Theologische Fragen aus biblischen Texten der Liturgie 32

Der Osterglaube des Thomas

Ehe wir diese Geschichte von Thomas, der sicher glauben will, als Wunder betrachten, müssen wir uns klarmachen, dass Wunder im klassischen Sinn keine allzu große Hilfe sind.

Wunder und Kunststücke

Sie erinnern sich, dass z.B. die Kunststücke, die Mose mit seinem Stab in Ägypten vor dem Pharao aufführte, ohne Schwierigkeit auch die Zauberer des Pharaos nachmachten; aber auch die Wunder, mit denen Gott das Volk Israel in der Wüste ernährte: die Wachteln, das Wasser aus dem Felsen, Manna vom Himmel –, konnten das Volk nicht davon abhalten, an Gott zu zweifeln, gegen ihn zu murren und mit dem goldenen Kalb sogar ein Gegenbild zu ihm zu entwerfen. Auch die Auferweckung des Lazarus durch Jesus hat nur bei wenigen Glauben geweckt, bei den anderen eher Skepsis und Ablehnung.
Wunder besitzen keine Überzeugungskraft – sie wecken vielleicht die Sinne, aber machen dann doch auch wieder skeptisch – und das nicht ohne Grund, letzten Endes werden sie vergessen und verdrängt. Nicht nur hat der Bericht der übrigen Jünger über den Auferstandenen den Thomas nicht ganz überzeugt, sondern auch die Erzählung der Frauen – wie die Evangelisten betonen – löste bei den Aposteln mehr Verwunderung und Misstrauen als Glauben aus. Was führt aber dann Thomas zur Überzeugung, wenn nicht das übernatürliche Mirakel, einen Toten lebendig zu sehen? Denn sein Bekenntnis: „Mein Herr und mein Gott“ kommt aus viel tieferen Regionen als aus Verwunderung und Überwältigung… Diese Frage ist umso wichtiger, als der verschobene Ostermorgen des Thomas für die Kirche und damit auch für uns heute ein Paradigma ist, d.h. bleibender Maßstab.

Ich habe im Text fünf Elemente gefunden, die dabei eine Rolle spielen:
1. Es gibt das Zeugnis der Erfahrenen. Sie können für die anderen einen wichtigen Ansatz bilden; durch sie kann der Prozess der Aufmerksamkeit und Offenheit angestoßen werden. Aber Erzählung ist bloß Erzählung; ihr Glauben zu schenken kann durchaus angebracht sein, ist aber bloß ein Anfang.

Der Glaube in der Versammlung der Jünger ist kein beliebiges Beisammensein

2. Im Falle von Ostern haben wir aber nicht bloß Zeugen, sondern die real versammelte Gemeinschaft der Jünger, die zehn Apostel (ohne Judas und Thomas). Sie ist viel mehr als bloß die vereinte Stimme eines Osterberichtes. Vielleicht schickt sich diese Gruppe erst in diesen Augenblicken an, zu einer besonderen Körperschaft zu werden, zu einer entscheidenden Struktur, einem lebendigen Organismus, Urzelle der Kirche. Thomas gehört dazu und muss dabei sein, außerhalb gibt es für ihn keine mögliche Überzeugung. Thomas und auch seine Nachfahren brauchen den Raum der Jünger, um Jesu als den Auferstandenen zu erkennen und damit auch die Art und Weise der Wege Gottes zu begreifen, wie sein Plan zum Sieg gelangt. An diesem Punkt wurde und wird die Christenheit im Laufe ihrer Geschichte immer wieder schwach und blendet ihn aus. Die „Jünger“ sind nicht bloß die ersten aber letztlich beliebigen betroffenen Zeugen gewesen, denen unzählige andere folgen werden. Nein, sie sind eine Institution, die als solche nach Fortsetzung und Kontinuität verlangt. Jesus kann sich dem Thomas nicht außerhalb dieses Kreises nähern. Nicht zufällig beeilen sich auch die Jünger von Emmaus, nachdem sie Jesus erkannten, zu dieser Gemeinschaft der Jünger in Jerusalem zurückzukehren.

