Theologische Fragen aus biblischen Texten der Liturgie 31

Gedanken zum Karfreitag und zur Osternacht

Von Konrad Wierzejewski und Tamás Czopf

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Die Wahrheit des Karfreitags

Jesus sagte: „Dazu bin ich in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit Zeugnis ablege.“ Was ist die Wahrheit, die er bezeugt? Was ist die Wahrheit über seinen Tod? Die einen sagen, er wurde von den römischen heidnischen Machthabern gekreuzigt. Andere sagen, die Juden haben ihn dem Tod am Kreuz ausgeliefert, und nehmen es als Anlass zum Hass gegen die Juden. Andere sagen, er hat sich hingegeben als ein Gott wohlgefälliges Opfer. Was ist die Wahrheit?

Die Wahrheit ist, dass Gott keine Menschenopfer will. Als Abraham bereit war, seinen Sohn Isaak zu opfern, sagte Gott: „Streck deine Hand nicht gegen den Knaben aus und tu ihm nichts zuleide!“ Und im Psalm heißt es: „An Schlacht- und Speiseopfern hast du kein Gefallen, Brand- und Sündopfer forderst du nicht.“
Gott will nicht den Tod irgendeines Menschen. Und es waren nicht irgendwelche bösen Menschen, die Jesus umgebracht haben, sondern die Leute seines eigenen Volkes haben vor Pilatus gefordert: „Kreuzige ihn!“ In den Improperien, dem Gesang zur Kreuzverehrung, heißt es: „Mein Volk, was habe ich dir getan? Aus der Knechtschaft Ägyptens habe ich dich herausgeführt. Du aber bereitest das Kreuz deinem Erlöser.“

Sein Volk, wer ist das? Jesus selbst und seine Gegner waren Juden. Nach Ostern wurden Menschen aus den Heidenvölkern – wir – zum Gottesvolk hinzugenommen. Wir sind es, die durch Bosheit gegen seine und unsere Brüder und Schwestern in seiner Kirche Christus von neuem dem Tod ausliefern. Papst Franziskus erklärte einmal: „Desinformation, üble Nachrede und Verleumdung: Das bedeutet, Jesus eine Ohrfeige zu geben in seinen Brüdern und Schwestern.“ Und er zitierte den Apostel Johannes: „Wer in seinem Herzen Hass gegen seinen Bruder hegt, ist ein Mörder.“ und fügte hinzu: „Folglich sind wir jedes Mal dann, wenn wir im Herzen über unsere Brüder zu Gericht sitzen, oder schlimmer noch, wenn wir mit anderen darüber reden, Christen, die Mörder sind.“

„Als Jesus geschmäht wurde, schmähte er nicht; als er litt, drohte er nicht“, schreibt Petrus, und Johannes berichtet, dass aus der Seite Jesu Blut und Wasser herausflossen. Darin sieht die Kirche seit jeher die Symbole der Eucharistie und der Taufe, die Kennzeichen der Kirche, die die Frucht des Todes Jesu ist. Mittelalterliche Maler haben das sehr naturalistisch dargestellt, dass das Blut aus der Seitenwunde Jesu in den Kelch tropft, aus dem wir es dann trinken. Ein solcher extremer Realismus ist uns etwas fremd geworden, aber da ist etwas Richtiges, entscheidend Wichtiges daran. Die Kommunionfeier am Ende der Karfreitagsliturgie ist heute bei manchen umstritten, und so sehen sich unsere Bischöfe seit einigen Jahren veranlasst, eigens darauf hinzuweisen, dass sie nicht weggelassen werden darf. Warum ist sie so wichtig? Es hat wohl mit diesem Realismus zu tun. Es reicht nicht, dass wir uns die Leidensgeschichte Jesu vorlesen, seinen Tod aus sicherem Abstand betrachten. Wir müssen, will uns die Kirche sagen, das Ergebnis, seinen hingegebenen Leib zwischen den Zähnen spüren, als Nahrung, von der wir leben.

