Theologische Fragen aus biblischen Texten der Liturgie 25

A. Was sind die  „anderen Fragen der Versuchungen Jesu? (von Tamás Czopf)
B. Eine Not, die uns zwingt, uns vor Gott zu versammeln (von Konrad Wierzejewski)

(Beide Texte beziehen sich auf die Schriftlesungen des 1. Fastensonntags im Lesejahr C: Deuteronomium 26,4-10; Römerbrief 10,8-13; Lukas 4,1-13)

A. Was sind die  „anderen Fragen der Versuchungen Jesu?
(von Tamás Czopf)

Der erste Sonntag in der Fastenzeit steht im Zeichen der Versuchungen Jesu am Ende der 40 Tage in der Wüste. Unsere Versuchungen betreffen gewöhnlich Dinge, wo Gewissen und Vernunft herrschen sollten, aber wir doch aus verschiedenen Gründen unvernünftig und gewissenlos handeln: in unseren Konsumgewohnheiten, unseren zwischenmenschlichen Beziehungen, im Umgang mit dem Geld, mit der Sprache oder mit der Umwelt. Wir könnten zwar auch anders, aber im Moment ist das Verkehrte mehr versprechend und angenehmer, und ich wähle den Weg des geringsten Widerstandes.

Die Versuchungen der Berufung

Bei Jesus in der Einsamkeit der Wüste stellt sich eine andere Frage. Womit er kämpfen muss, das sind die Versuchungen der Berufenen. Die Figur des Satans darf uns nicht irritieren: Es ist nichts direkt Böses oder Unsinniges in dem, was er Jesus vorschlägt. Es ist eher eine gar nicht so unerhörte Alternative, wie ein Messias erfolgreich auftreten sollte. Die Versuchungen stellen Jesus vor die Glaubensfrage: Was ist Gott für ein Gott, wie ist seine Macht, und was bedeutet seine Berufung und Sendung?
Es geht also nicht in erster Linie um das richtige menschliche Verhalten: Wie werde oder bleibe ich gesund, schön, gut und gerecht. Die Versuchungen, die uns am Anfang der Fastenzeit beschäftigen, gehen tiefer, sie betreffen unseren Glauben:

  1. Steine sollten zu Brot werden; dahinter liegt die Frage: Warum löst Gott durch seinen Sohn, den Messias, nicht die sozialen Fragen der Welt, Hunger und Krankheiten? Wäre das nicht seine Aufgabe?
  2. Dann die Aussicht auf dem Berg mit allen Reichen der Erde: Warum kann sich der Glaube nicht mit der politischen Macht verbünden und das Heil mit sanfter oder notfalls auch direkter Gewalt umsetzen – gegen Krieg und Ausbeutung? Wäre es nicht die Lösung?
  3. Schließlich der Sprung von der Tempelzinne in Jerusalem: Wie soll der Messias auftreten? Wäre eine etwas sinnenfälligere, deutlichere und überzeugendere Art seines Erscheinens nicht ganz im Sinne der Verheißungen und der Größe Gottes?

Die bleibenden Versuchungen der Kirche

Es geht hier also um „messianische Versuchungen“; und wenn die Kirche das Volk des Messias ist, dann sind es auch bleibende Versuchungen der Kirche. Jesus verneint alle diese nicht unsinnigen, aber teuflischen Alternativen auf seine differenzierende Art. Allerdings beschränkt sich seine Antwort nicht auf das kurze Zwiegespräch mit dem Teufel. Die ausführliche Antwort gibt Jesus mit seinem Leben. Jede dieser Versuchungen hat im Leben Jesu eine Entsprechung – wie es uns das schöne Jesusbuch von Papst Benedikt erklärt:

  1. Neben der Versuchung, Steine zu Brot zu verwandeln, steht nicht nur die Brotvermehrung, die uns sogar auf falsche Gedanken bringen könnte, sondern vor allem das letzte Abendmahl. Dort macht Jesus aus sich selbst Brot.
  2. Statt auf die Tempelzinne steigt Jesus auf das Kreuz, wo er sein Leben ganz in die Hand des Vaters legt. Und er springt auch von dort nicht herunter, wie es die Spötter verlangen. Seine Rettung ist noch größer…
  3. Und schließlich neben dem Berg mit der Versuchung aller weltlichen Macht steht der Berg der Himmelfahrt, wo Jesus genau das in Anspruch nimmt, was er dem Teufel ausschlägt: „Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf Erden, geht zu allen Völkern…“ (Mt 28,18)

Das Leben Jesu beantwortet also die großen Grundfragen und Grundversuchungen der Berufenen: warum sich Gott in der Welt nicht viel mehr engagiert, warum er uns das Leben nicht leichter macht, warum er Leid zulässt.

Was hat Jesus gebracht?

