Theologische Fragen aus biblischen Texten der Liturgie 37

Was an der Himmelfahrt Jesu wirklich ist

Dieser Feiertag mitten in der Woche ist nicht einfach eine menschenfreundliche Einrichtung, um uns einen zusätzlichen Feiertag oder sogar ein verlängertes Wochenende zu bescheren, sondern es ist der vierzigste Tag nach Ostern, an dem nach dem Bericht in der Apostelgeschichte Jesus in den Himmel aufgenommen wurde. Aber war es wirklich so? Es gibt ganz unterschiedliche Erzählungen der vier Evangelisten von den Begebenheiten nach Ostern mit dem Auferstandenen, und manche zweifeln deshalb an ihrer Glaubwürdigkeit.

Die Verschiedenheit der Erzählungen

In diesem Lesejahr C haben wir die besondere Situation, zwei Berichte von demselben Autor, nämlich Lukas zu hören, und selbst da finden wir solche Unterschiede. Von den 40 Tagen schreibt er nur in der Apostelgeschichte; in seinem Evangelium erzählt er die Geschichte ganz anders: da geschieht alles an einem Tag, dem ersten Tag der Woche. Die Frauen laufen zum Grab und finden Jesus nicht, dann laufen sie zu den elf Jüngern, dann läuft Petrus zum Grab; am gleichen Tag sind zwei von den Jüngern nach Emmaus unterwegs und kehren noch am selben Tag nach Jerusalem zurück, wo die Apostel versammelt sind, da tritt Jesus in ihre Mitte und gleich darauf führt er sie auf den Ölberg, gibt ihnen den letzten Auftrag und verschwindet vor ihren Augen, alles an einem Tag. Warum erzählt Lukas die gleiche Geschichte einmal so, einmal so?

Es gibt verschiedene Sichtweisen der gleichen Zeit: aus der Perspektive Gottes und aus der Perspektive des Menschen. Gott hat Jesus, indem er ihn auferweckt hat, ohne Verzögerung aufgenommen und zu seiner Rechten gesetzt. Aber die Jünger Jesu waren von seinem Tod benommen und konnten zuerst nichts wahrnehmen als Erscheinungen des Auferstandenen. Sie brauchten Zeit, bis sie begreifen konnten, dass dem Auferstandenen zu begegnen nicht in Erscheinungen besteht, sondern in seiner lebendigen Gegenwart in der Versammlung der Gemeinde. Die 40 Tage ebenso wie die 40 Jahre des Volkes Israel in der Wüste stehen für die Zeit, die der Mensch braucht, um den Plan Gottes zu begreifen, die Fülle der Zeit, die Gott ihm dazu gewährt.

Die Sicht Gottes lernen

Es ist nicht einfach wie eine 40-tägige Schonfrist zu verstehen, um sich daran zu gewöhnen, dass der Herr jetzt nicht mehr da ist, sondern die Jünger hatten da etwas zu lernen, eine Korrektur der Blickrichtung, davon berichtet Lukas. Im Evangelium erzählt er von den Frauen am Grab: „Sie blickten zu Boden. Die Männer aber sagten zu ihnen: ‚Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?‘“ Und jetzt bei der Himmelfahrt sagen die Engel: „Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und schaut zum Himmel empor?“

Der erste Blick ist der traurige Blick nach unten, in das Grab, der Blick auf das, was nicht mehr ist. Diese Blickrichtung kennen wir: auf das, was zerbrochen ist: auf dem Weg der Pfarreiengemeinschaft, in der Zeit der Kontaktbeschränkungen, als wir verlernt haben, als Gemeinde miteinander umzugehen, eine junge Ministrantin, die sich verabschiedete, nicht hier in unserer Pfarre jetzt, brachte es auf den Punkt: „Es ist keine Gemeinschaft mehr da; bei mir ist die Luft raus“ – oder auch durch den Krieg, in den wir hineingezogen wurden. Manchmal ließen sich einzelne Schuldige benennen. Oder Menschen kommen zusammen zu einer Art „Veteranentreffen“, um die Erinnerung zu pflegen an das, was nicht mehr ist. All das führt nicht weiter:
„Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?“ Es gibt auch den anderen verklärten oder sehnsuchtsvollen Blick dorthin, wohin der Herr mit seiner Herrlichkeit jetzt anscheinend entschwunden ist. Auch das ist uns nicht fremd, den Blick auf Utopien zu richten. Aber auch dieser Blick führt nicht weiter: „Was steht ihr da und schaut zum Himmel empor?“

