Theologische Fragen aus biblischen Texten der Liturgie 26

A. Die Aufklärung, die nach der Versuchung Jesu kommt (von Tamás Czopf)
B. Die Verheißung an den, der nachfolgt (von Konrad Wierzejewski)

(Beide Texte beziehen sich auf die Schriftlesungen des 2. Fastensonntags im Lesejahr C: Genesis 15,5-18 gekürzt, Philipperbrief 3,17–4,1; Lukas 9,28-36)

A. Die Aufklärung, die nach der Versuchung Jesu kommt
(von Tamás Czopf)

Vor einer Woche sahen wir Jesus in der Wüste, wo er vom Teufel versucht wurde: Nach 40 Tagen Fasten war er hungrig, schätzte aber jedes Wort, das von Gott kommt, mehr als Brot, das durch Mirakel hätte entstehen sollen; er besaß nichts und galt nichts, bevorzugte jedoch den Dienst des einzigen Gottes vor dem angebotenen Reichtum und der Herrschaft über die Mächte der Erde; er war allein und unbekannt, wählte aber den unteren Weg nach Gottes Gefallen statt eines spektakulären Auftritts auf der großen Bühne vor dem ganzen Volk – messianische Versuchungen und messianische Antworten: Größe in Ohnmacht und Verborgenheit.

Wird endlich der Glanz der Erlösung sichtbar?

Ja, aber im heutigen Evangelium auf dem Berg Tabor, da ist endlich Klarheit, sichtbare Herrlichkeit… Jetzt ist Jesus nicht mehr allein, seine engsten Jünger sind dabei, jetzt endlich wird das Geheimnis gelüftet und der Messias bekennt Farbe: Mose und Elija mit dem Meister, zwei der größten Gestalten in der Geschichte Israels: die zwei, denen Gott erschienen ist; beide haben in schicksalhaften Situationen ganz allein die Geschichte des Glaubens weitergetragen, das Volk vor dem Untergang bewahrt; beide haben gegen mächtigen Widerstand auch gewaltsame Auseinandersetzungen durchgemacht und gewonnen. Wenn sie gemeinsamen zupacken, dann kann nichts schief gehen. Petrus will gleich die drei beherbergen, sie müssen bleiben, da hat Gott wieder eine Chance.
Aber wieder läuft die Geschichte anders, und Ernüchterung macht sich breit: Es werden nicht Heldengeschichten ausgetauscht und keine militärischen Pläne geschmiedet. „Sie redeten mit Jesus von seinem Ende in Jerusalem.“
Mose und Elia durften auf einem anderen Berg die Herrlichkeit Gottes schauen, jetzt sehen sie das leuchtende Gesicht Jesu, das Maximum, wie Gott seine Herrlichkeit in der Welt sichtbar machen kann: Das ist nicht Macht und Stärke, nicht Kraft und Gewalt, keine anderen Waffen als das Licht der Wahrheit. Der Wahrheit über uns, über unsere Kriegssucht und unsere Unversöhnbarkeit, zugleich aber auch der Wahrheit über unsere tiefste Sehnsucht nach Frieden und Gerechtigkeit.

Es bleibt der Weg, wie er mit Abraham, mit Mose und Elija begonnen hat

Die große Strategie des himmlischen Strategen kennt keinen Trick, sie lässt den Sohn leiden, so wie schon Elija leiden musste und so, wie auch Mose ohne Waffen aus Ägypten ziehen und Gottes Plan gegen das eigene Volk vertreten musste. Es gibt keinen anderen Weg als den, welchen Jesus schon bei seinen Versuchungen eingeschlagen hat: den Weg der eigenen Hingabe, den Weg des Leidens, der kleinen Zahl, der Ohnmacht.

Und da geschieht es, dass plötzlich auch die anderen drei, die gerade vom Schlaf erwachten Jünger, in die Wolke hineingeraten. Jetzt sind auch sie involviert, sie sind Teil der Vision und dieser Art der Herrlichkeit Gottes geworden.
Als die Stimme erklingt, sind sie wieder mit Jesus allein. Und als diese Geschichte aufgeschrieben wird, ist auch Jesus nicht mehr da. „Und sie bekamen Angst“ – sagt Lukas kurz und bündig. Sie ahnen jetzt, dass Gott auch in der Zeit der messianischen Vollendung keinen anderen Weg geht als den er mit Abraham angefangen hat; deswegen sind die drei Apostel in der Wolke so erschrocken.