Papst Benedikt treibt diese Fragen in seinen Ausführungen weiter auf die Spitze: Was hat Jesus eigentlich gebracht, was hat die messianische Zeit gebracht, wenn nicht Wohlstand und Macht?
Benedikt schreibt: „Die Antwort lautet ganz einfach: Gott. Er hat Gott gebracht. Nun kennen wir sein Antlitz (…) Nun kennen wir den Weg, den wir als Menschen in dieser Welt zu nehmen haben. Jesus hat Gott gebracht und damit die Wahrheit über unser Wohin und Woher… Nur unserer Herzenshärte wegen meinen wir, das sei wenig. Ja, Gottes Macht ist leise in dieser Welt, aber es ist die wahre und bleibende Macht.“ (Jesus von Nazareth I, S. 73f)

Diese leise Macht hat Jesus an seine Jünger, an die Kirche weitergegeben. Und wir müssen neu lernen, dass diese Macht auch heute leise und verborgen bleiben wird, aber wir müssen auch neu erfahren, dass sie in der Tat eine göttliche Macht ist. Die drei Versuchungen betreffen dadurch auch unser Kirchenbild und unser Beheimatet-Sein im Gottesvolk.

Aus Steinen Brot machen: Die Kirche wird nicht die Nöte der Menschheit in globalen Maßstäben beheben. „Die Armen habt ihr immer bei euch und ihr könnt ihnen Gutes tun…“ (Mk 14,7) – sagt Jesus im Haus des Simon. Jeder Mensch kann und soll helfen, wo Hilfe nottut. „Mich aber habt ihr nicht immer“ – fährt Jesus fort. Es gibt eine tiefere Frage als das Leben oder das Wohlergehen. Die spezifische Aufgabe der Kirche liegt darin, Jesus einen Raum zu geben, wo er da sein kann und mit seiner leisen Macht das Sagen hat.

Dann die Frage der Macht über den weltlichen Bereich: Während seines Verhörs wird Jesus im Johannesevangelium zur Aussage verleitet: „Mein Königtum ist nicht von dieser Welt.“ (Joh 18,36) Die aktuelle Hinterfragung der gesellschaftlichen, finanziellen und politischen Macht der Kirche gerade in Deutschland ist mehr als berechtigt, sie ist überfällig.
Wir sehen es auch im Konflikt zwischen Russland und der Ukraine. Es ist verheerend, dass auch die zwei Nationalkirchen, ebenso verwandt in der Orthodoxie wie die zwei Völker in Sprache und Kultur, gegeneinanderstehen und im anderen das Böse sehen. Den Krieg könnten sie nicht verhindern, aber ein Zeugnis der Brüderlichkeit über Grenzen hinweg wäre ein sehr wünschenswertes Zeichen. Vielleicht gibt es das auch, bloß wird davon nicht berichtet…

Die leise Macht Gottes erfahren

Und schließlich die Frage, wie die messianische Lösung Gottes heute Kreise ziehen könnte: Eine totale Verblüffung der Zeitgenossen durch Spektakel und Mirakel wird die Kirche auch heute nicht liefern können. Das Schicksal Gottes in der Welt, dass die Welt ihn nicht erkannt hat – wie Johannes im Prolog deutlich formuliert (vgl. Joh 1,10) – wird auch das Volk Gottes teilen müssen. Aber es gibt immer einige, die erkennen: die die Väter und Propheten erkannten, die Jesus und seine Jünger erkannten und auch in Zukunft die Kirche erkennen werden.

Es mag uns schmerzen, dass so viele aus der Kirche austreten, aber mein Wunsch ist nicht, dass irgendwann wieder Massen zurückkehren, sondern dass die Wenigen die leise Macht Gottes kennen und lieben. Dass sie das Psalm-Zitat des Teufels: „Gott hat seinen Engeln befohlen, sie werden dich auf Händen tragen, damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt“ (Ps 91,12) mit der Seligpreisung Jesu vereinbaren können: „Selig seid ihr, wenn euch die Menschen hassen, ausstoßen und euren Namen in Verruf bringen um des Menschensohnes willen.“

Jesus hat die Versuchungen überwunden, vollständig erst durch das Kreuz und durch Ostern und Pfingsten. Wir wollen uns auch auf diesen Sieg ausrichten, der leise und verborgen unser Leben verändern kann.

© Dr. Tamás Czopf, Pfarreiengemeinschaft Starnberg

B. Eine Not, die uns zwingt, uns vor Gott zu versammeln
(von Konrad Wierzejewski)

Wir stehen am Anfang der heiligen 40 Tage der Vorbereitung auf das Osterfest, die wir am Aschermittwoch begonnen haben. Das ist nicht einfach eine wiederkehrende Jahreszeit, so wie die Rheinländer von der Faschingszeit als der fünften Jahreszeit sprechen. Am Ascher­mittwoch haben wir vom Propheten Joel gehört, wie er das Volk in einer konkreten katastrophalen Notlage zusammengerufen hat, und unser Blick wurde auf die aktuelle Notlage gerichtet in der Welt und nicht weniger schwer in der Kirche, in unserer Pfarreien­gemein­schaft, in Deutschland und an vielen Orten, eine Not, die uns zwingt uns vor Gott zu versammeln.

