Theologische Fragen aus biblischen Texten der Liturgie 42

Das Wort vom Kreuz und die Botschaft Jesu

Das Wort vom Kreuz, das man täglich auf sich nehmen soll, ist eines der oft zitierten und bekannten Worte aus dem Neuen Testament. Allerdings hat es dabei einen eigenartigen Bedeutungswandel durchgemacht. Es wird oft so verstanden, als sei mit dem Kreuz etwas Schweres gemeint, das einen im Leben trifft, ein Schicksalsschlag, eine Krankheit, oder auch ein Mitmensch, mit dem man sich schwer tut. Es wird als Trostwort Menschen zugesprochen, um ihrem Leiden wenigstens einen Sinn zu geben und das Ertragen zu erleichtern, indem das eigene Leid zur Teilnahme am Leiden Christi wird und dadurch einen Wert erhält. Nur, zur Zeit Jesu gesprochen, konnte es nicht so gemeint sein oder verstanden werden.

Die Ursache des Kreuzeswortes Jesu

Das Kreuz galt als die grausamste und entwürdigendste Hinrichtungsart. Ein Schriftsteller der damaligen Zeit schrieb einmal, das Wort sei so abscheulich, dass man sich als anständiger Bürger scheut, es überhaupt in den Mund zu nehmen. Als Metapher für das alltägliche Leid kann es Jesus also nicht gemeint haben.

Das Kreuz, von dem Jesus spricht, ist etwas anders als ein Schicksalsschlag. Dieses Kreuz hat ihn nicht heimtückisch überfallen, sondern er hat es sehenden Auges, bewusst und in aller Freiheit auf sich genommen. Er hat mitten in dem seit alters her erwählten Volk Menschen zu einer neuen Weise von Gemeinschaft berufen. Sie sollten, angerührt von der Botschaft von der Nähe Gottes, ihre Leben so miteinander verknüpfen, dass Israel zu dem würde, als was es gedacht war: Welt, in der Gottes Wille sichtbar wird, Welt, die unter der Herrschaft Gottes steht. Das ist etwas, was die Welt nicht will, und sie wehrt sich dagegen mit aller Kraft, mit dem Kreuz.

Die „Welt“, das waren die Heiden, die an ihren alten Göttern festhalten wollten, in denen sich ununterscheidbar Weltliches und Göttliches vermischte, und die sich von den Christen und ihren Unterscheidungen herausgefordert sahen. Das waren die Strenggläubigen im Gottesvolk, die einen Zaun um den Glauben gebaut hatten und nicht duldeten, dass einer diesen Zaun niederriss und die Gesetze noch einmal neu nach ihrem Sinn von Gott her befragte.

Selbst die Jünger Jesu wollen das Neue meistens nicht, denn es hieße, die eigenen Lebenskonstruktionen aufgeben, sein Leben zur Verfügung stellen, den eigenen Ehrgeiz, den tief eingewurzelten Stolz, das Vertrauen auf die eigene Leistung verabschieden und sich hineinnehmen lassen in eine ganz andere Geschichte, in der man sich selbst verliert, aber gerade so alles findet. Aus all dem, aus dem verbissenen Festhalten an den eigenen Lebensplänen, aus den Aggressionen der angeblich Frommen im Gottesvolk und aus der Feindschaft der Heiden entsteht der erbitterte Widerstand, den, wer Jesus nachfolgt, auf sich zieht, das Kreuz. Es ist kein Schicksal, sondern Konsequenz des Evangeliums.

Das Wort vom Kreuz in den frühen Gemeinden

Wie es dann für den einzelnen Christen zu unterschiedlichen Zeiten aussieht, kann ganz verschieden sein, aber immer ist es ganz konkret, weil ja auch die Sache Gottes in der Welt ganz konkret ist. Die Apostelgeschichte erzählt von vielen verschiedenen Menschen, die alle den Widerstand gegen die Sache Gottes zu spüren bekamen, der meistens – auch das erzählt die Apostelgeschichte – den Weg über Verleumdungen und üble Nachreden nimmt. Es waren alles Menschen mit ihren Schwächen und Fehlern, Menschen, die ihr Leben bewältigen mussten. Aber in einem zentralen Punkt hat sich ihr Leben vollkommen verändert. Im Mittelpunkt stehen nicht mehr ihre eigenen Lebenspläne, sondern dass Gott in ihrem Miteinander wohnen will.

