Theologische Fragen aus biblischen Texten der Liturgie 41

Warum ist Fronleichnam ein „Straßenfest“?

Das hervorstechendste Merkmal des Fronleichnamsfestes ist die Prozession. Wir gehen auf die Straße. Das ist etwas, was es auch in anderen Zusammenhängen gibt. So ist die Frage angebracht: Wofür gehen wir auf die Straße? Wir haben den Gottesdienst begonnen mit dem Wortgottesdienst, wo wir Texte aus der Heiligen Schrift hören, programmatische Texte für das Fest. Was sagen sie?

Vom Verstehen aus Erzählungen des Alten Testaments

Die erste Lesung spricht davon, dass es um eine Sache geht, die größer ist als unser Dorf, als unsere Pfarrei, größer als die Pfarreiengemeinschaft, größer als die Kirche im Jahr 2022. Da werden wir in eine Zeit vor 3700 Jahren versetzt, in die Nähe von Jerusalem, und hören eine Geschichte, wie dort Abraham, ein Migrant nach heutigen Begriffen, einem einheimischen heidnischen Priester begegnet, der ihn segnet und ihm als Zeichen des Segens Brot und Wein überreicht. Wegen dieser Zeichen wurde die Lesung wohl für das Fronleichnamsfest ausgewählt.

Aber dem geht etwas voraus: Lot, der Neffe Abrahams war in kriegerische Auseinander­setzungen zwischen den Königen der Gegend geraten. Er und seine Familie waren da als Geiseln genommen und nach Damaskus verschleppt worden. Möglicherweise war Lot aus eigener Dummheit in diese Lage gekommen; das wird nicht zum Thema gemacht. Abraham hat ihn da herausgeholt. Er hat mit seinen Kämpfern einen Marsch von fast 500 Kilometern auf sich genommen, um ihn zu befreien – ein Vorgang, wie er uns in diesen Tagen gar nicht so fern ist. Als Abraham da reichlich Beute gemacht hat, so wird erzählt, hat er nichts für sich behalten, nur seine Leute bekamen etwas, und Lot und dessen Familie holte er zurück: das Bild eines gerechten, solidarischen Mannes, der keine Rache übt, der sich nicht von Schadenfreude anstecken lässt, der nicht aufrechnet, der auch nicht bloß betet und hofft, sondern handelt.

Wir sind in eine lange Geschichte hineingestellt

Solche Werte für ein gerechtes Zusammenleben der Menschen, für ein Leben in Frieden, für ein Leben, das nicht in Unversöhnlichkeit und Rechthaberei erstarrt, fallen nicht irgendwie vom Himmel, wurden auch nicht von einer Weltorganisation beschlossen, sondern sie sind vermittelt worden, sind gelernt worden in einer Geschichte, die über unsere Generation weit zurückreicht, in der Geschichte seit Abraham, in der Geschichte des Volkes Israel, in der Geschichte Jesu und der Kirche. Dieses Fest lässt uns daran denken, dass wir in diese lange Geschichte gestellt sind, die uns einen Maßstab an die Hand geben kann, die den Mut hat, konkrete Dinge zu benennen, den Schutz des Schwachen, wie man vernünftig mit den Dingen der Welt umgehen kann, wie wir in Frieden leben können, eine Geschichte, die größer ist als unsere Gegenwart und deren selbstgemachte Maßstäbe.

In Gruppen, jeweils an die Fünfzig

Das zweite Bild dieses Festtages ist das Bild der Menschen, zu denen Jesus sagt, sie sollen sich in Gruppen zu fünfzig ins Gras setzen, als er ihnen das Brot austeilt. Da geht es um eine Bedingung für das Wunder, eine Bedingung, dass Gott handeln kann, auch in der Kirche, in einer Gemeinde. 5000 Männer waren es, wird berichtet, und wir dürfen davon ausgehen, dass da die Frauen nicht mitgezählt wurden, unter den damaligen Umständen zu jedem Mann noch eine Frau und mindestens 5 Kinder, also insgesamt über 30000. Das wäre die Größe einer Großpfarrei in manchen heutigen Diözesen. Wie kann sie leben, wenn die Mittel knapp werden? Wie kann es gehen, dass da die Menschen nicht verhungern? – Eine hochaktuelle Frage.