Ein Grundkurs zur Taufvorbereitung

Und auch in der frühen Kirche waren diese vierzig Tage nicht einfach eine Jahreszeit. Es war die Zeit der letzten Vorbereitung auf die Taufe, die dann in der Osternacht stattfand. Von daher sind die Lesungen der sechs Fastensonntage konzipiert als eine Art Grundkurs des Glaubens. So konnte ich sie, als wir vor zwei Jahren unsere Firmvorbereitung begannen, den Firmkandidaten vorstellen als eine der Säulen der Firmvorbereitung und habe ihnen dann, als wir nicht mehr zusammenkommen durften, jeden Sonntag diese Texte mit Auslegungen geschickt als Firmvorbereitung im Lockdown.

Womit beginnt jetzt dieser Grundkurs? In den Lesejahren A und B ist die erste Lesung aus den ersten Kapiteln der Bibel, von der Erschaffung und dem Fall der ersten Menschen und von dem ersten Bund Gottes mit Menschen, mit Noah. In diesem Lesejahr C ist es anders. Da beginnt es in der ersten und in der zweiten Lesung mit dem zentralen Glaubensbe­kenntnis des Volkes Israel und der Kirche aus dem Rückblick auf das, was Gott in der bisherigen Geschichte mit ihm getan hat.

Das Buch Deuteronomium wurde nach dem babylonischen Exil zusammengestellt. Erinnern wir uns: Das Volk Israel hatte die Tora, die Weisungen Gottes, die seine Stärke hätten sein sollen, nicht mehr beachtet, hatte in der Folge unter dem Ansturm der Babylonier sein Land verloren und war nach Babylon deportiert worden. Als ihnen dann erlaubt worden war, nach Jerusalem zurückzukehren, haben Theologen diese Rede des Mose beim Einzug in das verheißene Land aufgeschrieben als sein Wort an die jetzige Generation.

„Höre, Israel“

Am Anfang heißt es da: „Mose rief ganz Israel zusammen. Er sagte zu ihnen: ‚Höre, Israel, die Gesetze und Rechtsentscheide, die ich euch heute vortrage! Ihr sollt sie lernen, sie bewahren und sie halten. Der HERR, unser Gott, hat am Horeb einen Bund mit uns geschlossen. Nicht mit unseren Vätern hat der HERR diesen Bund geschlossen, sondern mit uns, die wir heute hier stehen, mit uns allen, mit den Lebenden.‘“ Und so sollen auch wir diese Worte hören als heute an uns gerichtet.

Das Kapitel, aus dem unsere Lesung stammt, beginnt: „Wenn du in das Land, das der Herr, dein Gott, dir als Erbbesitz gibt, hineinziehst, es in Besitz nimmst und darin wohnst …“ Da ist von uns die Rede, die wir einmal in der Taufe in das neue Land hineingezogen sind oder als Kinder wie „nachziehende Familienangehörige“ mitgenommen wurden und jetzt im Raum der Kirche leben.

Dann, wird uns gesagt, „sollst du vor dem Herrn, deinem Gott, folgendes Bekenntnis ab­legen …“. Da denkt man jetzt vielleicht an ein Schuldbekenntnis. Aber dann ist von etwas anderem die Rede. Jeder, der zum Gottesvolk gehört, da hinzugenommen wurde, soll be­kennen: Diese ganze Geschichte ist jetzt meine Geschichte: „Mein Vater war ein heimatloser Aramäer. Er zog nach Ägypten, lebte dort als Fremder mit wenigen Leuten.“ Abraham ist jetzt unser Vater, ein Migrant nach heutigen Begriffen. Statt „heimatlos“ sagt eine andere Übersetzung: „ein abge­sprengter Aramäer“. Er musste seine Heimat, seine Familie verlassen, als er erkannt hatte, dass deren Götter und Idole keine Götter sind und der einzige, wahre Gott sich ihm offenbart hatte.

Wir lebten in Ägypten als Fremde“, dazu dürfen wir uns bekennen als unsere Geschichte. „Der Herr führte uns mit starker Hand und hoch erhobenem Arm, unter großem Schrecken, unter Zeichen und Wundern aus Ägypten, er brachte uns an diese Stätte“ – eine Befreiungs­geschichte, die der Grund ist, dass wir uns jetzt hier vorfinden.

