Theologische Fragen aus biblischen Texten der Liturgie 39

Zu den liturgischen Texten von Pfingsten

Die Vigil: Die pfingstliche Vision der Erweckung der Totengebeine bei Ezechiel

Diese Vision des Propheten Ezechiel von der Auferweckung der Totengebeine findet man oft dargestellt auf barocken Grabmälern. Aber dort führt die Darstellung eher weg von dem, was gemeint war. Ezechiel hat ja nicht auf einem Friedhof zu den dort Begrabenen gesprochen, sondern es ist eine Vision, und dann folgt die Deutung: „Diese Gebeine sind das ganze Haus Israel. Jetzt sagt Israel: ‚Ausgetrocknet sind unsere Gebeine, unsere Hoffnung ist untergegangen, wir sind verloren.‘ Deshalb tritt als Prophet auf und sag zu ihnen: ‚So spricht Gott, der Herr: Ich öffne eure Gräber und hole euch, mein Volk, aus euren Gräbern herauf. Ich bringe euch zurück in das Land Israel.‘“ Das Gottesvolk ist tot und soll auferstehen.

„Tod“ in den Augen Gottes

Wieso ist es tot? Wie kann man so etwas sagen? Die Situation klang schon an: „Ich bringe euch zurück in das Land Israel.“ Das Volk war in Babylon im Exil. Das war nicht einfach ein Schicksal, das von außen über es gekommen war. Die Propheten haben es gedeutet: Das Gottesvolk hatte nicht mehr nach der Sozialordnung vom Sinai gelebt, die seine Stärke gegenüber den anderen Völkern ausmachen sollte, sondern hatte sich in seiner Lebensweise den Nachbarvölkern und ihren Großkulturen angepasst und versucht, durch politische Bündnisse mit ihnen zu überleben. Es war seinem Auftrag nicht mehr nachgekommen, die andere Lebensweise nach der Weisung Gottes zu zeigen, die andere, die Völker, die nächste Generation anzieht, ihnen Orientierung geben würde. Wozu war es dann überhaupt noch da?

Wenn jeder nur noch nach seinen Vorstellungen und Stimmungen lebt, sein Leben, die Planung seines Sonntags ganz nach seinen Bedürfnissen, seinen Freizeitplänen ausrichtet, dann sind da nur noch beziehungslos herumliegende tote Gebeine. Dann ist die Gemeinde tot, gemessen an ihrem Auftrag, obwohl alle vielleicht noch ganz lebendig da herumlaufen. Tod in der Sprache der Bibel, beginnt nicht mit dem Herzstillstand, sondern früher. Der Tod beginnt mit dem Abgeschnitten Sein von der Lebensordnung, den Weisungen Gottes und den Folgen, die wir jeden Tag zu sehen und in der Zeitung zu lesen bekommen: Unfriede aller Art, Unfähigkeit zur Liebe, Isolation, Freudlosigkeit, Ver­zweiflung bis hin zu Terror, Amokläufen. „Es ist keine Gemeinschaft mehr da; bei mir ist die Luft raus“, sagte mir hier eine Jugendliche. „Die Luft ist raus“ – Atemstillstand: Da ist die Gemeinde tot.

Der Geist und das prophetische Wort

In die Situation hinein ist das prophetische Wort gesprochen: „Ich öffne eure Gräber und hole euch, mein Volk, aus euren Gräbern herauf. … Ich gebe meinen Geist in euch, dann werdet ihr lebendig.“ Wie kann das gehen, dass das Gottesvolk, eine Gemeinde wieder zum Leben kommt? Müsste sich jeder viel mehr engagieren? Ezechiel wird gefragt: „Können diese Gebeine wieder lebendig werden?“ Darauf sagt er nicht: „Ja, wenn sie sich anstrengen“. So ein Unsinn, das sieht jeder. Er sagt auch nicht: „Kein Problem, das machen wir schon“ und setzt selber die Knochen wieder zusammen, auch das kann niemand. Er sagt: „Herr und Gott, das weißt nur du.“ Dann bekommt er den Auftrag: „Rede als Prophet zum Geist: So spricht Gott, der Herr: Geist, komm herbei von den vier Winden! Hauch diese Erschlagenen an, damit sie lebendig werden.“ Es braucht dazu den Geist Gottes und jemanden, der das prophetische Wort spricht.

