Theologische Fragen aus biblischen Texten der Liturgie 23

A. Die Fortsetzung der Feldrede bei Lukas (von Tamás Czopf)
B. Gewalt und Gegengewalt (von Konrad Wierzejewski)

(Beide Texte beziehen sich auf die Schriftlesungen des 7. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr C: 1 Samuel 26,2-23 (gekürzt); 1 Korinther 15,45-49; Lukas 6,27-38)

A. Die Fortsetzung der Feldrede bei Lukas
(von Tamás Czopf)

Dieses Evangelium spielt in einer Geburtsstunde der Kirche. Am vergangenen Sonntag hörten wir die Seligpreisungen und Weherufe. Damit begann die sog. „Feldrede“, wie Lukas‘ Pendant zur Bergpredigt heißt, gleichsam die Verfassung, oder moderner ausgedrückt: die DNA der Kirche.
Jesu Blick ist immer noch auf die Jünger gerichtet, während er von der Feindesliebe spricht. Über die faszinierende Größe und erschreckende Fremdheit dieser Gebote wurde schon sehr viel nachgedacht.

Wer ist der Feind, den wir lieben sollen?

Ich möchte heute einen Schritt zurückgehen und fragen: Wer ist eigentlich mit „Feind“ gemeint? Diese Frage reicht nämlich tiefer, als sie klingen mag.
Der Begriff Feind beinhaltet zunächst zwei Tiefendimensionen.

1. Schon am Anfang im Buch Genesis erscheint eine Feindschaft, die nicht schön-geredet werden kann. Gott sagt zur Schlange nach dem Sündenfall: „Feindschaft setze ich zwischen dir und der Frau, zwischen deinen Nachkommen und ihren Nachkommen“ (Gen 3,15). In diesem Fall ist freilich keine Feindesliebe geboten.
Die Schlange, ein Bild für das Böse, muss bekämpft werden; so wie es auch im Jakobusbrief steht: „Ordnet euch Gott unter, leistet dem Teufel Widerstand, und er wird vor euch fliehen“ (Jak 4,7). Hier gilt Absage, wie auch Paulus im Römerbrief betont: „Verabscheut das Böse, haltet fest am Guten!“ (Röm 12,9). Das ist die erste Tiefendimension: Der Feind ist „das Böse“. Auch als Petrus Jesus von seinem Leidensweg abhalten möchte, redet ihn Jesus sehr harsch mit „Satan“ an und schickt ihn weg. Denn hier gilt Zurückweisung der Feinde Gottes.

2. Aber es wird noch komplizierter, es gibt ein noch tieferes Problem: Im 1. Buch der Könige wird über den berüchtigten König Ahab berichtet, der sich erdreistet, den für ihn günstig gelegenen Weinberg eines gerechten Israeliten, Nabot, über seine Leiche an sich zu reißen. Der Prophet Elija wird unverzüglich mit einer Unheilsbotschaft zu ihm geschickt. Als Ahab Elija erblickt, sagt der König den verhängnisvollen Satz: „Hast du mich gefunden, mein Feind?!“ (1 Kön 21,20) – Der König weiß genau, warum der Prophet ihn sucht, und er nennt die Wahrheit und Gerechtigkeit Gottes, die im Propheten zu ihm kommt, seinen Feind.
Das ist deshalb so wichtig, weil dieser Satz auch in unserem Herzen leichter geboren werden kann, als wir es uns wünschen. Wenn nämlich unsere Ideen und Wünsche dem Guten und Wahren entgegenstehen, das wir in der Tiefe unserer Seele vielleicht
ahnen, aber als störend, also feindlich empfinden. In diesem Fall besteht die Feindesliebe des Propheten Elija darin, dass er dem brutalen König die Wahrheit ins Gesicht sagt, nämlich, dass ihm die Herrschaft gewaltsam genommen und sein Haus untergehen wird, denn so ist er für Gottes Geschichte unbrauchbar.