Man kann nicht auf Helden warten und auf Helden setzen. Die Wolke hat ihren leuchtenden Schatten auf diese Fischer geworfen – Gott will in ihrer Mitte wohnen. Sie brauchen keine Hütten für Mose, Elija und Jesus zu bauen, sie müssen Gemeinden bauen in den Fußstapfen der großen leuchtenden Gestalten. Kein Wunder, dass sie an jenem Tag lieber schweigen und niemandem davon erzählen.
Auch die tiefe, „unheimliche Angst“, die nach dem Bericht im Buch Genesis Abraham überfiel, stammte aus derselben Sache: Es gibt keine andere Hilfe, keine schärfere Waffe außer der Verheißung dieses Volkes und des Landes, dessen Stammvater Abraham sein soll.

In unserer Armseligkeit versammelt im Leib der Gemeinde, „in Christus“

Die Geschichten von der Versuchung und der Verklärung Jesu sind aber auf diese Weise, gerade wenn sie vom Leiden reden und keine schnellen, großen, spektakulären Lösungen bieten, wahre Siegesgeschichten. Abraham bekam die Himmelssterne als Bild dafür: Sie sind zwar zahlreich und bevölkern den ganzen Nachthimmel, sind aber ganz klein für unsere Augen; sie blenden nicht, verbrennen nicht, bilden aber ein Netz von kleinen Lichtpunkten, die Richtung und Orientierung geben.

Im Brief an die Gemeinde in Philippi, dem unsere zweite Lesung entnommen ist, kurz vor unserer Stelle, finden wir den Satz: „Ihr sollt wie Himmelslichter leuchten in der Welt“ (Phil 2,15). Wie das geschehen soll, hörten wir in der Lesung: „Jesus wird unseren armseligen Leib verwandeln in die Gestalt seines verherrlichten Leibes.“ Das ist nicht bloß als Trost für Sterbende gemeint, sondern als Erlebnisbericht von denen, die Jesus auf seinem Weg nachfolgen. Der Leib Jesu ist nämlich die Kirche. Paulus beschreibt also die gemeinschaftliche Variante der Verklärung. Hier liegt auch der Grundgedanke für die Tauf- und Gemeindetheologie des Apostels Paulus: Er sieht die durch die Taufe wachsende Gemeinde als Frucht des Kreuzes Jesu, „des Endes Jesu in Jerusalem“, von dem Mose und Elija mit Jesus redeten. Gott hat auch heute keine bessere Idee, als dass wir uns versammeln als Frucht seines Kreuzes, um unsere Armseligkeit in den verherrlichten Leib seines Sohnes verwandeln zu lassen, in eine Kirche, die leuchtet, nicht weil sie so klar und makellos ist, sondern weil sie die Schwächen, Fehler und auch die Schuld erkennen, benennen und bereuen kann. Denn die Welt braucht dringend Lichter, die in der Dunkelheit leuchten, wenn auch klein und sanft.

© Dr. Tamás Czopf, Pfarreiengemeinschaft Starnberg

B. Die Verheißung an den, der nachfolgt
(von Konrad Wierzejewski)

Der 2. Fastensonntag, zu dem diese Homilie gehört, ist, von der Absicht der Kirche her, die zweite Lektion in dem vorösterlichen Grundkurs des Glaubens. Und diese Texte erweisen sich als ziemlich gewaltig, auch befremdlich, nicht mehr Geschichten, die uns nahe sind, in denen wir uns mit unserem Leben wiederfinden können, im Gegenteil, wir werden aus dem heutig Alltäglichen herausgeführt.

In jedem der drei Lesejahre hören wir am zweiten Fastensonntag von Abraham. Er musste seine Familie, seinen Clan, seine Heimat verlassen, das hören wir im Lesejahr A. Und jetzt im Lesejahr C hören wir die Geschichte von diesem seltsamen Opferritus. Sie erfordert eine Erklärung, dass wir sie verstehen.

