Theologische Fragen aus biblischen Texten der Liturgie 30

A. Wie feiert man diesen Tag, diesen Gründonnerstag? (Konrad Wierzejewski)
B. Genau hinsehen: Die Fußwaschung und ihr Zusammenhang mit der konkreten Situation – Gedanken zum Gründonnerstag nach dem Evangelium des Johannes (Tamás Czopf)

(Die Texte beziehen sich auf die Lesungen des Gründonnerstags im Lesejahr C: Exodus 12,1-14 (gekürzt);
1. Korintherbrief 11,23-26; Johannes 13,1-15)

A. Wie feiert man diesen Tag, diesen Gründonnerstag? (Konrad Wierzejewski)

Von Israel haben wir gehört: „Diesen Tag sollt ihr als Gedenktag begehen. Für die kommenden Gene­rationen macht euch diese Feier zur festen Regel!“ Als ich hier mit den Überlegungen begann, unsere Oberministrantin fragte, wie die örtlichen Traditionen sind, erfuhr ich: Grün­donnerstag wurde hier schon länger nicht mehr gefeiert; eine Regel, wie er hier gefeiert wird, ist kaum noch bekannt.
Für das Pascha­mahl hieß in Israel die feste Regel, in Hausgemeinschaften ein Mahl zu feiern, bei dem jeder, der daran teilnimmt, dasselbe essen sollte wie damals die kleine Gruppe Fronarbeiter in Ägypten vor ihrer Flucht, mit denselben Fragen im Herzen, in derselben Hast, damit jeder sinnenfällig fühlt: Auch ich bin herausgerettet worden aus der Sklaverei. So durften sich die Juden Jahr um Jahr an diese Tat Gottes erinnern, an die Rettung, an die lebens­not­wendige Solidarität untereinander in der Wüste, an den Ausgleich zwischen Arm und Reich, um gemeinsam der Not zu entkommen.

Die Gefährdung des Paschafestes gerade unter uns Christen

Aber dem Paschafest erging es nicht anders als anderen Festen. Es war allmählich zum Kult, zum schönen Erinnerungsfest verkommen. Die Solidarität der Wüste, das Wissen, ganz aufeinander angewiesen zu sein, um als Volk aus Freien in Frieden zu leben, dies war weitgehend verloren gegangen. Jede Familie feierte für sich, lud den einen oder anderen Armen ein; so eine gute Tat zu Ostern, das gibt ein gutes Gefühl. Das Paschafest kam und ging, aber alles blieb beim Alten. Das war der Zustand, den Jesus vorfand, auch in Jerusalem.

Jesus feierte das Paschamahl, aber er feierte es nicht wie üblich im vertrauten Kreis der Familie, sondern mit seinen Jüngern, einer explosiven Mischung. Dabei war einer, der von den Zeloten kam, heute würde man mit dem arabischen Fremdwort sagen „Dschihadisten“, es ist der gleiche Begriff, eine Gruppe, die es als heilige Pflicht ansah, mit blutigen Terroranschlägen die römische Besatzungs­macht aus dem Land zu vertreiben. Und daneben saß Matthäus, der als Zöllner mit der Besatzungs­macht zusammengearbeitet hatte, und noch zehn andere nicht weniger gegen­sätzliche Naturen. Es ist nicht so, dass das Jesus da erst, in der letzten Stunde, klar wurde. Er hatte Zeit, seine Leute kennenzulernen. Das umstürzend Neue, das Jesus mit diesen Zwölfen am Tisch sagen will, ist, dass jeder an diesem Tisch Platz nehmen kann, dass niemand zu gegensätzlich, zu schlecht, zu belastet mit seiner Geschichte ist, um an dieser Sache teilzu­haben.

Jesus hat mit diesen Jüngern gerechnet, hat diese gerufen, sie waren gefolgt. Die Kirche kommt durch den Mut Jesu zustande, Zwölf auszuwählen und mit ihnen das Paschamahl zu feiern. Die Frage, die die Kirche immer bewegt hat und bis heute spannend ist, ist, wie es Jesus gemacht hat, aus diesem explosiven Gemisch von einander fremden, ja gegensätzlichen Personen, „die Zwölf“ zu machen, das Fundament eines erneuerten Gottesvolkes.

