Theologische Fragen aus biblischen Texten der Liturgie 40

A. Die Geschichte als Boden jüdischer und christlicher Feste
Gedanken zum Fest der Dreifaltigkeit Gottes

(von Konrad Wierzejewski)
B. Das Kommen des Geistes – Gottes „Für uns“ erreicht die Welt
(von Tamás Czopf)

A. Die Geschichte als Boden jüdischer und christlicher Feste
Gedanken zum Fest der Dreifaltigkeit Gottes

„Hochfest der Heiligsten Dreifaltigkeit“, ein eigenartiges Fest. Sonst ist das Wesen der Feste Israels und ebenso der Kirche immer das Gedenken konkreter Ereignisse in der Geschichte mit Gott. Und jetzt, nachdem die Reihe dieser Feste mit dem Pfingstfest zum Abschluss gekommen ist, da spricht man von Ideenfesten. Hat die Kirche da – aus Verlegenheit? – aufgegeben, was ihre Feste ausmachte? Aber auch jetzt sind es nicht einfach zeitlose Ideen, auch da gibt es immer eine konkrete Geschichte, die dahintersteht.

Das Dreifaltigkeitsfest als Korrektur falscher Götter

Das Dreifaltigkeitsfest wurde im 14. Jahrhundert von Papst Johannes XXII. eingeführt. Nachdem die germanischen Völker missioniert worden waren, erschien eine Korrektur oder Präzisierung der Gottesvorstellungen notwendig. Ihre Vorstellungswelt war stark von Stammesstrukturen und ihren Hierarchien mit einem „oben“ und „unten“, von Befehl und Unterordnung geprägt. Zu allen Zeiten haben sich dann die Völker ihre Götter und Gottesvorstellungen nach dem gemacht, was in ihrem Lebensumfeld vorkommt, Mächte unserer Welt, die den Menschen faszinieren, denen er sich unterwirft und die er zu seinen Göttern erhebt. Zum Beispiel die Verlockung, andere zu beherrschen: So wird die Macht zu etwas Göttlichem erhoben, und der Mensch gibt ihr Namen wie Zeus oder Jupiter oder Donar, und indem er Zeus verehrt, verehrt er die Herrschermacht und sucht daran Anteil zu bekommen, selber über andere zu herrschen.

Oder er erfährt stets von neuem die Verlockung der Sexualität und macht sie und den Eros zu etwas Göttlichem, einem letzten Ziel, dem er sich unterwirft und das er anbetet, und gibt dieser Verlockung Namen wie Aphrodite oder Venus, und indem er die Göttin der Liebe verehrt, isoliert er die Sexualität aus ihrem Schöpfungszusammenhang, um ihr hemmungslos zu dienen – bis heute ganz aktuell. So macht der Mensch alle großen und faszinierenden Wirklichkeiten der Welt zu seinen Göttern, gibt sich ihnen und vielen anderen Mächten hin und lässt sich von ihnen bestimmen.

Israel hatte die revolutionäre Entdeckung gemacht, dass das, was die Völker als Götter verehren, gar keine Götter sind, sondern eben nur Kräfte der Natur, und dass es einen Gott gibt, der alles geschaffen hat und darübersteht. Das war keine theoretische Erkenntnis, sondern bedeutet in der Konsequenz eine ungeheure Freiheit im Umgang mit der Welt.

Die Korrektur der Vorstellung eines fernen Gottes

Dann gab es die Vorstellung von dem ganz anderen, fernen Gott, der aus unendlicher Distanz über die Welt herrscht. Auch diese Vorstellung wurde von Israel korrigiert, wieder nicht theoretisch. Da war die Erfahrung Israels von dem einen Gott, der sein Volk aus Ägypten geholt hatte, der mit ihm durch die Wüste gezogen war, der es führte, der es rettete, der die Schuld vergab, der seinem Volk nahe war. Er war kein abwesender, kein abweisender, kein ferner Gott. Er war ein naher, rettender Gott, ein Gott, „der da ist“, der gar nicht für sich allein da sein kann.

Das kommt in der ersten Lesung aus dem Buch der Sprichwörter zum Ausdruck, wo von der „Weisheit“ als Person an der Seite Gottes die Rede ist, als weibliche Gestalt, nicht als Berater oder wie eine Art Aufsichtsrat, sondern, „Ich war seine Freude Tag für Tag und spielte vor ihm allezeit“, heißt es – interessante Gedanken auch für die aktuelle Frage nach der Stellung, nach der Würde der Frau in der Kirche: Wenn die Kirche Gott widerspiegeln soll, muss da also noch ein ganz anderes Element eingebracht werden, nicht noch einmal eine Kopie der Männer in ihrem Streben nach Ämtern, nach Macht – so wie es notwendig war, den Heiligen Geist gleichsam als eine eigene Gestalt, eine spezielle Seite am Wesen Gottes zu erkennen.