Was da beschrieben wird, ist eine alte Form eines Vertragsabschlusses, so wie heute für viele Verträge die Schriftform vorgeschrieben ist oder für besonders schwerwiegende Verträge, dass sie von einem Notar beurkundet werden müssen. Die hier beschriebene alte Form bestand darin, dass Tiere geschlachtet und in zwei Teile geteilt wurden und die Vertragspartner dann zwischen den Teilen hindurchgingen, um damit zu sagen: So wie diesen Tieren soll es mir ergehen, wenn ich den Vertrag breche. In dieser feierlichen Form schließt also hier Gott mit Abraham einen Vertrag, einen Bund. Der rauchende Ofen und die lodernde Fackel, die zwischen den Fleischstücken hindurchfuhren, sind das Bild für Gott, der hier als Vertragspartner auftritt. Und was er da zusagt, ist nicht irgendetwas Geistiges, sondern Nachkommen, so zahlreich wie die Sterne am Himmel, und ein Land. Abraham als Vertragspartner verpflichtet sich, ganz auf diese Zusicherung Gottes zu setzen, ganz aus ihr zu leben.

Die erste, so nicht erwartete Konsequenz: Angst und Dunkel

Da ist von etwas Großartigem die Rede, das weit über das hinausgeht, was sonst im Leben eines Menschen, in unserem alltäglichen Leben vorkommt, mit Gott einen Vertrag schließen zu dürfen, und genauso im Evangelium: Jesus erscheint verwandelt, strahlend, im Gespräch mit den großen Gestalten Mose und Elija, etwas, was sich manch einer wünschen würde, es auch einmal zu erleben. Als Abraham jedoch spürte, in was er da hineingerät, heißt es: „Angst und großes Dunkel fielen auf ihn.“ Solche Aussagen möchte mancher am liebsten aus der Bibel heraus­streichen als überholte Vorstellungen von einem angstmachenden Gott, und man möchte dann Jesus dagegenstellen, der uns so nahe sei, so menschlich, ganz einer von uns. Aber auch im heutigen Evangelium geht es anders weiter. Dieser Jesus, der uns sonst so nahe ist, erscheint auf einmal verändert. Und dann: „Während er noch redete, kam eine Wolke und überschattete sie. Sie aber fürchteten sich, als sie in die Wolke hineingerieten.“ Die Wolke ist in der Bibel das Bild für die Gegenwart Gottes, und jetzt geraten sie da hinein, können nicht mehr aus sicherem Abstand das Geschehen bestaunen und kluge Vorschläge machen, sondern werden hinein verwickelt, und dabei wird einem zuerst einmal unheimlich. Jesus hat das nur Dreien zugemutet, und es bleibt an ihre Freiheit gebunden, dass sie sich beiseite nehmen und herausführen lassen, genauso wie Abraham: „In jenen Tagen führte der Herr Abram hinaus“, so begann unsere erste Lesung. Das ist die Voraussetzung, dass er Gott begegnen konnte. Aber uns beiseite nehmen lassen, getrennt werden von den anderen, uns herausführen lassen aus unserem gewohnten Leben, das wollen wir normalerweise nicht, dagegen wehren wir uns. Wir möchten zusammen sein mit unserer Verwandtschaft, mit den Menschen unserer Umgebung, mit unseren Freunden. Der Glaube soll normal erscheinen, und wir als normale Menschen. Wie es Abraham erging, da heißt es: „Angst und großes Dunkel fielen auf Abraham.“ Und den drei Jüngern ging es nicht anders.

Und in was sie da hineingenommen wurden, das Gespräch zwischen Jesus und Mose und Elija, da ging es nicht um Erinnerungen an glanzvolle Zeiten, sondern „sie sprachen von seinem Ende, das sich in Jerusalem erfüllen sollte“. Danach folgen dann die Ankündigungen Jesu, dass er abgelehnt und getötet werden wird. Das war verstörend für die Jünger Jesu. „Sie schwiegen über das, was sie gesehen hatten, und erzählten in jenen Tagen niemand davon.“ Das ist es doch nicht, was sie sich vorgestellt hatten, als sie sich Jesus anschlossen, und auch wir fragen uns: Soll das eine frohe Botschaft sein, wie wir sie von der Kirche erwarten?

Soll das eine frohe Botschaft sein, die uns erwartet?

Zwei Antworten darauf finden wir in der Heiligen Schrift, eine vorläufige bei Matthäus und Markus: Sie schreiben, dass Jesus ihnen verbot, davon zu erzählen, „bis der Menschensohn von den Toten auferstanden sei“. Es ist wirklich nicht zu begreifen, bestätigt Jesus, nicht zu ertragen ohne die Erfahrung von Ostern.