Eine amorphe Masse von 30 000 wäre keine lebensfähige Pfarrei, auch 5 000 nicht. Ich habe schon öfters davon gesprochen, welche Form von Kirche ich in Tansania vorgefunden habe. Dort ist jede Pfarrei in kleine Gemeinden gegliedert, die jeweils 5-15 Höfe umfassen, also eine Größe, in der man sich und die realen Nöte des Nächsten noch kennen kann, mit jeweils einem Leitungsteam von 5 Personen, denen die Verantwortung für die Gemeinde übertragen ist. So kann die Kirche leben. So konnte auch auch ich dort verantwortet meinen Dienst tun. „Sie sollen sich in Gruppen zu ungefähr fünfzig zusammensetzen.“ – Keine symbolische Zahl sondern reale, praktikable Gemeindegrößen, wie Lukas sie schon vor Augen hatte, als er das Evangelium aufschrieb, und zu denen auch wir wieder kommen müssen, wenn bei uns die Kirche am Leben bleiben soll.

Die Orientierung, mitten in der Welt, an Gott und seinem Willen

Und das dritte Bild, das wir heute sehen: Wir tragen in der Prozession den im Brot des Altares gegenwärtigen Herrn mit uns und verehren ihn öffentlich. Die Mitte ist Jesus Christus, der Herr der Kirche, und die Hingabe seines Lebens; davon sprach die zweite Lesung. „Wofür gehen wir auf die Straße?“ habe ich am Anfang gefragt. Die Kirche hat so viele Schrammen, ja Skandale in ihrer Geschichte bis heute, sie macht Fehler, ist zerstritten, und auch wir machen Dinge falsch, übersehen sie oder wissen nicht, wie es gehen soll, heute Kirche zu sein. Das wären alles Gründe, dass man sagen könnte, und nicht wenige ziehen ja diese Konsequenz: Lassen wir das mit diesem triumphalen Aufzug und bleiben daheim. Das wäre verständlich. Aber in der Mitte ist eben nicht, dass wir so großartig sind oder fehlerlos, sondern dass Jesus Christus der Herr der ganzen Sache ist, ohne den die Kirche schon längst auseinandergefallen wäre.

Strukturen sind nur der Rahmen, der mit Leben erfüllt werden kann oder auch nicht. Beides habe ich erlebt. Jesus sagt nicht einfach, sie sollen sich in Gruppen zusammensetzen – und dort ihre mitgebrachten Brote auspacken, sie miteinander teilen, sondern „Jesus nahm die fünf Brote und die zwei Fische, blickte zum Himmel auf, segnete sie und brach sie; dann gab er sie den Jüngern, damit sie diese an die Leute austeilten.“ Der Aufblick zum Himmel steht für eine weitere Voraussetzung des Wunders: ohne die Orientierung an Gott und seinem Willen, jede Woche neu, gäbe es nur Zersplitterung, Nichtverstehen, Eifersucht, Verfolgen eigener Interessen jeder Gemeinde, jedes einzelnen. Jesus ist der, der den Blick auf Gott richtet, und er hat diese Ausrichtung beglaubigt, indem er nicht nach seinem Wohlbefinden gefragt, sondern sein Leben hingegeben hat.

Heute gehen wir auf die Straße, aber nicht mit Parolen, sondern mit einem Stück Brot, Realität des Lebens. Und doch ist es nicht nur ein Stück Brot, was wir mittragen. In diesem Brot ist der unsichtbare Herr gegenwärtig – Realität des Lebens, in der der Herr gegenwärtig ist. Bitten wir um die Gegenwart des Herrn in der Realität unseres Lebens.

Genesis 14,18-20; 1. Korintherbrief 11,23-26; Lukasevangelium 9,11-17
Fronleichnam, Lesejahr C
© Dr. Konrad Wierzejewski, Pfarrei Mariä Himmelfahrt, Walleshausen