Eine Befreiungsgeschichte

So wie das Volk Israel immer wieder seine Befreiungsgeschichte vergessen und sich zurück­gesehnt hat nach Ägypten oder leben wollte wie die umliegenden Völker, so vergessen auch wir immer wieder, was uns mit einem Leben in der Kirche, nach ihren Weisungen, ge­schenkt ist, und wollen leben wie alle anderen auch, nach den Maßstäben der Gesellschaft um uns herum, und finden uns am Ende kraftlos, ihnen ausgeliefert vor. Und wir dürfen erfahren: Gott hat sein Volk immer wieder von neuem befreit, ihm einen neuen Anfang gewährt.

Das Bekenntnis, das der Apostel Paulus uns in den Mund legt, „Herr ist Jesus“, erscheint uns demgegenüber harmlos, wie eine folgenlose religiöse Formel. Das ist es aber im Mund des Paulus nicht. „Herr“ war der Titel, den der Kaiser beanspruchte. Zu sagen, „Herr ist Jesus“, bedeutete eine Provokation gegenüber dem Kaiser; darauf stand die Todesstrafe. Für unsere Väter und Mütter im Glauben war das die Konsequenz, die sie auf sich genommen haben. Nur im Bewusstsein dieses Gewichts können wir das Bekenntnis nachsprechen, mit der Frage an uns: Wer ist Herr über mein Leben, am Sonntag und jeden Tag und bis in den letzten Winkel?
In einer Stellungnahme bei der letzten Versamm­lung des Synodalen Weges wurde gesagt: „Hinter der Schlafzimmer­tür hat die Kirche nichts zu sagen.“ Das ist das Gegenteil von „Herr ist Jesus“. Es ist die Art der menschengemachten Religionen mit ihren Göttern für ihre begrenzten Zuständigkeitsbereiche. Zu bekennen, „Herr ist Jesus“, bedeutet etwas anderes, nicht weniger brisant als zur Zeit der römischen Kaiser.

Er konnte nicht mehr zurückgehen in sein bisheriges Leben

Als Evangelium des ersten Fastensonntags hören wir in jedem der drei Lesejahre die Ge­schichte von der Versuchung Jesu, dem Anfang seines öffentlichen Wirkens. Nachdem ihm bei der Taufe durch Johannes sein Auftrag klar geworden war, konnte er nicht wieder in sein bisheriges Leben in der Werkstatt Josefs zurückgehen. Er fand sich als Abgesprengter vor wie Abraham und musste sich zuerst einmal in die Wüste zurückziehen, um sich mit dem aus­einanderzusetzen. So fing es an für Jesus und so fängt es an für den, dem auf einmal klar wird, dass er in der Taufe berufen wurde, ihm nachzufolgen. Um die Versuchungen des Berufenen geht es im Evangelium. Sie zu deuten als allgemein menschliche Versuchungen, die Lebens­bedürfnisse magisch zu stillen, nach Macht, Ansehen, Geltung zu streben, greift zu kurz.

In dem Moment, wo sich bei Jesus die menschlichen Bedürfnisse, der Hunger unüberhörbar melden, werden ihm sofort die neuen Möglichkeiten bewusst, über die er jetzt ver­fügen kann. Werden sie es sein, die ab jetzt wunderbar sein Leben bestimmen oder die unver­fügbare Führung Gottes? Wozu sollen die ihm jetzt gegebenen Möglichkeiten dienen: seiner eigenen Lebenssicherung oder der Verherrlichung Gottes?

Und dann: Soll er sich nicht am besten mit denen zusammentun, denen folgen, die in der Öffentlichkeit das Sagen haben, um auf ihrer Seite zu stehen, teilzuhaben an ihrem Einfluss und ihrem Glanz? Jesus entscheidet sich, dass Gott sein Leben zu bestimmen hat, und setzt auf seine Verheißungen.

Und dann hätte er ja jetzt die Möglichkeit, ganz groß herauszukommen, in einer spekta­kulären Aktion in der Hauptstadt: ganz souverän vom Tempeldach herabzuspringen. Jesus entscheidet sich für den anderen Weg, ganz der Verherrlichung Gottes zu dienen, dafür in der Hauptstadt verurteilt zu werden und am Kreuz „erhöht“, wie es dann im Johannes­evangelium gedeutet wird, „groß“ herauszukommen.

Auf die Geschichte der Befreiung seines Volkes und unser selbst hat dieser erste Fasten­sonntag unseren Blick gerichtet. Bringen wir heute Gott den Dank dafür zurück und bitten wir ihn, dass er uns gewähre, seinem Sohn Jesus als unserem Herrn zu folgen, der die Versuchungen, die auf den Berufenen zukommen, abgewiesen hat, und Gott allein in seiner Kirche zu dienen.

© Dr. Konrad Wierzejewski, Pfarreiengemeinschaft Geltendorf