Theologische Fragen aus biblischen Texten der Liturgie 36

A. Die anstößigen Behauptungen der österlichen Kirche (von Tamás Czopf)
B. Frieden, wie die Welt ihn gibt – oder wie sie ihn nicht geben kann? (von Konrad Wierzejewski)

(Die Texte beziehen sich auf die Lesungen des 6. Sonntags der Osterzeit, Lesejahr C: Apostelgeschichte 7,55-60; Offenbarung des Johannes 22,12-20 gekürzt; Johannesevangelium 17,20-26.)

A. Die anstößigen Behauptungen der österlichen Kirche
(Tamás Czopf)

Wie Sie gemerkt haben, lesen wir in der Liturgie weiterhin fortlaufend drei Texte, die nicht aufeinander abgestimmt sind: aus der Apostelgeschichte, dem Buch der Offenbarung und aus den großen Reden Jesu im Johannesevangelium. Ohne dass ich gewaltsam einen Zusammenhang zwischen diesen dreien herstellen wollte, möchte ich aus jedem Text einen Gedanken auswählen.

1.
Aus der Lesung aus der Apostelgeschichte hörten wir den Satz: „Der Heilige Geist und wir haben beschlossen, euch keine weitere Last aufzuerlegen als diese notwendigen Dinge…“

Wie kann die Kirche sage: Der Heilige Geist und wir

Diese erstaunliche Aussage hat zwei Teile:

a. „Der Heilige Geist und wir haben beschlossen.“ Es hallt hier eine erstaunliche Portion an Selbstbewusstsein wider. Immerhin befinden wir uns auf dem ersten sog. „Apostelkonzil“ in Jerusalem, wo in einer entscheidenden Frage der jungen Kirchengeschichte Stellung genommen wird: nämlich ob und wie die Heiden das jüdische Gesetz halten müssen, wenn sie sich der Kirche anschließen. Auf den Inhalt dieses Problems möchte ich nicht eingehen, aber der Vorgang in sich ist bemerkenswert. Der Abschlussbrief verwendet das gemeinsame Subjekt „der Hl. Geist und wir“. Ist dies nicht die größte Anmaßung und Zumutung, die sich die Kirche einbildet und allein damit schon jeglichem Missbrauch Tor und Tür öffnet? Im Namen des Geistes Gottes zu reden und die absolute Wahrheit zu vertreten, das ist für viele nichts als unerträgliche Arroganz, die unbedingt abgeschafft gehört.
Zwei Dinge muss man aber wahrnehmen: Zum einen sagen die Apostel nicht, dass sie der Hl. Geist seien, sondern bloß, dass sie auch der Meinung des Geistes sind. Es gibt hier zwei Akteure, die aber in diesem Punkt einig sind. Der Hl. Geist kann durchaus die Kirche auch anklagen, wenn er dafür eine prophetische Stimme findet. Aber wenn diese Sicherheit – „der Hl. Geist und wir“ – gar nicht gelten darf, dann ist die ganze Kirche verloren und all ihre Mühe ist umsonst. Auf dem Apostelkonzil und auf den späteren Konzilien passiert nämlich genau das, was Jesus im Evangelium verspricht: „Der Geist wird euch alles lehren und an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.“ Wenn es nicht möglich ist, die Stimme des Geistes sicher wahrzunehmen, dann gibt es auf der Suche nach Wahrheit bloß Meinungen und wechselnde Mehrheiten.

b. Dazu kommt aber noch die zweite Hälfte des Satzes: Beschlossen wurde von den Aposteln nämlich, dass keine weitere Last den neuen Christen auferlegt werden sollte als einige Regeln, um sich von den heidnisch-römischen Kulten zu distanzieren und die kirchliche Tischgemeinschaft von Juden und Heiden zu ermöglichen. Von Anfang an ist das Bemühen der Apostel, den Menschen nicht Lasten aufzubürden, sondern sie in die Freiheit der Kinder Gottes zu führen. Ob die Juden selbst das Gesetz als Last empfunden haben, steht auf einem anderen Blatt, aber für die Heiden wäre es sicherlich eine. Der Glaube soll aber eine „leichte Last“ und ein „süßes Joch“ sein – wie schon Jesus betont.
Wenn also der Hl. Geist die Glaubenden durch die Versammlung und ihre Beschlüsse führt, dann unterwirft er sie nicht unnötigen Lasten, sondern ermöglicht eine Gemeinschaft, wo freier Gehorsam Gott gegenüber herrscht.

Wie kann die Kirche mit Jesus sagen: Meinen Frieden gebe ich euch?