Der Blick Gottes richtet sich auf die Erde, und dass wir ihn übernehmen, dafür wirbt er durch seine Boten. Wo die Jünger dann fragen: „Herr, stellst du in dieser Zeit das Reich für Israel wieder her?“ haben sie von dieser Blickrichtung auf die konkrete Welt schon etwas verstanden. Aber sich der Welt zuzuwenden so, wie Gott sich ihr zuwendet, haben sie noch nicht verstanden. Die letzte Anweisung des Auferstandenen ist: „Geht nicht weg von Jerusalem“, ja, zerstreut euch nicht, bleibt beieinander, aber nicht im nostalgischen Zurückschauen, sondern im bereiten Warten „auf die Verheißung des Vaters“, den Heiligen Geist.

Paulus bestätigt diese Sicht aus seiner Erfahrung und spricht auch von uns

Paulus berichtet von dem Ergebnis. Er ist auf Menschen getroffen, an denen sich, wie er schreibt, die Macht des Auferstandenen erwiesen hat. Wo er von Auferstehung schreibt, spricht er von Erhöhung „hoch über alle Mächte und Herrschaften“. Das sind nicht irgendwelche finsteren Mächte, über die wir nur milde lächeln. Die Jünger Jesu hatten die Macht der öffentlichen Meinung erfahren, die Jesus verurteilt hatte, und über die sie sich nach Ostern „wie durch ein Wunder erhoben“ erfuhren, der zu widersprechen sie die Kraft bekamen. Von solchen Mächten lassen doch auch wir immer wieder unser Leben bestimmen, manchmal ohne dass wir es merken. Und da behauptet Paulus: Alle diese Mächte sind entmachtet; Christus ist über sie alle erhoben. Das war eine reale Erfahrung, als seine Jünger sich neu gesammelt hatten und ihn als wirkmächtiger als zuvor erfahren hatten. Dann war da die Macht des römischen Kaisers, der sich alle Völker unterwarf und einen „Deal“ versprach: Frieden gegen Unterwerfung. Die Christen fürchteten weder ihn noch den Tod und bezeugten, dass Christus mächtiger war über ihr Leben.

Paulus spricht von „seiner Macht, die sich an uns, den Gläubigen, erweist“. Er spricht also von uns, von jedem von uns hier. Wer hat Macht über unser Leben? Und weil er weiß, dass wir uns immer noch von anderen Mächten bestimmen lassen, spricht er uns zu: „Er erleuchte die Augen eures Herzens, damit ihr versteht, zu welcher Hoffnung ihr durch ihn berufen seid, welchen Reichtum die Herrlichkeit seines Erbes den Heiligen schenkt.“ Wir können uns an alle halten, die Christus nachgefolgt sind und ihn haben Herr über ihr Leben sein lassen und uns darin vorausgegangen oder uns zur Seite gestellt sind. Diese Stärkung brauchen wir. Deshalb sagt der Auferstandene, und darin stimmen Apostelgeschichte und Evangelium überein, „Geht nicht weg von Jerusalem, bleibt in der Stadt, bis ihr mit der Kraft aus der Höhe erfüllt werdet“, bleibt beieinander! Und so heißt es dann weiter: „Als sie in die Stadt kamen, gingen sie in das Obergemach hinauf, wo sie nun ständig blieben“, so dass Lukas dann nach Pfingsten berichten konnte: „Durch die Apostel geschahen viele Wunder und Zeichen. Und alle, die gläubig geworden waren, bildeten eine Gemeinschaft und hatten alles gemeinsam. Tag für Tag verharrten sie einmütig im Tempel und brachen in ihren Häusern das Brot.“ Die Versammlung der Glaubenden ist das notwendige Instrument für den Heiligen Geist und soll nur dazu dienen, dass er bei uns ankommen und wirkmächtig werden kann.

So sind auch wir heute versammelt, um den zu feiern, der über alle Mächte unseres Lebens erhöht ist, und wir bitten dazu um den Heiligen Geist, dass er „die Augen unseres Herzens erleuchte und seine überragend große Macht sich an uns erweise“.

1. Apostelgeschichte 1,1-11; Epheserbrief 1,17-23; Lukasevangelium 24,45-53;
Christi Himmelfahrt, Lesejahr C
© Dr. Konrad Wierzejewski, Pfarreiengemeinschaft Geltendorf