Theologische Fragen aus biblischen Texten der Liturgie 35

A. Im Blick auf die Welt – es müsste wohl „einen neuen Himmel und eine neue
Erde“ geben
(von Tamás Czopf)
B. Die Verherrlichung Gottes – ein alter Begriff, was sagt er? (von Konrad Wierzejewski)

(Die Texte beziehen sich auf die Lesungen des 5. Sonntags der Osterzeit, Lesejahr C: Apostelgeschichte 14,21-27; Offenbarung des Johannes 21,1-5; Johannesevangelium 13,31-35.)

A. Im Blick auf die Welt – es müsste wohl „einen neuen Himmel und eine neue Erde“ geben
(Tamás Czopf)

Wenn wir herumschauen in unserer Welt, sei es im Ökosystem mit Klimaänderung und Umweltschäden oder in der Politik mit Kriegen, Energie- und sonstigen Krisen, aber es reicht auch schon ein Blick auf die verfahrene Situation in der deutschen Kirche, dann kann man leicht auf den Gedanken kommen, dass hier keine einfache Therapie mehr helfen werde; auf dem alten Kleid wird wohl kein Fleck aus neuem Stoff die Löcher stopfen können. Nur ein „neuer Himmel und eine neue Erde“ können helfen, das sagt die zweite Lesung aus der Apokalypse.

Das ist ja der apokalyptische Gedanke schlechthin, dass Korrekturen die Not nicht mehr richten können, nur eine radikale Neuschöpfung kann die Lösung sein. Die Bibel landet immer wieder bei diesem Gedanken; der allerdings bloß eine theologische Theorie bleibt, denn weder vor noch nach Jesu Geburt hat sich die Welt grundsätzlich geändert. Die große Lösung lässt auf sich warten. Kein Wunder, dass man die Hoffnung auf den neuen Himmel und die neue Erde immer konsequenter auf das Jenseits verschoben und vertagt hat. Die grundsätzliche Änderung der Verhältnisse nach dem Tod zu erwarten, klingt äußerst verlockend und vernünftig. Dennoch wäre das Christentum als eine bloße Jenseits-Religion kaum entstanden und hätte noch weniger eine solche weltprägende Karriere gemacht. Das heißt, wir müssen uns wohl oder übel damit auseinandersetzen, die Vision vom neuen Himmel und der neuen Erde doch als einen realistischen und realisierbaren Gedanken zu betrachten. Die Textkombination des Sonntags wird uns dabei helfen.

Das Bild in apokalyptischer Sprache bei Johannes ist erstaunlich realistisch

I.
Eben in diesem Lesungstext aus der Offenbarung des Johannes finden wir die ersten Hinweise:

  1. Der Seher Johannes spricht von einer „Stadt“. Die neue, zweite Schöpfung wiederholt nicht die erste, als Gott Bäume, Sterne, Berg und Tal und schließlich einen Garten für den Menschen erschaffen hat. Bei der Stadt geht es um eine Kulturleistung, die der Mensch im Lauf der Geschichte entwickelt hat. Die Welt braucht nicht neue Blumen und Tierarten, sondern einen neuen Ort des friedlichen und gesunden Zusammenlebens, eine neue Stadt. Sie allerdings kommt aus dem Himmel, nicht aus den Werkstätten der Menschen. Denn die Technik einer perfekten Stadt würden wir – wie schon vor uns die Römer – beherrschen, aber der Friede und die Sicherheit, die Geborgenheit und der gerechte Wohlstand können unter unseren Händen ganz offensichtlich nicht entstehen.
  2. Hinzu kommt der zweite Hinweis, dass die neue Stadt „wie eine Braut geschmückt“ sei. Sie ist nicht verkehrs- und energietechnisch eine Glanzleistung, sondern sie ist begehrt, geliebt und schön wie eine geliebte Braut. Ihre Verbindung mit dem Himmel ist nicht die Hierarchie von Oben und Unten; das Verhältnis von Braut und Bräutigam ist nicht Gehorchen und Furcht. Betont wird viel mehr ihre Schönheit; dass sie ein Herzensanliegen ist und die Anziehung der Faszination durch Liebe besitzt. Deshalb ist die Aktivität dieser Stadt, die vom Himmel stammt, nichts anderes als sich zu schmücken, dem Bräutigam gefallen zu wollen.
  3. Und schließlich wird noch etwas unverschleiert klar: In der ersehnten Stadt ist nicht einfach vom Lachen die Rede, sondern von abgewischten Tränen; nicht von wolkenlosem Glück und Freude, sondern von Trauer, Klage und Mühsal, die aber jetzt dort ein Ende haben. Diese Dinge gehören aber zumindest im Vorfeld sehr wohl dazu.