Aber kehren wir zur Feindesliebe bei Lukas zurück. Unser Unbehagen hat sich nach dieser Einleitung vermutlich noch weiter gesteigert. Vielleicht helfen uns zwei Aspekte, die mir geholfen haben, der Sache näherzukommen:

Das Böse und der Täter des Bösen und der Ort der Feindesliebe

Das erste ist, dass man immer unterscheiden muss zwischen dem Bösen als Feind und seinem menschlichen Träger. Ein Mensch, auch wenn er die feindliche Position einnimmt, ist nicht selber der Feind, sondern das, was er vertritt, sozusagen die Schlange hinter ihm. Den Feind als Menschen muss und kann man lieben – das verlangt seine Würde, nur die Position, die er vertritt, die Sünde, die er begeht, die Feindschaft gegen Gott muss und darf man nicht lieben.
Das zweite ist vielleicht noch wichtiger, zugleich aber vermutlich noch unbekannter: dass nämlich diese Haltung der Feindesliebe einen besonderen Ort braucht, einen geschützten Innenraum, nämlich den Jüngerkreis. In der Gemeinde um Jesus müssen und können andere Gesetze herrschen als auf dem freien Markt. Unter den Jüngern in der Nachfolge Jesu kann man doppelt so weit gehen, wie es notwendig wäre, dort kann man ohne Sicherheit leihen, als würde man schenken, dort kann man segnen, wenn einem geflucht wird. Denn das wird meinen scheinbaren Feind oder mich, wenn ich in den Stand des Feindes abgerutscht bin, wieder zur Vernunft und zum Glauben bringen. Die Güte, das Erbarmen, die Zuwendung werden bei dem Feind oder der Feindin, weil sie letztlich auch den Weg der Liebe gehen wollen, die Glocken klingeln lassen und zur Umkehr verhelfen.

Auch Jesus verhält sich entsprechend dieser Unterscheidung. Während seines Verhörs vor seinem Tod schlug der Diener des Hohepriesters Jesus ins Gesicht, weil Jesus angeblich etwas Falsches gesagt hatte. Und Jesus reagiert mit den Worten: „Wenn ich Falsches gesagt habe, weise es nach; wenn nicht, warum schlägst du mich!“ (Joh 18,23). Handelt Jesus hier gegen sein eigenes Prinzip, weil er nicht die andere Backe hinhält? Keineswegs.
Die Feindesliebe ist also kein Modell, das global funktionieren soll, um die Welt eines Tages in paradiesische Harmonie zu versetzen. Aber sie soll in jeder Gemeinde lokaler Wellenbrecher sein für die Wellen von Gewalt, Lüge, Ausbeutung – eben nicht durch Waffen, Gegengewalt und schlaue Tricks, sondern durch eine radikale Hoffnung auf eine neue Erde und einen neuen Himmel, durch eine radikale Relativierung der materiellen und zeitlichen Werte angesichts des Ewigen.

Herausgeliebt aus der Feindschaft gegen Gott

Noch einmal: Das funktioniert nicht in Verhältnissen der Politik, im Geschäfts- oder Arbeitsverhältnis. Es kann nur und höchstens ansatzweise im Raum der Gnade gelingen, wo ich aus meiner Feindschaft gegen Gott herausgeliebt wurde, wo ich diese unvernünftige Liebe am eigenen Leib erfahren habe und täglich erfahre. Es gibt zwar immer wieder auch Märtyrer, gewaltlose Apostel der Feindesliebe, die sich, aus der Kraft des Kreuzes gespeist, schutzlos und ohne Rücksicht auf eigene Verluste der Schlange, dem Satan aussetzen. Aber das verlangt Jesus nicht, das ist nicht die „verrückte Normalität“ der Kirche, die Lukas in seiner Feldrede festhalten will.
Ich denke, dass die Kirche heute viel mehr als manche noch so hilfreichen Strukturreformen diesen Innenraum braucht, wo die Feindesliebe lebendig ist und wo dadurch auch das „gute, volle, gehäufte, überfließende Maß“ der Gnade Gottes erfahrbar ist.

© Dr. Tamás Czopf, Pfarreiengemeinschaft Starnberg

B. Gewalt und Gegengewalt
(von Konrad Wierzejewski)

Dieses Evangelium ist unwahrscheinlich aktuell mit der Frage der Gewalt und Gegengewalt. Von Anfang an hat es die Kirche und die Welt bewegt und auch irritiert. Auf der einen Seite wird dem jeder zustimmen, ob kirchlich gesinnt oder nicht: Würden tatsächlich alle Menschen so leben, wäre unsere Welt in einem göttlichen Frieden. Auf der anderen Seite aber weiß auch jeder: Der Mensch ist so nicht gebaut. Er will stärker, größer, mächtiger sein als der andere, will Vergeltung für jedes kleinste Unrecht, das ihm zustößt. Das fängt schon im Kinder­garten an, dass der Mensch so ist und alles zurückzahlt, was ihm angetan wird. Das bestimmt die Politik, auf Sanktionen wird mit Gegensanktionen geantwortet, auf Aufrüstung mit Gegen­aufrüstung. Gewalt und Aggression sind das größte Problem unserer Welt. Und dann gibt es die Kriege im Kleinen, die genauso schlimm sind: die geheimen Kriege in den Familien, in den Dörfern, zwischen den Dörfern. Menschen werden mit Worten erledigt, mit einer Anschuldigung in eine Ecke ge­schoben, vernichtet. Atmosphären des Un­friedens werden geschaffen, die krank machen, das Leben zerstören.

