vertrauen, uns von Popularität und gesellschaftlicher Akzeptanz nicht blenden lassen, sondern dass wir in der Tiefe unseres Denkens, Urteilens und Lebens Kirche sind – nicht bloß äußerlich und auf der Oberfläche. Verinnerlichung meint das, was von Maria gesagt wird, dass sie alles in ihrem Herzen erwog; es bedeutet das improvisierte Betlehem gegenüber dem politisch undurchsichtigen Jerusalem; die wachenden Hirten gegenüber den verkopften Schriftgelehrten und das unscheinbare, ohnmächtige Kind gegenüber dem Kaiser Augustus.
Gott kommt nicht als „seine Majestät“ mit einem Hofstaat, sondern als armer Säugling von einfachen Eltern, deren Gerechtigkeit und Gläubigkeit Gott wichtiger ist als der Glanz der Welt. So dürfen wir heute Nacht die arme Krippe als unser eigenes Wesen und unsere baldige reale kirchliche Zukunft anschauen und uns darüber ehrlich und dankbar freuen.

© Dr. Tamás Czopf, Pfarreiengemeinschaft Starnberg

B. Friede, wenn alle Bedrohungen wegfallen?

Endlich ist Weihnachten nach einer Zeit ausgefallener Adventsmärkte und Weihnachtsfeiern und sorgenvollen Wartens, was uns das Corona-Virus bringt. Aber ein solches Gefühl hat tatsächlich mit dem zu tun, was wir begehen, nicht nur mit unserer Lage im Jahr 2021. Das Volk Israel wartete auf das Kommen des Messias, des Erlösers, den Gott doch schon nach dem Sündenfall der ersten Menschen verheißen hatte, des Friedenskönigs, den dann der Prophet Jesaja verheißen hatte. Wann wird Gott seine Verheißungen endlich wahr machen? Wenn zuerst die Römer und alle fremden Herrscher aus dem Land gejagt sind? Wenn alle Entzweiungen im Gottesvolk überwunden sind? Wenn alle gefährlichen Viren ausgerottet und die widerlichen Schutzvorschriften aufgehoben sind? Wenn in unseren Gemeinden Friede eingekehrt ist?

Wann gab es je Zeiten, die nach solchem Frieden aussahen?

Vielleicht ist Ihnen aufgefallen, dass das Evangelium die Geburt Jesu nur in einem Satz erwähnt. Es beginnt mit der Angabe der Zeit und ihrer äußeren Umstände: Zur Zeit der Herrschaft des Kaisers Augustus, als er den Befehl erließ, den ganzen Erdkreis in Steuerlisten einzutragen, und als Quirinius Statthalter von Syrien war. Umstände, die allem entgegenstanden, was man sich unter Erlösung vor­stellen kann. Aber das gehört wesentlich zu der Botschaft dieses Tages dazu, wie schon in den pro­phetischen Worten Jesajas: „Das Volk, das in der Finsternis ging, sah ein helles Licht; über denen, die im Land des Todesschattens wohnten, strahlte ein Licht auf.“ Das Gottesvolk stand nicht mehr leuchtend durch seine Lebensweise da zur Orientierung für alle Völker. Es war dazu übergegangen, sich selbst an den glitzernden Leitbildern der anderen Völker zu orientieren, bis es schließlich von ihnen erobert wurde und deportiert im heidnischen Babylon leben musste.

Und die Umstände, die das Evangelium nennt: Herrschaft des Kaisers Augustus, der sich als Friedens­könig und Retter feiern ließ, denn er hatte sich fast alle Völker der damals bekannten Welt unter­worfen und ihrer Fähigkeit, Kriege zu führen, ein Ende gemacht. Selbst seine Verwandten ließ er umbringen, damit sie seine Herrschaft nicht mehr gefährdeten. Die Er­gebnisse der Herrschaft der römischen Kaiser waren spätestens, als Lukas sein Evangelium schrieb, zu sehen: Die Römer hatten Jerusalem und den Tempel zerstört. Einer der Nachfolger des Augustus, Nero, begann, die Christen im römischen Reich grausam zu verfolgen. Der Friede, den Augustus brachte, die pax romana, war kein wirklicher Friede, sondern beruhte nur auf Unterwerfung und gewaltsamer Unter­drückung aller, die sich dagegen auflehnten.

Ist es heute anders, dort wo mit militärischer Gewalt Regime niedergeschlagen wurden, um angeblich Menschenrechten wieder Geltung zu verschaffen? Libyen, Afghanistan, Irak, was ist daraus geworden? Das ist der Hintergrund, auf dem Lukas das Weih­nachts­evangelium schreibt mit dem Wort des Engels: „Heute ist in der Stadt Davids der Retter geboren“, heute, zur Unzeit, wo der Zustand der Welt, der Zustand unserer Gemeinden wie damals nicht so ist, dass sie bereit wären, ihren Herrn zu empfangen, allenfalls draußen im Stall – da wird er schon niemanden infizieren. Solches wollen ja auch die Bilder zum Ausdruck bringen: „Mitten im kalten Winter wohl zu der halben Nacht“; das sind ja keine historisch belegten Zeitangaben. In die Lage hinein ist die Botschaft des Evangeliums: Der Retter ist da, und das ist nicht der siegreiche Feldherr Augustus, nicht der amerikanische Präsident, nicht unsere neue Regierung, sondern das Kind Jesus, das da in der Futterkrippe liegt.