Die neue Stadt: Tränen ja, aber sie werden abgewischt

II.
Diese Ambivalenz spürt man in einer geradezu unheimlichen Weise im Evangelium. Dort spricht Jesus von seiner Verherrlichung – allerdings gerade in dem Moment, als Judas hinausgeht, um den Kreuzweg Jesu anzustoßen. Vor diesem Hintergrund muss die Neuheit von Jesu „neuem Gebot“ gesehen werden. Neu ist die Art der Liebe: „Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben“ – sagt Jesus.
Jesu Radikalität ist der dünne Faden, an dem die Stadt vom Himmel herabgesenkt wird; aber dieselbe Art der Liebe unter den Menschen ist auch der Faden, der diese Stadt horizontal in ihren Teilen, Gliedern und Bewohnern zusammenhält. Die Liebe Jesu, die weder den Verrat noch das Kreuz verhindert, ist das Erkennungsmerkmal und der Fingerabdruck Gottes in der Welt – auch „Herrlichkeit“ genannt.

III.
Aber gerade so kann uns die Diesseitigkeit dieser Vision als unerreichbar und utopisch vorkommen; und dieses Gefühl ist insofern auch zutreffend, als diese Stadt nie die ganze Erdkugel erfassen und verwandeln kann. Der neue Himmel und die neue Erde können – solange der Mensch frei ist – innergeschichtlich nicht global gemeint sein. Aber die eingeschränkte Quantität darf nicht die Qualität des radikal Neuen reduzieren.

Die Kirche als Braut – wer will sie schon schmücken?

Von der Art und Weise des radikalen Realismus erzählt uns die erste Lesung aus der Apostelgeschichte überraschend unscheinbar. Es beginnt schon damit, dass auch Paulus und Barnabas den gläubigen Schwestern und Brüdern nichts vormachen, wenn sie klar zugeben: „Durch viele Drangsale müssen wir in das Reich Gottes gelangen.“ Aber das scheint ihnen nicht allzu viel auszumachen. Wenn die Braut in der Nähe ist, ist der Bräutigam grundsätzlich fröhlich und zuversichtlich – trotz Drangsalen und Mühen.
Aber ganz beeindruckend ist, wie alltäglich unaufgeregt die Apostel die Annäherung zur veränderten und erlösten Welt beschreiben: Es wird viel gereist und viele Wegstrecken werden zurückgelegt; die neuen kleinen Gemeinden werden ständig versammelt; und es wird unentwegt erzählt. Zum einen sind es schlichte, alltägliche, unspektakuläre Dinge, allesamt machbar und realistisch: Menschen sammeln, um zu reflektieren, die Geschichte der Gnade zu erzählen, sich über Gottes Taten austauschen.
Aber auf der anderen Seite merken wir, dass sie gar nicht so sehr im heutigen kirchlichen Trend liegen. Wir tun uns schon schwer, aufzubrechen und in der Nachbarkirche den Gottesdienst zu besuchen; schon zu einem ganz kleinen gemeinsamen Unterwegssein in einer Wallfahrt findet sich fast niemand bereit; und zu einem gemeinsamen Nachdenken über Gottes Pläne und Taten haben die wenigsten Zeit und Lust.
Kann es denn sein, dass wir inmitten von vielen großen kirchlichen Träumen und Sehnsüchten so leichtsinnig den Schlüssel der Veränderung der Welt aus der Hand geben? Kann es sein, dass es uns gar nicht in den Sinn kommt, dass es so einfach wie lohnenswert wäre, die Braut zu schmücken, nach der Gott sein Verlangen nie aufgegeben hat?
Vielleicht will Gott von uns nichts Schweres, sondern dass wir uns sammeln lassen, Wege zu den Schwestern und Brüdern suchen und gehen und über die Pläne Gottes und die Werke des Hl. Geistes miteinander sprechen, um den Raum für die große Liebe zwischen Braut und Bräutigam zu schaffen, weil Jesus uns zuerst geliebt hat.

