Theologische Fragen aus biblischen Texten der Liturgie 29

Gedanken zum Palmsonntag
(von Tamás Czopf und Konrad Wierzejewski)

Begrüßung. Das Fest im Heute

Wir versammeln uns zu Beginn der Karwoche und beginnen den zweiwöchigen Höhepunkt der 90-tägigen Festzeit von Aschermittwoch bis Pfingsten.
Zum einen sind wir dankbar, dass wir den Einschränkungen wegen der Pandemie einigermaßen entkommen sind. Zugleich sind wir besorgt, ratlos und traurig, weil die noch grausamere Bedrohung des Krieges unweit von uns ihr Unwesen treibt.

Die Liturgie des heutigen Tages mit den Texten des Evangelisten Lukas bildet zwei Prozessionen, zwei Wege Jesu nach: den Einzug Jesu in die Stadt Jerusalem, während die Menschen ihn bejubeln, und seinen Auszug aus der Stadt mit dem Kreuz auf dem Rücken, während die Frauen ihn beweinen.
Wir werden beide Wege mitgehen, denn sie gehören zusammen: die Freude und der Jubel über den Retter, der kommt; und das Weinen über den hohen Preis der Rettung wegen unserer Blindheit, den der Messias bezahlen musste.

Durch das Mitgehen wollen wir besser verstehen, wie wir zum wahren Leben kommen können.
Wir sind jetzt, etwas abseits von der Kirche noch, gleichsam auf dem Ölberg und ziehen hinunter und hinein in die Stadt Jerusalem, die unsere Kirche St. Ulrich darstellt.
(T. Czopf)

Gedanken zur Karwoche

Mit dem heutigen Tag treten wir mit der ganzen Kirche in die Heilige Woche ein, die uns hinführen soll zum Osterfest.
In der Liturgie dieser Heiligen Woche spielt die Kirche wie in einem Theaterstück alles nach, was damals vor 2000 Jahren in Jerusalem geschehen ist: den Einzug in die Stadt unter dem Jubel der Leute; das letzte Abendmahl mit den Jüngern am Gründonnerstag, den Tod Jesu am Kreuz am Karfreitag, dann die große Stille am Karsamstag, dem einzigen Tag im Jahr, wo in der ganzen Kirche kein Gottesdienst stattfindet; und dann die Osternacht, das Staunen und die Freude über das neue Licht, die Auferstehung.

Aber es ist für die Kirche, für uns viel mehr als ein Theaterspiel, viel mehr als bloß eine Wiederholung, Jahr für Jahr, wo man jedes Jahr vielleicht ein wenig mehr versteht. Es ist unsere Geschichte, wie sie heute geschieht, die wir begehen. Sicher, unser Ort, unsere Pfarrei, ist nicht die Hauptstadt wie Jerusalem, es fließt bei uns auch nicht direkt Blut und auch kein Stein wird weggerollt, oder vielleicht doch. Und doch passiert es heute, dass wir Gott zujubeln und im nächsten Moment seinen Boten aus dem Weg räumen wollen, dass wir mit Jesus am Tisch sitzen und dass wir ihn nicht verstehen, dass wir ihn verraten, ihn mit falschen Anschuldigungen fertig machen wollen, dass wir ganz bestimmt sind von der Sorge um unsere Pläne des eigenen Lebens.
Aber auch das soll an diesem Osterfest geschehen, dass er plötzlich lebendig unter uns ist und uns neu sammelt, dass wir ihn als Messias und Retter erkennen, dass wir uns versöhnen und die Freude am Leben mit ihm wiedergewinnen.