© Dr. Konrad Wierzejewski, in einer der Kirchen der PG Geltendorf

Zurückblicken auf den Karfreitag: die bleibende Kraft Gottes 

Beginn der Feier

Ich darf Sie alle zur überlieferten Todesstunde unseres Herrn Jesus Christus in unserer Pfarrkirche begrüßen. Durch Palmsonntag und Gründonnerstag sind wir bereits sowohl auf die tiefe Todes-Dunkelheit wie auch auf das verheißungsvolle Oster-Licht vorbereitet. Beides wird auch in der heutigen Liturgie erkennbar:
In der Leidensgeschichte Jesu nach Johannes dringt in die dunkelste Stunde der Geschichte ein helles Licht, als der Herr am Kreuz ruft: „Es ist vollbracht!“.
Mit den sog. „Großen Fürbitten“ legt die Kirche alle Bitten und Sorgen am Fuße des Kreuzes nieder, dieses Jahr mit einer besonderen Bitte um Frieden.
Anschließend wird uns das Kreuz in großer Zuversicht zur Verehrung angeboten.
Die Feier geht mit der stillen Kommunionfeier zu Ende.
Jetzt gleich zu Beginn folgt ein in der römischen Liturgie seltenes Zeichen, wenn sich der Priester vor dem entblößten Altar ohne Worte niederwirft und wir alle niederknien. Diese uralte Geste verdichtet in einer einzigen Bewegung die Haltung des Glaubens:
1. Er übergibt voller Zuversicht die Handlung an Gott den Vater: „nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe.“
2. Zugleich fleht der Glaube mit dieser Geste um Vergebung all unserer Schwächen und Sünden, Missbräuche und Skandale, mit denen wir Jesus immer wieder verraten, verleugnen, verlassen und vergessen.
Die kommende Stunde möge uns allen diese Haltung der Hingabe und der Reue schenken.

Die Passionserzählung – das früheste Glaubensbekenntnis der Kirche

Am Kreuz passiert etwas schwer Beschreibliches: Am Tiefpunkt der Geschichte, als das berufene und geliebte Gottesvolk durch seine Führer und die römischen Behörden seinen Messias, Gottes wahres Wort, unerkannt dem Tod preisgibt, gerät dieselbe Geschichte an ihren Höhepunkt, in der Gott seine uneingeschränkte Liebe offenbart. Eine beispiellose und unwiederholbare Umdrehung der Verhältnisse: Aus dem Opfer, das Jesus heißt, wird ein Opfer Jesu, das Erlösung heißt. Jesus ist nicht mehr Opfer, er bringt Opfer. Zwischen Opfer-Sein und Sich-Opfern liegen Welten, in diesem Fall die ganze Welt.
Jesus ist während seines Wirkens von einem begeistert gefeierten Lehrer, Heiler und Meister allmählich zu einem kritisch umstrittenen und abgelehnten Ketzer, Irrlehrer und Falschmessias geworden. Er ist Opfer von Intrigen, Missverständnis, Neid, Missgunst – Opfer eben. Nach der johanneischen Erzählung stirbt Jesus am Kreuz gerade um die Zeit, als die Osterlämmer in Jerusalem geschlachtet werden. Aber Jesus ist mehr als ein Opferlamm; Jesus nur als Opfer wäre eine unsinnige Tragödie, ähnlich wie jedes Menschenopfer eine unsinnige Tragödie ist, sei es durch eine Pandemie, einen Unfall oder Krieg.

Jesus zeigt jedoch seine singuläre Souveränität darin, dass er nicht in der Rolle des Opfers bleibt, sondern daraus sein eigenes Opfer schafft: Er bringt sich Gott als Opfer dar. Die Passivität des Leidens, Erdulden- und Ertragen-Müssens wird eine Aktivität der Hingabe, Vergebung, Liebe. Das ist jenseits von Gerechtigkeit und Recht, denn diese würden Rehabilitierung, Wiedergutmachung und Strafe verlangen. Aber in Jesu Kreuz ist all das bereits geschehen und aufgehoben.