Die Deutung dieses Mahles durch Jesu

Vor diesem Mahl schien es gescheitert. Lukas berichtet, wir haben es am Palm­sonntag gehört: „Es entstand unter ihnen ein Streit darüber, wer von ihnen wohl der Größte sei“,und Jesus konnte zu Petrus nur noch sagen: „Wenn du umgekehrt sein wirst, dann stärke deine Brüder.“ Und so ist es geblieben bis heute: Machtkämpfe bestimmen unser Denken. Jesus wusste, dass er dagegen sein Leben in die Waag­schale werfen musste, und so fügte er zu den Deuteworten, die beim Paschamahl zu den einzelnen Speisen gesprochen wurden, eine neue Deutung hinzu, indem er sagte: „Dieses Brot ist mein Leib, der für euch hingegeben wird.“ Dann nahm er den Becher und sagte: „Das ist mein Blut, das für euch und die Vielen vergossen wird.“ So erzählen es die ersten drei Evangelisten.

Zwanzig Jahre später schrieb Johannes sein Evangelium. Damals war diese Geschichte in den christlichen Gemeinden gut bekannt, auch die Anweisung: „Tut dies zu meinem Gedächtnis.“ Aber Johannes muss gesehen haben, dass es auch diesem Gedächtnis dabei war zu ergehen, wie es allen solchen Gedenken ergeht: Es wurde zum Kult, mit großer Ehrfurcht jede Woche begangen, aber das umstürzend Neue, was Jesus damit wollte, ging verloren. Deshalb erzählt Johannes anstelle der Erzählung von dem Mahl nur diese andere Begebenheit, dass Jesus vor dem Mahl seinen Jüngern die Füße gewaschen hat, ein Sklavendienst in der damaligen Kultur.

Johannes sah, dass liturgische Feiern mit noch so viel Ehrfurchtsbezeugungen nichts nützen ohne Früchte im Leben der Gläubigen, ohne eine Veränderung in ihrem Zusammenleben. Die Frucht der Erlösung ist eine Veränderung unseres Zusammen­lebens. Statt bestimmt zu sein von der Frage eines jeden nach seiner eigenen Stellung – ob ich gebührend zur Geltung komme und nicht ein anderer, eine andere Gemeinde mehr gilt, der Frage, die das Normale unter Menschen ist und auch das Normale unter den Jüngern Jesu war und ebenso unter uns ist – wird uns eine andere Art des Umgangs mit­einander vorgelegt: nach dem Vorbild Christi einander zu dienen.

Die Grenze des liturgischen Erlebens

Daran festzuhalten ist viel schwieriger, als an dem Ritus eines Mahles festzuhalten mit exakt den Deuteworten, die Jesus gesprochen hat. Man spürt es an all den mehr oder weniger hilflosen Versuchen. Diesen Sklavendienst der Fußwaschung gibt es in unserer Kultur nicht mehr. Deshalb wird dieses Zeichen an vielen Orten einfach weg­ge­lassen. Es ist auch kein liturgisches Schauspiel. Wenn Johannes die Erzählung von dem Ge­dächtnismahl ganz weglässt und ersetzt durch den Bericht von diesem gänzlich unliturgischen Dienst, dann drückt sich darin aus, dass da jede Liturgie an ein Ende gekommen ist. Die Aufforderung Jesu, „Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe“, ist nicht mehr durch einen Ritus zu erfüllen. So ist es fast das stärkere Zeichen in der Gründonnerstags­feier, sozusagen das letzte Wort, dass am Ende alle Kultgeräte, jeder Schmuck von den Altären abgeräumt werden.