Die Bedeutung der Nennung von Knochen und Sehnen

Voraussetzung ist, das kommt in der Vision sehr genau zum Ausdruck, dass die Knochen zuerst einmal zusammenrücken, also Nähe, reales Zusammenleben derer, die zu einer Gemeinde gesammelt sind. Dann werden Sehnen eigens erwähnt. Es reicht nicht, dass die Knochen zusammenrücken. Es reicht nicht, nur nahe beieinander zu wohnen. Es braucht auch so etwas wie die Sehnen, die die Knochen zusammenhalten, eine Kraftübertragung ermöglichen. Gibt es das in ausreichendem Maße unter uns? Ich kann es nur einmal als Frage stellen, als die Frage nach den Voraussetzungen, dass der Heilige Geist wirken kann. Der Heilige Geist ist dann der Atem, das Leben zwischen uns, das bewirkt, dass einander fremde Menschen zu einer Gemeinde werden, zum Leib des auferstandenen Christus, und dass aus einer Zusammenkunft von Menschen eine Gemeindeversammlung wird. Diese Erfahrung können wir machen: Es können sich Christen voller gutem Willen versammeln, „aber es war noch kein Geist in ihnen“, jedenfalls nicht der Heilige Geist, kein Verstehen auf die Sache Christi hin.

„Wir wissen nicht, was wir in rechter Weise beten sollen“, drückt Paulus die Erfahrung aus, verbunden mit der Zusage: „Der Geist nimmt sich unserer Schwachheit an. … Er tritt so, wie Gott es will, für uns ein.“ Das durfte ich schon oft genug erfahren.

Gedanken am Pfingstsonntag

Wirke, was du am Anfang der Kirche begonnen hast. – Was war/ist die Voraussetzung?

„Erfülle die Welt mit den Gaben des Heiligen Geistes, und was Deine Liebe am Anfang der Kirche gewirkt hat, das wirke sie auch heute durch die Herzen aller, die an dich glauben“, lässt uns die Kirche im Tagesgebet des Pfingstsonntags beten. Wie kann das möglich werden auch im Jahr 2022?

Eine entscheidende Voraussetzung für das Kommen des Heiligen Geistes ist, da sind sich all die sonst so unterschiedlichen Berichte in der Apostelgeschichte und in den Evangelien einig, dass alle am gleichen Ort versammelt waren. In den letzten beiden Jahren waren wir durch die Infektionsschutzmaßnahmen gerade daran weitgehend gehindert, und so war da die Frage, wie wir mit der Situation umgehen. Und jetzt, wo wir wieder zusammenkommen können? Am Beginn der Pandemie wurde von den Bischöfen in Deutschland eine Dispens vom Sonntagsgebot verkündet. Bei uns in der Pfarreiengemeinschaft wurde dies nie bekannt gemacht, vermutlich aus der Vorstellung heraus, dass sich um das Sonntagsgebot sowieso kaum noch jemand kümmert. Der heilige Ignatius von Antiochien, ein Kirchenvater der ersten Generation nach den Aposteln, hatte noch geschrieben, dass jeder, der nicht zur Versammlung der Gemeinde kommt, sich dem Widersacher ausliefert. Er wusste um die Wichtigkeit des Zusammenkommens, und nach den erzwungenen Kontaktbeschränkungen können wir das neu ahnen. Wenn sich alle zerstreuen, nicht mehr zusammenkommen, kann auch der Heilige Geist nicht wirken, kein Verstehen, keine Gemeinde schaffen.

Damit ist nicht eine Enge gemeint. Es wird ja oft als Errungenschaft der Pfarreiengemeinschaft gepriesen, dass sie die Möglichkeit bietet, einmal an diesem, einmal an jenem Ort zur Messe zu gehen, wo zu der Zeit, die einem passt, gerade eine Messe ist. Aber wenn dann ich mit meiner Wochenendplanung der feste Pol bin, um den sich alles dreht, dann ist das sicher nicht mehr dieses „am gleichen Ort bleiben“.

Klöster nach dem Bild der Apostel – an einem Ort versammelt

Heute wäre auch das Fest des heiligen Bonifatius, das in diesem Jahr vom Pfingstfest verdrängt wird. Aber die Erinnerung an ihn kann uns da einen guten Hinweis geben. Er gilt als der, der das Christentum in weite Teile Germaniens gebracht habe. In Wirklichkeit war er nicht der erste; vor ihm waren schon iro-schottische Mönche da, asketische Einzelgänger, die keinen nachhaltigen Erfolg hatten. Vielerorts verkümmerte das Christentum wieder. Christlicher Glaube und heidnische Gebräuche blühten nebeneinander. Priester feierten die hl. Messe und opferten daneben den germanischen Göttern. Bonifatius versuchte einen Neuanfang, indem er die Benediktiner zu Hilfe holte und auf ihre Klöster als Zentren der Mission setzte.
Benedikt hatte seinen Orden in der Völkerwanderungszeit gegründet und seine Mönche verpflichtet, nicht herumzuziehen, sondern sich ihr ganzes Leben an ein Kloster zu binden. Das war für die Völkerwanderungszeit, die der unseren gar nicht so unähnlich ist, das Erfolgsrezept. Die Mission des Bonifatius bestand nun nicht darin, dass alle die Regel Benedikts übernehmen und in die Klöster gehen mussten. Aber ohne solche Zentren, ohne Menschen, die an einem Ort beieinander bleiben, hätte seine Mission genau so wenig Erfolg gehabt wie die seiner Vorgänger, hätte der Heilige Geist in unserem Land keine Chance gehabt, hat er auch heute keine Chance.

