Theologische Fragen aus biblischen Texten der Liturgie 34

Ist das Bild vom Hirten und der Herde noch zeitgemäß?

Der 4. Ostersonntag ist immer der Sonntag vom Guten Hirten. Er wurde oft benutzt, eingeengt zu einem Tag der Werbung und des Gebets für Berufungen zum Priesteramt. Und das Bild des Hirten kann durchaus zwiespältige Gedanken hervorrufen. In der jüngeren Vergangenheit wurde es oft romantisch verklärt; auf der anderen Seite haben schon seit der Antike Herrscher für sich das Bild des Hirten in Anspruch genommen, und das hat uns zu einer sehr kritischen Sicht geführt auf ein Bild von Hirten, die mit starker Hand angeben, wo es lang geht, und willenlosen Herdentieren, die ihnen folgen. Da ist es gut, zu schauen, was die Texte der Heiligen Schrift wirklich dazu sagen.

Die biblische Quelle des Textes vom „guten Hirten“

In allen drei Lesejahren wird an diesem Sonntag aus dem Johannesevangelium ein Abschnitt aus der langen Rede Jesu über ihn als den guten Hirten gelesen. In diesem Lesejahr C ist der Abschnitt sehr kurz, nicht weil nicht mehr viel übriggeblieben war, sondern weil er leider sehr gekürzt ist. In dem weggelassenen Anfang wird der Zu­sammenhang genannt, in dem die Worte Jesu gesprochen sind: „Um diese Zeit fand in Jerusalem das Tempelweihfest statt“, das Chanukkafest. Da wurde aus dem Propheten Ezechiel gelesen: „Weh den Hirten Israels, die nur sich selbst weiden. Müssen die Hirten nicht die Herde weiden? Ihr trinkt die Milch, nehmt die Wolle für eure Kleidung und schlachtet die fetten Tiere; aber die Herde führt ihr nicht auf die Weide.“ Da ist die kritische Sicht auf diejenigen, die als Hirten auftreten, schon ganz präsent; sie kam nicht erst in der Neuzeit auf. Es war eine entscheidende Entdeckung Israels, dass ein Mensch die anderen nicht führen kann so, dass daraus der Friede entsteht, den Gott für die Welt will. Nur Gott selber kann das, sein Volk zum Leben und zum Frieden führen, niemand sonst. Ohne diese kritische Sicht auf menschliche Hirten wäre wohl nicht der Gedanke der Demokratie entstanden, und auf diesem Hintergrund kommt sie auch als Forderung für die Kirche immer wieder auf.

Die Unterscheidung: Hören oder Nicht-hören

Und so fragen die Leute jetzt Jesus, wie er sich sieht. Er verweist zuerst einmal auf die Werke, an denen der gute Hirt zu messen ist, aber: „Ihr glaubt nicht“, muss er feststellen, „weil ihr nicht zu meinen Schafen gehört. Meine Schafe hören auf meine Stimme; ich kenne sie und sie folgen mir.“ Sie sind da also nicht die willenlosen Herdentiere, denen gar nichts anderes übrig bleibt als mitzuziehen, höchstens zu meckern, wenn das Gras nicht saftig genug ist, sondern sie sind frei zu folgen oder nicht. Und da zeigt sich eine Unterscheidung: Die einen hören auf die Stimme des Hirten und folgen ihm, die anderen nicht. Es ist das Bild der damaligen Weidewirtschaft: Die Herden wurden abends alle zum Schutz in einen gemeinschaftlichen Pferch getrieben. Am Morgen kommen die einzelnen Hirten und locken mit ihrer Stimme ihre Herde wieder heraus. Jesus ist da einer, der die Seinen herausruft aus der Masse, und die Seinen, das sind nicht alle.

Die kleine Herde – die große Schar

Heißt das dann, es sind nur wenige, also statt der Volkskirche die kleine Herde? Diese Frage wurde von vielen gestellt, auch in den verfolgten Gemeinden des Johannes und bis heute. Wie als Antwort sieht Johannes „eine große Schar aus allen Nationen und Stämmen, Völkern und Sprachen; niemand konnte sie zählen. … Sie riefen mit lauter Stimme: Die Rettung kommt von unserem Gott, der auf dem Thron sitzt, und von dem Lamm.“ Wie kann es diese große Schar geben? Da ist von einem Lamm, das sie weidet, die Rede, also Hirte und Lamm zugleich, ein seltsames Doppelbild. Es ist das Gegenbild zu dem Hirten der Art des römischen Kaisers, der alle Völker mit brutaler Gewalt unterwarf und sich dann als ihr Hirte und Friedensbringer feiern ließ. Von dem Lamm hieß es zwei Kapitel vorher: „Du wurdest geschlachtet und hast mit deinem Blut Menschen für Gott er­worben aus allen Stämmen und Sprachen, aus allen Nationen und Völkern.“

Das hatten die Jünger Jesu erfahren. Der Satz „Meine Schafe hören auf meine Stimme“ traf auf sie ja erst nach Ostern zu. Vorher hatten sie Jesus meistens nicht verstanden, waren ihm nicht wirklich gefolgt. Erst durch seinen Tod wie ein Opferlamm und die Erschütterung darüber hatte er sie neu zu sammeln vermocht, und so sah Johannes: „Das Lamm in der Mitte vor dem Thron wird sie weiden und zu den Quellen führen, aus denen das Wasser des Lebens strömt, und Gott wird alle Tränen von ihren Augen abwischen“, und Jesus verheißt: „Niemand wird sie meiner Hand entreißen“.

