Theologische Fragen aus biblischen Texten der Liturgie 24

Aschermittwoch 2022

A. von Tamás Czopf
B. von Konrad Wierzejewski

(Beide Texte beziehen sich auf die Schriftlesungen am Aschermittwoch: Joel 2,12-18; 2 Korinther 5,20–6,2; Matthäus 6,1-6.16-18)

A. von Tamás Czopf

Die Ereignisse der vergangenen Tage, Wochen und Monate haben uns in unerwarteter und unerwünschter Weise auf die Fastenzeit eingestimmt. Drei große Erdstöße haben den friedlichen Boden unserer Pläne und Sicherheiten zum Beben gebracht:
1. die nicht enden wollende Corona-Bedrohung mit neuen Mutanten, mit unbekannten Impfstoffen und feindlichen, spalterischen Einstellungen in Politik und Gesellschaft;
2. der mediale Wellenschlag nach dem nicht ganz sauber durchgeführten und präsentierten Gutachten zu den Missbrauchsvertuschungen in der Erzdiözese München und Freising mit bewusstem Aufwirbeln von schmutzigem Bodensatz in ohnehin trüben kirchlichen Wassern;
3. und schließlich ein demütigender und beschämender Krieg von Russland aus, garniert mit Lügen, Angstmache, Machtrausch und der Offenbarung von viel Naivität und ideologischer Blindheit in der europäischen Politik.

Drei sehr unterschiedliche Dinge, die allesamt dicke Wolken am Himmel unseres Lebens aufziehen lassen. Man kann sie nicht schnell und billig einordnen oder gar beantworten. Wir spüren unsere Ohnmacht. Und vielleicht macht gerade das uns bereit – vielleicht noch mehr als vor einem Jahr – auf Gottes Macht zu setzen, bei ihm in die Lehre zu gehen, um zu verstehen, wie Erlösung und Befreiung nach Gottes Art und Weise möglich sind, wie aus der Asche, die wir heute auf uns legen, wieder pfingstliches Feuer werden kann.
So wie das folgende Gebet dies zum Ausdruck bringt:

Herr, in Ohnmacht und Angst aber im Vertrauen auf deine Treue
beginnen wir die vierzig Tage der Umkehr und Buße.
Du hast jeden von uns in die Nachfolge deines Sohnes berufen,
für jeden von uns hast du einen Platz in deinem Haus bereitet,
und auf jeden von uns wartest du mit deinem Heil.
Reinige jeden von uns einzeln und auch die Gemeinschaft deiner Kirche,
nimm von uns alles, was deine Herrschaft verzögert,
und mach uns neu zu deinen Zeugen.

Die Auflegung des Aschenkreuzes: Zwischen Buße und pfingstlichem Feuer

Die Asche, die aus den Siegespalmen des letzten Palmsonntags gewonnen ist, verbindet sich im Gottesdienst am Aschermittwoch mit dem Bußakt zu einem einzigen Ritus, der diesmal im Zentrum der Liturgie nach dem Hören der Texte aus der Bibel steht. Dahinter verbirgt sich die Tiefenschicht des Glaubens:

Es ist die unglaubliche Würde des Menschen, dass er in ein Gespräch mit dem ewigen und unendlichen Gott treten kann und auch getreten ist. Das große Phänomen der Bibel und der jüdischen Glaubensgeschichte ist, dass Gottes Stimme nicht in das kalte Weltall zwischen die Lichtjahre voneinander entfernten zahllosen Galaxien hinein- spricht, sondern auf einem winzigen und so zerbrechlichen Planeten zu einem winzigen und gefährdeten Volk. Zu einem DU spricht er: „Kehr um zu mir – und ich kehre mich zu dir!“
Und dieses Volk und jedes einzelne Glied in ihm, konnte und kann ungeniert und ohne Angst dem Allmächtigen antworten: „Vergib mir und uns die Schuld, denn wir haben gesündigt!“ Ich denke, dass dieses Zwiegespräch die Herzmitte der Fastenzeit bildet: auf der einen Seite unsere Stärke: gut und liebend zu sein – mit der Ohnmacht, das Gute beständig auch durchzuhalten; auf der anderen Seite die Allmacht Gottes: alles zu lenken – mit der Ohnmacht, diesen Willen immer und bei jedem durchzusetzen.
Am Aschermittwoch feiert die Kirche einmal im Jahr einen Ritus, in dem sie sich Gott und seiner Ohnmacht und Stärke zugleich zeichenhaft unterordnen möchte: „Staub bist du, aber Gott hat sich in dich verliebt“ – so könnte man den Sinnspruch auch deuten.