Diese positive, Neues schaffende Aktivität Jesu sieht man an dem, was der Gekreuzigte in den folgenden drei kurzen Szenen tut:
1. Er übergibt seine Mutter dem Jünger, und den Jünger der Mutter. Darin sah die frühe Kirche mit Recht einen Akt der Versöhnung und Verbindung des Neuen und Alten; von Synagoge und Ekklesia; Kirche und Judentum.
2. Kurz vor seinem Sterben spricht Jesus: „mich dürstet“ – Das ist die Sprache der Psalmen, in denen die Sehnsucht nach Gott als Durst beschrieben wird. Es ist aber zugleich die Sehnsucht, mit der Jesus diesen Weg bis ans Ende mit seinen Jüngern gehen und alles ihnen übergeben wollte.
3. Und schließlich mit seinem letzten Atemzug übergibt Jesus in der Johannespassion den Geist mit dem Wort: „Es ist vollbracht!“ Wieder ein tiefer Hinweis auf Gottes Schöpfungsgeschichte: Vor Einbruch des Sabbats, am Ende des sechsten Tages nach vollendeter Arbeit an der neuen Schöpfung, haucht Jesus die Welt an und begibt sich zur Ruhe.
Das sind alles Elemente, die mit einem Justizmord und dem religiösen Versagen Israels kaum zu tun haben. Das sind nicht Worte eines ungerecht ermordeten unschuldigen Opfers, sondern gleichsam Regierungserklärungen des Messias-Königs, der seinen Thron gerade bestiegen hat. Er hat nicht gerade alles verloren, sondern alles verfügt, alles gegeben, damit wir alles empfangen können.
Darin geschehen bei Johannes bereits die Auferstehung und Himmelfahrt Jesu.

Vor diesem Hintergrund stimmt die Aussage, dass der Tod Jesu – die Umkehrung von Bosheit in Güte – das letzte Opfer war, ja eigentlich das einzige, das Gott genehm ist. Dieses Opfer eröffnet aber auch den Raum für unser aller Opfer und unsere Hingabe. In ihm kann dieselbe Umwandlung mit uns geschehen, vom Opfer-Sein zu Opfer-Bringen. Denn am Kreuz und von ihm her gilt die Zusage Jesu in besonderer Weise: „Wer sein Leben verliert, gewinnt es gehäuft mit der Ewigkeit.“

Zu den „Großen Fürbitten“ und zur Kreuzverehrung – nach dem Hören der Passionserzählung

In der Liturgie folgen jetzt die zehn „Großen Fürbitten“ – ein alle und alles umfassendes Gebet, das angesichts des Kreuzes von Gott Großes, ja alles erhofft und erbittet, dies wird durch die wiederholten Kniebeugen unterstrichen.
In den letzten zwei Jahren haben wir eine neue Bitte hinzugefügt wegen der Pandemie; diesmal beten wir aus aktuellem Anlass für das Ende des Ukraine-Krieges.
Darauf folgt der liturgische Höhepunkt der heutigen Feier: die Kreuzverehrung.
Alle sind eingeladen, nach den Ministranten anders als bei der Kommunion, nämlich durch die Mitte nach vorne zu kommen und mit einer Kniebeuge oder Verneigung das Kreuz zu ehren, man kann auch eine Blume unter das Kreuz legen; Zeichen des Dankes für unser Leben aus Gottes Vergebung durch Jesu Hingabe.

© Dr. Tamás Czopf, Pfarreiengemeinschaft Starnberg

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Hinführung zur liturgischen Gestalt und zu den Texten der Osternacht

Alles war an ein Ende gekommen – Gottes gnädiges Erbarmen ist unser Jubel      

Nachdem am Gründonnerstag jede Liturgie an ein Ende gekommen war mit den starken Zeichen, dass Johannes in seinem Evangelium den Bericht von dem Mahl weglässt, das schon in Gefahr war, zu einem schönen Kult zu ver­kommen, und dass am Schluss der Liturgie der Altar abgeräumt und aller Schmuck entfernt wurde, traf auch uns konkret die Frage: Wie können wir jetzt weitermachen?
Können wir uns einfach in die wieder erleuchtete und geschmückte Kirche setzen und warten, dass es weiter­geht wie vorher nach dem bedauerlichen Zwischenfall der Kreuzigung Jesu?
Können wir nach dem Zwischenfall der Pandemie weitermachen wie vorher?
Werden alle die, die früher in den zwischenzeitlich abgesperrten Bankreihen saßen, wiederkommen?
Wie schwer tun wir uns, da einen neuen Schritt zu finden?
Und so einen neuen Schritt wie Ostern, Auf­er­stehung herzubringen, sind wir als Pfarrei, als Pfarreiengemeinschaft von uns aus schon gar nicht in der Lage.

