Theologische Fragen aus biblischen Texten der Liturgie 33

A. Ostergeschichten: Glaubenszeugnisse kirchlicher Erfahrung (von Konrad Wierzejewski)
B. Die Erzählung vom reichen Fischfang im Spiegel der Geschichte der frühen Gemeinden (von Tamás Czopf)

(Die Texte beziehen sich auf die Lesungen des 3. Sonntags der Osterzeit, Lesejahr C: Apostelgeschichte 5,27-41 (gekürzt); Offenbarung des Johannes 5,11-14; Johannesevangelium 21,1-19.)

A. Ostergeschichten: Glaubenszeugnisse kirchlicher Erfahrung
(Konrad Wierzejewski)

Es sind doch eigenartige Berichte im Evangelium: Nachdem Jesus seinen Jüngern schon zweimal erschienen war, sie also wussten, was passiert war, gehen sie fischen wie eh und je, als ob nichts geschehen wäre. Obwohl sie den Aufer­standenen schon zweimal gesehen haben, erkennen sie ihn beim dritten Mal nicht. Obwohl er ihnen da als Fremder erscheint, werfen sie auf sein Wort hin die Netze nochmals aus. Und als sie zurückkommen, hat der, der sie um Essen bat, schon selbst etwas zubereitet. Was soll man davon halten?, müssten doch mindestens unsere kritischen Jugend­lichen – die gibt es, sie sind ein Schatz unserer Gemeinde – jetzt fragen.

An einem Evangelium wie diesem wird deutlich: Es ist kein historischer Bericht wie von einem Reporter, will es auch nicht sein. In der Situation selbst nach dem Schock der Ver­urteilung und Kreuzigung Jesu hat sicher niemand etwas aufgeschrieben. Das Johannesevangelium wurde über 50 Jahre später geschrieben aus der Erinnerung und durch die Brille der inzwischen entstandenen Gemeinden. Ihre Erfahrung ist da mit eingeflossen, wie sie Jesus als auferstanden erfahren, und damit auch, wie wir ihn als auferstanden erfahren können.

Die Frage Jesu: Habt ihr einen Fang gemacht?

Bemerkenswert ist, dass die Geschichte im heutigen Evangelium nicht in Jerusalem spielt, sondern in Galiläa, am See Genezareth, und da waren nicht mehr die Elf bei­einander; von sieben Jüngern ist hier die Rede. Nach der Kreuzigung Jesu waren die meisten seiner Jünger nach Norden, in ihre galiläische Heimat zurückgekehrt. Es war eingetreten, was Jesus beim letzten Abendmahl prophezeit hatte: „Ihr werdet alle Anstoß nehmen und zu Fall kommen; denn in der Schrift steht: Ich werde den Hirten erschlagen, dann werden sich die Schafe zerstreuen. Aber nach meiner Auferstehung werde ich euch nach Galiläa vorausgehen.“

„Petrus sagte ‚Ich gehe fischen‘“, das heißt dann: „Ich gehe wieder in meinen alten Beruf, in mein altes Leben zurück. Die Geschichte mit Jesus ist schief gegangen, sicher von uns mit verschuldet. Was einmal unser Auftrag sein sollte: Israel neu sammeln, Gemeinden aufbauen, das können wir vergessen. – Ich gehe wieder fischen.“ Vielleicht erinnerte sich Petrus auch, als er sagte „Ich gehe fischen“ an den Auftrag von Jesus, Menschenfischer zu sein, und so gingen sie jetzt an diese Arbeit. So kann man es auch verstehen. Das Ergebnis ist das gleiche. Am Ende steht da die Frage Jesu nach den Fischen, die sie gefangen haben: „Habt ihr etwas zu essen?“ Die Antwort ist sehr kurz: „Nein.“

Es ist auch seine Frage an uns heute: Habt ihr etwas gefangen? Was ist mit der kommenden Generation in unserer Gemeinde? Ein starkes Zeichen ist, wenn wir unsere Gemeinden hier anschauen, dass hier bei uns die Mini­stranten drastisch weniger werden; in einer unserer anderen Gemeinden haben sich jetzt alle verab­schiedet und es ist keiner in Sicht, der nachkommt. „Habt ihr etwas gefangen? – Nein.“ Wie damals die Jünger Jesu, so stehen auch wir heute da. Sie hatten die ganze Nacht ge­fischt, sich bemüht, so gut sie konnten, mit besten pastoralen Methoden, aber nichts gefangen. Hat die Sache der Kirche, der Gemeinde noch eine Überlebenschance?

