Theologische Fragen aus biblischen Texten der Liturgie 38

Pfingstliche Einleitung zum Gottesdienst

Die Zeit zwischen Himmelfahrt und Pfingsten hat den Anstoß für die Gebetsform der Novene gegeben: das sind neun Tage, an denen die Jünger zusammen mit Maria im Gebet versammelt sind, um den verheißenen Beistand zu erbitten. Die Jünger konnten nicht wissen, was Pfingsten bringen wird, wie ihre Mission beginnen und verlaufen, ankommen und sich entwickeln würde.
Heute sind wir in einer Lage, die ähnlich ungewiss und offen ist. Und wir können auch nur in der „Einheit des Hl. Geistes“ – wie es in der liturgischen Eröffnung zu Beginn geheißen hat – die nächste Wegstrecke finden und gemeinsam gehen.
Diese Einheit ist auch der Herzenswunsch Jesu, die Hauptbitte vor Pfingsten. In diese Bitte wollen wir mit diesem Gottesdienst einstimmen und Gott um seinen Beistand bitten.

Das Fest des Kommens und Hierseins Jesu

Wie groß ist die Entfernung zwischen Himmel und Erde?

Die Texte am Ende der Osterzeit schildern eine sehr intensive Verbindung zwischen Himmel und Erde. Kaum ist Jesus in den Himmel aufgefahren, schon wird von seinem Kommen geredet. Die zweite Lesung aus der Offenbarung des Johannes zitiert die letzten Zeilen des Neuen Testamens überhaupt: „Der Geist und die Braut sagen: Komm! Wer hört, der rufe: Komm! Wer durstig ist, der komme! Er, der dies bezeugt, spricht: Ja, ich komme bald. Komm, Herr Jesus!“
Man könnte denken, Christus ist gerade dagewesen – müssten wir nicht erst einmal all das aufarbeiten, was er uns hinterlassen hat, vier Evangelien sind voll davon…? Aber unsere Vorfahren im Glauben halten für entscheidend wichtig, Jesu Kommen herbeizusehnen und zu beschleunigen. Gleichzeitig verspricht Jesus bei seiner Himmelfahrt nach der Überlieferung des Matthäus: „Und siehe, ich bin mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“ Er ist also offensichtlich gar nicht so richtig weg.

Der große Kirchenlehrer Bernhard von Clairvaux hat diese Fragen nach dem Kommen, Gehen und Bleiben Jesu rund tausend Jahre nach der Himmelfahrt auf den Punkt gebracht. Seinen Text hat Papst Benedikt in seinen Jesusbüchern in Erinnerung gerufen. Bernhard spricht von einem dreifachen Kommen Jesu: „Eine dreifache Ankunft des Herrn kennen wir. … In der ersten Ankunft kam er im Fleisch und in der Schwachheit. In dieser mittleren kommt er in Geist und Kraft, in der letzten in Herrlichkeit und Majestät.“ (Jesus von Nazareth II, 315-317). Am spannendsten ist freilich das „mittlere Kommen“, denn das geschieht in unserer Gegenwart. Aber schauen wir alle drei Formen kurz an:

Das erste, das zweite, das dritte Kommen des Herrn

1. Das erste Kommen Gottes vollzieht sich „im Fleisch und in der Schwachheit“ – sagt Bernhard. Mit diesem Kommen beginnt das Neue Testament, wenn Matthäus den Stammbaum Jesu aufzählt. Letztlich umfasst dieses Kommen aber die gesamte Zeit der Geschichte, insbesondere die Zeit seit Abraham. Denn bei Abraham beginnt Gott, den Erdboden zu berühren, bis es ihm gelingt, in Maria vollständig „gelandet“ zu sein. Die Offenbarungsgeschichte Israels ist der Weg und die Weise des ersten Kommens. Dieses Kommen geschah in Schwachheit und Verborgenheit. Trotz aller Kraft der Lehre der Tora und der Propheten und trotz der Stärke der Taten Jesu war und blieb der Logos, das Wort Gottes, nie zwingend überzeugend und Jesu Leben endete am Kreuz. Aber diese Ankunft des Herrn war in der Schwachheit nicht fehlgeschlagen, sondern voll geglückt. Alle weiteren Ankünfte sind nämlich Folge des geglückten ersten Kommens. Dieses Glücken beschreiben die Schriften des Neuen Testaments dann etwa bei der Himmelfahrt Jesu so: Nun setzte sich Jesus „zur Rechten Gottes“. (Mk 16,19)

2. Das endgültige Kommen des Herrn wird „in Herrlichkeit und Majestät“ geschehen. Dieses Kommen nennt die Theologie „zweites Kommen“ oder Parusie, welche wir für das Ende der Zeit erwarten. Weder das Wann noch die Art und Weise dieses Kommens sind uns bekannt, und es bleibt Spekulation und Phantasie. Das endgültige Erscheinen Jesu in Gottes Herrlichkeit gehört zur inneren Logik des Evangeliums und das verheißende Faktum ist entscheidend, um jene spezifische Hoffnung zu ermöglichen, die unserer Gegenwart einen Glanz verleiht.