2.
Aber kommen wir zum nächsten Text. Im Evangelium ist die Zusage Jesu bemerkenswert: „Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch; nicht, wie die Welt ihn gibt, gebe ich ihn euch.“ Der Friede ist das wichtigste Erbe des Messias an die Kirche. Aber wie man ihn erreicht oder empfängt, hat bei (und durch) Jesus eine andere Form als in der „Welt“. Die Welt sucht den Frieden durch Abschreckung und das Gleichgewicht der Kräfteverhältnisse; ob im Gewaltmonopol des Staates oder in der militärischen Aufrüstung, die wieder brandaktuell geworden ist. „Frieden schaffen ohne Waffen“ ist ein frommer Wunsch, der sehr radikale Voraussetzungen hat und der zwischen Stämmen, Völkern und Ideologien nicht funktioniert.

Auf welche Weise Jesus uns den Frieden hinterlässt, bringt der Kolosserbrief auf den Punkt: Jesus habe „den Frieden gestiftet […] am Kreuz durch sein Blut“. (Kol 1,20) Gewalt erleiden, statt sie auszuüben, ist die radikale alternative Friedenssuche Jesu. Eine solche Haltung von Staatsmännern zu erwarten, ist blauäugig, mögen sie Putin oder Selenskyj heißen; von einem Patriarchen wie Kyrill sollte es schon eher möglich sein, aber nur, wenn er nicht als Politiker, sondern als Jünger Jesu denkt und redet. Jesus liefert zu diesem Friedensweg eine seltsame Begründung: Die Bedingung liege darin, dass er zum Vater geht, der größer ist als er. Dass der Vater größer ist, ist für den gläubigen Juden Jesus eine Selbstverständlichkeit, wie es für uns alle eine ist.

Die späteren Theologen haben viel über diesen Satz nachgedacht, als es klar wurde, dass Jesus in einer Person ganz Gott und ganz Mensch ist. Aber gerade das ist der Punkt: In Jesus wohnen zwei Kräfte und zwei Willen zusammen: eine ganz nach Art der Menschen und eine von Gott her. Die menschliche Kraft ist natürlich unvergleichlich schwächer als die göttliche und der Wille des Menschen ebenso. Aber die Größe Jesu und des wahren Jüngers besteht gerade in der Einigung und Unter-ordnung der menschlichen Kraft und des Menschen-Willens unter Gottes Kraft und Gottes Willen. Gerade weil Gott größer ist, fühlt sich Jesus sicher und macht sich keine Sorgen, auch wenn er den Kreuzestod erleiden muss, was nach menschlichem Ermessen als absolute Katastrophe und schlimmstes Scheitern gilt. Nur wenn ich die Spitze der inneren Wertehierarchie von mir selbst auf Gott, den Vater, verschiebe, nur dann werde ich bereit und in der Lage sein, den Frieden nicht von den irgendwie ausgewogenen Kräfteverhältnissen zu erwarten, sondern in den Fußstapfen Jesu vom Vater zu empfangen. Aber das kann nur in einem freiwilligen und gegenseitigen Rahmen realistisch sein; das ist die Berufung der Kirche.

Wie kann die Kirche mit Johannes sagen: Gott selbst wohnt unter uns?

3.
Zum dritten Text reicht eine kurze Notiz. In der Lesung aus der Apokalypse überrascht uns der Seher damit, dass es im himmlischen Jerusalem, dem Ort des Friedens und Mittelpunkt der neuen Welt, der vom Himmel herabkommt – keinen Tempel gibt, weil seine Mitte Gott selber und das Lamm ist. Das heißt, dass es dort keine Trennung von sakral und profan, von Arbeit und Gottesdienst, von Kult und Alltag gibt; so wie im Paradies, wo es keine Religion braucht und Gott mit dem Menschen in der Abendsonne unbekümmert spazieren gehen kann. Das ist die Spitze und das Ziel der Schöpfung, das Ideal des jüdisch-christlichen Glaubens: Die Welt ist verwandelt, das Leben ist in Gottes Dienst gestellt, alles ist Gebet und Gottesdienst. Gott und das Lamm leuchten in dieser Gesellschaft, die durch die Hingabe des Lebens geprägt ist.

Aber eine solche Welt kann nicht durch Fraktionszwang und Dekrete entstehen. Und nur qualifizierte freiwillige Minderheiten können sich darauf einigen, aus dieser Freude zu leben und darauf zu setzen, dass diese Vision realistisch ist, weil es den Schöpfer und das Lamm gibt.