Aber Aufer­stehung ist ja nicht ein kärgliches Überleben. Es geht um ein Sterben und ein neues Leben. Nur der Herr ist es, der dieser Sache eine Perspektive gibt in dem Moment, wo die Jünger sich nicht mehr an ihre eigenen Ideen und liebgewordenen Abläufe ge­klammert haben, sondern bedingungslos seinem Wort vertrauen, einem irritierenden Wort: „Werft das Netz auf der rechten Seite des Bootes aus.“ Es ist nicht eine allge­meine pastorale Ermutigung, „Nicht den Kopf hängen lassen; es wird schon wieder“, sondern ein präziser Rat, ein Rat, der überhaupt nicht einzusehen ist, von einem, der nicht vom Fach ist.

Der eine sieht, der andere glaubt dem, der gesehen hat

Doch wie erfährt man sein Wort? Wie sieht man, dass er es ist, der sagt: „Werft das Netz auf der rechten Seite des Bootes aus und ihr werdet etwas finden“? „Die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war“, sagt der Text. Nicht einmal Petrus er­kennt ihn, sondern nur „der Jünger, den Jesus liebte“. Er sagt: „Es ist der Herr.“ Es gibt also Menschen in der Kirche, denen zu­erst die Augen aufgehen und die zuerst be­greifen, weil sie besonders geliebt sind. Sie antworten dieser Berufung mit ihrer Liebe und sehen deshalb zuerst. Die andern können ihnen folgen, dann sehen auch sie. Petrus folgt dem Wort des Lieblingsjüngers und tut etwas, was wiederum die anderen nicht tun: Er springt in den See, um schneller bei Jesus zu sein. Der eine ist geliebt, liebt und erkennt. Der andere erkennt nicht, aber er glaubt, was er hört, und handelt. Offenbar braucht die Kirche für ihre Existenz beides: Menschen wie Johannes und Menschen wie Petrus, ihr Zusammenwirken.

Das Tun aus der größeren Liebe dessen, dem viel vergeben wurde

Aber dann heißt es, dass Petrus allein das Netz mit den Fischen an Land zieht, „und obwohl es so viele waren, zerriss das Netz nicht“, das Netz der Einmütigkeit der gewachsenen Gemeinde. Die Hirtensorge, die Kirche in Einheit zusammenzuhalten, wird Petrus übertragen. Warum gerade ihm? Vorher war doch von der größeren Liebe des Johannes die Rede; er erscheint in den Evangelien als eine integre Persönlichkeit, der Jesus nicht verleugnet hatte. Aber gerade das ist es nicht, was zu einem Amt in der Kirche qualifiziert. Als Jesus den Petrus nach seiner Liebe fragt, fragt er ihn drei­mal und erinnert damit gerade an dessen dreimalige Verleugnung, und es schmerzt den Petrus. Gerade das ist es, was ihn für diesen Auftrag qualifiziert: die größere Liebe dessen, dem viel vergeben wurde, die Erfahrung der verwandelten Schuld, der felix culpa. Und dann wird ihm mehr zugemutet: „Als du noch jung warst, hast du dich selbst gegürtet und konntest gehen, wohin du wolltest. Wenn du aber alt geworden bist, wirst du deine Hände ausstrecken und ein anderer wird dich gürten und dich führen, wohin du nicht willst.“ Nach diesen Worten sagte Jesus zu ihm: „Folge mir nach!“

Hat die Sache der Kirche eine Überlebenschance bei der gegenwärtigen Erfahrung des erfolglosen Fischens? Erst hier liegt die Antwort, und deshalb durften wir diesen zweiten Teil der Erzählung nicht weglassen: Nur wenn es einen gibt, dem der aufer­standene Herr so etwas sagen kann und der sich nach allem Versagen auf diese Nachfolge einlässt wie Petrus, dann wird die Geschichte auch heute weitergehen und das Netz der vielen Gutwilligen nicht reißen. Den Glauben, der die Kraft hat, das Leben, die Welt zu verändern und zu retten, diesen Glauben und diese Kraft gibt es nur, wenn es Personen gibt, die sich ansprechen lassen, die sich rufen und fragen lassen: Liebst du mich? Und das heißt doch: Was ist Dir wichtig? Kümmerst du dich um die Kirche? Wonach richtest Du Dein Leben aus? Was zeigst Du Deinen Kindern als Kostbarstes in Deinem Leben?

Damals am See von Tiberias nahm Jesus das Brot und gab es seinen Jüngern. Das Gleiche geschieht heute in unserem Gottesdienst. Danach fragte er: Liebst du mich? Das heißt: Willst Du meine Kirche aufbauen mit Deinem Leben? Auch diese Frage stellt er heute – an uns.