Dabei kommt es dann zu einer eigentümlichen Erfahrung, die Paulus in der heutigen Lesung aus dem Galaterbrief so formuliert: Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, also die, die zum Volk der Verheißung gehörten, und die Heiden, die nicht dazugehörten, es gibt nicht mehr Sklaven und Freie, den denkbar größten Gegensatz in der Gesellschaft, von denen, die das Sagen haben, und denen, die von den anderen unterdrückt werden. Es gibt nicht einmal mehr den Unterschied von Mann und Frau. Dabei meint Paulus nicht das biologische Geschlecht, sondern eher das, was man heute als „Gender“ bezeichnet, was Diskriminierung zur Folge hat, ein ganz aktuelles Thema. Die Diskriminierung der Geschlechter ist überwunden, sagt Paulus, indem „ihr in Christus alle einer seid“.

Die Kraft der Verwandlung auch heute

Die moderne Gendertheorie geht ja aus von der These, dass anderes – wie die Erziehung in eine Geschlechterrolle sowie kulturell bedingte Sichtweisen auf das biologische Geschlecht – den Menschen mehr bestimmt als das biologische Geschlecht. Über diese Aussage geht Paulus weit hinaus, wenn er sagt: Die Hinwendung zum Christentum bestimmt ab dann den Menschen viel mehr als das biologische Geschlecht und sogar mehr als jede Erziehung zu einer geschlechts- oder standesspezifischen Rolle. So hat es Paulus in seinen Gemeinden erfahren. Für uns ist es eine gewaltige Herausforderung: Ist das bei uns wirklich so, oder ist für uns das Christentum nur noch Verzierung eines Lebens nach den Maßstäben der normalen Gesellschaft mit ihrem Geschlechterkampf? Das ist nicht mit sprachlichen Tricks zu beantworten.

Die ersten Generationen der Christen sahen die ärgsten Gegensätze unter den Menschen in ihren Gemeinden überwunden als Wunder von Ostern und Pfingsten. Das erregt damals wie heute Anstoß und Widerspruch, wenn plötzlich von Haus aus einander wildfremde Menschen sich einig werden, einig denken und handeln, und dies nicht auf Sympathie, Eros, gemeinsamer Blutsbande, einem Nationalgefühl basiert. Wenn es dennoch dieses Eins-Sein gibt, dann ist da offensichtlich noch eine andere Kraft im Spiel, über die wir nicht verfügen können; wir nennen sie Heiliger Geist. Nur dieser Geist Gottes kann Menschen wirklich auf Dauer einen; das zeigt die Erfahrung der Geschichte. Aber da wird auch der Widerspruch geweckt, weil der Mensch alles selbst können möchte, selber sein eigener Herr sein möchte, und hier offenbar die Hand Gottes am Werk ist und einen Frieden, ein gegenseitiges Verstehen schafft, das nicht von dieser Welt ist.

Allein diesem Wunder verdankt sich die Kirche. Es ist ihr bleibender Auftrag, der jetzt auf uns gekommen ist, es zu jeder Zeit neu geschehen zu lassen. Der Preis dafür ist immer noch der gleiche: Es kostet das Leben, aber auch die Verheißung ist die gleiche geblieben: Gerade darin, dass wir uns auf Gott und damit auch aufeinander einlassen, gewinnen wir das Leben.

Aber was sollen wir nun den vom Schicksal Heimgesuchten sagen? Der Trost, den wir ihnen schulden, ist nicht mit einem verharmlosten Wort aus der Bibel zu geben. Was wir ihnen schulden, ist die Wirklichkeit in unserem Leben, die hinter diesem Wort steht, die Wirklichkeit einer Gemeinde, in der sie dann mit ihrem Schicksal mitgetragen werden, eine Hilfe erfahren können, die einer oder zwei gar nicht leisten können, sondern nur eine Gemeinde im Geist Gottes, eine Gemeinde, die auch die Konsequenz des Kreuzes kennt.

Und jetzt feiern wir, dass das keine Utopie mehr ist, sondern dass einer uns vorangegangen ist und den Preis bezahlt hat und uns einlädt, ihm nachzufolgen.

Sacharja 12,10-11.13,1; Galaterbrief 3,26-29; Lukasevangelium 9,18-24;
12. Sonntag im Jahreskreis C
© Dr. Konrad Wierzejewski, Pfarreiengemeinschaft Geltendorf