Deshalb können wir nicht beginnen, indem wir uns wieder in der Kirche gemütlich auf unseren Plätzen versammeln. Die Kirche lässt die Liturgie der Osternacht draußen am Feuer beginnen. Dann sind wir in die Kirche ein­gezogen mit den Worten „das Licht Christi“, „Lumen Christi“, wie es in der römischen Liturgie heißt, weil alles in einem neuen Licht erscheint. Es ist etwas geschehen, was nicht wir gemacht haben. Es ist wegen diesem neuen Licht, dass nichts mehr ist wie vorher. Und in diesem neuen Licht haben wir dann noch einmal die ganze Geschichte von der Schöpfung bis heute ange­schaut, nur fünf exemplarische Schlaglichter, damit es nicht zu lang wird.

Die Geschichte, die bis dahin als eine hoffnungslos verfahrene Geschichte erschien, weil schon die ersten Menschen das Vertrauen zu Gott, dass er gut ist, verloren hatten und Neid und Misstrauen alle Be­ziehungen unter den Menschen vergiftet hatten, diese Geschichte erscheint jetzt im Licht Christi beantwortet. Er hatte alle Bosheit auf sich gezogen ohne zurückzu­schlagen und bis in den Tod auf Gott, seinen Vater vertraut.
Der hat ihn nicht im Tod gelassen; er hat die Schuld aller Menschen, angefangen von der ersten Schuld Adams bis zu der Schuld der Jünger, die Jesus im Stich gelassen hatten, beantwortet und verwendet, um darüber sein Volk endgültig neu zu sammeln, und damit die Schuld verwandelt in glückliche Schuld. So erscheint jetzt die ganze Geschichte in neuem Licht. Was vorher als eine verfahrene Geschichte erschien, ein immer tieferes Ver­sinken in einer Eskalation des Bösen und der Gewalt, erscheint jetzt als eine einzige Rettungs­geschichte mit immer neuen Ansätzen Gottes, seine Menschheit, sein Volk aus den Verstrickungen der Gewalt zu retten.

So müssen jetzt zu dieser Revision der Geschichte alle noch einmal hergeholt werden. Schon beim Tod Jesu erzählt der Evangelist Matthäus, dass die Toten auferstanden. Wenn man sich das so vordergründig vorstellt, dass sie alle aus den Gräbern heraus­kamen und dann ein unbeschreibliches Gedränge geherrscht haben muss, das ist eine ab­surde Vorstellung. Wir sollten dabei an das denken, was in der Feier dieser Nacht ge­schieht:
Wir sind heute versammelt mit Adam, den als ersten die Angst über­kommen hatte, Gott könnte ihm etwas vorenthalten.
Wir sind ver­sammelt mit Abraham, wo es Gott zum ersten Mal gelungen war, einen Glaubenden zu finden, der ihm nicht einmal seinen einzigen Sohn vorenthält und so seinen Glauben weitergeben konnte an die nächste Generation und die übernächste … .
Wir finden uns heute vor in dem Volk Gottes, das er aus der Sklaverei Ägyptens herausgeführt hat durch das Schilfmeer hindurch und durch die Wüste, und das doch immer wieder das Vertrauen in seine Führung verloren hatte und ihm immer wieder untreu ge­worden war.
Wir sind ver­sammelt mit dem Volk Israel im Exil in Babylon und dürfen mit ihm die prophetischen Worte hören: „Das ist unser Gott; kein anderer gilt neben ihm. Er hat den Weg der Erkenntnis ganz erkundet und hat sie Jakob, seinem Diener, verliehen, Israel, seinem Liebling. … Alle, die an ihr fest­halten, finden das Leben.“
Wir sind heute ver­sammelt mit den Jüngern Jesu, die über ihrer Frage, wer von ihnen der Größte sei, ihn im Stich ge­lassen und sich zer­streut hatten und die er neu gesammelt hat zur Gemeinde derer, die Vergebung, Verwandlung von Schuld erfahren haben.