© Dr. Konrad Wierzejewski, Pfarreiengemeinschaft Geltendorf

B. Die Erzählung vom reichen Fischfang im Spiegel der Geschichte der frühen Gemeinden
(Tamás Czopf)

In den vergangenen Jahren habe ich diese Geschichte von der Erscheinung Jesu am See Tiberias hier im Gottesdienst immer wieder ausgelegt. Die Gedanken, die mir da kamen, möchte ich jetzt nicht in Erinnerung rufen, sondern einen Schritt weitergehen und fragen, wie sich unsere kirchliche Praxis heute zu dieser Schilderung verhält und auch wo wir in Gefahr sind, den Faden dieser Erzählung zu verlassen oder zu verlieren.

Nicht nur Erinnerung der Späteren

Dazu muss man allerdings annehmen, dass diese Ostergeschichte, der zweite Schluss des Johannesevangeliums, eine verdichtete Lagebeschreibung der jungen Kirche ist. Also nicht bloß eine österliche Episode aus den Erinnerungen der Apostel, bloß etwas später jemandem eingefallen, sondern eine Zusammenfassung und Verdichtung der Anfänge, die sehr wohl von der ersten Ostererfahrung der Jünger ausgeht, gleichzeitig aber auch den inzwischen verflossenen Jahrzehnten Rechnung trägt und so im Stillen Maßstäbe aufstellt. Zwischen den Zeilen spüren wir einiges von der damals schon anfänglich etablierten gemeindlichen Praxis und fragen uns, wie weit diese Original-Strukturen unter uns heute wahr- und ernstgenommen werden. Fangen wir an!

1. „Ich gehe fischen“ – sagt Petrus, „wir kommen auch mit“ – antworten einige andere Apostel. Fischen ist zum einen der alte Beruf mancher Apostel, aber auch ihre neue Berufung heißt „Menschen Fischen“. Man kann also sagen, dass jetzt nach den Turbulenzen an Karfreitag, Ostern und Pfingsten ein gewisser Alltag beginnen soll, aber nicht als Rückfall, sondern als ein neuer kirchlicher Alltag: mühsame Kleinarbeit mit dem Wechselglück der Fischer, die gewissermaßen wieder Anfänger geworden sind, nämlich im Menschen-Fischen.

Man hat den Eindruck, dass heute in der Kirche diese Rückkehr nach Galiläa, wo alles anfing, zu den Booten und den Netzen, zur schweißtreibenden Arbeit, nicht allen passt. Wäre es nicht viel besser, in der Stadt zu bleiben, Büros einzurichten und von dort aus alles zu managen und zu organisieren? Diese Frage scheint heute hierzulande offen zu sein.

Kongruenz mit heutigen Kirchenerfahrungen

2. „Aber in dieser Nacht fingen sie nichts“ – endlich ein auch gegenwärtig leicht nachvollziehbarer Satz. Aber heute folgern manche daraus: Man sehe doch, dass die alten Lösungen nicht weiterhelfen, wir brauchen ganz neue Methoden. Wir müssen messbare Erfolge verbuchen können; ist Fischen überhaupt noch zeitgemäß?, vielleicht ist es angemessener, selber mit den Fischen zu schwimmen, um ihnen nah zu sein?…

3. Darauf ertönt vom Ufer her die unbekannte, vielleicht etwas lästige Stimme: „Werft das Netz auf der anderen Seite aus.“ Sollen wir gleich mit Korrektur anfangen, Kritik annehmen? Wir haben doch alles schon versucht… Auf der „rechten Seite“ des Bootes mit Netzen zu fischen, ist offenbar anstrengender, weil man in diesem Fall das Netz mit dem linken, schwächeren Arm aus dem Wasser ziehen muss. Umständlich und nichts-versprechend klingt der Rat. Die Korrektur verlangt allerdings nicht eine „grundsätzliche Reform“, etwa die Boote und die Netze rigoros abzuschaffen, sondern gemeint ist eine wichtige kleine Nuance, die auf Treue und Ausdauer setzt.

Was in dieser Situation von Petrus gesagt wird

4. Der Lieblingsjünger erkennt den Herrn und spricht es aus, aber Petrus springt ins Wasser und geht zu Jesus. Die ganze Erzählung mit der bewegenden Abschlussszene möchte unübersehbar die Aufgabe des Simon verstehen und festhalten. Auch wie schon in der anderen Ostergeschichte, wo Petrus und Johannes gemeinsam zum Grab laufen und Johannes, der Jüngere, zwar schneller am Grab ist, vielleicht ist er auch begabter, klüger, sensibler als Petrus, dennoch hat Simon Petrus Vortritt, und er nimmt ihn an und bekommt ihn auch vom anderen. Mit dem „Primat“ des Simon Petrus ist offensichtlich etwas Wichtiges festgehalten, eine unverzichtbare Spannung, für die ein moderner Mensch nur Kopfschütteln übrighat.