Die andere Sicht Gottes – durch den Sohn und den Geist

Wer ist Jesus? Als er kam, bemerkten alle erstaunt: „er lehrte sie wie einer, der Vollmacht hat“, der weiß, wovon er spricht, „nicht wie die Schriftgelehrten“. Er hat so vollkommen das realisiert, was der Wille Gottes ist, wie es nur der Sohn kann. Gleichzeitig lässt auch das wieder staunen, denn das Normale, was wir vom Verhältnis zwischen Vater und Sohn kennen, wäre der Konflikt der Generationen. Aber hier der Sohn in vollkommener Willenseinheit mit dem Vater, ein großes Wunder!

Noch erstaunlicher war dann die Erfahrung der ersten Gemeinden, dass nach dem Tod Jesu und nach Pfingsten dieser gleiche Geist sich in ihren Versammlungen einstellte, und sie konnten nicht anders als bekennen, dass es Gott selbst ist, der dieses Wunder bewirkt, sein Heiliger Geist, der zwischen dem Vater und dem Sohn ist und der jetzt auch auf die Jünger, auf die Gemeinden herabgekommen ist.

Im Evangelium dieses Lesejahres C wird er als „Geist der Wahrheit“ charakterisiert, etwas, das ganz quer steht zu dem postmodernen Gefühl „alles ist gleich gültig“. Was „Geist der Wahrheit“ konkret bedeutet im Kontrast zu dem Geist der Welt, lässt sich an vier Punkten aufzeigen, wie sie die Jünger Jesu nach Pfingsten erfahren haben:

  • Da war das Urteil der religiösen Autoritäten: Jesus war ein Gotteslästerer; Missbrauch geistlicher Macht wäre der Vorwurf gegen ihn in heutiger Sprache. Die Jünger Jesu bekamen an Pfingsten die Klarheit und Kraft, dem öffentlich zu widersprechen: „Er ist in Wahrheit der Messias.“
  • Seine Gegner waren überzeugt: Er ist tot; die Sache ist damit erledigt; seine Anhänger werden sich zerstreuen. Die Antwort darauf ließ sich nicht mit Worten geben; sie bestand darin, dass seine Jünger sich in Wirklichkeit neu sammelten und ihn so als lebendig bezeugten.
  • Eine „wohlmeinende“ Öffentlichkeit hätte ihnen eine gewisse Tragik zugestanden: „Sie haben es ja nur gut gemeint, aber sie waren Betrogene“, oder „allein Pilatus war schuld am Tod Jesu.“ Nach Pfingsten taten sie, was menschlich nicht zu erwarten war: Sie verkündeten öffentlich, was die Wahrheit war, und schrieben es in den Evangelien im Detail auf: „Wir waren mitschuldig. Wir haben ihn im Stich gelassen. Petrus hat ihn dreimal verleugnet“: der Geist der Wahrheit, ganz anders als der Geist der Welt reagieren würde.
  • Die öffentliche Meinung bis heute würde daraufhin urteilen: Wer sich so schuldig gemacht hat, ist moralisch vernichtet, in der Öffentlichkeit nicht mehr tragbar, kann sich nur noch in sein Privatleben zurückziehen. Die Jünger Jesu erfuhren den Auferstandenen als den, der ihnen die Schuld vergibt und sie neu in Dienst nimmt.

Diese Erfahrung ließ Paulus dann zugespitzt formulieren, was die Wahrheit ist – gar nicht als Kritik am Gesetz Israels: „Durch Werke des Gesetzes wird niemand gerecht werden. … Gott erweist seine Gerechtigkeit durch die Vergebung der Sünden.“ Nicht unsere moralische Integrität legitimiert uns, sondern die Kirche lebt davon, dass jedem von uns siebenmal siebzigmal vergeben wurde. Wie sehr könnte der Geist dieser Wahrheit das Antlitz unserer Welt verwandeln!

Gott will Teilhaber an seinem Tun

In der Präfation des heutigen Festes „beten wir an im Lobpreis des wahren und ewigen Gottes die Sonderheit in den Personen, die Einheit im Wesen und die gleiche Fülle in der Herrlichkeit“. Wir nehmen die Eigenart der göttlichen Personen wahr, die Verschiedenheit der Seiten Gottes, wie er sie uns in den verschiedenen Zeiten der Heilsgeschichte offenbarte, und staunen dabei über ihre Einheit im Wesentlichen, die immer gleiche Handschrift des einen Gottes.