© Dr. Tamás Czopf, Pfarreiengemeinschaft Starnberg

B. Die Verherrlichung Gottes – ein alter Begriff, was sagt er?
(Konrad Wierzejewski)

Als Judas hinausgegangen war, sagte Jesus: ‚Jetzt ist der Menschensohn verherrlicht und Gott ist in ihm verherrlicht.‘“ Wie sollen wir das verstehen? In dem Moment, wo der Verräter hinausgeht, um sein Werk zu beginnen, und Jesus weiß, dass jetzt sein Schicksal besiegelt ist, spricht er von Verherrlichung. Es ist etwas, was in unserem Sprachgebrauch sonst nicht vorkommt; „Verherrlichung Gottes“ ist ein alter theologischer Begriff, der im Alten Testament immer dann verwendet wird, wenn Gott, die Wucht seiner Erscheinung, erfahren wird wie am Sinai. Wie ist es jetzt möglich, in der Situation, die Johannes beschreibt, von „Verherrlichung Gottes“ zu sprechen?

Das Unerwartete: Der Wandel in der Sicht der Jünger

Was die Evangelien von der Verurteilung und Hinrichtung Jesu berichten, entspricht zunächst einem klassischen Mechanismus: Einer wird als schuldig an der allgemeinen Misere, als „Sündenbock“ ausersehen, auf den sich dann die öffentliche Meinung einschießt. Wie in einer Ansteckung werden sich alle einig, dass dieser an dem Unheil schuld ist. Der so Beschuldigte wird schließlich umgebracht. Der Mord an ihm führt zu einer Befriedung. So spricht es der Hohepriester Kajaphas aus: „Es ist besser, dass ein einziger Mensch für das Volk stirbt.“ Die Rechnung scheint aufzugehen; alle werden sich einig und fordern die Verurteilung Jesu. Selbst seine Jünger können sich dem nicht entziehen: Petrus verleugnet ihn, keiner der Jünger verteidigt ihn. Unter dem Druck der einmütigen Menge verurteilt ihn Pilatus.

Aber dann geschieht etwas Einzigartiges: Nachdem Jesus verurteilt und hingerichtet ist, stehen seine Jünger, eine kleine Minderheit, auf und durchbrechen die Einmütigkeit der öffentlichen Meinung, widersprechen dem Urteil der anerkannten Autoritäten und bringen in den Passionsberichten die Wahrheit über das Unrecht einschließlich ihrer eigenen Schuld ans Licht der Öffentlichkeit. Die Verschleierung der Wahrheit, auf die die Gegner Jesu gesetzt hatten, wird durchkreuzt. Da ist der Menschensohn verherrlicht!

Aber es wäre noch keine Verherrlichung, wenn die Jünger sich dann zerstreut hätten, schuldbewusst, dass Jesus und seine Sache an ihnen gescheitert ist. Es folgt der Auftrag: „Liebt einander!“ Das ist ein Wort, unter dem man vieles verstehen kann. Jesus fügt hinzu: „wie ich euch geliebt habe“. Das ist das Maß. Billiger dürfen die Christen die Nächstenliebe nicht machen, als die Liebe Jesu gewesen ist.

Die Erweiterung des Gottesdienstes: die Agape

Das Griechische kann das sprachlich ausdrücken: Für diese Art von Liebe hat es ein eigenes Wort, „Agape“, das sonst kaum verwendet wird. Es ist dann in unseren kirchlichen Sprachgebrauch eingegangen: In der frühen Kirche kam der Brauch auf, dass man nach der Feier der Eucharistie noch zu einem gemeinsamen Essen zusammenblieb; das nannte man Agape, Liebesmahl. In unserer Zeit hat man begonnen, einen solchen Brauch gelegentlich wieder aufzunehmen, und man nennt es wieder Agape.

Da ist es sehr schön und passend, dass heute nach unserem Gottesdienst hier unsere Ministranten zu einem Weißwurstessen einladen. Sie legen uns damit das Evangelium aus, helfen uns, dem auf die Spur zu kommen, von dem da die Rede ist, der Herrlichkeit Gottes! Sie erscheint offensichtlich in dem neuen Gebot „Liebt einander!“

Nun ist so ein Weißwurstessen auch wieder etwas sehr Schlichtes. Aber es lässt es uns immerhin ahnen, dass es da noch eine Unterscheidung braucht, was das bedeutet: einander lieben, „wie ich euch geliebt habe“.

