Theologische Fragen aus biblischen Texten der Liturgie 22

A. Eine Zeitwende in der Geschichte der Religion und des Glaubens (von Tamás Czopf)
B. Geschichte, Erzählung, Bild? (von Konrad Wierzejewski)

(Beide Texte beziehen sich auf die Schriftlesungen des 5. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr C: Jesaja 6,1-8; 1. Korintherbrief 15,1-11; Lukas 5,1-11)

A. Eine Zeitwende in der Geschichte der Religion und des Glaubens (von Tamás Czopf)

Die Texte des 5. Sonntags im Jahreskreis C – die Berufung des Propheten Jesaja und die Berufung der ersten Jünger Jesu, allen voran des Petrus – sind nicht nur passend aufeinander abgestimmt, sie betreffen einen Punkt in der Religionsgeschichte, den man kaum überschätzen kann. Es geht um den Prozess, wie der Mensch den wahren Gott erkennen konnte. Woran merken wir, dass wir den „wahren“ Gott und nicht eine Chimäre, eine Einbildung oder eine Projektion unserer Wünsche oder Ängste zu „Gott“ machen und verehren?

Eine paradigmatische Erzählung

Solche Geschichten, wie wir sie gehört haben, nennt man „paradigmatisch“: Sie beschreiben in ihrer Einmaligkeit, durchaus basierend auf etwas Historischem und Biographischem im Leben der Betroffenen, etwas Allgemeingültiges und Bleibendes. An ihnen sieht man, wie Judentum und Christentum zu dem werden, was sie sind:
die nicht bloß sich eingeredete, nicht bloß erdachte Begegnung mit der Wirklichkeit eines Gottes, der die reinste Güte und reinste Liebe ist.
An Götter haben Menschen immer geglaubt. Das Übernatürliche gehörte seit jeher zur Erlebnis- und Gedankenwelt des Menschen notwendig dazu, da die Verständnis-Lücken sonst zu groß gewesen wären. Aber z.B. die hellenistisch-römischen Götter waren zwar unsterblich, konnten nach Lust und Laune überall erscheinen, um ihre übermenschlichen Kräfte für oder gegen das Schicksal des Menschen einzusetzen, gleichzeitig waren sie ebenso boshaft, chaotisch, neidisch, eifersüchtig und schadenfroh wie die durchschnittliche menschliche Gesellschaft.

Die Frage ist unausweichlich, ob der menschliche Geist überhaupt imstande sei, über die Spiegelungen seines Selbst hinauszukommen und einen etwaigen „wahren“ Gott zu erkennen.
Mir scheint, dass unsere Geschichten von diesem Prozess erzählen, der in drei Schritten geschildert wird.

Das Erschrecken in der Gottesbegegnung

1. Erstaunlich, aber sehr bezeichnend ist zunächst der Schrei des Propheten Jesaja angesichts seines unsichtbaren und nicht menschenförmigen Gottes, als dieser an ihn herantritt, um ihn zu berufen: „Weh mir, denn ich bin verloren. Denn ein Mann unreiner Lippen bin ich und mitten in einem Volk unreiner Lippen wohne ich…“
Ein Aufschrei, der auch heute und gerade heute aus jedem glauben wollenden Menschen hervorbrechen möchte. Dieses Erschrecken entsteht durch die Klarheit eines Lichtes, das nicht vom Menschen herstammt. Die eigene Kleinheit und Sündhaftigkeit werden einem bewusst, wenn man von einem wirklich Größeren, Reineren gepackt und angesprochen wird. Das entzückte Staunen über Gott ist nicht das Einzige, das der wahre Glaube enthält, wenn er diesem Gott begegnet, auch der Schmerz über die eigene Unreinheit gehört dazu. Dasselbe passiert mit Petrus im Boot, nachdem er merkt, dass er inmitten einer solchen Begegnung steckt: „Geh weg von mir, Herr – sagt er zu Jesus –, denn ich bin ein sündiger Mensch!“