Friede – mitten im kalten Winter?

Darauf folgt der Lobgesang der Engel: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen seines Wohlgefallens.“ Da ist manchen vielleicht noch die alte Über­setzung im Ohr: „Friede den Menschen auf Erden, die guten Willens sind.“ Aber das war eine Fehlübersetzung, die berichtigt wurde. Der Unterschied ist nicht un­wesentlich: Viele denken, mit gutem Willen und Bemühen wäre das Böse in der Welt schon zu überwinden und Friede zu erreichen. Die Sicht der Bibel ist da rea­listischer; sie gibt sich keinen Illusionen hin über den guten Willen der Menschen. Sie spricht von einer langen Geschichte, dass es den Menschen mit allem guten Willen nicht gelungen ist, die Welt zu verbessern. Die Geburt des Kindes aus der Jungfrau ist eine Chiffre dafür, dass der messianische Friede reine Gnade Gottes, ein reines Wunder von ihm her ist, nicht Ergebnis unseres guten Willens, unserer Anstrengung. Die Menschen seines Wohlgefallens sind es, die auf sein Werben eingehen, sich auf seinen Friedensplan einlassen: Ihnen ist der Friede verheißen.

Die Behauptung, dass Engel erschienen sind, bedarf der Bestätigung durch Ereig­nisse, die zu sehen sind. Was real zu sehen ist, sind die Hirten, die hinlaufen zu dem Kind, das da geboren ist. Deshalb ist es so wichtig, dass Lukas von ihnen erzählt. Es waren Menschen, auf die die Menschen in den Städten und Dörfern herabschauten wegen ihrem Leben am Rande der Gesellschaft, draußen bei ihren Herden. Aber sie waren die ersten, die die Nachricht von der Geburt des Messias empfingen und mehr davon bewegt waren als die Gläubigen in den Städten, die traditionell ihre Gebete ver­richteten und zu den Gottesdiensten gingen und dabei gar nichts Neues mehr von Gott erwarteten.

Paulus beschreibt die Gemeinden und ihr konkretes Leben

Lukas schrieb dieses Evangelium für seine Gemeinden, die genau so unbedeutend und verachtet waren. Der Apostel Paulus schildert sie einmal so: „Da sind nicht viele Weise im irdischen Sinn, nicht viele Mächtige, nicht viele Vornehme, sondern das Törichte in der Welt hat Gott erwählt, um die Weisen zuschanden zu machen, und das Schwache in der Welt hat Gott erwählt, um das Starke zuschanden zu machen. Und das Niedrige in der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt.“ Aber trotz aller Streitig­keiten auch in den Gemeinden der Christen, die Paulus nicht verschweigt, wurde dort immer wieder ein Friede möglich, wie er sonst menschen­unmöglich ist, und bestätigte so, dass tatsächlich dieses Kind Jesus der Friedenskönig war.

Wenn wir also heute der Hirten gedenken, feiern wir zusammen mit der Geburt Jesu auch die Geburt seines Volkes, wie der heilige Papst Leo der Große einmal sehr schön sagte: Der Geburtstag des Hauptes ist auch der Geburtstag der Glieder seines Leibes.

Und wenn wir dann uns anschauen, die Kirche und unsere Gemeinden, dann lässt ihre Lage uns doch wieder zweifeln an dem großen Wort von dem Friedenskönig. Darauf antwortet der Evangelist Lukas, indem er uns das kleine Kind in der Krippe in seiner ganzen Not und Bedürftigkeit vor Augen stellt. Sie ist den Gemeinden seiner Nach­folger geblieben. Das ist das, was zu sehen ist. Die Engel deuten es als Zeichen für das wirkliche Geschehen: Dort ist uns der Retter geboren, der uns lehrt und er­mög­licht, „die Gottlosigkeit und die irdischen Begierden zu überwinden“, er, der sich „für uns hin­gegeben hat, um uns von aller Schuld zu erlösen und sich ein reines Volk zu schaffen, das ihm als sein besonderes Eigentum gehört“, wie es in der zweiten Lesung Paulus ausdrückt.

Wir dürfen uns auch heute wiederfinden in dem „Volk, das in der Finsternis ging, denen, die im Land des Todesschattens wohnten, und denen ein Licht aufstrahlt“. Und wir dürfen herbeieilen wie die Hirten und sind erhoben, einzustimmen in den Gesang der Engel und Gott zu loben. Durch das kleine Kind in der Krippe, durch seine genauso armen und hilfsbedürftigen Gemeinden, die er unserer Sorge anvertraut hat, weist er uns den rettenden Weg, das Böse und alles, was uns von ihm und voneinander trennt, zu überwinden.

© Dr. Konrad Wierzejewski, Pfarreiengemeinschaft Geltendorf