© Dr. Tamás Czopf, Pfarreiengemeinschaft Starnberg

B. Frieden, wie die Welt ihn gibt – oder wie sie ihn nicht geben kann?
(Konrad Wierzejewski)

Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch; nicht einen Frieden, wie die Welt ihn gibt“, haben wir als Verheißung Jesu gehört. Der Wunsch nach Frieden ist groß angesichts so viel Uneinigkeit und eskalierender Konflikte auch in der Kirche. So habe ich vor drei Jahren die Predigt begonnen. Inzwischen sind die Konflikte in einem Ausmaß eskaliert, wie wir es uns da nicht vorstellen konnten: die Konflikte in der Kirche zwischen einem Teil der Kirche, auch Bischöfen, hier in Deutschland und einer großen Zahl von Bischöfen der Weltkirche, Kleinkriege in unseren Gemeinden und der Pfarreiengemeinschaft und ein blutiger Krieg in Europa zwischen Blöcken, die die Spaltung der Kirche widerspiegeln. Umso drängender ist der Wunsch nach Frieden geworden. Strategien zum Frieden, wie die Welt ihn gibt, liegen auf dem Tisch: die Strategie der Großmächte seit den Römern, ihn mit Waffen zu erzwingen, die untauglichste Strategie, schon im Tierreich bewährte Strategien wie Beschwichtigungsverhalten, einander Wertschätzung ausdrücken, Revierabgrenzung, Zuständigkeitsbereiche abgrenzen, bewährt in Jahrmillionen der Evolution, aber hilflos gegenüber der Feindschaft, die es zwischen Menschen gibt. Da verheißt Jesus einen Frieden, der noch etwas anderes sein soll – eine Utopie?

Die Situation der jungen Kirche in Jerusalem und das Dazukommen von Heiden

Wie zur Illustration hat die Kirche neben dieses Evangelium den Abschnitt aus der Apostelgeschichte gestellt, der darin nicht zufällig als Zentralstück in der Mitte steht, wo es darum geht, wie die junge Kirche ihre erste große Zerreißprobe bestanden hat. So wollen wir uns die Geschichte noch einmal vor Augen führen.

Da war auf der einen Seite die Urgemeinde in Jerusalem, alles Juden, die als Anhänger eines als Volksverführer Verurteilten und Hingerichteten einen schweren Stand hatten. Nachdem sie sich nach Ostern wieder neu gesammelt hatten, war es ihnen das wichtigste, dieses Urteil zu widerlegen und nachzuweisen, dass er und sie nicht, wie ihnen vorgeworfen wurde, die Tora, die heilige Überlieferung Israels, außer Kraft setzen wollten, sondern treu dazu standen, sie zu erfüllen.

Und dann gab es die vielen Heiden, die sich vom Volk Israel und seiner Lebensweise und seinen Verheißungen angezogen fühlten. Das waren nicht Anhänger eines finsteren Geisterglaubens, sondern fortschrittliche Menschen, die geprägt waren von der aufgeklärten griechischen Philosophie. denen es aber nicht möglich schien, die Tora mit allen Vorschriften, v.a. dem wirklich einschneidenden Zeichen der Beschneidung, für sich zu übernehmen. Nicht wenige von ihnen hatten sich der Gemeinde angeschlossen, die Paulus und Barnabas in Antiochia gesammelt hatten. Der Schritt zu dieser bis aufs Blut verfolgten neuen Sache war für ihr Leben mindestens so schwerwiegend wie die Beschneidung und rechtfertigte es daher für Paulus, sie in die Gemeinde aufzunehmen.

Aber damit war ein fast unlösbarer Konflikt mit der judenchristlichen Urgemeinde in Jerusalem vorprogrammiert, die ständig beargwöhnt war, die Tora zu missachten. Musste sie gerade deshalb nicht darauf bestehen, an dem unverkürzten Gesetz ohne Abstriche festzuhalten? Und Paulus und seine neue Gemeinde in Antiochia, wie sollten sie sich jetzt verhalten? Gehorchen und die neue Errungenschaft des für die Heiden möglichen Zugangs zum Gottesvolk wieder aufs Spiel setzen? Oder mussten sie nicht an dem Erreichten festhalten, auf einem lokalen Sonderweg bestehen und herabschauen auf diese starren, gesetzestreuen Ältesten in Jerusalem?