Auch die vielen Festpilger, von denen die Apostelgeschichte berichtet, waren nicht zufällig dieses Jahr in Jerusalem, das Jahr zuvor vielleicht in Athen, ein andermal vielleicht in Rom, sondern Jerusalem war der Sammelpunkt, der Mittelpunkt ihres Lebens, auch wenn sie ganz woanders wohnten. Und dann war da die Gruppe der Apostel, die die ganze Zeit dort beieinander blieben. Da konnte der Heilige Geist landen, und dann konnten die vielen Festpilger etwas sehen und waren plötzlich mit hineingenommen in ein Verstehen, das bis dahin unvorstellbar schien.

Plötzlich kam es, sagt Lukas. Das heißt: Unerwartet und unerwartbar, nicht gemacht, nicht geplant. Aber es kam nur an den Ort des Miteinanderseins. Das ist also das, was wir tun können, nicht abzulassen voneinander, etwas ungemein Schlichtes, ohne charismatischen Überschwang. Nur – es braucht einen solchen Punkt, wo alle an einem Ort versammelt sind, das Fest, wo man sich auf dem Boden der Geschichte Gottes mit seinem Volk versammelt und ihm Gelegenheit gibt, durch seinen Geist neu zu handeln.

Der Glaube der Gemeinde, der Kirche, aus dem Sehen der Wunden

Wirklich zusammenzukommen hat noch eine Voraussetzung, die der Auferstandene im heutigen Evangelium schafft: Bevor er sagt, „Empfangt den Heiligen Geist!“ zeigt er seine Wunden, von denen seine Jünger wussten, dass sie sie mit verschuldet hatten, und sagt zu ihnen: „Friede sei mit euch!“ Und auch Petrus spricht in seiner Pfingstpredigt von der großen Wunde, dass die Erwählten zugelassen, ja betrieben haben, dass der Messias umgebracht wurde. Dann heißt es: „Als sie das hörten, traf es sie mitten ins Herz.“ Das können wir auch heute erleben: Wenn eine Wunde ange­sprochen wird, eine Wunde in der Gemeinde, dann trifft es Menschen ins Herz, das kann nicht anders sein.

Aber was dann folgte, wovon die Apostelgeschichte berichtet, war ein Wunder. Die fast normale Reaktion bis heute ist – auch davon berichten die Evangelien: „‘Diese Rede ist hart. Wer kann sie hören?‘ … Daraufhin zogen sich viele seiner Jünger zurück.“ Aber einmal ging es, so haben wir heute gehört, anders weiter: „Als sie das hörten, traf es sie mitten ins Herz und sie sagten zu Petrus und den übrigen Aposteln: Was sollen wir tun, Brüder?“ Dass sie so reagierten, war ein großes Wunder – ein einmaliges Wunder? Oder kann es noch einmal geschehen? „Erfülle die Welt mit den Gaben des Heiligen Geistes, und was Deine Liebe am Anfang der Kirche gewirkt hat, das wirke sie auch heute“, ließ uns die Kirche beten.

„Petrus antwortete ihnen: ‚Kehrt um! Dann werdet ihr die Gabe des Heiligen Geistes empfangen.’“ Und dann wird beschrieben, was daraus wurde: „Alle, die gläubig geworden waren, bildeten eine Gemeinschaft und hatten alles gemeinsam. … Tag für Tag brachen sie in ihren Häusern das Brot und hielten miteinander Mahl in Freude.“ Die Umkehr ist keine traurige Buße, sondern eine Wiedergutmachung, die darin besteht, sich zu sammeln im Jubel über das, was Gott getan hat, wie er das Versagen, die Schuld überliebt hat. Die Jünger Jesu „freuten sich, dass sie den Herrn sahen“, mit seinen verklärten Wunden.
Und dann „hielten sie miteinander Mahl in Freude“. Das dürfen auch wir jetzt.

Pfingsttheologie aus den Gottesdiensten zur Vigil und am Sonntag:
die zugrundeliegenden Texte: Ezechiel 37,1-14; Römerbrief 8,22-27; Apostelgeschichte 2,1-11; Johannesevangelium 20,19-23
© Dr. Konrad Wierzejewski, Pfarreiengemeinschaft Geltendorf