Papst Franziskus sagte einmal in einem Interview über den Dienst der Laien in der Kirche: „Ihre Klerikalisierung ist ein Problem. Die Priester klerikalisieren die Laien, und die Laien bitten uns, klerikalisiert zu werden … Eine sündige Komplizenschaft.“ Vor einigen Jahren kam ich ins Gespräch mit Eltern eines Kindes, das zur Erstkommunion gegangen war, aber nicht Ministrant sein möchte; es möchte nicht hier vorne stehen. Vielleicht war es genau dieses Unbehagen an so einer Klerikalisierung, was dieses Kind  spürte. Es ist gut, dass es das auch gibt. Unsere Ministranten sind ein großer Schatz unserer Gemeinde, aber es werden dramatisch weniger. Für die heutige Feier haben wir nur zwei. An einem Ort unserer Pfarreiengemeinschaft haben sich jetzt alle verab­schiedet; eine gewaltige Anfrage an uns, die uns aber auch daran erinnern kann, dass der Dienst in der Liturgie nicht alles ist. Der Gründonnerstag mit seinem Evangelium von der Fuß­waschung könnte sogar das Fest derer sein, die keinen liturgischen Dienst tun, sondern nur den nüchternen Dienst aneinander im Alltag.

Der Gründonnerstag erinnert uns mit dem Verstummen der Glocken und der Orgel, dem Übergang in den Ernst der Passion, an den Preis, den Jesus dafür gezahlt hat, dass es das Sakrament gibt als eine reale Verwandlung unserer zu einem Leib zusammen­gefügten Leben. So wollen wir das Gedächtnis begehen, das Jesus uns aufgetragen hat, in der Feier hier in der Kirche und dann, wenn wir aus der Kirche hinausgehen, mit nicht weniger Ehrfurcht vor dem neuen Leben füreinander, zu dem er uns durch den Einsatz seines Lebens befreit hat.

© Dr. Konrad Wierzejewski, Pfarrei St. Ulrich Eresing in der PG Geltendorf

B. Genau hinsehen: Die Fußwaschung und ihr Zusammenhang mit der konkreten Situation – Gedanken zum Gründonnerstag nach dem Evangelium des Johannes (Tamás Czopf)

Die Fußwaschung ist als Handlung in sich schon erstaunlich, umso erstaunlicher ist sie, wenn sie vom menschgewordenen Sohn Gottes vollzogen wird. Das eigentliche Gewicht dieses Zeichens liegt jedoch in dem Augenblick, dem Zeitpunkt, an dem es passiert.
Die Fußwaschung ereignet sich in einem dreifachen Zusammenhang:
1. im Umfeld des jüdischen Osterfestes,
2. unmittelbar vor dem Verrat des Judas,
3. und kurz vor dem Leiden und Sterben Jesu.
Gehen wir diese Rahmenbedingungen der Reihe nach durch:

1. Bei Johannes findet das letzte Mahl Jesu, der heutige Abend, einen Tag vor dem Pessach-Fest statt. D.h. am morgigen Karfreitag Abend essen die Jünger ihr Paschamahl allein, während Jesus tot im frischen Grab liegt. Aber die Nähe des Festes beim letzten Mahl ist auch bei Johannes wichtig; sie ist nicht bloß ein zeitlicher Zusammenfall, sondern zeigt eine tiefe theologische Verbindung.
Die junge Kirche hat in der Osternacht, in der Israel aus Ägypten durch das Rote Meer gerettet wurde, ein Vorbild der Taufe gesehen. Auch wir werden – wie unsere Väter und Mütter – durch Wasser gerettet; wir müssen ins Wasser hineinsteigen, darin untergehen und als neue Menschen neu auftauchen: als aus der Sklaverei in die Freiheit der Kinder Gottes Gerettete.
Auch die Fußwaschung ist ein Wasserbad und so auch ein Zeichen des Sterbens und neuen Lebens: Jesus bückt sich und verlässt die Autorität des Meisters und Lehrers. Wie wenn hier in umgekehrter Richtung dasselbe Wunder von Ostern geschehen würde: Der Gang durch das Wasser der Fußwaschung führt nicht aus der Sklaverei in die Freiheit, sondern aus einer trügerischen Freiheit in die einzig heilsame Knecht-schaft: in den Dienst am Nächsten.
Das ist auch die eigentliche Stoßrichtung der Eucharistie: eine Communio, eine Gemeinschaft zu bilden, wo es zwischen den Nachfolgern Jesu keine Über- und Unterordnung gibt. Das Streben gilt statt nach oben, wie wir es von Natur aus kennen, nach unten. Herr und Meister zu sein, ist nicht mehr Herrschaft, sondern Dienen; der Tod der natürlichen Bestrebung des Ich für das Du.