Die Geschichte geht weiter. Deshalb fahren wir gleich fort mit der Allerheiligen­litanei, wo wir uns versammeln mit allen, die seitdem zu Zeugen seiner Auferstehung ge­worden sind. Und die Geschichte geht auch heute weiter; deshalb schließt sich dann die Tauf­feier an, in der wir uns verbunden wissen mit allen, die heute in der ganzen Kirche in der Taufe neu durch das Schilfmeer hindurchziehen in ein neues Leben, und mit ihnen erneuern wir unser Taufversprechen und stimmen ein in den Lobpreis dessen, was Gott durch die Auferweckung Jesu an unserem Leben getan hat: „Dies ist die Nacht, die auf der ganzen Erde alle, die an Christus glauben, scheidet von den Verirrungen der Welt, dem Elend der Schuldverstrickung entreißt, heimführt ins Reich der Vergebung und einfügt in die heilige Kirche.“ So ist heute die ganze Geschichte gesammelt von Adam bis zu uns hier, und wir erkennen den roten Faden: Gott hat sein Volk, hat uns herausgeführt.

© Dr. Konrad Wierzejewski, in einer der Kirchen der PG Geltendorf

Der lange Weg unserer Erlösung

In der Feier der drei österlichen Tage sind wir nun am Höhepunkt angelangt. Ein besonderer Gruß gilt den jungen Leuten unter uns, Erstkommunionkinder, Firmlinge, die es sich nicht entgehen lassen wollen, die größte Feier des Jahres mitzuerleben.
Die Osternacht besteht aus drei großen Teilen:
1. einem Wortgottesdienst, der nach der Fastenzeit noch einmal den langen Weg unserer
Erlösung zusammenfasst;
2. dann folgt die Taufliturgie, diesmal ohne Taufe, aber mit unserer Tauferneuerung;
3. und schließlich die Eucharistiefeier, wo ursprünglich die Neugetauften und -gefirmten in die volle Tischgemeinschaft der Kirche aufgenommen wurden.

Diesen Teilen geht noch eine Lichtfeier voraus, die vom wahren Licht erzählt und dieses Licht auch verbreiten möchte. Und ganz am Schluss schließt sich noch ein Zeichen der Segnung an: die Speisenweihe, die diese Feier in unsere Häuser verlängern möchte.
Zuerst also entzünden wir am Osterfeuer die Osterkerze, es wird die Jahreszahl 2022 darin eingeritzt und es werden fünf „Nägel“ eingesetzt für die fünf Wundmale Jesu. Mit diesen Symbolen möchten wir unsere gesamte Zeit und unser Leben unter den Schutz und das Licht Christi stellen.
Beim Einzug steht der Ruf „Lumen Christi“ und unsere Antwort „Deo gratias“.

Der Wortgottesdienst – die Texte

Einleitung

Nach der Lichtfeier folgt nun der Wortgottesdienst: er führt uns durch die Heilsgeschichte von der Schöpfung bis zu ihrer Vollendung am Ostermorgen.
An der Schwelle zum Neuen Testament kehren, so ist es ein alter Brauch, die Glocken und die Orgel zurück, auf die wir für eine Zeit der Trauer und Besinnung verzichtet haben. Sie wollen nun wieder die Freude unterstützen, die bereits in der Schöpfung grundgelegt ist.
Der dreimal erklingende Halleluja-Ruf beendet die Zeit des Fastens und Suchens und möchte auch unter uns behutsam die neue zarte Freude wecken.

