Theologische Fragen aus biblischen Texten der Liturgie 21

Zu Beginn des neuen Jahres: Welchen Glauben bekennen wir?

Glauben vollzieht sich im Zusammenfügen von Gehörtem, Erfahrenem

In den Weihnachtsgeschichten der Evangelien ist Jesus ganz passiv – auch grammatikalisch wird von ihm im Passiv berichtet, von dem, was mit ihm passiert: Er wird geboren, wird in Windeln gewickelt, er wird in eine Krippe gelegt, von den Hirten wird er gefunden und heute wird er beschnitten. Die Aktionen führen andere aus.
In der Szene, die der Beschneidung vorausgeht, gibt es zwei Aktionen, die mit Jesus zusammenhängen, wenn auch nicht mit ihm passieren: Die Hirten preisen Gott, und Maria bewahrt alles in ihrem Herzen. Dieses Bewahren ist aber noch durch eine wichtige Eigenschaft charakterisiert, die man nicht leicht übersetzen kann. Die neue Einheitsübersetzung sagt: „Maria erwog all das in ihrem Herzen“, früher hieß es schlicht: Maria „dachte darüber nach“. Im Griechischen steht das Wort, symballousa, das mit dem Wort „Symbol“ verwandt ist. In der Antike wurde bei bestimmten Verträgen oder wichtigen Vereinbarungen „symbolisch“ eine Münze oder ein Ring zerbrochen, und die zwei Hälften wurden jeweils von den zwei Parteien aufgehoben als Beweis für später, dass die zwei zusammengehören. Maria fügt also zusammengehörende Dinge aneinander, sie erkennt Zusammenhänge, sie findet die andere Hälfte, damit ein vollständiges Bild entsteht.

Dieser Vorgang findet in ihrem Herzen, d.h. in ihrem betenden Denken, statt und das ist überhaupt eine der wichtigsten Tätigkeiten, wenn der Glaube etwas verstehen möchte. Übrigens tut der Diabolos, der Satan, das Gegenteil: diaballo heißt auseinanderschmeißen, Zusammenhänge durcheinanderbringen, auflösen.
Maria zerlegt nicht und analysiert auch nicht, sondern sie stellt zusammen.

Aber was muss zusammengefügt werden?
Alle Weihnachtsgeschichten sind durch solche Zusammenfügungen entstanden, indem man Ereignisse der damaligen Gegenwart mit der gläubigen Erinnerung Israels, mit der Hl. Schrift zusammenbrachte. Freilich ist nicht bloß das Jesuskind Gegenstand dieses Zusammenfügens, sondern das Gesamtereignis mit dem Kommen, Wirken, Lehren, Sterben Jesu samt Ostern und Pfingsten. Alles musste im Herzen erwogen und bedacht werden, damit die Texte und das Verständnis über Jesus entstanden, die wir heute haben. Dafür nun vier Beispiele:

Was die Weihnachtsfeste zusammenfügen

1. Sohn Davids
Auf der einen Seite ist es eine Tatsache, dass Joseph dem Stamm Davids zugehört. Aber die Verheißungen an das Haus Davids über den Spross von Jesse sind meistens politisch militärisch gefärbt und beziehen sich auf die Wiederherstellung eines Reiches nach der Art des Königs aus der Blütezeit Israels. Jesus agiert aber ganz anders; sein Reich ist nicht von dieser Welt, wie er selber sagen wird. Dennoch ist seine Absicht dieselbe, das Volk Israel zur Einheit zu sammeln – aber nicht gegen die Völker, sondern für sie, damit auch sie zur Familie Gottes gehören.

2. Dann der Name Emmanuel
Nach der Verheißung des Propheten Jesaja wird der Messias Emmanuel, „Gott mit uns“ heißen. Jesus heißt aber Jeschua, „Gott rettet“. Dennoch ist in ihm Gott in neuer Intensität da; Jesu Person, seine Worte und sein Wirken ermöglichen ein genaueres Verständnis von Gott.

3. Dann der Titel „Soter“ – Retter oder Erlöser
Diesen Titel geben ihm die Engel, als sie die Hirten aufklären. Eine Bezeichnung, die den damaligen Kaisern, vornehmlich dem Kaiser Augustus, zukam, der sich als Retter der gesamten „Ökumene“, der ganzen Welt aufspielte. Jesus hat das Gebiet Palästinas nie verlassen und auch keine wirklichen Massen bewegt. Aber seine Lehre von der Nächsten- und Feindesliebe, seine Heilungen und Dämonenaustreibungen zeigen einen Weg, der die gesamte Menschheit zum Frieden führen könnte. Er ist der wahre Retter für alle.

4. Und schließlich die Beschneidung Jesu
Als jüdischer Junge wird Jesus selbstverständlich in die Bundestradition seines Volkes eingefügt, die auf Abraham zurückgeht. Aber er wird später beim letzten Abendmahl vom „neuen Bund in meinem Blut“ reden. Man musste verstehen, dass auch hier nicht zwei verschiedene Münzen gemeint sind, sondern zwei Hälften derselben Sache: Der Bund der Beschneidung ist bereits der „ewige Bund“, den Jesus durch sein Sterben und seine Vergebung besiegelt und neu in Kraft setzt, so, dass daran auch die Heiden Anteil haben werden. Beschneidung und Taufe passen also zusammen, sie beziehen sich beide auf denselben Entschluss Gottes, die Menschheit um eine Mitte zu sammeln und von dieser Mitte her so zu gestalten, dass Friede und Glück für alle möglich werden. Diese Mitte ist Gottes Wort und die Gemeinschaft der Glaubenden: Juden und Christen, die sich an dieses aufklärende, vergebende, verheißende und berufende Wort seit vielen Generationen halten wollen; oder wie die erste Lesung im Aron-Segen formuliert: wo Gott sein Angesicht dem Menschen zuwenden und über ihn leuchten lassen kann.

Der kirchliche Jahreskreis: Zeit des Zusammenfügens
Der Glaubens-Weg Israels, der Kirche und unser Heute

Das sind bloß einige Beispiele für die Zusammenhänge und Zusammenfügungen, man könnte diese Reihe noch lange fortsetzen. Dieses Zusammenfügen ist ein bleibender Auftrag der Kirche. Über das ganze Kirchenjahr hinweg legt sie uns in den Eucharistiefeiern durch das Zusammenfügen von Texten des Alten und Neuen Testaments deren inneren Zusammenhang dar, damit wir wahrnehmen, was der Glaube Israels und der Kirche ist, ja, dass wir ihn besser verstehen lernen. Deshalb:
Für uns ist wichtig, dass es nichts gibt, weder im Zeitgeschehen noch in unserem eigenen Leben, was ein Rätsel bleiben müsste, was nicht mit dem langen Erfahrungsschatz des Gottesvolkes, mit dem Alten und Neuen Testament zusammengefügt werden könnte – kein zerbrochener Ring muss halb bleiben. Aber es bedarf dazu des gläubigen Herzens, in dem die Schätze der Alten anwesend sind, damit alles Neue mit großer Geduld und Wachsamkeit erwogen, angeschaut, umgedreht und bedacht wird. Dadurch können wir sowohl in die Zukunft als auch in die Vergangenheit blicken: angstlos und mit Zuversicht.

Numeri 6,22-27; Galaterbrief 4,4-7; Lukas 2,16-21;
Hochfest der Gottesmutter Maria und Festtag der Beschneidung des Herrn, Lesejahr C

© Dr. Tamás Czopf, Pfarreiengemeinschaft Starnberg