2. Der zweite Zusammenhang ist ähnlich gewichtig und hängt mit dem ersten zusammen: Jesus wäscht auch die Füße des Judas, von dem er weiß, dass er ihn verraten wird. Man hat den Eindruck, dass Jesus bewusst nicht wartet, bis Judas hinausgeht, sondern will, dass auch er dieses letzte Zeichen der Hinwendung mitbekommt – keine Rede von Entsetzen, Vorwurf oder Verachtung ihm gegenüber. Jesus ist in seiner Haltung erschreckend konsequent. Und gerade jetzt, in der Extremsituation fühlt sich seine Folgerichtigkeit besonders radikal an. Auch Judas gegenüber verlässt ihn weder die Ruhe noch die sichere Zuversicht, dass alles nach dem Plan des Vaters läuft und gut ist, weil es so zum Ziel, zur Vollendung führt.
Das heißt, der Dienst der Fußwaschung hat keine Schutz-Einschränkung: schon einander lieben, aber nur bis zu dem Punkt, wo einer zerstörerisch oder mörderisch ist. Man hält den Atem an, aber Jesus scheint keine Abmilderung der Hingabe gelten zu lassen. Auch und gerade, wenn dieser Kreis ein sehr enger Kreis der Zwölf ist und nicht alle Menschen umfasst, gilt die uneingeschränkte Liebe Jesu allen. Im Umfeld Jesu wird so der letzte Rest der stolzen Distanzierung und auch der Angst um sich selbst getötet.

3. Und schließlich steht die Fußwaschung als Jesu letztes Zeichen vor seinem Tod in unmittelbarer Verbindung damit. Eingeleitet wird sie mit dem Satz: „Jesus wusste, dass ihm der Vater alles in die Hand gegeben hatte…“ Demnach besitzt Jesus jetzt alles, was Gott in der Welt an Macht braucht, und er scheint in diesem Augenblick seine wertvollste Karte auszuspielen. Wir würden uns da wünschen und hoffen, dass diese Karte eine entwaffnende, überwältigende Macht-Tat wäre, eine Explosion von göttlicher Macht, womit Jesus die Dunkelheit von Fehlurteil, Folter, Leid und Tod und auch der Schuld verhindern könnte. Der heutige Abend zeigt aber allzu deutlich: Wir müssen uns immer wieder neu damit befreunden, dass Jesu größtes Zeichen, am Höhepunkt seines Wirkens, das Waschen der Füße seiner Jünger ist. Darin nimmt er seine volle göttliche Macht in Anspruch.
Bei Lukas sagt Jesus als Auftakt zum letzten Abendmahl: „Mit großer Sehnsucht habe ich danach verlangt, dieses Paschamahl mit euch zu essen.“ (Lk 22,15) Diese Sehnsucht Jesu, worin die Sehnsucht Gottes sich spiegelt, ist die Überschrift des heutigen Abends. Jesus sehnt sich nicht nach dem Tod, sondern nach der tiefen Einmütigkeit und Gemeinschaft seiner Jünger.
Alle seine bisherigen Worte und Wunder könnten sich als zu schwach und missverständlich erweisen. Erst sein Gehen bis zum bitteren Ende, sein Tod, kann hinter allem die uneingeschränkte Liebe Gottes und Jesu zeigen und die Jünger
frei machen, statt auf ‚größere‘ Wunder zu hoffen, im Dienst der Kleinen die endgültige Rettung zu erfahren. Judas konnte nicht umgestimmt werden, aber die Kirche ist dennoch entstanden, wo das Beispiel und der Geist Jesu lebendig
gehalten werden.

© Dr. Tamás Czopf, Pfarreiengemeinschaft Starnberg