Der erste Text des Wortgottesdienstes – der Schöpfungshymnus
(aus dem Buch Genesis 1,1-2,2)

Aus dem Chaos des Anfangs schafft Gott eine Ordnung und damit ein Zuhause für den Menschen. Auf ihn läuft nämlich alles zu: auf das Ebenbild Gottes, Mann und Frau, die dem Kosmos Sinn und Schönheit geben, indem sie erkennen, dass die Welt gut, ja sehr gut ist, geschaffen von dem sehr guten Gott. Der Raum und die Zeit werden dem
Menschen geschenkt und anvertraut, damit er darin Gott begegne und den Frieden des Sabbats aufnehme und bewahre.

Aus Psalm 8
Herr, unser Herrscher, wie gewaltig ist dein Name auf der ganzen Erde;
Seh‘ ich den Himmel, das Werk deiner Finger, Mond und Sterne, hast du befestigt:
Was ist der Mensch, dass du an ihn denkst,
des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst? (R)
Du hast ihn nur wenig geringer gemacht als Gott,
hast ihn mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt.
Du hast ihn als Herrscher eingesetzt über das Werk deiner Hände,
hast ihm alles zu Füßen gelegt.

Der zweite Text – die Erzählung von Kain und Abel
(aus dem Buch Genesis 4,1-16)

Die „sehr gute“ Schöpfung zeigt sich außerhalb des rasch verlorenen Paradieses als äußerst gefährdet und gefährlich; und was schief gehen kann, das geht schief: Kain erschlägt seinen Bruder Abel. Nicht wegen Brotes, nicht wegen Trinkwassers, nicht wegen Öls oder seltener Metalle, sondern… – Ja, warum eigentlich?
Ab da bekommt die Geschichte des Menschen ein dringendes Ziel: den Frieden zu suchen, ihm nachzujagen, Hüter und Hüterin des Bruders und der Schwester zu sein. Ab jetzt türmt sich die Gefahr des Krieges, des Terrors, der Grausamkeit wie eine hohe Tsunami-Welle über den Menschen auf, und es gilt fortan, sie zu besiegen.

Aus Psalm 1
Wohl dem Mann, der nicht dem Rat der Frevler folgt
und nicht auf dem Weg der Sünder geht,
sondern Freude hat an der Weisung des Herrn,
über seine Weisung nachsinnt bei Tag und bei Nacht. (R)
Nicht so die Frevler: Sie werden im Gericht nicht bestehen
noch die Sünder in der Gemeinde der Gerechten.
Denn der Herr kennt den Weg der Gerechten,
der Weg der Frevler aber führt in den Abgrund.

Der dritte Text – Der Durchzug durch das Rote Meer       
(aus dem Buch Exodus 14,15–15,1)

Was im Kleinen zwischen den ersten Brüdern geschah, Mord und Totschlag, geschieht zwischen Völkern, Kulturen, Stämmen, Parteien, Klassen und Religionen. Statt die gute Schöpfung im guten Sinn zu nutzen, nutzen Menschen andere Menschen schamlos aus: Gegensätze von Sklaven und Herren entstehen, die nicht zur Schöpfung
Gottes gehört haben. Frieden muss wie eine neue Schöpfung mühsam, mutig und gegen sehr viel Widerstand gesucht, geschaffen und aufgebaut werden. Israel, als Gottes Friedensvolk, muss in die Schule der Freiheit gehen und lernen,
diesen Frieden einzuüben, aber ohne Waffen, wenn auch häufig gegen Waffengewalt.
Die Rettung Israels aus Ägypten ist der Anfang einer Alternative: eine Gesellschaft zu sein ohne versklavendes und entwürdigendes Oben und Unten.

Aus Exodus 15, das Lied des Mirjam
Ich singe dem Herrn ein Lied, denn er ist hocherhaben.
Rosse und Wagen warf er ins Meer.
Meine Stärke und mein Lied ist mir der Herr,
er ist für mich zum Retter geworden. – (R)
Pharaos Wagen und seine Streitmacht warf er ins Meer.
Seine besten Kämpfer versanken im Schilfmeer.
Fluten deckten sie zu,
sie sanken zur Tiefe wie Steine.