Sein Kommen in der Geschichte der Kirche

3. Aber kommen wir zu dem, was Bernhard v. Clairvaux „adventus medius“, das mittlere Kommen des Herrn nennt. Er spricht vom „Herrn“, nicht von Christus, und zwar ausgehend vom Johannesevangelium, wo Jesus auch das Kommen des Vaters und des Geistes verspricht (Joh 14,23). Dieses mittlere Kommen Gottes in unsere Welt geschieht „in Geist und Kraft“. Es ist wichtig zu bemerken, dass die Kraft jetzt schon dazugehört, nicht bloß am Ende. Dies ist auch das, was Jesus bei Matthäus den Jüngern versichert „ich bin bei euch bis an das Ende der Welt“ (Mt 28,20) oder was Johannes mit „Bleiben“ umschreibt.
a. Dieses Kommen oder Bleiben geschieht zum einen durch die Vergegenwärtigung des ersten Kommens in den Sakramenten und im Wort der Schrift.
b. Aber es hat auch noch andere Formen, wie Joseph Ratzinger ausführt: z.B. durch Worte und Ereignisse in meinem Leben, nicht bloß in den schönen und angenehmen, die sich durch die vertrauensvolle gläubige Deutung als Ankunft des Herrn offenbaren. Auch die Verfolgung und Steinigung, wie im Falle von Stephanus, kann die Augen und das Herz für Gottes Kommen und den offenen Himmel öffnen.
c. Aber Papst Benedikt fährt noch weiter fort und spricht von „epochalen Weisen“ dieses Kommens. Dazu zählt er die großen Gestalten im 13. Jh., Franziskus und Dominikus, aus dem 16. Jh. Teresa von Avila, Johannes vom Kreuz, Ignatius von Loyola. Genauso gab und gibt es auch in unserer Zeit Gestalten, durch die Christus neu in die Geschichte hereintritt; Menschen, die, durch den Geist Gottes geformt, das Antlitz der Erde nach dem ewigen Plan Gottes erneuern, wie eine hl. Mutter Teresa oder der hl. Papst Johannes Paul II. Der emeritierte Papst ermuntert uns, darum zu bitten, dass Gott „uns auch heute wieder neue Zeugen seiner Gegenwart schenke, in denen er selber kommt“. Wenn wir also rufen: „komm, Herr Jesus“ – oder „komm Heiliger Geist“ – dann rufen wir auch nach solchen Personen, die durchlässig sind für Gottes Kraft und Geist. Sie müssen nicht Kleriker oder Ordensleute sein, aber wenn es um das „epochale“ Kommen Gottes geht, dann sind es Personen, die Menschen sammeln, Wahrheit formulieren, die Schwachen stärken und die Fragen der Zeit beantworten können.
d. Und dieses „mittlere Kommen des Herrn“ in Kraft und Geist möchte neben den epochalen Weisen auch eine jährliche, wöchentliche und tägliche Weise pflegen und zeigen.
Das Buch der Offenbarung verwendet mehrere Bilder dafür, wie von uns her das Zusammentreffen mit dem nahenden Herrn erfahren werden kann: ‚Selig, wer sein Gewand wäscht‘, ‚Anteil haben am Baum des Lebens‘, ‚durch die Tore in die Stadt eintreten‘. Das sind die biblischen Koordinaten für ein Leben zwischen Taufe und Bestattung auf dieser Erde, die aber zugleich die Koordinaten für das unverlierbare Leben sind.
So möchten wir wie eine Braut Gott ansprechen: „Komm!“ und zugleich uns angesprochen fühlen: „Wer durstig ist, der komme!“

Apostelgeschichte 7,55-60; Offenbarung des Johannes 22, 12-20 (gekürzt); Johannesevangelium 17,20-26;
7. Sonntag der Osterzeit C
© Dr. Tamás Czopf, Pfarreiengemeinschaft Starnberg