Zum Wesen Gottes gehört es, dass er nicht bei sich bleibt, dass er seine Geschöpfe, seine Kirche teilhaben lässt an seinem Leben. So gehört auch da, in der Kirche, die Eigenheit der Personen dazu und die Einheit in dem, was uns verbindet, dem gemeinsamen Auftrag von Gott her, und die gleiche Fülle an Herrlichkeit für jeden von uns, hierhergerufen zu sein mit so verschiedenen Menschen, von denen jeder hundert Eigenarten und Sonderheiten, manchmal auch Unarten hat, dass wir uns miteinander verbinden dürfen in einem immer neu ermöglichten Frieden und so gewürdigt sind, am Werk und am Leben Gottes teilzuhaben: Einheit in der Sonderheit und gleiche Fülle an Herrlichkeit.

Sprüche 8,22-31; Römerbrief 5,1-5: Johannesevangelium 16,12-15;
Dreifaltigkeitssonntag Lesejahr C
© Dr. Konrad Wierzejewski, Pfarreiengemeinschaft Geltendorf

B. Das Kommen des Geistes – Gottes „Für uns“ erreicht die Welt

Das heutige Fest, die Oktav von Pfingsten hat in der römischen Kirche eine tiefe Bedeutung. Das wird verständlich, wenn man bedenkt, dass in der Ostkirche die Dreifaltigkeit gleich am Pfingstmontag gefeiert wird, und auf den Sonntag darauf, also auf die Oktav das Allerheiligenfest gelegt wurde.
Die Kirche, die Gemeinschaft der Heiligen ist die Frucht von Ostern und Pfingsten. Die erlöste Gemeinschaft ist das Ziel der Erlösung, die wir an diesen Festen feiern. Die Kirche ist nämlich in ihrer Vollendung – wie wir sehen werden – ein Widerschein der
Dreifaltigkeit. So beleuchten sich diese Feste gegenseitig.

Dreifaltigkeit spricht vom WIR Gottes

Es ist leicht, sich in den oft komplizierten Formulierungen über die Dreifaltigkeit zu verlaufen oder gleich einen großen Bogen um sie herum zu machen. Wenn man die Bibel und die Liturgie genauer daraufhin anschaut, merkt man, dass man das aufwändige und umfangreiche Bemühen der Theologie zur Dreifaltigkeit  auf einen äußerst kurzen Begriff bringen kann, der aber überraschend tief ins Geheimnis des heutigen Festes vorstößt. Und das ist das Wörtchen „FÜR“.
Alle drei – wir nennen sie „Personen“, aber da denken wir gleich, so etwas wie du und ich – vielleicht wäre es für den Anfang für uns besser zu sagen „alle drei Auffälligkeiten im Blick auf Gott“ – alle drei also : Gott-Vater, Gott–Sohn, Gott-Heiliger Geist sind für die anderen da.
Das ist ihr Wesen: Der Vater bleibt nicht bei sich selbst, sondern spricht sich umfassend in jenem Wort aus, das wir Sohn nennen, der sich wiederum unablässig vom Vater empfängt und sich als Antwort ihm zurückschenkt. Dieses gegenseitige „Füreinander“ ist so wesentlich, dass es eine eigene Größe bildet, den Geist, der nichts anderes ist als diese sich schenkende, empfangende und wieder zurückschenkende Beziehung, kurz: Liebe nach Gottes Art.
Das ist sozusagen das „Innenleben“ der Dreifaltigkeit, die uns nicht sehr viel angehen würde, hätte sich diese Beziehung nicht nach außen gewendet. Dieses FÜR, das in Gott herrscht, fließt nämlich über und verlängert sich in einem „Außenbereich“, den Gott extra herstellen muss, um ihn und damit auch uns einbeziehen zu können.

Das „FÜR“ Gottes wendet sich auch uns zu

Es beginnt mit der Schöpfung, die aus der göttlichen Innen-Perspektive völlig überflüssig ist. Sie ist weder zwingend noch logisch, aus unserer Sicht nicht einmal unbedingt lohnend. Aber die Existenz Gottes als „Für“ – die sog. „Proexistenz“ – macht die Entstehung der Welt nach der inneren Logik der Liebe und des Sich-verschenkens doch berechtigt und nachvollziehbar.
Jedenfalls entschließt sich Gott zur Schöpfung und lässt die Materie entstehen und Form annehmen. Dabei wirkt seine Weisheit mit, Gottes Wort, das beim Werk des Vaters, ähnlich wie auch der Geist, anwesend ist und beginnt, dieses „Für“ in die Welt einzuprogrammieren: Die Formen entwickeln sich und werden differenzierter, bis der harte Kampf ums Überleben durchaus auf Kosten anderer den Menschen hervor-bringt. Er ist das Geschöpf, das unter den Existenzformen auch die „Proexistenz“ als Möglichkeit in sich trägt und Gottes Wesen erkennen und erwidern kann. So entsteht die Welt als Ausfluss und Überfluss der Liebe Gottes, ein neues Ziel zum Sorge-Tragen, zum FÜR.

