Theologische Fragen aus biblischen Texten der Liturgie 20

Der kreative Umgang mit biblischen Texten

Die gläubige Tradition ist mit Weihnachten immer kreativ umgegangen. So kamen Ochs und Esel zur Krippe und so wurden aus den nicht näher bezeichneten und nicht quantifizierten Magiern aus dem Morgenland – drei Könige aus drei Kontinenten und drei Generationen. Und diese drei landeten nach ihrem Besuch in Israel nicht bloß wieder in ihrer orientalischen Heimat, sondern auf der linken Rheinseite in Köln. Diese Entwicklung war aber nicht nur Produkt einer lebhaften Fantasie, sondern entstammt der Lektüre der Bibel und des Psalmengebetes. Das wollen wir heute etwas näher anschauen.

Ochs und Esel sind im ersten Kapitel beim Propheten Jesaja zu finden: „Der Ochse kennt seinen Besitzer und der Esel die Krippe seines Herrn; Israel aber hat keine Erkenntnis, mein Volk hat keine Einsicht.“ Die zwei Last- und Arbeitstiere wurden also zur Krippe gestellt, um in ihnen sich selbst zu sehen, weil man seinen Herrn erkennen wollte. Später betrachtete man den Ochsen als Bild für Israel und den Esel als Bild für die Völker – damit letztlich doch alle dabei sind, bereit, sich in den richtigen Dienst nehmen zu lassen, sobald das Kind, der Herr, sie braucht.

Deutung aus den Psalmen

Aber wie ist es mit den heiligen drei Königen? Wir haben die Originalerzählung gehört, wo weder von heilig noch von drei noch von Königen die Rede ist. Dort seht lediglich: „Es kamen Sterndeuter aus dem Osten nach Jerusalem.“ Weder weist etwas darauf hin, dass sie vornehme Leute waren, noch, dass sie zu dritt gewesen sind. Allerdings bringen sie drei Geschenke. Aber man las den Psalm 72. Ein Psalm König Davids an seinem Sohn König Salomo. Darin wird dem König gewünscht: „In seinen Tagen sprosse der Gerechte und Fülle des Friedens… Er herrsche von Meer zu Meer, vom Strom bis an die Enden der Erde.“ Die Weisen haben einen Stern gesehen, der auf einen neuen, besonderen König der Juden hinweist, das kann doch nur dieser König aus Psalm 72 sein.
Und wenn sie aufbrechen, um zum königlichen Kind zu kommen, kann es nichts anderes heißen als das, was die nächsten Zeilen des Psalms beschreiben: „Die Könige von Tarschisch und von den Inseln bringen Gaben, mit Geschenken nahen die Könige von Scheba und Saba. Alle Könige werfen sich vor ihm nieder.“ Jetzt haben wir sie, die Könige, und es werden drei Orte aufgezählt: Tarschisch, Scheba und Saba – und sie fallen nieder und huldigen dem Kind. Und wenn es noch heißt: dass „ihn alle Völker seligpreisen werden“ und „die ganze Erde sei erfüllt von seiner Herrlichkeit,“ dann liegt es nahe, dass diese Könige die ganze Erde repräsentieren, also die drei damals bekannten Kontinente: Asien, Afrika und Europa.

