Theologische Fragen aus biblischen Texten der Liturgie 28

A. Jüdisches und christliches Gottesbild (von Tamás Czopf)
B. Freie Söhne statt Sklaven (von Konrad Wierzejewski)

(Beide Texte beziehen sich auf die Schriftlesungen des 4. Fastensonntags im Lesejahr C: Josua 5,9-12; 2 Korinther 5,17-21; Lukas 15,1-12)

A. Jüdisches und christliches Gottesbild
(von Tamás Czopf)

Es ist eines der schönsten und beliebtesten Gleichnisse Jesu, das vom verlorenen Sohn und dem gütigen Vater. Ein richtiges Drama in vier Szenen mit überraschenden Wendungen, Tief- und Höhepunkten und einem offenen Ende.
Ich möchte heute den Text als eine Beschreibung des jüdischen und christlichen Gottesbildes lesen:

Das auffallende Gottesbild des Gleichnisses

Was tut der Vater und was tut er nicht? Denn daran hängt der Zustand der Welt und der Lauf der Geschichte: Wie handelt Gott und wie handelt er nicht? Schauen wir den Text an:

  1. Als erstes verweigert der Vater dem Sohn nicht die Erbschaft, der Sohn wird nicht enterbt, weil er untreu ist. Auch wenn man den Eindruck haben kann, dass das Bleiben im Vaterhaus angebracht, wünschenswert und richtig gewesen wäre wie im Falle des älteren Sohnes, zahlt der Vater dem Jüngeren seinen Anteil ohne zu zögern aus, sodass der Sohn gerüstet ist für ein eigenes und selbständiges Leben.
  2. Das zweite: Der Vater hält den Sohn nicht zurück. Als der Sohn das Vaterhaus verlassen will, beginnt der Vater nicht, ihm gut zuzureden und er schimpft auch nicht, jedenfalls sagt unser Text nichts dergleichen. Das Aufbrechen scheint berechtigt, oder zumindest keine feindliche und verwerfliche Entscheidung zu sein. Offenbar traut der Vater dem Sohn Gutes zu und lässt ihn ziehen ins Ungewisse, „in ein fernes Land“.
  3. Schmerzlicher ist es, dass der Vater keine Handhabe hat, den Lebenswandel des Sohnes zu beeinflussen. Die Entfernung vom Vaterhaus ist groß und sie wächst; die freien Entscheidungen seines Sohnes kann der Vater nicht ändern. Er lässt den Sohn abrutschen und muss zusehen, denn diesen Eindruck hat man, er sieht zu, wie der Sohn immer tiefer fällt, bis er am absoluten Tiefpunkt ankommt und quasi ein Schwein unter den Schweinen wird. Der Vater schreitet nicht ein.
  4. Und hier wird es sehr spannend, es kommt die Wende. Der Vater kann auch hier nichts tun. Es ist nicht eine Nachricht, ein Bote, ein Angebot des Vaters, was den Jungen bewegt. Immerhin hat der Sohn gute Erinnerungen, er hat einen Begriff vom Vaterhaus. Und der gute Geschmack der Erinnerung daran ist offenbar mehr als das ausgezahlte Erbe, das ihn nicht wirklich retten konnte.
    Dass dann aus dem Gedanken ein Entschluss entsteht, ist auch nicht des Vaters Werk, der Sohn „ging in sich“ – heißt es im Text, ein zweiter Aufbruch also, der den Sohn auf seinem Weg noch tiefer führt, aber nicht mehr ins Verderben, sondern zu einem ganz neuen Start. Wie wenn das Vertrauen des Vaters irgendwie zu wirken beginnen würde. Nach dem Auskosten der Entfernung kommen jetzt auf einmal richtige Gedanken, tiefste Sehnsüchte und die reinigende Reue aus dem Herzen des Sohnes hervor, sogar die richtigen Worte rückt er sich zurecht; und der dritte Aufbruch beginnt – wiederum ohne direktes Zutun des Vaters – zurück ins Vaterhaus, eine Umkehr wortwörtlich.
  5. Jetzt erst – wir sind schon beim fünften Punkt – übernimmt der Vater die Hauptrolle im Geschehen in einer stillen, aber überraschenden, ja überwältigenden Weise: Er sieht den Sohn schon von Weitem, er hat Mitleid, er läuft ihm entgegen, fällt ihm um den Hals und küsst ihn.

Fünf intensive Verben noch vor dem Bekenntnis und der Bitte des Sohnes. Denn sein Aufbrechen und Kommen reichen für den Vater. Und der Ausdruck seiner Freude wird noch weiter gesteigert mit dem besten Gewand, dem Ring, den Sandalen und dem Mastkalb.