Osterglaube als Liturgie und Begegnis, als Ereignis

3. Als Drittes finden wir bei Johannes den wichtigen Hinweis, dass der erste Tag der Woche, an dem das Gedächtnis von Jesu Tod und Auferstehung begangen wird, als neue feste Einrichtung bereits existiert. Die Kirche versammelt sich nicht an einem heiligen Ort oder um eine heilige Person, wo Außergewöhnliches zu passieren pflegt, sondern im bekannten jüdischen Wochenrhythmus um die Lesung der Hl. Schrift, um das Gebet der Psalmen und um den gemeinsamen Tisch, an dem die Geschichte des Lebens, Todes und der Sendung Jesu erzählt und gefeiert wird. Die Liturgie scheint ein wesentliches Element auf dem Weg zur eigenen Überzeugung zu sein.

4. Aber all das sind bloß Rahmen für das eigentliche Herz der Geschichte, nämlich für das, was man mit dem altertümlichen Wort „Begegnis“ ausgedrückt hat. Begegnis ist die Begegnung mit einem Ereignis bzw. eine Begegnung, die zum Ereignis wird. Papst Benedikt XVI. sagt im allerersten Punkt seines ersten Rundschreibens „Deus caritas est“: „Am Anfang des Christseins steht nicht ein ethischer Entschluss oder eine große Idee, sondern die Begegnung mit einem Ereignis, mit einer Person, die unserem Leben einen neuen Horizont und damit seine entscheidende Richtung gibt.“

Die Ostererfahrung ist eine singuläre Begegnung, die man durch den Vergleich mit anderen Glaubenserfahrungen nicht relativieren darf; dieses Begegnis darf nicht in Glaubens-Alltäglichkeiten aufgelöst werden, auch wenn seine Beschaffenheit niemand exakt bestimmen und vermitteln kann. Uns bleiben die gerade aufgezählten Elemente als Rahmen, aber das Kernstück, die Begegnung mit dem Auferstandenen, bleibt unverfügbar und unreduzierbar.

Nicht seine Wunden berühren, aber ihn als Lebendigen sehen

5. Der letzte Punkt vertieft dieses Kernstück und wirkt aufs erste unheimlich und skandalös, nämlich die Berührung selbst. Die Erzählung lässt keinen Zweifel daran, dass es hier um eine echte Berührung geht, Fleisch zu Fleisch. Dies muss gesagt werden, um zu zeigen, dass der Auferstandene weder eine bloß innerliche Einbildung noch irgendein vergeistigtes äußerliches Lichtphänomen war, sondern ‚real‘ im edelsten Sinn unserer Realitätserfahrung. Aber unserer Fantasie wird doch ein Riegel vorgeschoben, indem schon Thomas ausdrücklich von vornherein die Wunden Jesu berühren will, was auch dann so geschieht; und dass Jesus diesen Vorgang „Sehen“ nennt: „Weil du mich gesehen hast, glaubst du“ – er spricht nicht von Berühren. Jedenfalls erscheint der Auferstandene in seiner normalen Gestalt, nicht in Herrlichkeit, und es ist nichts Verklärtes an ihm, außer, dass die Wunden offenbar nicht mehr schmerzen und nicht mehr töten. Aber sie sind Wundmale; das besagt, dass man das Geschehene nicht ungeschehen machen kann und auch nicht braucht; der gesamte Weg Jesu, auch sein vermeintliches Scheitern gehört dazu.

Das sind also nach dieser Erzählung die Rahmenbedingungen und die wesentlichen Elemente, wie Thomas zum Glauben kommt. Und wir merken daran, dass sie zu einem großen Teil auch heute für uns gegeben sind: Berichte von Zeugen, eine apostolische Struktur der Kirche, die wöchentliche Liturgie. Wir müssen daran festhalten: von der Versammlung der Kirche nicht weichen, die Liturgie suchen und mit der gleichen wachen Sehnsucht wie Thomas nach dem Original-Auferstandenen verlangen. Den Rest dürfen wir dem Hl. Geist überlassen.

Apostelgeschichte 5,12-16; Offenbarung des Johannes 1,9-19 (gekürzt); Johannesevangelium 20,19-31;
2. Sonntag der Osterzeit C
© Dr. Tamás Czopf, Pfarreiengemeinschaft Starnberg