Der Weg des sich Versammelns in Jerusalem

Da hören wir, dass Paulus und Barnabas zu den Aposteln und den Ältesten nach Jerusalem gingen, um einen gemeinsamen Weg weiter zu suchen. Die ausführliche Erzählung, wie es dann auf dem Apostelkonzil zuging, ist in der heutigen Lesung ausgelassen, damit sie nicht zu lang wird. Da heißt es: „Als ein heftiger Streit entstand, erhob sich Petrus und sagte zu ihnen: Brüder, wie ihr wisst, hat Gott schon längst hier bei euch die Entscheidung getroffen, dass die Heiden durch meinen Mund das Wort des Evangeliums hören und zum Glauben gelangen sollen“ und er erinnert daran, wie er selbst dazu geführt worden war, als erster einen Heiden, den Hauptmann Kornelius, zu taufen und in die Gemeinde aufzunehmen. „Da schwieg die ganze Versammlung. Und sie hörten Barnabas und Paulus zu, wie sie erzählten, welch große Zeichen und Wunder Gott durch sie unter den Heiden getan hatte.“ Dann trat Jakobus, der als Exponent des traditionellen Judenchristentums gilt, unter Berufung auf den Propheten Amos für die Aufnahme der Heiden in das Gottesvolk ein und definierte nur drei für das Leben im Gottesvolk notwendige Dinge, die das Leben eines Glaubenden entscheidend bestimmen, gar nicht geistige Dinge, sondern: „Götzenopferfleisch, Blut, Ersticktes und Unzucht zu meiden“, also entschiedene Distanzierung von anderen Kulten, Speisevorschriften, die der Gesunderhaltung dienten, und ein Punkt der Sexualmoral; Unzucht meinte damals vor allem sexuelle Beziehungen zwischen nahen Verwandten. Damit wurde den Menschen aus dem Heidentum und damit auch uns der Zugang zum Gottesvolk eröffnet und die Einheit gewahrt. Das war nicht ein „Friede, wie die Welt ihn gibt“, sondern ließ sich nur als großes Wunder mit den Worten beschreiben: „der Heilige Geist und wir haben beschlossen“.

Der Blick darauf, was Gott getan hat

Der Blick auf das, was Gott bereits getan hat, hat einen neuen Schritt ermöglicht, wogegen der Blick auf das, was Menschen getan haben an Bösem, das sehen wir in unserer Zeit überdeutlich, nur immer tiefer in Unfrieden, Verbitterung und unvereinbare Lösungsvorstellungen führt.

Wie ist es bei uns? Leben wir überhaupt noch so, dass es die Neuheiden von heute herausfordert, sich der Kirche anzuschließen? Und setzen wir auf die Verheißung von dem Frieden, den der Herr uns schenkt, oder bleiben wir dabei, eigene Positionen und Reviere zu verteidigen, und begnügen uns vermeintlich realistisch mit einem Kompromissfrieden, wie er der Welt möglich ist? Suchen wir die Versammlung im Heiligen Geist in der Mitte der Kirche und trauen ihm Lösungen zu jenseits unserer begrenzten Phantasie, Lösungen, die sich eröffnen im Schauen auf das, was Gott schon getan hat?

Wie geschieht dann die Veränderung?

So sah auch der Seher Johannes das neue Jerusalem vom Himmel auf die Erde herabkommen, nicht als Produkt menschlicher Planungen. Als seine Grundsteine sah er gar nicht einmal, wie man erwarten könnte, die zwölf Stämme der Geschichte Israels, sondern die zwölf Apostel, von denen einige noch lebten, als er seine Vision hatte. Sie stehen für die neue Weise des Zusammenlebens in der Gegenwart als neue Familie, die Jesus gestiftet hat. Sie ist das Fundament der neuen Stadt Gottes. Und „einen Tempel sah ich nicht in der Stadt“, schreibt Johannes. Da ist kein abge­trennter, reservierter Raum mehr für Gott, wie wir ihn immer gerne schaffen, um sonst im Alltag davon ungestört zu leben, sondern Gott durchwirkt alle Lebensbereiche dieser Stadt.

Der Blick auf den Zustand unserer Gemeinden kann uns da leicht entmutigen. Da wird uns das heutige Evangelium zum Trost. Auch die Gemeinden des Johannes waren von innen und außen bedrängt und sicher mitunter ratlos, wie dieser Friede – „nicht wie die Welt ihn gibt“ – sie durchwirken kann. In diese Bedrängnis hinein verspricht Jesus den Heiligen Geist, der „euch an alles erinnern wird“. Wir brauchen also nicht auf eine emotionale Ergriffenheit oder auf eine Verzückung zu warten, sondern wir dürfen uns erinnern lassen: an die Worte Jesu, an das Zusammenfinden der neuen Tischgemeinschaft, die er gestiftet hat, an den Durchbruch beim Jerusalemer Apostelkonzil, der auch uns Nicht-Juden den Zugang zum Gottesvolk eröffnet hat, an die Zusicherung, dass Gott selbst seine heilige Stadt erschafft und darin all unsere Lebensbereiche durchdringt, wenn wir es zulassen.

Bitten wir in diesen Tagen vor Pfingsten um den Beistand, der uns an alles erinnert und uns heute neu alles lehrt, was wir tun sollen, damit sich sein Friede ausbreitet in unserer Pfarrei, in unserer Pfarreiengemeinschaft, in der Kirche und in der Welt.

© Dr. Konrad Wierzejewski, Pfarreiengemeinschaft Geltendorf