5. Ein weiteres Detail ist, dass Petrus sich anzieht, bevor er ins Wasser springt. Er hat schon einmal die Erfahrung gemacht, auf dem Wasser zu Jesus gehen zu wollen, damals sank er, weil er Angst hatte. Jetzt denkt er nicht darüber nach, er will so schnell wie möglich direkt zum Herrn. Vielleicht ist das sein Privileg und seine Aufgabe als Primus…?
Aber sein Gewand zieht er vorher an. Eine Kleinigkeit, aber es zeigt, dass er Ehrfurcht vor dem Herrn hat, er will nicht nackt dastehen. Heute sagen wir immer wieder: „Es ist gut, wie du bist“, was auch stimmt, aber nur dann, wenn auch ich so sein will, wie der Herr mich am liebsten möchte. Diese kleine Anstandshandlung des Simon ist offenbar nicht überflüssig.

6. Und dann ist es wieder Petrus, der das Netz an Land zieht, und es wird jetzt bemerkt, dass es trotz der vielen Fische nicht zerreißt. Das besagt nicht notwendigerweise, dass Petrus der Stärkste sei, aber seine Person bzw. sein Amt ist die Garantie dafür, dass das Netzt nicht reißt. Vielleicht will Johannes damit sagen, dass das Netz ganz sicher kaputt geht, wenn jeder in eine andere Richtung daran zieht. Heute würden wir diese Tätigkeit allen oder zumindest einem Team zugestehen. Und das ist auch wichtig, denn die anderen sind auch dabei, alle machen denselben Weg – es ist also ein synodaler Prozess – und alle werden dasselbe Frühstück genießen, aber das volle Netz holt Petrus an Land, und dann reißt es nicht.

Alles, was erzählt ist, weist auf das Mahl hin

7. Zu den 153 Fischen kann man vieles und auch wieder nichts sagen. Ist es viel oder wenig? Bedeutet es die reiche Fülle oder die realistische und überschaubare Größe einer Gemeinde? Heute starren wir oft allzu sehr auf die Zahlen und befürchten ihre absteigende Tendenz. Hier scheint es darum zu gehen, dass das Netzt im Vergleich zu gar nichts überraschend voll ist.

8. Interessanter scheint mir das Kohlenfeuer am Ufer mit dem Fisch darauf, zu dem die neuen Fische hinzukommen. Vielleicht waren es ursprünglich zwei Geschichten, die an dieser Stelle zusammengenäht wurden; aber vielleicht besagt das Bild, dass die Kirche nicht bei Null anfängt; es ist bereits ein Frühstück da, es wurden auch schon vor den Jüngern Fische gefangen – nämlich alle Gläubigen in Israel seit Abraham; sie fahren nicht im Boot auf dem See herum, sondern sind bereits am Ufer…? Jedenfalls kommt es nicht ausschließlich auf die Leistung der Jünger an. Wir sind so oft besorgt, dass nichts oder nicht genug passiert, wenn wir nicht alles durchorganisieren und alles selber in der Hand haben. Johannes zeigt, dass unsere Leistung zwar gefragt ist, aber es ist schon ein Mahl bereitet auch ohne unser Zutun…

9. Und schließlich vor dem Essen wird vermerkt, dass keiner der Jünger zu fragen wagte, ob es Jesus sei, denn sie wussten, dass es der Herr war. Zwar schwebt in diesem Satz noch eine gewisse Unsicherheit mit, wenn sie es nicht „wagen“, aber zugleich auch eine ausreichende Sicherheit, dass es nicht anders sein kann.

Ich habe den Eindruck, dass wir heute ständig weiterfragen und mit dem Fragen gar nicht aufhören, ob das wirklich der Herr ist oder nicht, ob wir uns in der kirchlichen Tradition nicht doch von falschen Stimmen haben leiten lassen. Sicher sind viele Fragen berechtigt, aber irgendwann muss auch die Sicherheit da sein: „Es ist der Herr!“

Man könnte noch fortfahren und auch andere Details analysieren und mit dem Heute vergleichen. Wir möchten jetzt aber dort weitermachen, wo die Geschichte weitergeht, beim gemeinsamen Mahl; das scheint die Spitze der Erscheinung Jesu und auch der Tätigkeit der Jünger zu sein. Und wir wollen darin die Sicherheit der Jünger erlangen, einmal ohne Hinterfragung zu wissen, dass wir an einer Ostergeschichte beteiligt sind.

© Dr. Tamás Czopf, Pfarreiengemeinschaft Starnberg