Auch dafür stehen die Palmbuschen in unseren Händen. Am Aschermittwoch, wenn die Zeit der Vorbereitung auf Ostern beginnt, wird die Asche gesegnet, die aus den Palmbuschen vom Vorjahr gewonnen wird. Alles Leben, jede Begeisterung wird schnell zu Asche. Mit dieser Einsicht, dieser Asche beginnt für jeden von uns die Umkehr. Gott schafft daraus Neues. Sollte man nicht auch sagen können, diese Zweige heute in unseren Händen sind aus der Asche vom Aschermittwoch gewachsen: Sie sind Zeichen für ein neues Leben, das ausgehend vom Aschermittwoch in diesen harten 40 Tagen der Umkehr gewachsen ist?
(K. Wierzejewski)

Einführung zur Segnung der Palmzweige

In diesem Lesejahr C lesen wir aus dem Evangelium nach Lukas, der spezielle Schwerpunkte setzt. Beim Einzug in Jerusalem nach Lukas sind es nicht einfach die Leute, die mitlaufen, die Jesus zujubeln, sondern „die Schar der Jünger begann … Gott zu loben wegen all der Machttaten, die sie gesehen hatten.“ Das heißt, was hier geschieht, können nur die begreifen, die Jesus nachgefolgt sind und die das gesehen haben, was Gott durch Jesus getan hatte. „Sie riefen: Gesegnet sei der König, der kommt im Namen des Herrn. Im Himmel Friede und Ehre in der Höhe!“ Sie wiederholen die Proklamation des Friedens durch die Engel bei der Geburt Jesu, eines Friedens, der sich unterscheidet von den vergeblichen Friedensversuchen unter den Völkern, die auf Gewalt und Androhung von Gegengewalt beruhen. Der Friede, den Jesus bringt, muss, kann nur bei denen beginnen, die sich in Freiheit darauf einlassen als seine Jünger. Deshalb kommt es auf sie so an.

Wie die Geschichte damals im Einzelnen abgelaufen war, lässt sich nicht mehr genau rekonstruieren, aber es scheint so, dass damals Leute aus Galiläa, der aufständischen Provinz, die Ankunft Jesu in Jerusalem als triumphalen Einzug als Messias-König inszenieren wollten. Und da hat Jesus ihnen einen kleinen Strich durch die Rechnung gemacht, eine Korrektur angebracht, indem er den Esel als Reittier gewählt hat. Der Jubel könnte uns nämlich in die Irre führen: Der Esel war genau nicht ein triumphales Sieges-Pferd, er war das Arbeitstier der armen Leute.

Dabei hatten sicher er und alle, die dabei waren, die Worte des Propheten Sacharja im Ohr: Juble laut, Tochter Zion! Jauchze, Tochter Jerusalem! Siehe, dein König kommt zu dir. … Demütig ist er und reitet auf einem Esel. Ausmerzen werde ich die Streitwagen aus Efraim und die Rosse aus Jerusalem  …. Er wird den Nationen Frieden verkünden.“

Zurück zum Evangelium: „Die Schar der Jünger begann … Gott zu loben“ heißt es bei Lukas. Umso erschütternder ist dann der Kontrast, wenn wir unmittelbar darauf hören werden, wie sie noch am letzten Abend darüber streiten, „wer von ihnen wohl der Größte sei“ – gerade so, wie es bei den Völkern ist. „Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern der Größte unter euch soll werden wie der Jüngste und der Führende soll werden wie der Dienende“, lehrt Jesus ein letztes Mal seine Jünger. Und dann das erschütternde Wort an Petrus: „Ich habe für dich gebetet, dass dein Glaube nicht erlischt. Und wenn du wieder umgekehrt bist, dann stärke deine Brüder!“ Jesus ist am Ende; er merkt, er kann mit Worten nichts mehr ausrichten. Es bleibt ihm nur noch zu sagen: „… wenn du wieder umgekehrt bist, … “. Jesus ist am Ende, nicht wegen der Übermacht der Römer, nicht wegen des Widerstands der Tempelobrigkeit; er ist am Ende mit seinen Jüngern, mit den Zwölfen.