Deutung nach Jesaja

Aber nicht nur dieser Psalm hat unsere Vorfahren inspiriert, sondern auch nochmals Jesaja: Im Kapitel 60 – wir haben es als Lesung gehört – steht: „Finsternis bedeckt die Erde und Dunkel die Völker, doch über dir geht strahlend der Herr auf… Nationen wandern zu deinem Licht und Könige zu deinem strahlenden Glanz… der Reichtum der Nationen kommt zu dir. Eine Menge von Kamelen bedeckt dich, Dromedare aus Midian und Efa. Aus Saba kommen sie alle, Gold und Weihrauch bringen sie…“ – Schon wieder: Könige, Geschenke, Wandern zum Licht – bloß die Myrrhe hat Jesaja vergessen. Damit tauchen sogar die Kamele an der Krippe völlig zurecht auf.
Dieses bunt gewordene Bild behält aber weiterhin die ursprüngliche Bedeutung: Das Kommen der Heiden nach Jerusalem und Betlehem ist zugleich Ziel und Anfang. Denn darin spiegelt sich der Aufbruch Abrahams, der aus seiner Religion aufbricht, um einem neuen Ruf zu folgen, um sein Reich zu finden. Aber – wie Papst Benedikt im dritten Jesusbuch betont – die heidnischen Weisen gehen auch im Gefolge des Sokrates, der mit seinen unaufhörlichen Fragen die Wahrheit ohne Kompromisse sucht, das Licht, das ungetrübt und unverfälscht ist, und der sein Leben und Sterben daraufhin ausrichtet. 1

Die andere Macht Gottes

Das Kommen der Weisen zur Krippe ist aber auch ein Anfang. Sie stehen für den Aufbruch der Menschheit auf Christus hin – wie Papst Benedikt formuliert, und weiter: „Sie stehen für die innere Erwartung des menschlichen Geistes, für die Bewegung der Religionen und der menschlichen Vernunft auf Christus hin.“ (Prolog 105f). Religionen und Vernunft werden vom jüdischen Messias zum Ziel geführt. Aber in der Gestalt der Könige steckt auch noch ein weiterer wichtiger Hinweis; die das Jesuskind anbetenden Könige sind keine Ausrutscher eines mittelalterlichen Wunschtraums. Denn in Betlehem wird auch die Frage der Macht in ein neues Licht gehüllt.
Die normale Beschäftigung der Könige ist bekanntlich, Kriege zu führen, Grenzen zu erweitern, Reiche und Reichtümer zu vermehren, um mehr zu beherrschen, mehr zu unterdrücken. Davon konnten auch die späteren sog. christliche Könige ein Lied singen. Aber mit dem neugeborenen König von Betlehem, der es nicht einmal schafft, Jerusalem zu „erobern“ (er wird geboren und gekreuzigt außerhalb der Stadt), dessen Heer kaum die zwölf Apostel und 72 Jünger übersteigen wird, um dessen letztes Kleid die ihn hinrichtenden Soldaten würfeln werden – er will die andere Art der Macht Gottes auf der Erde etablieren. Eine Herrschaft des Dienstes und der Liebe. Der Glanz, das Licht und die Herrlichkeit des verheißenen Reiches ist kein politischer und militärischer Glanz, sondern die Herrlichkeit Gottes, die sich an seinem Volk widerspiegelt.
Jesaja sagt: „dein Licht kommt zu dir“ – aber dieses Licht, das Israel als sein eigenes besitzt und das die Völker suchen, kommt eben nicht vom Volk, nicht vom Menschen selbst, sondern von Gott her: „über dir geht strahlend der Herr auf, seine Herrlichkeit er-scheint über dir.“ Es ist wohl ein Licht, das man sieht und erfährt und keine Einbildung, kein bloßer Wunschtraum; aber das Licht kommt nicht aus mir, nicht von der Macht der Begabten und Starken, sondern von dem kleinen und schwachen Kind, in dem Gottes Wort Mensch wurde, und das es allein verdient, dass sich der Mensch niederwirft. Denn die Niederwerfung vor der Krippe ist zugleich die Anerkennung des Kreuzes, das jegliche menschliche Macht hinterfragt.

Jesaja 60,1-6; Epheserbrief 3,2-6 (gekürzt); Matthäus 2,1-12;
Erscheinung des Herrn, Lesejahr C
                © Dr. Tamás Czopf, Pfarreiengemeinschaft Starnberg


[1] Joseph Ratzinger / Benedikt XVI., Jesus von Nazareth. Prolog. Die Kindheitsgeschichten. Freiburg-Basel-Wien 2012, S. 104.