Es ist mehr, als ein wenig Freundlichkeit und Aufmerksamkeit zu gewähren. Es ist auch nicht ein Gefühl, wie es Verliebte füreinander oder Eltern von Natur aus für ihre Kinder empfinden. Lieben, wie Er uns geliebt hat, das beginnt da, wo einer nicht auf sich schaut, sondern nach dem anderen fragt und ihn mit den Augen Gottes anschaut und fragt: Was ist sein Auftrag von Gott her? Es heißt, so lieben, dass der andere, dass die Kinder, die nächste Generation, die Neuheiden um uns herum daraufhin an Gott glauben können.

Aber das überfordert einen Einzelnen. Es braucht dazu ein ganzes Netz von Personen. Davon spricht die Bibel immer wieder in vielen Bildern: vom Volk Gottes, von der um den guten Hirten gescharten Herde, von der neuen Familie Gottes. Und da hat die heutige zweite Lesung ein weiteres Bild dafür, das noch darüber hinaus geht: das Bild der neuen Stadt Gottes, des neuen Jerusalem.

Agape – nochmals erweitert im Bild der neuen Stadt Jerusalem

Eine Stadt, das ist nicht eine rein geistige Gemeinschaft, nichts Spirituelles, sondern etwas ganz Reales, darauf weist immerhin das Weißwurstessen im Pfarrheim hin, etwas Reales. So real ist Verherrlichung Gottes in der Vision des Johannes. Eine Kirche, eine Liturgie reicht da nicht. Im Gegenteil, da heißt es sogar weiter: „Einen Tempel sah ich nicht in der Stadt. Denn der Herr, ihr Gott … ist ihr Tempel, er und das Lamm. … Er wird in ihrer Mitte wohnen und sie werden sein Volk sein.“ Das Bild ist also nicht ein Tempel, sondern die Stadt, und in der gibt es einen realen Ort, wo man zusammensitzt mit dem Herrn in der Mitte, an realen Tischen, ein reales Mahl. Wenn an einem Ort so verbissen darum gekämpft wird, dass ihnen ein Pfarrhof erhalten bleibt, dann spüren die Menschen da wohl etwas von dieser so realen Vision.

Aber wie sieht nun die Realisierung bei Johannes aus? Ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott her aus dem Himmel herabkommen.“ Jerusalem war zu der Zeit bereits erobert und zerstört, schon zum zweiten Mal. Jedes Mal hatten sich vorher diejenigen durchgesetzt, die darauf gesetzt hatten, es mit militärischer Gewalt verteidigen zu können. Davor hatte Jesus gewarnt: „Die zum Schwert greifen, werden durch das Schwert umkommen.“ Das war eingetroffen.

Die Verheißung: Ich mache alles neu

Die Vision ist nicht, dass das, was wir gewohnt sind, liebgewonnen haben, was vielleicht wirklich einmal wertvoll war, was einmal als Realisierung der Vision entstanden war, immer erhalten bleiben würde, auch wenn es längst nicht mehr zu bezahlen ist. Die Vision ist viel größer: „Ich mache alles neu“, auch das, was hier bei uns einmal den hiesigen Pfarrhof hervorgebracht hat; das war eine lebendige Gemeinschaft von Augustiner-Chorherren. Muss die Kirche, müssen wir dann nicht zuallererst den Mut haben, die Vision so zu sehen, darauf zu setzen, dass Gott eine solche Gemeinschaft mit ihm in der Mitte, wie sie unter den Augustiner-Chorherren einmal Wirklichkeit war, wieder neu Wirklichkeit werden lässt, auch in unserer Zeit?

Das ist etwas, was wir nicht machen können. Mit Gewalt können wir nur Zerstörung herbeiführen. Das neue Jerusalem sah Johannes „von Gott her aus dem Himmel herabkommen“. Das können wir nur und dürfen wir ersehnen, erbitten! Das ist der Zuspruch an uns heute, Zuspruch der Agape, und wir dürfen uns nicht mit weniger zufrieden geben, damit Gott verherrlicht wird.

© Dr. Konrad Wierzejewski, Pfarreiengemeinschaft Geltendorf