Dieser Eindruck der eigenen Unfähigkeit beklagt nicht bloß die alltägliche Unvollkommenheit, dass man nachtragend und neidisch ist, eine zu komplizierte Verdauung und einen zu großen CO2-Fußabdruck hat. Vielmehr entdeckt der Mensch seine grundsätzliche Entfernung von dem Bild, wie er sein soll und letztlich auch sein will. Dieses Erschrecken, der instinktive Fluchtzwang, ist ein wesentliches Zeichen für die Echtheit der Anrede Gottes. Es ist aber nicht alles, es gehören noch zwei weitere Schritte hinzu, die ebenso dafür sprechen, dass hier ein Gott wirkt, der nicht dem Baukasten menschlichen Geistes entstammt.

Vergebung und Klarstellung in der Gottesbegegnung

2. Der zweite Schritt ist die Reaktion Gottes auf den Schrei des Ungenügens: Ein geflügeltes himmlisches Wesen berührt Jesajas Lippen mit glühender Kohle und macht den Berufenen rein. Daran sieht man zwei Dinge: Zum einen, dass die Klage über die Unreinheit zunächst stehen gelassen wird. Gott korrigiert die Diagnose von den unreinen Lippen nicht, es wird nichts verharmlost. Auf der anderen Seite ist jedoch für Gott diese Schwäche kein Hindernis, er hat sein wichtigstes Instrument, nämlich die Vergebung und Reinigung parat. Bei Petrus wird sein Bekenntnis stehen gelassen ohne eine ausdrückliche Vergebung oder Reinigung; denn sie wird im langen Mitgehen mit Jesus erfolgen. Dort schließt sich unmittelbar der dritte Schritt an, wie bei Jesaja nach der Reinigung bzw. Vergebung der Schuld: nämlich eine Sendung.

Trotz allem: Gottesbegegnung als Sendung

3. Die Sendung: Gottes Werk in der Welt auszuführen, seine Absichten in und mit seinem Volk zu vertreten. Jesaja hört eine Stimme: „Wen soll ich senden? Wer wird für uns gehen?“ und darauf erklingt die klassisch schlichte Antwort: „Hier bin ich, sende mich!“
Im Evangelium ist es ähnlich einfach erzählt. Jesus überhört den Einwand von Simon und sagt gleich zu ihm: „Fürchte dich nicht! Von jetzt an wirst du Menschen fangen.“ Eine zweifelsfreie Bestätigung seiner Berufung. Nach der Einsicht der Unfähigkeit erscheint dann die Notwendigkeit der Sendung auch als zwingend. Im Glauben an diesen Gott schließen einander Unfähigkeit und Berufung nicht aus; viel mehr gehören sie zusammen, denn ein Bewusstsein der Eignung wäre Anmaßung. Das alles klingt wie eine seltsame und ungewöhnliche Rechnung. Das Unmögliche soll erstrebt werden: die Mitarbeit mit Gott von grundsätzlich Ungeeigneten; eine aus sündigen Menschen bestehende „heilige Kirche“; ein ständig gebrochener „ewiger Bund“.
Da sind massive Reibungen vorprogrammiert, sodass jeder wohlerzogene Psychologe es einem ausreden und den Patienten Mensch aus diesem unnötigen Stress befreien wollen würde. Umkehr, Reinigung, Korrektur, Neuorientierung sind da unerlässlich.

Aber in diesem geschilderten Dreischritt liegt das untrügliche Kennzeichen einer Begegnung mit dem wahren Gott im Gegensatz zu einer Projektion eigener Vorstellungen, Wünsche und Ängste. Der wahre Gott will und kann die Heiligkeit mit unserer schwachen Natur vereinbaren, er möchte seine Herrlichkeit und unsere Mickrigkeit auf einem Blatt erwähnen. Und ist nicht das die dem Menschen einzig angemessene Berufung, die ihn nicht im Dreck lässt, sondern ständig erhebt, unaufhörlich reinigt, dem grellen Licht der höchsten Wahrheit und den Mühen der echtesten Liebe aussetzt, damit er – wie die Pflanze sich dem Licht zuneigt – dieser absoluten Güte entgegenwächst?