Und zu seinen Jüngern möchten wir uns doch auch gerne zählen, vielleicht sogar mit Petrus antworten: „Herr, ich bin bereit, mit dir sogar ins Gefängnis und in den Tod zu gehen“, und müssen das Wort hören, das sich kurz darauf bestätigte: „Ich sage dir, Petrus, ehe heute der Hahn kräht, wirst du dreimal leugnen, mich zu kennen.“
(K. Wierzejewski)

Einführung in die Passionsgeschichte

In der Erzählung der Passion stimmen alle vier Evangelien überein. Dennoch schildern alle vier Evangelisten dasselbe mit unterschiedlichen Betonungen. Dieses Jahr hören wir am Palmsonntag die Lukaspassion. Lukas, der von den Evangelisten am meisten die dramatische Erzählkunst beherrscht, setzt einige Schwerpunkte anders als seine Kollegen:

1. Er betont die politische Natur der Anklage gegen Jesus als Volksverführer.
– Die politischen Autoritäten (Herodes und Pilatus) finden Jesus unschuldig, die religiösen aber schuldig; Pilatus bezeugt gleich dreimal die Unschuld Jesu.
2. Der lukanische Jesus hat außerdem großes Verständnis für die Schwäche des Menschen:
– Der Schlaf der Jünger im Ölgarten wird damit entschuldigt, dass sie „vor Kummer“ erschöpft waren.
– Der verräterische Kuss des Judas kommt gar nicht zustande, da Jesus ihm zuvorkommt.
– Die Flucht der Jünger wird nicht erwähnt.
– Die dreimalige Verleugnung des Petrus mündet darin, dass Jesus sich umdreht und Petrus anblickt, was Petrus zur Einsicht und Umkehr führt.
3. Und vielleicht das Bewegendste: Der lukanische Jesus wirkt noch auf seinem letzten Weg, in der Todesnot bis zu seinem letzten Atemzug als Retter und als Liebender:
– Er heilt das von Petrus abgeschnittene Ohr des Dieners bei der Gefangennahme.
– Durch seine Nähe bekehrt sich einer der mitgekreuzigten Schächer.
– Jesus betet um Vergebung für seine Kreuziger.

– Und der unerwartbare Durchbruch: Jesu Tod dreht die einhellige Ablehnung, die der Anblick des Gekreuzigten ausgelöst hat, in Betroffenheit und Anerkennung um. Als einer, der mit seinem Leiden versöhnt ist, kann Jesus als Leidender versöhnen: Die Spottreden unter dem Kreuz wenden sich in Rettung durch Jesus: die „führenden Männer des Volkes“, die Soldaten und einer der Mitgekreuzigten verhöhnen ihn.

Aber als Jesus stirbt, werden diese negativen Reaktionen durch positive aufgebrochen:
– Der römische Hauptmann bekennt: „Wahrlich, dieser Mensch war gerecht.“ (Lk 23,47)
– Von den Zuschauern wird gesagt: „Als sie sahen, was geschehen war, schlugen sie sich an die Brust und kehrten zurück.“ (Lk 23,48)
– Und alle „Bekannte“ Jesu mit „den Frauen“ stehen in der Nähe und sehen zu, wie das alles geschieht.
In dieser Umdrehung und Verwandlung liegt das Geheimnis von Golgotha, das bis heute wirkt. Jetzt geschieht genau das, was der alte Simeon in Jerusalem dem neugeborenen Jesus und seiner Mutter prophezeit hat (Lk 2,34f.): „Siehe, dieser ist dazu bestimmt, dass in Israel viele zu Fall kommen und aufgerichtet werden, und er wird ein Zeichen sein, dem widersprochen wird… So sollen die Gedanken vieler Herzen offenbar werden.“

Wir möchten jetzt die angemessenen und richtigen Gedanken in unser Herz aufnehmen, damit das Wunder heute geschieht, das Gott durch den Glauben Abrahams in die Welt eingepflanzt und durch den Propheten Jesaja ausgesprochen hat: „der Gerechte macht die Vielen gerecht.“ (Jes 53,11)                                  
(T. Czopf)

Gedanken zur Liturgie der Karwoche im Lesejahr C, 10. April 2022,
 in den Pfarreiengemeinschaften Starnberg und Geltendorf,
© Dr. Tamás Czopf, © Dr. Konrad Wierzejewski