Der vierte Text – Der Kampf Amaleks gegen Israel
(aus dem Buch Exodus 17,8-16)

In der Wüste ist das Volk Israel in seiner Freiheit ermüdet und geschwächt, körperlich und auch im Glauben. Sein Herz zieht es zurück nach Ägypten, wo sie zwar als Sklaven, dafür aber in einem relativen Wohlstand lebten. Unterwegs zu einem viel besseren, weil freien Dienst als Gottes Kinder wird das noch heimatlose und ohnmächtige Volk hinterlistig und mit Verachtung von einem stärkeren Volk, Amalek, angegriffen und soll ganz vernichtet werden.
Nur die betend erhobenen Arme Moses, die von zwei Männern, Aaron und Hur gestützt werden müssen, können die Stärke Israels ermöglichen. Nicht das scharfe Schwert, sondern das Vertrauen auf Gott rettet dieses Volk, denn der Friede Gottes kann nicht mit Waffen erreichen werden.

Aus Psalm 46
Gott ist uns Zuflucht und Stärke,
ein bewährter Helfer in allen Nöten.
Darum fürchten wir uns nicht, wenn die Erde auch wankt,
wenn Völker toben, Reiche schwanken. (R)
Der Herr der Heerscharen ist mit uns,
der Gott Jakobs ist unsre Burg.
Er setzt den Kriegen ein Ende, er zerbricht die Bogen,
zerschlägt die Lanzen, im Feuer verbrennt er die Schilde.

Der fünfte Text – Friede für die Völker vom Zion
(aus dem Propheten Micha 4,1-5)

Der verlorene und ersehnte Friede wurde wiedergefunden und erfahren. Zwar immer nur für kurze und von Feindschaft und Gewalt gesäumte Strecken, aber die Verheißung bekommt klare Konturen: Gottes Friede entsteht nicht durch
Abschreckung, nicht durch männlich militärische Stärke; sondern er fließt aus Zion hervor, dem Tempel in Jerusalem, wo die Tafeln des Gesetzes liegen. Die Zehngebote sind ein Angebot des Hl. Geistes, der die Völker ständig auf die Wege des Friedens ruft.
Es ist die Arbeit des Menschen, die Waffen in Werkzeuge umzubauen. Aber die Lust und die Entschlossenheit dazu bekommt er von Gott, vom Berg Gottes, aus Jerusalem.

Aus Psalm 122
Ich freute mich, als man mir sagte:
«Zum Haus des Herrn wollen wir pilgern.»
Jerusalem, du starke Stadt, dicht gebaut und fest gefügt.
Friede wohne in deinen Mauern, in deinen Häusern Geborgenheit. (R)
Erbittet für Jerusalem Frieden!
Wer dich liebt, sei in dir geborgen.
Wegen meiner Brüder und Freunde will ich sagen: In dir sei Friede.
Wegen des Hauses des Herrn, unseres Gottes, will ich dir Glück erflehen.

Der sechste Text – Frieden durch Christi Kreuz
(aus dem Epheserbrief 2,11-19)

Wir sind in der Zeit Christi angekommen, die „Zeit der Erfüllung“ genannt wird. Paulus beschwört die Wirkung des Kreuzes als Versöhnung und Vereinigung, als Beseitigung der Feindschaft, als Endpunkt der Schöpfung und Einzug in das Land des Friedens. Ausgerechnet das unschuldige Blut Christi soll das Ende jedweden Blutvergießens und jeglicher Feindschaft sein?
Paulus spricht aus Erfahrung: Juden und Heiden können zusammen den neuen Menschen bilden, der seinen Bruder und seine Schwester trotz aller Ungleichheit lieben kann. Der sich darauf verlässt, dass Gottes Wahrheit ihre Kraft ohne Gewalt ausübt und durch die Liebe jede Gewalt endlich überwindet.