Lässt sich Gewalt begrenzen?

Ist demgegenüber das, was Jesus sagt, überhaupt realistisch? Er hat aus der Tra­dition seines Volkes Israel einen realistischen Blick auf die Welt und die Menschen. Aber dazu gehört auch das Wissen um die Geschichte und die Lebens­ordnung seines Volkes. Schon am Anfang der Bibel wird da erzählt, wie Kain seinen Bruder Abel erschlägt. Und schon von Anfang an gibt es da auch die Ver­suche, die Gewalt einzu­dämmen. Der erste Versuch war das Instrument der Rache: „Kain sagte: ‚Jeder, der mich findet, wird mich töten.‘ Der HERR aber sprach zu ihm: Darum soll jeder, der Kain tötet, siebenfacher Rache verfallen.‘“ (Vgl. Gen 4,14-15). Aber die Gewalt nahm nicht ab, sondern eskalierte. Nur fünf  Gene­rationen später prahlt sein Nachkomme Lamech: „Einen Mann erschlage ich für meine Wunde und ein Kind für meine Strieme. Wird Kain siebenfach gerächt, dann Lamech siebenundsiebzigfach.“ (Gen 4,23).

Gegen die Tendenz zu einer solchen Maß­losigkeit der Vergeltung, die uns ja auch heute noch nicht fremd ist, wird dann im Gesetz des Mose eine Rechts­be­stimmung eingeführt: „Wenn jemand einen Mitbürger verletzt, soll man ihm antun, was er getan hat: Bruch für Bruch, Auge für Auge, Zahn für Zahn. Der Schaden, den er einem Menschen zugefügt hat, soll ihm zugefügt werden.“ (Lev 24,20). Die Vergeltung wird begrenzt; sie darf den angerichteten Schaden nicht übersteigen. Das war ein erster Versuch, die Gewalt einzudämmen, aber sie wurde damit nicht aus der Welt geschafft.

Ein nächster Schritt war dann nach und nach bei allen Völkern das Gewaltmonopol des Staates. Nur noch der Staat darf Gewalt gebrauchen und hat dafür die Pflicht, seine Bürger zu schützen. Das war wieder ein ungeheurer Fortschritt. Und doch hat auch dieser Schritt die aggressive Gewalt nicht aus der Welt gebracht. Jetzt sind es die Staaten selbst, die in Versuchung stehen, ihre Gewalt zu missbrauchen. So muss man fest­stellen: Weder die Blutrache noch das Prinzip Auge um Auge noch das Gewalt­mono­pol des Staates konnten die Gewalt und die Aggression aus der Welt verbannen.

Zwei verschiedenen Weisen, auf Gewalt zu blicken

In Israel hat es die drei genannten Versuche zur Eindämmung der Gewalt gegeben. Da­rüber hinaus heißt es schon in der Tora Israels: Der Fremde im Land, der Migrant, sei dir wie ein Mitglied deiner eigenen Familie. Und sogar die Feindesliebe gab es schon in Israel. Als Dokument dafür haben wir die erste Lesung gehört, wie David, von Saul verfolgt, diesen schlafend und so­mit wehr­los findet und ihn töten könnte, es aber nicht tut mit der Begründung: „Ich wollte mich an dem Gesalbten des Herrn nicht ver­greifen.“ Das ist nicht unwichtig; ein Kapitel spä­ter wird erzählt, wie David mit seiner Bande von 600 Mann Raubzüge unter­nimmt, und da­rüber heißt es: „Weder Männer noch Frauen ließ er am Leben, und er brachte niemand nach Gat; denn er sagte sich: Niemand soll etwas über uns berichten und sagen können: ‚Das und das hat David gemacht.‘“ (1 Sam 27,11).
David macht also einen Unter­schied. Er schont sei­nen Todfeind Saul, weil er in ihm nicht nur den unbarmherzigen Verfolger und Rivalen sieht, sondern den von Gott Berufenen. David betrachtet die Situation nicht einfach aus seiner menschlichen, irdischen Sicht, wie Paulus sagt, sondern auf dem Hinter­grund dessen, was Gott bis­her getan hat und wer in dessen Auge der andere ist: Saul ist der „Gesalbte des Herrn“. Daran ändert auch Sauls gegen­wärtiges Verhalten nichts, durch das er sich seiner Berufung nicht würdig erweist. „Unwiderruflich sind Gnade und Berufung, die Gott ge­währt“ (Röm 11,29), hat Paulus später in einem anderen Zusammen­hang geschrieben.