Die Ärgernis erregende Verheißung

Wie können wir noch an eine solche Verheißung glauben, wenn wir sehen, wie die Kirche in ihrem Inneren schwach, fehlerhaft, zerstritten ist, und das vernichtende Bild vor Augen haben, das die Medien täglich von der Kirche vermitteln? „Ich und der Vater sind eins“, sagt Jesus. Das ist die Voraussetzung, unter der diese Verheißung gilt, der Glaube, dass Jesus und der Vater eins sind und dass das auch für die gilt, die ihm nachfolgen. Aber eine solche Behauptung ist, wenn wir an der kritischen Sicht Israels auf den Menschen festhalten, eine Ungeheuerlichkeit. Die Reaktion der Zuhörer Jesu ist nur zu verständlich: „Da hoben die Juden Steine auf, um ihn zu steinigen … ‚Du bist nur ein Mensch und machst dich selbst zu Gott.‘“ Und so muss jeder, der sich darauf einlässt, Jesus nachzufolgen und sich unter diesen Anspruch zu stellen, eins zu sein mit dem Vater, erbitterten Widerstand auf sich ziehen.

Erst nach Ostern konnten die Jünger Jesus verstehen, was er meint. Der Weg, wie durch das Leben und den Tod Jesu die Welt verwandelt worden ist, war nicht der Weg eines Mächtigen, eines Herrschers, sondern eines Hirten, der sein Leben hingibt, dieses doppelte Bild vom Hirten und vom Lamm: Willig wie ein Lämmlein und „geschlachtet wie ein Lamm“, so schaute ihn der Seher Johannes.

Die Umkehrung des Hirten-Bildes

Das ist der Weg, wie aus der so erschreckend kleinen Zahl die „große Schar aus allen Nationen und Stämmen, Völkern und Sprachen“ werden kann: nicht durch gewaltsame Unterwerfung, auch nicht durch raffinierte Werbemethoden, sondern es werden die sein, die die Anrede des Hirten verstehen, der nicht die Herde beherrscht, sondern der als geschlachtetes Lamm die Verdrehung der Wahrheit aufgedeckt hat und die Bosheit über­wunden hat und so um Menschen wirbt, die sich von ihm auf diesem Weg mitnehmen lassen.

Der Sonntag vom Guten Hirten ist tatsächlich ein Tag der Werbung, aber nicht für einen attraktiven Beruf, sondern für die Berufung, nicht willenlose Schafe zu sein, sondern in Freiheit Jesus, dem guten Hirten zu folgen und seine Hirtensorge zu übernehmen, was dann heißt: nicht herrschen, sondern die Vielen weiden als Lamm, das sich zum Schlachten führen lässt, diese völlige Umkehrung des Hirtenbildes, und sie hat es schwer, bei uns anzukommen.

Heute wird oft von dem Weiheamt gesprochen, dass so viele anstreben würden, aber durch Vorschriften der Kirche daran gehindert seien. Paulus hat einmal erklärt, was Weihe bedeutet: Wir sind Todgeweihte. Wer will das wirklich? Aber man müsste ergänzen „zu Tod und Auferstehung Geweihte“.

Seit Ostern und Pfingsten ist die Hirtensorge Jesu in der Kirche, seinem auferstandenen Leib, gegenwärtig. Notwendig dafür und sein großer Wunsch ist, dass seine Einheit mit dem Vater, die ihn zum Hirten macht, weitergeht in der Einheit der Seinen mit dem Vater. Es gibt das Zeugnis bis heute, dass es möglich ist, dass im gegenseitigen Dienst von Menschen der unsichtbare Herr sein Werk weiterführt, die Zerstreuten sammelt, die Verlorenen heimführt, die Kranken heilt, die Schwachen stärkt, den Verwirrten Aus­richtung gibt, die Verzweifelten tröstet. So wollen wir Gott bitten, dass er auch uns daran beteiligt als die Herde seiner Weide und Beteiligte an seiner Hirtensorge.

Apostelgeschichte 13,14.43-52; Offenbarung des Johannes 7,9.14-17;
Johannesevangelium 10,27-30; 14. Ostersonntag C;

die Stelle aus Ezechiel, auf die der Text Bezugnimmt, ist das 34. Kapitel, im Besonderen die Verse 1-3.
© Dr. Konrad Wierzejewski, Pfarreiengemeinschaft Geltendorf