Der Höhepunkt: Der vollkommen gottfähig gewordene Menschensohn

Der Höhepunkt der Welt ist nicht die unberührte Natur, die vom Menschen bedroht ist, sondern das geglückte Sozialwesen Mensch, der seine Berufung – Gott in seiner Proexistenz ähnlich zu sein – wahrnimmt und verwirklicht. Das läuft zum Teil als Kulturgeschichte ähnlich wie die allmähliche Evolution der Natur, z.T. ist es aber eine freie und von Einbrüchen gelenkte bewusste Geschichte, die in der Bibel Erlösung und Rettung genannt und an Israel festgemacht wird.
An deren Höhepunkt erscheint Jesus, der Mensch gewordene Gottessohn, oder andersherum: der vollkommen gottfähig gewordene Menschensohn, dessen Wesen es ist, „sein Leben hinzugeben für seine Freunde“. Er tut und sagt, was er vom Vater hat, wie er im Johannesevangelium bekennt. Gott sendet sein Wort, denn das Wesen des Wortes ist es, ausgesprochen zu werden. Der Sohn verlässt das Vaterhaus nicht wie der „verlorene Sohn“, um sein Glück zu suchen, sondern er geht anstelle des Vaters, wie es im Psalm heißt: „Siehe, ich komme. […] Deinen Willen zu tun, mein Gott, war mein Gefallen und deine Weisung ist in meinem Innern.“ (Ps 40,8-9)
Dass er vom Vater kommt und wieder zum Vater geht, sind räumliche Veranschaulichungen dessen, dass Jesus ganz vom Vater her und für ihn existiert, der Seinsweise FÜR. Sich ganz hinzugeben und darin ganz er selber zu sein; sich zu verlieren und darin sich zu finden, das sind allesamt trinitarische Abdrücke im Menschen und unter den Menschen. Wenn das geschieht, und damit es geschieht, ist der eigentliche Träger dieses Für, der Hl. Geist, beteiligt.

Im selben Geist: Das FÜR des Vaters für den Sohn, das FÜR des Sohnes für den Vater und beider für die Welt – und unser Wir für Gott und seine Wollen für die Welt

Der Geist ist das „Dazwischen“, das Vater und Sohn miteinander in der Weise der Hingabe füreinander verbindet. Und das große Wunder, das tiefe Geheimnis der Schöpfung ist, dass dieses Dazwischen auch auf den Menschen ausgeweitet wird. Der Geist nistet sich ein auch zwischen Mensch und Gott und zwischen Mensch und Mensch. Und er möchte auch seinen Platz finden im Verhältnis des Menschen zur Schöpfung.
Auch der Geist will nichts Eigenes, er ist das pure FÜR, reine heilende, helfende Relation. Als solche ist er stark und zart, erschreckend und tröstend, aufrüttelnd und beruhigend zugleich; starkes Tosen und leiser Hauch.
Das heutige Fest feiert dieses Geheimnis, dass Gott in seinem vollkommenen Füreinander sich aufgemacht und unserer Welt zugewandt hat. Der Gott der Bibel setzt sich vollberuflich für sein Volk und für jeden Einzelnen darin ein, um uns nach seinem Bild zu formen, entsprechend dem Füreinander, das keine eigenen Verluste befürchtet, das nicht um sich besorgt ist und nichts für sich ergattern will.

Man darf nicht unsicher werden, wenn man merkt, dass hinter diesen großen Worten meistens kleine alltägliche Dinge stecken, in denen wir das Füreinander praktisch leben und erfahren dürfen. Gerade darin können wir die Handschrift der Trinität erkennen, damit sie nicht als eine abgehobene fremde Welt erscheint, sondern das Nächste und Vertrauteste, was es gibt.

Sprüche 8,22-31; Römerbrief 5,1-5; Johannesevangelium 16,12-15;
Dreifaltigkeitssonntag, Lesejahr C
© Dr. Tamás Czopf, Pfarreiengemeinschaft Starnberg