Das Tun des Vaters

Bei Lukas bildet dieses Gleichnis den Abschluss einer Dreier-Reihe, davor erzählt er vom verlorenen Schaf und von der verlorenen Drachme. In diesen Fällen wird die Suche nach dem Verlorenen stark betont, die dann umso mehr in die Freude über das Gefundene mündet. In unserem Gleichnis konnte der Vater diese Suche ja nicht richtig betreiben, seine Hände waren durch die „Entfernung“ gebunden. Aber seine Reaktion auf die Heimkehr des Sohnes zeigt, dass in seiner scheinbaren Tatenlosigkeit, da er die Söhne frei lassen muss, eine große Zuversicht und eine noch größere Sehnsucht nach dem Heimkommen des Kindes im Vater stecken.
Was tut der Vater und was tut er nicht? Angesichts so vieler verlorener Söhne und Töchter, vielleicht sogar verlorener Generationen und Völker würden wir uns oft so viel mehr vom Vater wünschen: Eingreifen, Wunder, Boten und Botschaften…
Aber die beeindruckende Ruhe, Freundlichkeit und Zuversicht des Vaters, sein offensichtliches Vertrauen in beide Söhne versichern uns auch so, dass mit Sicherheit reichen wird, was schon gegeben ist: Es gibt das Vaterhaus und das Erbe für jeden; ein Wiederkommen und Wiederaufgenommen-Werden als Sohn und natürlich auch Tochter ist immer möglich; und es ist ständig ein Fest bereit auszubrechen – denn hinter allen Fakten gibt es den Vater, der die tiefe Sehnsucht nach dem Vaterhaus in uns gesenkt hat und aktiv auf die Seinen wartet.

Arbeitssklaven oder neue Söhne

In der ersten Lesung bei Josua ist die Rede vom Einzug der neuen Generation der Israeliten ins gelobte Land, und dass 40 Jahre nach dem Wunder von Pessach, der Herausführung aus Ägypten, zum ersten Mal in einem Paschafest die Erinnerung an dieses Wunder gefeiert wird. Ähnlich wie nach der Ankunft des Sohnes im Vaterhaus ein Fest veranstaltet wird.
Aus den Worten des Josua wird klar, dass jetzt die Wunder der Wüstenzeit aufhören und die Normalität des Landes beginnt, wie es heißt: „Von da an hatten die Israeliten kein Manna mehr, denn sie aßen in jenem Jahr von der Ernte des Landes Kanaan.“ Die nach dem verlorenen Paradies zusammen mit uns Menschen verdammte Erde muss und kann jetzt die Früchte tragen, die zum neuen Leben nötig sind.
Damit wird der Fluch Adams aufgehoben, dass die schwere Arbeit im Schweiße seines Angesichtes wenig Nutzen bringen werde. Die Schöpfung bringt ihren Reichtum hervor, der Boden im Land der Verheißung trägt und ernährt das in Ägypten verlorene, von Gott aber neu erworbene Volk, das seine Freiheit, nur dem einen Herrn und Vater zu dienen, in der Wüste gelernt hat.
Ägypten braucht und schafft Arbeitssklaven, Gott braucht hingegen freie Söhne.
Es gibt in der Tat ein noch größeres Wunder als das Manna vom Himmel, nämlich die Freiheit von Ägypten, die Versöhnung mit Gott und miteinander, die Aufnahme in das Vaterhaus, das Wunder, das Paulus als „neue Schöpfung“ und „Versöhnung mit Gott“ bezeichnet.

Der gleiche Tisch, damals und heute

Josua und Jesus tragen den gleichen Namen: „Gott hilft“. Auch daran wird deutlich, dass der Tisch bei Gilgal im gelobten Land mit dessen ersten Früchten und der Tisch im Vaterhaus mit dem nicht zu erwartenden Fest die gleichen sind. Und derselbe Tisch ist auch unser Alter mit der Eucharistie: wo die Sammlung von meistens Nicht-Helden, Älteren und Jüngeren, Töchtern und Söhnen zum Fest der Freiheit, des neuen Lebens und der Umkehr geschieht.

© Dr. Tamás Czopf, Pfarreiengemeinschaft Starnberg

B. Freie Söhne statt Sklaven
(von Konrad Wierzejewski)

Die Szene, von der da in dem kleinen Ausschnitt aus dem Buch Josua die Rede ist, ist eigentlich ein Höhepunkt in der Geschichte des Volkes Israel. Nach dem langen Zug durch die Wüste sind sie am Jordan, an der Grenze zu dem verheißenen Land an­gekommen. Das Wunder wie am Schilfmeer hat sich wiederholt, sie sind durch den Jordan in das Land eingezogen, und Gott erklärt: „Heute habe ich die ägyptische Schande von euch abgewälzt“, die Schande, dass das Volk Gottes, das keinen anderen Herrn über sich kennen sollte, in Ägypten unter fremder Herrschaft, in Sklaverei leben musste.