Den kirchlichen Ereignissen der letzten Wochen entsprechend möchte ich diesen Gedanken verbinden mit einigen  Zeilen aus dem Brief des emeritierten Papstes Benedikt. Darin zitiert er das Schuldbekenntnis der kirchlichen Liturgie in der alten Fassung, die wir alle auch kennen: „Ich habe gesündigt durch meine Schuld, durch meine Schuld, durch meine übergroße Schuld“ (mea maxima culpa).
Ich finde den Text nicht nur deswegen bedeutend, weil dieser Brief vielleicht der letzte Text von Papst Benedikt an uns ist, sondern mehr noch, weil er die unendliche Würde des Menschen unterstreicht, vor Gott zu stehen, in letzter Klarheit über die Entfernung vom Guten, aber in ebenso großer Zuversicht auf Gottes barmherzige Liebe. Dieser Blick – von Auge zu Auge – ist der Höhepunkt unseres Lebens, der alles Böse, alles Übel und jeden drohenden Verlust von Gesundheit, Besitz und Leben aufwiegen und in eine Offensive des Guten überführen kann, die wir Umkehr nennen.

Aus dem Brief von Papst em. Benedikt XVI.

Am 6. Februar 2022 schrieb Papst Benedikt an die „Freunde“ in der Erzdiözese
München und Freising:

Es berührt mich immer stärker, dass die Kirche an den Eingang der Feier des Gottesdienstes, in dem der Herr uns sein Wort und sich selbst schenkt, Tag um Tag das Bekenntnis unserer Schuld und die Bitte um Vergebung setzt. Wir bitten den lebendigen Gott vor der Öffentlichkeit um Vergebung für unsere Schuld, ja, für unsere große und übergroße Schuld. Mir ist klar, dass das Wort „übergroß“ nicht jeden Tag, jeden einzelnen in gleicher Weise meint. Aber es fragt mich jeden Tag an, ob ich nicht ebenfalls heute von übergroßer Schuld sprechen muss. Und es sagt mir tröstend, wie groß auch immer meine Schuld heute ist, der Herr vergibt mir, wenn ich mich ehrlich von ihm durchschauen lasse und so wirklich zur Änderung meines Selbst bereit bin.
Immer mehr verstehe ich die Abscheu und die Angst, die Christus auf dem Ölberg überfielen, als er all das Schreckliche sah, das er nun von innen her überwinden sollte. Dass gleichzeitig die Jünger schlafen konnten, ist leider die Situation, die auch heute wieder von neuem besteht und in der auch ich mich angesprochen fühle. So kann ich nur den Herrn und alle Engel und Heiligen und Euch, liebe Schwestern und Brüder, bitten, für mich zu beten bei Gott unserem Herrn.
Ich werde ja nun bald vor dem endgültigen Richter meines Lebens stehen. Auch wenn ich beim Rückblick auf mein langes Leben viel Grund zum Erschrecken und zur Angst habe, so bin ich doch frohen Mutes, weil ich fest darauf vertraue, dass der Herr nicht nur der gerechte Richter ist, sondern zugleich der Freund und Bruder, der mein Ungenügen schon selbst durchlitten hat und so als Richter zugleich auch mein Anwalt (Paraklet) ist.
Im Blick auf die Stunde des Gerichts wird mir so die Gnade des Christseins deutlich. Es schenkt mir die Bekanntschaft, ja, die Freundschaft mit dem Richter meines Lebens und läßt mich so zuversichtlich durch das dunkle Tor des Todes hindurchgehen. Mir kommt dabei immer wieder in den Sinn, was Johannes in seiner Apokalypse am Anfang erzählt: Er sieht den Menschensohn in seiner ganzen Größe und fällt vor ihm zusammen, wie wenn er tot wäre. Aber da legt er seine Hand auf ihn und sagt: „Fürchte dich nicht, ich bin es…“. (vgl. Apk 1, 12 – 17).