Der siebte Text, das Evangelium von der Auferstehung
(aus dem Lukasevangelium 24,1-12)

Die Ostergeschichte bei Lukas hat zwei irritierende Eigenarten, die mit aller Wahrscheinlichkeit den Tatsachen entsprechen:
1. Zum einen ist keine Rede von der Freude.
Die Frauen begegnen zwei weißen Gestalten, sind aber eher verwirrt als erfreut. Allerdings erinnern sie sich an das, was die strahlenden Männer von Jesus zitieren, dass er leiden und auferstehen werde.
2. Zum anderen ist da ebenso keine Rede vom Glauben.
Es wird klipp und klar gesagt, dass die Apostel-Männer die Erzählung der Frauen für „Geschwätz“ halten und ihnen nicht glauben. Zwar läuft der Nr.1-Apostel Petrus mutig zum Grab und schaut nach, was berichtet wurde, die Erzählung hört aber mit seiner Verwunderung auf. Ist es nicht merkwürdig und zugleich auch wieder tröstlich, dass nach diesem Bericht am ersten Ostermorgen im ersten Augenblick die Freude und der Glaube noch fehlen?! Damit stehen diese Jünger – Frauen wie Männer – uns modernen Menschen plötzlich ganz nah.
Die Auferstehung Jesu hat drei Tage gebraucht. Aber die Freude und der Glaube von Ostern brauchen etwas länger, bis die sichtbaren Fakten mit der Erinnerung an die Worte Jesu kombiniert werden. Die sichtbaren Fakten sind zunächst das Kreuz und das leere Grab. Damit die Begegnung mit dem auferstandenen Herrn auch zu einem Faktum wird, braucht es das Erschrecken, und außerdem müssen die verwirrenden Fakten von Kreuz und Grab mit der Erinnerung an Gestalt und Werk Jesu in Einklang gebracht werden.

So wie unsere Osternacht heute durch die Texte, Gebete, Gesänge einen Bogen schlägt, der uns weit zurück mit der Schöpfung und sogar noch weiter mit dem Inneren Gottes, der sie erdacht und ersehnt hat, verbindet, so ähnlich muss es gewesen sein, wie die Jünger allmählich die liebende Logik Gottes in den Ereignissen entdeckt haben. Und auf einmal stand er selber in ihrer Mitte; er war ansprechbar, erkennbar, hörbar, sichtbar, nach Johannes sogar berührbar. Das will sagen: Der Auferstandene ist mehr als Einbildung und Gedanke, mehr als bloß innerer Glaube und tiefe
Überzeugung. Er ist in seiner Person unter uns anwesend und kann unser Leben real gestalten, unsere Ängste von uns nehmen und unsere Unfähigkeit zu Versöhnung und Frieden überwinden. So entstehen auf einmal auch der Glaube und die Freude – und sie wiederum bezeugen den auferstandenen Herrn, der jetzt unter uns ist.

Die Osternachtfeier, die heute für uns Gegenwart wird  

Zur Tauferneuerung nach der Auslegung des Osterevangeliums
Nun folgt der zweite große Teil dieser festlichen Nachtwache: die Tauferneuerung. Wir sind nicht nur Zuhörende und Nachdenkende, sondern Betroffene, Gesalbte, Berufene und Gesandte – alles Konsequenzen aus der Geschichte des „aufstrahlenden Lichtes aus der Höhe“ an Ostern.

Zur Eucharistiefeier – nach Besprengen des Volkes
Die Osternacht mündet in die Eucharistiefeier, in die Tischgemeinschaft mit dem Auferstandenen. Die Tischgemeinschaft und die gemeinsame Speise sind neben dem Wort Gottes Lebensquelle und wollen uns zum Dialog des gemeinsamen Lebens führen.
Wir beginnen sie mit den Fürbitten.

Ansage zur Speisenweihe – nach dem Schlussgebet
Damit das Fest unserer Erlösung in unser Leben und unsere Lebensräume hineinreicht, werden jetzt die mitgebrachten Osterspeisen gesegnet; damit verlängert sich der österliche Tisch der Eucharistie bis in unsere Häuser hinein.
Mit dem feierlichen Segen wünschen wir uns gegenseitig ein wahres und freudiges Osterfest und der ganzen Welt den österlichen Friede.

© Dr. Tamás Czopf, in einer der Kirchen der PG Starnberg