Das Buch Josua: Kein weiteres Buch der Tora

Die Glaubenden Israels, die die Bibel zusammengestellt haben, haben diese Geschichte und das ganze Buch Josua nicht in die Tora, die Gründungsurkunde des Gottesvolkes, aufge­nommen. Die Tora endet mit dem Tod des Mose, vor dem Einzug in das Land. Warum? Es ist eine sehr kritische Sicht des Volkes Israel auf seine eigene Geschichte, die da zum Aus­druck kommt. Als die Tora zusammengestellt wurde, das war nach dem Exil in Babylon. Da konnte man schon darauf zurückblicken, wie die Geschichte in dem gelobten Land weiter gegangen war. Das Volk war der Sozi­al­ordnung Gottes, die seine Stärke hätte sein sollen, nicht treu geblieben. Jerusalem war erobert und zerstört worden, das Volk war nach Babylon verschleppt worden und musste wieder unter der Herrschaft einer gottlosen Großmacht leben. Wie schaut man jetzt auf eine solche Geschichte? Den Einzug in das Land unter Josua als endgültigen Erfolg der Heilsgeschichte zu erzählen, ist nicht mehr möglich.

Wir brauchen nicht überheblich oder mitleidig auf die Irrwege des Volkes Israel herab­schauen. Haben wir uns nicht von neuem weit entfernt von einem Leben nach den Gesetzen Gottes und der Kirche, wollen, wie damals das Volk Israel, leben „wie die übrigen Völker“, haben Bündnisse mit dem Staat gesucht und sind wieder hineinge­raten in den Strudel der Machtpolitik der Großmächte, einen Strudel der Gewalt, aus dem wir uns nicht mehr befreien können?

Gottes Experiment gescheitert ?

Gott hat die Schande von seinem Volk abgewälzt. Und wir gefallen uns darin, uns von neuem darin zu wälzen. Muss man da nicht sagen: Das Experiment der Geschichte Gottes mit seinem Volk ist gescheitert; die Verheißungen haben sich als trügerisch, die großen Er­wartungen als Illusion erwiesen? Die Bibel gibt da keine schnelle Antwort. Im Exil in Babylon konnte das gläubige Volk noch einmal ganz neu Gott kennenlernen wie einen Liebhaber, der nicht aufhört zu werben um seine Braut, die ihm ständig untreu wird. So beschreiben ihn dann die großen Propheten. Gott findet sich nicht damit ab, dass sein Volk verloren ist, dass das Elend in den Gemeinden wächst und die Not und Gewalt in den Beziehungen der Menschen, zwischen den Völkern immer weiter zu­nimmt.

So lud Jesus gerade Sünder ein und sammelte sie um sich. Die frommen Pharisäer und die Schriftgelehrten nahmen Anstoß daran. Diese Pharisäer waren keine schlechten Leute, sondern engagierte Gläubige, die auch das Reich Gottes gesucht und versucht haben, die Gebote zu erfüllen. Aber jetzt kommt Jesus und fragt gar nicht danach, was einer getan hat, sondern nur danach, ob er jetzt mit­geht, sich heute dieser Sammlung anschließt. Da haben sich diese Frommen gefragt: Wenn die Nähe Gottes jetzt so herein­bricht, dass man nur umkehren muss und heim­kehren zum Vater und am Tisch Gottes sitzt, was hat dann all unsere An­strengung für einen Wert gehabt? Ist unsere Treue in all den Jahren umsonst gewesen? Ihnen erzählt Jesus das Gleichnis von dem Vater mit seinen zwei Söhnen.

Gibt es das: Freie Söhne – im Hause des Vaters?

Freie Söhne im Haus des Vaters hätte der Vater sich gewünscht. Der eine von ihnen nimmt sich die ganze Freiheit. Er lässt sich das Erbe ausbezahlen, damit er frei damit handeln kann. Er „zog in ein fernes Land“, heißt es; das war eine Chiffre für Ägypten, den Inbegriff der glitzernden Kultur und der Macht, aber auch der Unfreiheit, aus der Israel einmal ausgezogen ist. Der dorthin zieht, versklavt sich an die Zwänge des Lebens, das er sucht. Und der andere Sohn lebt ebenfalls nicht als freier Sohn im Haus des Vaters, äußerlich schon, aber in der Konfrontation mit seinem zu­rück­kehrenden Bruder bricht es aus ihm heraus: „So viele Jahre schon diene ich dir, und nie habe ich gegen deinen Willen gehandelt.“ Er beschreibt sein Leben mit Be­griffen der Unfreiheit, der Sklaverei. Er hat die Freiheit, die er ihm Haus des Vaters hatte, innerlich nicht angenommen. Beide sind im Hinblick auf das, was der Vater sich wünschte, verlorene Söhne.