Nach diesen Worten eines beinahe fröhlich zuversichtlichen Papstes bekommt man geradezu Lust, den Ritus mit der Asche zu erleben, bei dem auch ein Satz aus der jüdischen Tradition als Deutespruch gelten kann: „Du bist Staub und Asche; aber um deinetwillen hat Gott die Welt erschaffen.“
Der Priester segnet die Asche mit den Worten:

Gott,
unser Vater, du willst nicht den Tod des Sünders,
sondern dass er umkehrt und lebt und auf den Spuren deines Volkes zurückkehrt in dein Vaterhaus.
Segne diese Asche, die wir uns auf das Haupt streuen lassen zur Erinnerung an unsere Berufung:
In aller Zerbrechlichkeit und Vergänglichkeit deine ewige Liebe zu erfahren und zu beantworten.
Hilf uns, die 40 Tage bis zum neuen Ostern so zu begehen,
dass wir einzeln und gemeinsam nach dem Bild deines Sohnes erneuert werden. Amen.

© Dr. Tamás Czopf, Pfarreiengemeinschaft Starnberg

B. von Konrad Wierzejewski

Jetzt haben wir im Kreislauf des Kirchenjahres wieder einmal den Aschermittwoch, den Beginn der Fastenzeit, der heiligen 40 Tage der Umkehr, erreicht. Und so hören wir den Aufruf des Propheten Joel: „Ordnet ein heiliges Fasten an!“ Aber es ist anders. Im Gottesvolk gibt es kein „alle Jahre wieder“, nur konkrete Situationen im Fortgang einer Geschichte, jeden Tag neu. Die Situation, in der wir uns heute versammeln, ist eine ganz andere als Ascher­mitt­woch 2021, wieder anders als Aschermittwoch 2020.

Der Aufruf des Propheten Joel und unsere Situation

Beim Propheten Joel war die konkrete Situation eine katastrophale Heuschrecken­plage. Am An­fang des Buches wird ge­schildert, wie vier Heu­schreckenarten nachein­ander in Schwärmen über das Land hergefallen sind; was die einen übrig gelassen haben, haben die nächsten aufgefressen. „Es hat meinen Weinstock verwüstet, meinen Feigenbaum völlig verstümmelt. Abgeschält ließ es ihn liegen, die Zweige starren bleich in die Luft. Aus ist es mit dem Speiseopfer, mit dem Trankopfer im Haus des HERRN. Es trauern die Priester, die Diener des HERRN. Vernichtet ist das Feld, der Acker trauert; denn das Korn ist ver­nichtet, vertrocknet der Wein, versiegt das Öl“ (Joel 1,7.9-10) – eine große Not, und die tiefste Not, die der Prophet schildert, ist nicht einmal die Nahrungs­knappheit, sondern der Spott der umliegenden Völker: „Wo ist denn ihr Gott?“

Auch heute sind wir in einer großen Not versammelt. Was die Corona-Pandemie übriggelassen hat – noch immer sind wir in reduzierter Zahl mit Abstandsregeln und Masken versammelt –, das droht ein gewaltiger Krieg zu vernichten. Und die tiefste Not ist nicht die, die von außen kommt, es ist die Not an vielen Orten im Innern der Kirche. Der Not­ruf hier aus unserer Gemeinde der Pfarreiengemeinschaft „Wie können wir unter Corona-Bedingungen als Gemeinde leben?“ fand kein Gehör im Pastoralrat; gleichzeitig werden hier unsinnige Kämpfe geführt zum Schaden der Kirche. Die Not in den Versammlungen des „Synodalen Weges“ ist nicht geringer und Impulse aus der Mitte der Kirche werden weitgehend ignoriert.

Was ist die Antwort des Propheten Joel? Religiöse Praktiken, Bußpraktiken gab es und gibt es, aber sie nützen nichts; da waren die Propheten Israels und war auch Jesus immer ganz kritisch: „Zerreißt eure Herzen, nicht eure Kleider, und kehrt um zum Herrn, eurem Gott!“ Was Not tut, ist eine Umkehr in der Tiefe des Herzens, dort, wo der Wille Gottes erstickt wurde, weil dort die eigenen Wünsche und Träume wucherten, die an der tiefsten Not mehr schuld sind als die Heuschrecken, mehr als das Corona-Virus, mehr als Politiker mit ihren Waffen.