Zwei Weisen sind es, auf die Geschichte zu blicken. Von dem Irdischen und dem Über­irdischen spricht Paulus in dem Ab­schnitt aus dem 1. Korintherbrief, den uns die Kirche heute daneben gestellt hat. Das klingt bei ihm zunächst wie ein Gegen­satz, er spricht aber von einer ergänzenden Vollendung: „Zuerst kommt nicht das Über­irdische; zu­erst kommt das Irdische, dann das Überirdische.“ Das ist nicht einfach die Voll­endung des Menschen nach seinem Tod, von der er da spricht. Diese Vollendung beginnt schon im Heute, wo der Mensch sich eingliedern lässt in die Geschichte Gottes mit seinem Volk; sie beginnt mit der Taufe, so lehrt uns die Kirche.

Wir haben selbst Barmherzigkeit erfahren

Was Jesus sagt, ist also an eine Voraussetzung gebunden: „Seid barm­herzig, wie euer Vater im Himmel barmherzig ist.“ Das kann nur verstehen und befolgen, wer zuvor selber die Barm­herzigkeit des Vaters erfahren hat. Israel hatte sie erfahren in vielen Rettungstaten. Die Jünger Jesu hatten sie an Jesus erfahren. Und dann er­fuhren sie sie neu in den nach Ostern entstehenden Gemeinden. Es ist ein Vor­gang, von dem Paulus spricht, wenn er sagt: „Wir werden nach dem Bild des Himmlischen gestaltet werden.“ Was Jesus lehrt, ist nur verstehbar und lebbar in der Begegnung mit dem Volk Gottes und seiner aktuellen Geschichte, wo Gott einander wildfremde Menschen sammelt und sie zueinander fügt wie Brüder und Schwestern in einer neuen Familie, wo jeder sich dem anderen anvertrauen kann, ohne Schutzmauern aufzubauen und ohne ausgenützt zu werden.

Das meint mehr, als irgendwo in der Welt verborgene Nischen zu schaffen, in denen es friedlich zugeht; das wäre zu wenig. Als Erlöser der Welt ist Jesus gekommen, um die Unheilskette der Gewalt zu durchbrechen, die unsere Welt in ihrem Bann hält. Dafür hat er den Tod am Kreuz auf sich genommen. Die Gemeinden, die der Aufer­standene nach Ostern sammelt, sind zu diesem Neuanfang geworden.

Der Staat kann nicht von allen seinen Bürgern fordern, die Gebote Gottes zu halten, die die Erfahrung der Barmherzigkeit Gottes voraussetzen. Nicht einmal Israel wurde die Tora aufgezwungen. Mose erinnerte das Volk an seine ganze Geschichte mit Gott, seine Befreiungsgeschichte, und legte ihm die Tora vor mit den Worten: „Siehe, hier­mit lege ich dir heute das Leben und das Glück, den Tod und das Unglück vor. … Wähle also das Leben, damit du lebst, du und deine Nachkommen.“ (Vgl. Dtn 30,15-19). Vor dieser Frei­heit der Wahl stehen auch wir jeden Tag neu.

Wir sind in die Kirche berufen, nicht dass wir nur Worte machen und für den Frieden beten. Das ist gut, aber beten heißt ja nicht auf Gott einreden, ihm die Sache zu­schieben – „Mach du mal!“ –, sondern in Zwie­sprache mit Gott eintreten, zu hören, was er uns sagen will, wie er auf den anderen schaut, und daraufhin dann als selber Be­schenkte Nachahmer der Barm­herzigkeit Gottes zu werden. Das wird dann ausstrahlen in die Gesellschaft.

Diese Texte haben die Welt bewegt, und keiner von uns kann ermessen, was mit der Welt schon passiert wäre, wenn es sie nicht gäbe. Und was würde mit der Welt geschehen, wenn alle Christen diese Weisungen lebten!

© Dr. Konrad Wierzejewski, Pfarreiengemeinschaft Geltendorf