Wie hören wir das Gleichnis, wenn es uns heute die Kirche vorstellt an diesem vierten Sonntag der Vorbereitung auf Ostern? Es gibt heute das Wort von der verlorenen Gene­ration. Da sind die Vielen, die die große Freiheit suchen, ausziehen aus der Kirche und sich versklaven an die Leitbilder und Zwänge ihres selbstgewählten Lebens, und andere, die ihr Leben in der Kirche nur in Begriffen von Herrschaft und Unterordnung, Gehorsam und Auflehnung beschreiben. Freie Söhne und Töchter?

Niederschwellige Lösungen?

Um denen, die sich entfernt haben, einen Weg zurück zu ermöglichen, schlagen viele vor, die Kirche müsse niederschwellige Angebote für sie bereithalten. Niederschwellig ist jedenfalls das, was den beiden Söhnen vorschwebt: dem einen, der sich überlegt: „Ich will zu meinem Vater sagen: Ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein.“ Lass mich einfach Arbeitnehmer bei dir sein. Und dem anderen, dem jedenfalls das Mastkalb zu viel Festlichkeit ist. Der Vater handelt ganz anders. Er lässt es zu dem niederschwelligen Angebot gar nicht erst kommen, sondern er kommt seinem Sohn zuvor mit einem Fest auf höchstem Niveau: „Holt schnell das beste Gewand und zieht es ihm an, steckt ihm einen Ring an die Hand und zieht ihm Schuhe an. Bringt das Mastkalb her und schlachtet es.“

Ob das gemeinsame Fest mit beiden Brüdern zustande kommt, bleibt im Evangelium offen. Die Antwort konnte erst nach Ostern gegeben werden. Paulus gibt sie mit starken Worten: „eine neue Schöpfung, das Alte ist vergangen, Neues ist geworden“. Die Erfahrung der ganzen Heilsgeschichte sagt ihm: eine Wiederher­stellung des Alten, Verloren­gegangenen ist nicht möglich. Auch Appelle an den guten Willen nützen nichts. Er sagt auch nicht: Versöhnt euch doch wieder! Das wäre illusorisch; das können wir auch sehen, wenn wir die Lage der Kirche hier bei uns anschauen – aussichtslos nach menschlichem Ermessen. Paulus sagt: „Gott war es, der in Christus die Welt mit sich versöhnt hat. … Lasst euch mit Gott ver­söhnen!“ Und Jesus erzählt von dem Vater, der seinen beiden Söhnen entgegenläuft und sie einlädt zu einem Fest, für das er alles einsetzt.

Eine neue Schöpfung?

Israel hat im Blick auf die reale Geschichte Jerusalems, auf seinen Untergang gesagt: Mit dem Einzug ins Land unter Josua war die Ge­schichte Gottes mit seinem Volk noch nicht geglückt. Auch als die Kirche aus einer verfolgten Minderheit zur Staatsreligion des römischen Reiches wurde, war damit das weltweite messianische Friedensreich nicht gekommen. Nur im Blick auf die Ge­schichte des Todes und der Auferstehung Jesu und der Neusammlung seiner Jünger nach Ostern kann Paulus sagen: „Gott war es, der in Christus die Welt mit sich ver­söhnt hat.“ Ob wir uns dieser Sammlung anschließen, das ist die einzig entscheidende und für jeden immer neu offene Frage.
Die Frage nach Ostern 2022 in unseren Pfarreien­gemeinschaften ist nicht eine Frage von Terminplanungen. Das Alte ist ver­gangen und lässt sich nicht wieder­her­stellen. Glaube an die Auferstehung von den Toten im Jahre 2022 heißt glauben, dass von Gott her Neues wird, so neu wie eine neue Schöpfung. Es ist die Frage nach der Neusammlung seiner Gemeinden, die nur von ihm her möglich wird, aber nicht ohne unser Zutun. Paulus sagt zweimal: „Wir sind also Gesandte an Christi statt, und Gott ist es, der durch uns mahnt. Wir bitten an Christi statt: Lasst euch mit Gott versöhnen!“

So wollen wir diesen Auftrag entgegennehmen, in Freiheit und großer Zuversicht, weil Gott schon gehandelt hat, und auf ein Osterfest zugehen, das nicht unsere hilflosen Bemühungen zum Leuchten bringt, sondern das, was Gott in seiner Kirche an Neuem schafft.

© Dr. Konrad Wierzejewski, Pfarreiengemeinschaft Geltendorf