Der andere Aufruf, der Ruf zur Umkehr

Aber gerade die Umkehr fällt uns am schwersten, aus drei Gründen. Der erste ist, dass wir oft gar nicht sehen, wo wir vom Weg abgekommen sind und wohin wir umkehren sollen. Das zweite Hindernis ist, dass uns die Angst bestimmt, dabei etwas Lieb­gewonnenes zu verlieren. Und dann wissen wir gar nicht, wie wir das anstellen sollen: umkehren.

In der Situation ruft der Prophet Joel das ganze Volk zusammen: „Versammelt das Volk, heiligt die Gemeinde! Versammelt die Alten, holt die Kinder zusammen, auch die Säug­linge! Der Bräutigam verlasse seine Kammer und die Braut ihr Gemach.“ Selbst die frisch Verheirateten, die nach der Tora für ein Jahr von allen öffentlichen Verpflichtungen befreit waren, müssen jetzt ihre Kammer verlassen. Jetzt ist eine Aus­nahmesituation, wo der Prophet alle zu einer Versammlung zusammenruft.

Und was soll da geschehen? „Kehrt um zum Herrn, eurem Gott! Denn er ist gnädig und barmherzig, langmütig und reich an Güte.“ Die Angst etwas zu verlieren, die uns davon abhält umzukehren, wird uns in der gottesdienstlichen Versammlung genommen, indem wir uns gemeinsam erinnern, wie sich Gott in der Geschichte immer wieder an seinem Volk als gut erwiesen hat, noch einmal anders als in unseren Wunschträumen.

Und dann sagt der Prophet: „Zwischen Vorhalle und Altar sollen die Priester klagen, die Diener des Herrn sollen sprechen: ‚Hab Mitleid, Herr, mit deinem Volk und überlass dein Erbe nicht der Schande, damit die Völker nicht über uns spotten. Warum soll man bei den Völkern sagen: Wo ist denn ihr Gott?‘“

Die Sicht Gottes

Wir haben gesagt, wir wissen nicht, wie wir das anstellen sollen, umkehren. Aus eigener Kraft sind wir dazu nicht in der Lage, zur eigenen Ver­voll­kommnung. Die Umkehr muss von Gott erbeten, kann nur von Gott ge­währt werden, und sie ist nur möglich um der Ehre Gottes willen. Das ist kein Ziel des Menschen von Natur aus. Aber Gott kann Menschen dafür entzünden: „Da erwachte im Herrn die Leiden­schaft für sein Land und er hatte Erbarmen mit seinem Volk.“ Wenn Menschen die Leiden­schaft Gottes für sein Land entdecken und sich davon entzünden lassen, das ist die Rettung.

Das hat Jesus im Blick, wenn er die üblichen Bußpraktiken kritisiert. „Macht kein finsteres Gesicht wie die Heuchler. Sie geben sich ein trübseliges Aussehen, damit die Leute merken, dass sie fasten. Du aber salbe dein Haar, wenn du fastest, und wasche dein Gesicht, damit die Leute nicht merken, dass du fastest.“ Es ist letztlich die Frage, schauen wir nur auf unsere Schlechtigkeit und tragen sie vor uns her, vielleicht noch unsere großartige Bereitschaft uns zu bessern, oder lenken wir den Blick auf die viel größere Leidenschaft Gottes für sein Volk, mit der er es zur Umkehr verlockt, so dass die Freude darüber uns bestimmt?

Ein Rabbi sagte einmal: Jeder Glaubende soll in seinen Hosentaschen zwei Merk­zettel haben. Auf dem Zettel in der linken Hosentasche steht: „Du bist Staub und Asche.“ Auf dem Zettel in der rechten Hosentasche steht: „Deinetwegen wurde die Welt geschaffen.“ Das Zeichen der Asche handelt von dem einen Zettel, und den anderen, „Deinetwegen wurde die Welt geschaffen“, müssen wir mit dazu denken und dann den Herrn bitten, dass seine Leidenschaft für sein Volk, für seine Gemeinde neu erwache und er sie aus unserem heutigen Versammeltsein, wie es schon Joel ausgerufen hat, zu einer Antwort führe auf die große Not unserer Zeit.

© Dr. Konrad Wierzejewski, Pfarreiengemeinschaft Geltendorf