Vielleicht gilt das auch im Hinblick auf die schrecklichen Ereignisse unserer Zeit, wo Christus gleichsam noch einmal gekreuzigt wurde: in den 6 Millionen im letzten Jahr­hundert bei uns ermordeten Menschen seines Volkes oder auch in den vielen, deren Leben in jüngster Zeit zerstört wurde von Menschen, die doch berufen waren, in ihrem Leben die Liebe Gottes gerade zu den Schwächsten zu verkörpern, oder auch in dem aktuellen Gewaltausbruch in Osteuropa, der in gewisser Weise die Gespaltenheit der Kirche widerspiegelt, die sich in Ost und West seit Jahrhunderten mit den Staaten verbündet hat und jetzt machtlos, erschüttert vor den Ereignissen steht. In der Lage zum Versuch einer Friedensinitiative sah sich dagegen der israelische Ministerpräsident, ein gläubiger Jude, der, wie eigens berichtet wurde, für seine Reise nach Moskau das Sabbatgebot übertreten hat, „um Leben zu retten“.

Dass es für Jesus keinen anderen Weg gibt als über die Niederlage, über das Kreuz, dass die Geschichte Gottes mit uns Menschen so verläuft, nicht als Erfolgsgeschichte, ist nicht zu ertragen ohne die Erfahrung von Ostern, die Erfahrung, wie Gott aus der Schuld von Menschen und dem Erschrecken darüber und der Umkehr neue Schritte des Heils schafft. Erst nach Ostern ist es zu ertragen, sagt Jesus in den Evangelien.

Eine zweite Art von Antwort finden wir in dem Psalm, der in der heutigen Textkonstella­tion die Angst Abrahams bei der Begegnung mit Gott in der Nacht beantwortet: „Der Herr ist mein Licht und mein Heil: Vor wem sollte ich mich fürchten?“

Oft sind biblische Texte wie ein Dialog untereinander

Das ist etwas, was wir gerade in den Psalmen häufig finden und was die Theologie gerade in unserer Zeit wieder neu entdeckt hat, dass die Bibel ein Ganzes ist, nur als Ganze zu verstehen. Deshalb können da Aussagen stehen, die für sich genommen nicht unwidersprochen stehenbleiben dürften. Oft korrigiert ein Psalm den vorhergehenden und erst beide zusammen ergeben die gläubige Sicht. Und so hat die Kirche am heutigen Sonntag diesen Psalm neben die Lesung von Abraham gestellt, weil sie darin die notwendige Ergänzung sieht. Es gibt die Erfahrung, dass der Glaubende Angst bekommt vor dem, in das er da hineingerät, wie Abraham und wie die drei Jünger auf dem Berg. Und dann soll er die Worte seiner Brüder und Schwestern im Glauben hören, die Gott ihm zur Seite gestellt hat: „Der Herr ist mein Licht und mein Heil: Vor wem sollte ich mich fürchten?“

Die Umkehr der Angst

 „Dein Angesicht, Herr, will ich suchen“, nicht davor fliehen, nicht mich verstecken wie Adam. „Ich bin gewiss, zu schauen die Güte des Herrn“, nicht seinen Zorn also, so können wir bekennen und einander im Glauben stärken, und zwar „im Land der Lebenden“, nicht erst in einem Jenseits nach dem Tod. Und gleichzeitig könnten es leicht dahingesagte Worte sein, wenn sie nicht auf dem Hintergrund des Ernstes gesprochen wären, den Abraham gespürt hat und der ihn Angst bekommen ließ. Die Bibel ist ein Ganzes, Gotteswort in Menschenwort. Ein Wort, das ein Mensch in der Gemeinde der Glaubenden in all seiner Einseitigkeit spricht und sprechen darf, kann erst zusammen mit dem ergänzenden und korrigierenden Wort eines Mitglaubenden zum Gotteswort werden. Deswegen ist es so unerlässlich, dass wir zusammenkommen zum Gottesdienst, wir und zugleich mit den Glaubenden aller Zeiten seit Abraham; keiner darf mit seinem Beitrag fehlen, und der kommt zu seiner notwendigen Ergänzung durch sein Leben: „Dein Angesicht, Herr, will ich suchen.“ Wir wollen es und können es nur und dürfen es miteinander suchen.

© Dr. Konrad Wierzejewski, Pfarreiengemeinschaft Geltendorf