© Dr. Tamás Czopf, Pfarreiengemeinschaft Starnberg

B. Geschichte, Erzählung, Bild?

Irgendwie gefällt einem diese Geschichte mit Petrus, wie er zuerst keinen Erfolg hatte beim Fischen, dann von Jesus einen seltsamen, ganz unfachmännischen Rat bekommt und sich daraufhin ein unerwarteter Erfolg einstellt, und so etwas kann man sich durchaus vorstellen. Aber bei dem, was wir vorher vom Propheten Jesaja gehört haben, eine Vision, wo der Prophet Gott sieht – oder genauer nur den Saum seines Gewandes auf einem Thron in einem himmlischen Tempel – und Seraphim, Engel, die seinen Thron um­geben und mächtig singen, so dass der ganze Tempel er­zittert, da ist man doch geneigt zu denken: Sind das nicht Bilder aus der Welt der Märchen, unserem Leben jedenfalls sehr fern?

Die Gottesfrage als Frage Gottes

In der Heiligen Schrift und in der Verkündigung der Kirche geht es um die Gottes­frage, heißt es. Aber Gottesfrage, was ist das? Ob ich an ein höheres Wesen glaube, das in einem überirdischen Glanz irgendwo im Himmel existiert? Die Gottesfrage ist eine ganz andere, es ist die Frage Gottes, auf die die Geschichte hinausläuft: „Wen kann ich senden? Wer wird für uns gehen?“ Gott kann ich mich nicht nähern im Nach­denken in einer ruhigen Minute, sondern er nähert sich mir in einem beun­ruhigenden Anruf.

Berufung ist durchgehendes Thema der Lesungen dieses Sonntags. Und auch Berufung, so erfahren wir da, geschieht nicht, indem ich in mich hineinhöre, was ich mir als Aufgabe vorstellen, was zu mir passen könnte, sondern als ein Ergriffen-Werden von etwas, das außer mir selbst ist, eine große Wucht hat und mich packt. So etwas ist einerseits beglückend und faszinierend, aber dann ver­bunden mit einem gewaltigen Schrecken, mit der Einsicht des eigenen Unver­mögens. Im hellen Licht der Anrede Gottes wird offenbar, wer ich bin. Man wehrt sich gegen dieses Licht, denn der Auftrag, der als Konsequenz aus dieser Gottes­begegnung mir zugemutet wird, ist mir einige Nummern zu groß, gemessen an meinen bescheidenen oder kleinkarierten Füßen. Die Er­wählung bedeutet aus unserer Perspektive eine hoffnungslose Überforderung.

Wie reagiert Gott auf mein „Ich bin unfähig“?

Wie geht Gott dann damit um? Ganz anders als unsere Vorstellungen oder die der Meinungsmacher in unserer Gesellschaft, wer für ein Amt qualifiziert oder über­haupt tragbar ist. Das zeigt sich durchgehend von Jesaja bis zu Jesus, bis zu Paulus. Dieses „ich bin unfähig“ lässt Gott nicht gelten, für Jesaja in einem drastischen Bild: Einer der Seraphim nimmt kurzerhand eine glühende Kohle, berührt damit seine Lippen und erklärt: „Damit ist deine Unreinheit getilgt.“ Jetzt kann Gott fragen: „Wen soll ich senden?“ und Jesaja hat keine Ausrede mehr und sagt: „Hier bin ich, sende mich!“

Jesus hält sich überhaupt nicht damit auf, dass Petrus sich als unfähig erwiesen hat und sich zum Sünder erklärt, sondern sagt: „Fürchte dich nicht! Von jetzt an wirst du Menschen fangen“ und überträgt ihm gleich einen neuen, viel größeren Auftrag.

Reinheit, Unbescholtenheit sind als Voraussetzung nicht gefragt. Gott kann uns als Sünder gebrauchen, viel mehr Chancen hat er gar nicht und braucht er auch nicht. Auf unsere Bereitschaft kommt es an, auf die Leidenschaft und auf den neuen Auftrag von ihm: „Von jetzt an wirst du Menschen fangen.“ Dieser Auftrag wird den Berufenen immer wieder reinigen: d.h. zu dieser Berufung zurückbringen, die Bereitschaft und Leidenschaft wieder neu entzünden.

Jetzt könnte man noch sagen, Petrus und auch Jesaja, das waren große Heilige, da können wir nicht mithalten. Da können wir nur ganz still sein. Die Antwort der Kirche ist eine ganz andere, er­staunliche: Ganz im Sinne Jesu hält sie sich nicht auf mit unserer Armseligkeit, sondern lässt uns den Lob­gesang der Engel, dieses „Heilig, heilig, heilig“ mitsingen an der wichtigsten Stelle der Messe. Die Kirche hat diese Tradition übernommen vom jüdischen Synagogengottes­dienst, und sie geht zurück auf die Jerusalemer Tempel­liturgie. Es ist schon erstaunlich und einmalig in der ganzen Welt: ein liturgischer Text, der fast 3000 Jahre alt ist und noch heute in unver­minderter Aktualität gesungen wird. Aber viel auf­regender, geradezu gewagt ist doch, dass die Kirche uns zumutet, den Lobge­sang der Engel im Himmel mitzu­singen. Sie sagt damit: Wenn wir als Gemeinde hier auf der Erde versammelt sind und das Lob Gottes für seine Taten singen, dann berühren sich da Himmel und Erde, dann ist der Himmel schon mitten unter uns, denn etwas Größeres gibt es nicht für den Menschen als zu feiern, was Gott an uns, an seinem Volk getan hat. Dann ver­bindet sich der Gesang der versammelten Ge­mein­de mit dem Gesang der Engel.

Aber das ist keine folgenlose Schwärmerei. Es läuft auf die Indienst­nahme hinaus, bei Jesaja, und das Gleiche gilt für uns. Wenn wir das Dreimal-Heilig ernst nehmen, müssen wir auch die Frage Gottes an uns heranlassen: Wen soll ich jetzt senden? Und das ist ja überhaupt der Name dieser Feier: Messe, missa, das bedeutet Sendung.

Auf der anderen Seite des Bootes

Der Auftrag „Menschen fangen“ ist nicht irgendein Auftrag; es geht um ein Sammeln, denn als Einzelner kann man den Auftrag Gottes gar nicht erfüllen, allein kann man nicht Frieden halten, ein einzelner kann nicht zeigen, was die Agape, die gegenseitige Liebe heißt. So richtet sich die Berufung zwar immer persönlich an mich und dich, ruft dann aber immer in die Gemeinschaft der Nachfolgenden.

Diese Gemeinschaft selbst, ihr Gelingen, ähnelt dem Wunder am See. Die Ergeb­nisse unserer normalen Bemühungen, zusammenzuleben als Familie, Pfarrei, Pfarreien­ge­meinschaft oder gar Gesellschaft, bleiben mäßig. Die gleiche Sache jedoch auf das Wort Jesu hin – ihre Methode haben die Fischer nicht geändert, sie haben weiterhin ihre Kenntnisse angewandt – jetzt aber auf der anderen Seite des Bootes, also nicht mehr nach den eigenen Vorstellungen und Erfahrungen: Auf einmal läuft es, aus Gehorsam in Freiheit, nicht durch eine noch ausgefeiltere Strategie.

Die Sendung hat Sie alle, die Sie hier sitzen, schon getroffen in der Salbung mit dem heiligen Öl nach der Taufe und die meisten wohl auch dann in der Firmung. Jetzt kann es also konkret werden. Dabei bleibt immer noch jeder frei, der Sendung zu folgen oder nicht. Der Prophet Jona ist zuerst einmal davongelaufen; Paulus hat zuerst einmal die Kirche verfolgt. Aber: „Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin, und sein gnädiges Handeln an mir ist nicht ohne Wirkung geblieben“, muss er bekennen.
Also: „Wen soll ich senden?“ fragt Gott heute in dieser heiligen Versammlung, ,Wer wird für uns gehen, sein Volk, seine Gemeinde neu zu sammeln?‘

© Dr. Konrad Wierzejewski, Pfarreiengemeinschaft Geltendorf